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Abschied von Tegel

Foto: Stefan Zeitz / imago images

Berliner Flughafen Tegel Ein Frosch als Business-Passagier

So kurze Wege gibt's künftig nicht mehr: Nach 46 Jahren gehen im sechseckigen Flughafenterminal von Berlin am 8. November die Lichter aus. Zeit für eine Erinnerung an die absurdesten Momente.

"Jetzt machen Sie was!" Der wütende Mann schleuderte seine Aktentasche quer durch das Terminal. Das Flugzeug, das ihn zum nächsten Geschäftstermin bringen sollte, rollte da schon in Richtung Startbahn.

"Ihren Namen!", brüllte er die Supervisorin an, die nichts für sein Zuspätkommen konnte. Aber das interessierte den Firmenchef überhaupt nicht. Völlig außer sich riss er ihr das Namensschild von der Uniformjacke.

"Allerletzter Aufruf Tegel!", so heißt das Buch, in dem die Schwestern Evelyn und Julia Csabai skurrile Anekdoten aus dem Alltag am Berliner Flughafen gesammelt haben. 25 Jahre lang führten sie dort Fluggastbefragungen durch, bis diese irgendwann eingestellt wurden. Am 8. November dieses Jahres werden nach 46 Jahren nun endgültig alle Rollläden in diesem Airport heruntergelassen. Der Flughafen Tegel schließt.

Viele Passagiere kamen hier immer auf den letzten Drücker – denn Tegel war ein Flughafen der ganz kurzen Wege, entworfen von den Hamburger Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg. Es war ihr erstes großes Projekt.

Nur fünf Jahre Bauzeit

Ende Oktober 1974 fand nach fünf Jahren Bauzeit die Einweihung statt, am 1. November landete die erste Maschine von Teneriffa. Im sechseckigen Hauptterminal erreichte man vom Check-in-Schalter in null Komma nichts den Flieger. Taxis und andere Fahrzeuge konnten direkt vor den Abfluggates halten. Von dort aus waren es nur noch knapp 15 Meter bis zum Einstieg.

Eine der Csabai-Schwestern traf einmal eine aufgebrachte malaysische Uno-Vertreterin, die an längere Wege gewöhnt war und sich einfach nicht zurechtfand. Auch die CDU-Politikerin Hanna-Renate Laurien, in den Neunzigern Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses, lief oft mehrmals im Kreis, bevor sie ans Ziel kam.

Abflugs- und Ankunftsgates befanden sich in Tegel in unmittelbarer Nachbarschaft. Rund um das Terminal A konnten anfangs schon 14 Maschinen andocken, das gab es sonst nirgendwo auf der Welt.

Als hätten die Architekten geahnt, dass später einmal über 20 Millionen Passagiere in Tegel abgefertigt würden, planten sie noch ein zweites Sechseck. Gebaut wurde es allerdings nie.

430 Millionen D-Mark hatte der Airport gekostet, eine überschaubare Summe im Vergleich zum Hauptstadtflughafen BER. Aber es war auch eine andere Zeit.

Luftschiffe und Raketen

Vor dem Ersten Weltkrieg waren an der Stelle bereits Luftschiffe vom Typ Parseval und Groß-Basenach getestet worden. Später entstand dort ein Raketenschießplatz, an dem auch der Ingenieur Wernher von Braun forschte und Versuche durchführte. 1948 begann ein neues Kapitel.

Als die Sowjets während der Berlin-Blockade alle Landwege in den Westteil der Stadt sperrten, errichteten die Alliierten auf dem zerbombten Gelände im französischen Sektor in nur 90 Tagen einen Flugplatz. Auch Tausende weibliche Arbeitskräfte packten mit an. Wie am Flughafen Tempelhof landeten in Tegel bis 1949 die legendären Rosinenbomber, um die Not leidende Bevölkerung über die Luftbrücke mit lebenswichtigen Gütern zu versorgen. Die Landebahn war mit 2428 Metern damals die längste in Europa.

Der ehemalige SPD-Bezirksstadtrat und Abgeordnete Manfred Omankowsky, 2019 verstorben, leitete damals mit nur 21 Jahren die Pressestelle im Bezirk Reinickendorf. "Der Flughafen wurde auf einer Wiese gebaut", erinnerte er sich in einem Gespräch mit SPIEGEL Geschichte. "Mit der allerersten Maschine kamen zwei Generäle der amerikanischen Luftwaffe an. Man wollte den Berlinern damals Mut machen und signalisieren 'Wir schaffen das schon!'."

In den Sechzigerjahren nahm der zivile Flugbetrieb unter der Kontrolle der Alliierten langsam Fahrt auf. Neben der Air France durften bald auch die British Airways und die amerikanische Pan Am den kleinen Airport ansteuern.

Turbulenzen bei geringer Flughöhe

Während es in Tempelhof schon geschäftiger zuging, blieb der Alltag in Tegel zunächst beschaulich. Anfangs landete nur einmal am Tag eine Caravelle aus Paris, viermal pro Woche startete eine Boeing 707 in Richtung New York. 1968 zogen dann aber alle Chartergesellschaften vom überlasteten Flughafen Tempelhof nach Tegel.

