Jeckes-Museum in Israel »Was wäre dieses Land heute ohne den Beitrag der deutschen Juden?«

Ein einmaliges Museum im Norden Israels erzählt vom Schicksal der »Jeckes« – deutscher Juden, die vor den Nazis flohen. Nun steht es vor dem Aus. Deutschland hilft. Aber nur ein bisschen.
Ausstellungsraum des Museums des deutschsprachigen Judentums in Tefen: Gut eine Million Objekte umfasst das Museumsarchiv heute

Ausstellungsraum des Museums des deutschsprachigen Judentums in Tefen: Gut eine Million Objekte umfasst das Museumsarchiv heute

Foto: Museum des Deutschsprachigen Judentums Tefen

Es ist neun Jahre her, da kam Andreas Meyer mit fünf Giftkapseln ins Museum. Ob sie die nicht ausstellen könne, fragte er die Leiterin Ruthi Ofek. Das einmalige Museum im Norden Israels dokumentiert die Schicksale aus Deutschland eingewanderter Juden, »Jeckes« genannt.

Meyers Vater Otto, Fabrikbesitzer bei Bielefeld, war 1937 mit seiner Frau und den drei Kindern vor den Nazis geflohen. Für den Fall des Scheiterns hatte er für jedes Familienmitglied eine Kapsel mit Zyanid dabei – tödliche Blausäure. Nun, lange nach dem Tod seines Vaters, wusste Andreas Meyer nicht, was er mit den Kapseln machen sollte.

Ruthi Ofek beschreibt den Vorfall als in doppelter Hinsicht typisch: »Er zeigt die große Angst, mit denen die Menschen hierherkamen«, und verdeutliche zudem »eine Unsicherheit« im Umgang mit dem Erbe der Eltern und Großeltern. Obwohl die zweite und dritte Generation der »Jeckes« längst tief im Land verwurzelt ist und die meisten kein Deutsch mehr sprechen, spüren sie, dass diese Nachlässe erhaltenswert sind. Nur: wohin damit? »Bevor ihr es in den Müll werft, gebt es lieber mir«, warb Ofek stets.

Eine wertvolle Totenmaske – im Schuhkarton

Das Jeckes-Museum, das sie mit aufbaute und seit 30 Jahren leitet, rettete wissenschaftlich und materiell wertvolle Artefakte. So brachte ihr eine ältere Dame in einem Schuhkarton die Totenmaske von Else Lasker-Schüler: Die deutsch-jüdische Dichterin war nach der Flucht aus Deutschland verarmt in ihrem verhassten Jerusalemer Exil gestorben. Ein älterer Mann übergab dem Museum einen Pokal des Sportvereins Bar Kochba Berlin von 1938 – Fußball durften Juden damals nur in einer rein jüdischen Liga spielen.

Gut eine Million Objekte umfasst das Museumsarchiv heute. Zahllose Briefe und Notizbücher zeugen von der Flucht und den schwierigen Anfängen in der neuen Heimat, ein spannender Fundus für Historiker, die zu Migration und Kulturtransfer forschen. Zwischen kunstvoll gestalteten Büchern mit alten Rezepten und Lebensweisheiten, Urkunden und Kriegsorden finden sich auch bedeutende Nachlässe: die Originalkompositionen von Felix Mendelssohn Bartholdy etwa oder die Briefe von Gerda Luft, einer Freundin von Hannah Arendt. Andere Objekte sind sehr anschaulich, darunter ein Schrank, der sich auch als Reisekoffer in die Ferne schicken ließ.

Gut zu verschicken: Dieser Kofferschrank gehörte einer jüdischen Familie, die aus dem NS-Staat floh

Gut zu verschicken: Dieser Kofferschrank gehörte einer jüdischen Familie, die aus dem NS-Staat floh

Foto: Museum des Deutschsprachigen Judentums Tefen

Nun aber steht diese besondere Sammlung vor dem Aus. Schon in den kommenden Tagen werde alles in Kartons verpackt und zwischengelagert, sagt Ruthi Ofek, die »jede Ecke des Museums kennt«. Wieder wird das Erbe der deutschen Juden auf Reise gehen – mit ungewissem Ausgang.

