Flüchtling in Jordanien "Mit Saddam Hussein war alles besser!"

Vorm Elend ins Elend geflohen: Der Iraker Ismail lebt hinter Stacheldraht als Flüchtling in Jordanien. Ein fanatischer Saddam-Anhänger war er nicht. Trotzdem wünscht er sich den Diktator zurück.
Von Simon Perger
Saddams Sturz: Am 9. April 2003 stürzten irakische Zivilisten und amerikanische Soldaten die Statue Saddam Husseins in Bagdad. Seine Diktatur war damit beendet, vielen Menschen im Irak geht es seitdem trotzdem nicht besser.

Saddams Sturz: Am 9. April 2003 stürzten irakische Zivilisten und amerikanische Soldaten die Statue Saddam Husseins in Bagdad. Seine Diktatur war damit beendet, vielen Menschen im Irak geht es seitdem trotzdem nicht besser.

Foto: JEROME DELAY/ AP

Amman. Das Tor, mannshoch und mit Stacheldraht durchflochten, ist geschlossen. Lärm dringt aus dem Lager. 30 Autominuten von Amman entfernt befindet sich eine andere Welt. Seit Jahrzehnten kommen Flüchtlinge aus der ganzen Region nach Jordanien. Schon jetzt übersteigt die Anzahl der Asylanten die der gebürtigen Jordanier. Beinahe eine Million Vertriebener lebt seit nunmehr drei Generationen zusammengepfercht in Lagern. Ismail ist jetzt einer von ihnen. Er kommt aus dem Irak.

Ismail ist ein schmächtiger Fluglotse mit zerfurchtem Gesicht. Nervös zieht er an seiner Zigarette, als er seine Geschichte erzählt. Kapitel für Kapitel. 40 Jahre lang hat er die Flotte Saddam Husseins sicher auf die Landebahnen des Landes gelotst. Ismail ist 71, ein schlaksig wirkender Mann mit wachen, aber traurigen Augen, die schon zu viel Elend gesehen haben. Geboren in Bagdad, verheiratet mit Rasia, die noch immer im Irak festsitzt. Das Geld reichte nicht für beide. 6000 Dollar hat die Busfahrt durch die Wüste gekostet. Ismails Rente betrug 170 Dollar monatlich. Seit dem Sturz Saddams stoppten die Zahlungen.

Nicht schutzbedürftig genug

Jeden Morgen marschiert er in der Morgensonne zum Büro der Vereinten Nationen. Zeigt Papiere vor. Schreibt Anträge. Diskutiert, bettelt. Manchmal weint er. Ismail war ein treuer Anhänger des Saddam-Regimes. Er ist Muslim. Er ist kein Kurde. Die Schlange derer, die noch dringender Schutz bedürfen als er, ist lang.

In der krisengeschüttelten Region ist ein Ende des Flüchtlingsstroms nicht in Sicht. Libanesen, die vor israelischen Bomben flohen, christliche Syrer, für die es

im eigenen Land keinen Platz zu geben scheint, Palästinenser ohne Papiere, für immer zu einem Leben zwischen den Fronten verdammt. Und Iraker. Schiiten aus Bagdad, Sunniten, Anhänger der Baath-Partei, Alte und Junge, Männer, Frauen und Kinder, die das tägliche Elend, die Gewalt nicht länger ertragen konnten.

Als er am Telefon erfuhr, dass auch sein zweiter Sohn erschossen wurde, war er schon seit drei Monaten in Amman. Bedächtig sucht er nach Worten. Sein Erstgeborener fragte ihn, ob er mit zum Flughafen komme. Dort gebe es Arbeit. Ismail winkte ab. Vergeblich versuchte er, seinen Sohn von seinem Vorhaben abzubringen. Er sollte ihn nie wieder sehen. Die dunklen Augen des alten Mannes starren ins Leere als er beschreibt, wie er zwei Tage später die Leiche seines Sohnes fand. Am Wegesrand, weggeworfen wie Müll. Weit war er nicht gekommen, nur wenige Kilometer vom Haus entfernt fand der 26-Jährige den Tod. Die magere Beute seiner Mörder: ein alter Ford Sierra, Baujahr '88.

Kein Weg zurück

Ismails Blick wandert über die Dächer Ammans, bleibt am Minarett der Hussein- Moschee hängen, ehe er fortfährt. Ob es dem Irak unter Saddam Hussein besser ging? Ein bekräftigendes Nicken begleitet seine Antwort. "Ja, auf jeden Fall. Viel besser. Alles lief in geordneten Bahnen, alles funktionierte." Was muss mit einem Menschen geschehen, dass er einen Diktator zurückwünscht, der Kritiker mit Elektroschocks gegeißelt und ganze Dörfer mit Giftgas ausgelöscht hat?

Ismail ist kein Fanatiker, er war kein Parteimitglied. Beim Frühstück las er am liebsten den Sportteil, während er seinen Kaffee trank. Ismail ist ein bescheidener Mann, der gewissenhaft seine Arbeit erledigte und keine Fragen stellte. Es reichte ihm, dass seine drei Söhne zur Schule gingen, er Zeit mit Rasia hatte und ab und an seinen alten Vater im Krankenhaus besuchen konnte.

Vier Jahre, nachdem George W. Bush, martialisch verkleidet, auf dem Flugzeugträger "George Washington" das Ende der Kriegshandlungen verkündete, gehen Ismails Söhne nicht mehr zur Schule. Zwei sind tot, der dritte muss für den Lebensunterhalt sorgen. Ismails Frau ist hunderte Kilometer von ihm entfernt. Sein Vater starb an einem Herzinfarkt, als die Panzer näher rückten.

Täglich explodieren Bomben im Irak, die Weltöffentlichkeit hat sich längst daran gewöhnt. Den Zeitungen ist ein neuerlicher Anschlag kaum mehr eine Zeile wert. Plötzlich erscheint es nicht mehr ganz so abwegig, sich Saddam zurückzuwünschen.

Auf die Frage, ob er je in den Irak zurückkehren möchte, antwortet Ismail mit fester Stimme: "Nein, niemals!"

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