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So erleben Menschen die Coronakrise

Foto: Peter Schulz/ CC BY-SA

Historiker-Projekt "Coronarchiv" Wie wollen wir uns an die Coronakrise erinnern?

Leere Innenstädte, Einkaufswagen voll Klopapier, Spaziergang mit Mundschutz: Covid-19 hat den Alltag umgekrempelt. Wie genau, das will eine Forschergruppe von uns allen wissen - für die Geschichtsbücher von morgen.

Eine Hamburger U-Bahn zur Hauptverkehrszeit, kein Mensch sitzt drin. An einen Zaun in Leipzig haben Spender Tüten mit Lebensmitteln und Hygieneprodukten für Hilfsbedürftige gehängt. Ein gläubiges Paar in Oldenburg sitzt mit einer Tasse Tee vor dem Laptop beim Online-Gottesdienst. Eine Studentin aus Freiberg, die am ersten Tag der Ausgangsbeschränkungen mit ihrem Freund zusammenkam und ihm nun nur aus der Ferne nah sein kann.

Szenen aus Deutschland in der Coronakrise, persönliche Eindrücke aus dem Leben einzelner Menschen. Bald werden sie Erinnerungen sein an eine Pandemie, die bestimmt in die Geschichtsbücher eingehen wird. Möglichst viele solcher Impressionen zu sammeln, macht sich das digitale "Coronarchiv"  zur Aufgabe. Es hat erst vergangenen Donnerstag seine Arbeit aufgenommen - und weist schon jetzt mehr als 360 virtuelle Exponate auf.

Mit-Initiator Thorsten Logge freut das große Echo: "Toll, wir hatten nicht gedacht, dass das so durch die Decke gehen würde!", sagt der Juniorprofessor für Public History an der Universität Hamburg. "Wir" - das ist ein "kleines Team von Idealisten mit zu wenig Zeit und zu wenig Schlaf". Den Kern bilden neben ihm Nils Steffen, ebenfalls von der Universität Hamburg, Prof. Christian Bunnenberg aus Bochum und Benjamin Roers von der Universität Gießen. Das Grüppchen diskutierte vor einigen Wochen spontan auf Twitter, wie man als Historiker mit der Coronakrise umgehen solle. Schnell, so Logge, habe sich eine Frage herauskristallisiert: "Woher kriegen wir die ganzen Quellen für die spätere Geschichtsschreibung?"

Zwar gibt es in den Medien derzeit kaum ein anderes Thema als die Covid-19-Pandemie, täglich äußern sich Politiker und Virologen zu ihrer Sicht auf die Situation. Doch Logge und seine Kollegen interessiert vor allem, wie jede und jeder Einzelne von uns die aktuelle Ausnahmesituation erlebt, wie sich der Alltag verändert, welche Erfahrungen im Gedächtnis bleiben. Diese wollen sie archivieren.

Momentaufnahmen gesucht

Sie sammeln Exponate verschiedenster Art - zum Beispiel Fotos von einem abgesperrten Spielplatz, von einem "Verweilverbot"-Schild an einer Parkbank oder von einem Aufruf im Treppenhaus an die Bewohner, sich um 15 Uhr auf den Balkonen zum Plausch zu treffen. Genauso kann es aber auch eine Tonaufnahme sein vom Feuerwehr-Aufruf, zu Hause zu bleiben, oder ein Video von Musikern, die am Fenster zusammen spielen. Und natürlich Texte wie die Aufzeichnungen einer Kreuzfahrtreisenden, die in Mexiko nicht an Land durfte, oder Berichte von Deutschen mit asiatischen Wurzeln über plötzliche Anfeindungen auf der Straße.

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So erleben Menschen die Coronakrise

Foto: Peter Schulz/ CC BY-SA

"Wir wollen die Leute einladen, möglichst viel zu geben von dem, was sie individuell erleben, wo auch immer sie sind", erklärt Logge das bewusst offen angelegte Projekt. Einreichen könne man alles, was digital übermittelt werden kann, ohne vorgegebene Themenkategorien: "So können wir die vielen Perspektiven auf diese Krise besser dokumentieren." Auch Kinder sind über einen Wettbewerb der Körber-Stiftung  aufgerufen, Beiträge im Coronarchiv einzureichen.

Und so simpel geht es: Die Text-, Bild-, Audio- oder Videodateien können Interessierte auf www.coronarchiv.de  hochladen. Dazu notieren sie eine Kurzbeschreibung, den Entstehungszeitpunkt und -ort, dazu einen E-Mail-Kontakt. Der dient allein für Rückfragen der Forscher und wird nicht veröffentlicht, ebenso wenig wie der Name des Einreichers.

Genau diese Anonymität sei auch der Vorteil des Coronarchivs gegenüber den sozialen Netzwerken, sagt Logge: "Solche Momentaufnahmen kursieren natürlich auch auf Facebook, TikTok oder Instagram. Aber dort hat man eben auch immer das Bild im Hinterkopf, das man mit seinen Posts in der Peergroup abgibt. In unserem Archiv stelle ich - wenn ich möchte auch anonym - meine Inhalte ein und kann offen erzählen, was mich bewegt, was mir Angst macht oder mich glücklich stimmt, ohne dass jemand darüber urteilt."

Denn die Sammlung dient zunächst nur diesem einen Zweck: der Sammlung. "Als HistorikerInnen können wir immer nur in der Gegenwart über die Vergangenheit reden", so Logge. "Wir wollen möglichst ohne Deutungsabsichten Stimmen einsammeln, die für die Geschichtsschreibung erst viel später auswertbar werden. Auch wenn das beim Sammeln manchmal anstrengend ist." Klopapierregalfotos, so Logge, hätten sie jedenfalls ausreichend bekommen.

Und wenn er persönlich einen Wunsch frei hätte - als was könnte die Krise in die Geschichte eingehen? Als eine Erinnerung an den Wert von Mitgefühl, sagt Thorsten Logge: "Denn eine Bedrohung von dem Ausmaß, das wir in Deutschland jetzt erleben, herrscht in anderen Teilen der Welt jeden Tag. Das ist uns völlig egal. Jetzt merken wir, was uns nicht egal ist: wenn die Dinge nahekommen. Hoffentlich haben wir nach dieser Krise gelernt, mit dem Ernst, mit dem wir hier durchgreifen, auch an anderen Orten zu helfen."