Die Flughäfen Hamburg, Frankfurt und München waren von West-Berlin aus nur über drei genau festgelegte Luftkorridore erreichbar, die über DDR-Staatsgebiet führten. Da die Flughöhe strikt auf 3500 Meter begrenzt war, wurden die Passagiere bei Turbulenzen ordentlich durchgeschüttelt.

Zweimal pro Woche ging zu DDR-Zeiten sogar ein Flug von Tegel über Moskau nach Ulan Bator. Die Passagiere kamen aus vielen verschiedenen Ländern, denn dies war die einzige direkte Verbindung zwischen Westeuropa und der Mongolei. Oft gab es Probleme mit abgelaufenen Visa. Neben Zigaretten und reichlich Wodka wurde auch Stutenmilch geschmuggelt.

Mauerfall-Szenen: "Das war wie ein Irrenhaus!"

Den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 verfolgten Passagiere und Flughafenpersonal vor einigen wenigen Fernsehbildschirmen in den Restaurants. "Irgendwann hatte es eine Ansage gegeben, und da lagen sich die Leute ungläubig in den Armen", erinnert sich eine Mitarbeiterin der Security. "Das war wie ein Lauffeuer, auch die Fluggäste rannten zum Fernseher oder versuchten, schnell nach Hause zu kommen. Das war wie ein Irrenhaus, voller Emotionen!"

Nach dem Mauerfall durfte endlich auch die Lufthansa in Tegel starten und landen. Als der Viermächtestatus Berlins aufgehoben wurde, übernahm sie die bisherigen Flugrechte der Pan Am. Ein Mitarbeiter erinnert sich in "Allerletzter Aufruf Tegel!" an die Stimmung jener Zeit: "Es war, als ob die ganze DDR zu einer kollektiven Reise aufgebrochen wäre."

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Viele Ostdeutsche strömten herbei, um sich über Reiseangebote zu informieren oder auf der Besucherterrasse den Flugbetrieb zu beobachten. "Sie waren wirklich glücklich, endlich Fragen über eine Reise stellen zu können, ohne deshalb verdächtig zu erscheinen", erzählt Robin, der bis 2017 am Lufthansa-Ticketschalter arbeitete.

Kranich-Knöpfe abgeschnitten

Der Wermutstropfen: Nicht alle Pan-Am-Mitarbeiter wurden von der Lufthansa übernommen. Denjenigen, die künftig bei dem Ground-Handling-Unternehmen B.L.A.S. angestellt waren, wurden demonstrativ die Uniformknöpfe mit dem prägnanten Kranich-Symbol abgeschnitten.

Kurz darauf liefen die Planungen für den künftigen Großflughafen Berlin-Brandenburg an. 2006 erfolgte der erste Spatenstich in der Nähe des ehemaligen DDR-Flughafens Schönefeld. Tegel sollte nicht mehr erweitert werden, hatte aber noch eine lange Betriebszeit vor sich.

Bald wurde es an dem Flughafen eng, weitere Terminals wurden an das Sechseck angebaut. Air Berlin, in den Siebzigerjahren in den USA gegründet, begann nach der Übernahme durch den Unternehmer Joachim Hunold im Winter 1991 mit dem Flugbetrieb. Von ihrer Basis Tegel aus stieg Air Berlin zur zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft auf, bevor sie 2017 in die Insolvenz schlitterte.

Viele Politiker und Prominente kamen im Laufe der Jahre in Tegel an. Planespotter filmten etwa die Concorde, mit der Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand am 8. Mai 1995 zu den Feiern anlässlich des 50. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs einschwebte. Im Jahr 2000 traf US-Präsident Bill Clinton an Bord der Air Force One zu seinem letzten offiziellen Besuch ein.

Joops Dalmatiner und Schokoladen-Penisse

Aus ihren 25 Jahren am Flughafen können Julia und Evelyn Csabai auch allerhand Kurioses berichten. Die Dalmatiner-Hunde von Modeschöpfer Wolfgang Joop beispielsweise durften immer in der Kabine mitreisen. Eine nicht näher bekannte Frau flog dreimal im Jahr mit ihren Papageien nach Rio de Janeiro.

Ein Afrikaner fiel auf, weil er nur linke Schuhe im Gepäck hatte. Übergewichtige Sumoringer, die mit ihren Geishas nach Tokio zurückwollten, passten bei der Sicherheitskontrolle nicht durch die Torsonden.

Nicht selten blieben auf dem Flughafen beträchtliche Summen Bargeld liegen, die manchmal nicht abgeholt wurden. Der wohl ungewöhnlichste Fund war ein Holzbein, das sein Besitzer allerdings bald vermisste. Einmal wurde sogar ein Baby im Flugzeug vergessen.

Die Kontrolleure staunten außerdem über eine Tasche voller Penisse aus Schokolade und einen Vibrator für Elefantenkühe. Zu den grausigsten Funden gehörte der Schädel eines Affen, der in seiner afrikanischen Heimat bei lebendigem Leib geröstet worden war.

Einmal wurde sogar ein großer grüner Spielzeugfrosch als Business-Passagier für einen Rückflug nach Hamburg eingecheckt. Ein bekannter Mediziner hatte ihn als sein Alter Ego luxuriös nach Berlin reisen lassen. Vom Ku'damm aus brachte ihn ein Taxi im Nu nach Tegel.

Wer künftig auf dem Luftweg kommt, muss längere Wege einplanen.

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