Die Lage ist verfahren: Das Museum steht im nordisraelischen Industriepark Tefen. Jahrzehntelang finanzierte es der Industrielle Stef Wertheimer, wie auch einen angrenzenden Skulpturenpark und ein Kunstmuseum. Doch der Mäzen, inzwischen 94 Jahre alt, hat sich aus allen Geschäften zurückgezogen, seine Familie die Förderung eingestellt und die Gebäude verkauft.

Mühselige Suche nach Geld

Die Hoffnung ruht seitdem auf der Universität Haifa, die dem Museum Räume im dortigen Hecht Museum bietet und das Archiv ans Haifa Center for German and European Studies (HCGES) angliedern will. Das ergebe »thematisch viel Sinn«, sagt Stefan Ihrig, HCGES-Leiter und Kopf der Initiative zur Rettung des Museums. Doch die Zeit dränge, bis Ende März müsse die langfristige Finanzierung stehen.

Es geht um vergleichsweise wenig Geld: 500.000 Euro konnte die Initiative durch private Spenden in Israel sammeln. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat jährlich 50.000 Euro für eine Stelle im Archiv zugesagt; das Auswärtige Amt will einmalig 200.000 Euro für den Umzug bereitstellen. Auf zehn Jahre gerechnet fehlen noch 3,2 Millionen Euro.

Für einen deutschen Wissenschaftler fühle sich die schwierige Finanzierung »etwas beschämend« an und sei »für die israelischen Kollegen schwer nachvollziehbar«, sagt Ihrig. Es gehe um einen zentralen Aspekt der deutsch-jüdischen Geschichte, und das in dem Jahr, in dem Deutschland aufwendig 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland  feiert. Wie passt das zusammen?

Das Auswärtige Amt und Außenminister Heiko Maas sähen »das Jeckes-Museum als eine wichtige kulturelle Brücke zwischen Deutschland und Israel«, heißt es auf SPIEGEL-Anfrage. Die Mittel für den Umzug seien aber schon das »mit Abstand größte Projekt« des Auswärtigen Amtes »mit Bezug zum Jubiläumsjahr ›1700 Jahre jüdisches Leben‹«. Auf mehr will man sich nicht festlegen – und spielt den Ball zurück: Die Anschubfinanzierung biete der Uni Haifa doch »die Möglichkeit für weiteres Fundraising«.

Europäische Atmosphäre: Zum Jeckes-Museum gehörte auch der Nachbau einer typischen Wohnung der Deutschjuden

Europäische Atmosphäre: Zum Jeckes-Museum gehörte auch der Nachbau einer typischen Wohnung der Deutschjuden

Foto: Museum des Deutschsprachigen Judentums Tefen

Ähnlich ausweichend antwortet der DAAD: Man hoffe auf die Rettung, beteilige sich aber bereits »im Rahmen seiner Zuständigkeit und Möglichkeiten« und unterstütze das Museumsarchiv, das »ein wirklicher Schatz« sei. Der Betrieb eines Museums gehöre jedoch nicht zum DAAD-Kernbereich, dem akademischen Austausch.

Deutsch-jüdische Pioniere in Palästina

Der israelische Historiker Gideon Greif hat ein Buch über die Lebenserinnerungen der Jeckes veröffentlicht und nennt die deutsche Haltung »kleinlich«. Das Erbe der deutschen Juden in Israel sei wenig bekannt – aber ziemlich wichtig.

»Da kamen Akademiker, Ärzte, Rechtsanwälte in ein damals noch primitives Land. Sie mussten plötzlich bei großer Hitze Felder bestellen«, sagt Greif. »Das war für sie extrem. Trotzdem waren die Jeckes bereit, schwer zu arbeiten, und haben Israel stark verändert. Was wäre dieses Land heute ohne den Beitrag der deutschen Juden? Es wäre nicht so weit, wie es ist: kulturell, westlich, extramodern.«

Historiker Gideon Greif mit seiner Mutter Beatrice, die 2020 im Alter von 94 verstarb. Sie war 1939 als Kind mit ihren Eltern nach Palästina geflohen

Historiker Gideon Greif mit seiner Mutter Beatrice, die 2020 im Alter von 94 verstarb. Sie war 1939 als Kind mit ihren Eltern nach Palästina geflohen

Foto: privat

Greif, dessen Großeltern 1939 als Ärzte nach Palästina kamen, sieht überall Spuren. So war 1936 der erste Dirigent des Philharmonie-Orchesters in Tel Aviv ein Deutscher. Oder Teva, einer der weltweit größten Hersteller von Arzneimitteln: gegründet 1935 vom deutschen Pharmazeuten Günther Friedländer und seiner Tante Else Kober. »Jeder Bereich in Israel hat heute einen jeckischen Touch«, sagt Greif.

»Deutsch darfst du nur leise reden«

Anfangs hatten es die Flüchtlinge aus Deutschland sehr schwer. Sie waren vor den Nazis geflohen, sprachen aber die Sprache der Täter. »Lange hieß es: ›Deutsch darfst du nur leise reden‹«, erinnert sich Ruthi Ofek an ihre Kindheit als Tochter von Eltern aus Österreich. Vorbehalte gab es auch, weil die Jeckes zumeist aus Not statt aus Überzeugung nach Palästina zogen. Ein Witz ging damals so: »Kommst du aus Zionismus oder aus Deutschland?«

Schon der Begriff Jecke klang wenig freundlich, es war eher ein Schimpfwort. Die Herkunft ist nicht eindeutig belegt: Jecke soll entweder für die Jacke stehen, die überkorrekte Deutsche selbst bei großer Hitze nicht ablegten. Oder sich von »jehudi kasche hawana« ableiten – ein Jude, der schwer von Begriff ist.

Etwa 60.000 bis 70.000 Jeckes kamen zwischen 1933 und 1939 in der fünften Einwanderungswelle nach Palästina. Und konservierten ihre Liebe zur alten Heimat, obwohl viele in Deutschland Freunde und Verwandte verloren hatten. »Sie blieben oft deutscher als deutsch«, sagt Greif, »pünktlich, anständig, kultiviert.« Sie zitierten Goethe und Rilke, weil sie weiter mit der deutschen Kultur verbunden bleiben wollten, und lehnten das Hebräische oft innerlich ab. Die nachfolgende Generation empfand sich als besonders patriotisch und leitete aus den Biografien der Eltern ab, wie wichtig eine sichere Heimat war.

Einer der Jeckes-Pioniere war der Berliner Pädagoge Hans-Herbert Hammerstein. 1971 kam er als 70-Jähriger auf die Idee, ein »Museum Deutsches Judentum« zu gründen, wollte es aber bis zu seinem Tod 1996 nie »Jeckes-Museum« nennen – zu negativ erschien ihm noch der Begriff.

Im Alltag heute müsse niemand mehr nur leise Deutsch reden, sagt Ruthi Ofek. Viele Museumsbesucher hätten die altmodische, aber »gemütliche europäische Atmosphäre« genossen – die gehäkelten Tischdecken und dunklen Holzmöbel, ausgestellt in einer rekonstruierten Wohnung. Im Museum feierten auch viele hochbetagte Jeckes ihren Geburtstag.

Die fünf Zyanid-Kapseln der Familie Meyer fanden hier allerdings keinen Platz. Ruthi Ofek lehnte damals ab und vermittelte zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem , wo sie heute zu sehen sind.

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