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Kreuzberg in den Siebzigern: Das Wir-Gefühl

Foto: Siebrand Rehberg

Berlin in den Siebzigern Kreuzberger Lieblinge

Freaks, Zuwanderer, Hausbesetzer - eine große Gemeinschaft nahe der Mauer: 1974 fotografierte Siebrand Rehberg Berlin in Aufbruchstimmung. Die Bilder erzählen die Geschichte eines ganz besonderen Wir-Gefühls.

Aus Stade, einer ruhigen Beamtenstadt in der Nähe von Hamburg, kam ich 1969 als Buchdrucker nach West-Berlin, um Kunst zu studieren. Es war die Zeit der Studentenproteste gegen den Vietnamkrieg und den Schah von Persien.

Ich kaufte mir eine Kamera, um alles Neue festzuhalten. In verfallenen Hinterhöfen traf ich spielende Kinder, die auf Autowracks kletterten. Sie sahen die Welt viel unvoreingenommener als die meisten Erwachsen. Um ihr Vertrauen zu gewinnen, gab ich ihnen manchmal meine Kamera in die Hand. Auf einem Bild knie ich auf dem Boden, während ein Kind das Objektiv auf mich richtet. Seine Freunde stehen um uns herum und schauen interessiert zu. Viele von ihnen gehören zu der ersten Generation von Türken, die hier in Deutschland aufgewachsen sind. Das ist mittlerweile schon Geschichte.

Im Hinterzimmer eines Hauses gegenüber vom Kreuzberger Wasserfall, wo der Verein deutscher Amateurfotografen VDAV seinen Sitz hatte, lernte ich 1971 meinen langjährigen Mentor Michael Schmidt kennen, später einer der bekanntesten Fotografen in Deutschland. Sein Bildband "Berlin-Kreuzberg" hat mich stark beeinflusst. Auch die Aufnahmen von Fritz Eschen, Friedrich Seidenstücker und Max Missmann, sowie die "Life"-Fotografie und die "Camera"-Hefte von Allan Porter waren Vorbilder für meine Arbeiten. Davon inspiriert entwickelte ich meinen eigenen Stil. Nach meiner Fotografen-Ausbildung am Lette Verein war ich unter anderem für den SPIEGEL, die "Zeit" und außerdem als wissenschaftlicher Fotograf an der TU Berlin tätig.

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Kreuzberg in den Siebzigern: Das Wir-Gefühl

Foto: Siebrand Rehberg

Mit meinen Aufnahmen aus dem Berlin der Siebzigerjahre will ich ein Stück Zeitgeschichte dokumentieren. Wir Kreuzberger spürten damals ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Das erkennt man beispielsweise auf den Aufnahmen vom ersten Fest zum 1. Mai 1972. Auf dem Mariannenplatz trat damals die Polit-Rockband Ton Steine Scherben mit ihrem Bandleader Rio Reiser auf. Die Veranstaltung wurde eine Art Blaupause für weitere alternative Feste in Berlin und Westdeutschland.

Die Hausbesetzerszene habe ich ebenfalls aus der Nähe erlebt. So fotografierte ich zum Beispiel die erste Jugendgruppe im Georg-von-Rauch-Haus. Im Dezember 1971 war ein Teil des ehemaligen Krankenhauses Bethanien am Mariannenplatz besetzt worden, nachdem der linke Aktivist Georg von Rauch von Polizisten erschossen worden war. Danach folgten Hunderte Hausbesetzungen in Berlin. Ich habe auf meinen Bildern die legale Nutzung des nach Rauch benannten Gebäudes als Jugendwohnprojekt dokumentiert.

Nackter Freak im Landwehrkanal

Mir war es immer wichtig, Menschen in ihrem Lebensumfeld zu zeigen. Auf dem Engelbecken-Hof, dem späteren Kinderbauernhof, wohnte ein typischer Freak aus Kreuzberg. Auf einem Foto ist er mit einem Baby auf dem Arm zu sehen. Ich hatte ihn früher dabei beobachtet, wie er laut in eine Trompete trötend durch die Straßen zog und Leute in Gespräche verwickelte. Er war so verrückt, dass er einmal nackt in den Landwehrkanal sprang und erzählte, das Wasser sei ja gar nicht dreckig. Den surrealistischen Maler Friedrich Schröder Sonnenstern traf ich beim Einkaufen am Kottbusser Tor oder in der Künstlerkneipe Die Kleine Weltlaterne in der Kohlfurter Straße.

Mit meiner Kamera war ich damals an vielen Orten in der Stadt unterwegs. Auch am Ku'damm und an der Tauentzienstraße, die als "Tor zum goldenen Westen" galten. Dort begegnete man aber auch ganz einfachen Leute, wie dem Mann, den ich neben dem "Space Ship", einer Attraktion für Kinder vor einem Kaufhaus, fotografierte. Seit wir 1972 Mehrfachvisa beantragen konnten, bin ich auch häufiger über die Grenze in die DDR gefahren. Rein äußerlich haben sich Kreuzberg und Ost-Berlin meiner Ansicht nach gar nicht so sehr voneinander unterschieden. Alte, baufällige Gebäude standen neben neuer Architektur, dies- und jenseits der Grenze war vieles im Umbruch.

"Rotes Woodstock" in Ost-Berlin

1973 habe ich eine Fotoserie von den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Ost-Berlin gemacht. Später hat man die Veranstaltung als "Rotes Woodstock" bezeichnet, in Anlehnung an das Musikfestival der "Blumenkinder" in den USA. Die jungen Leute, die sich auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin versammelten, hatten ebenfalls großes Interesse an Rock und Popmusik. Das waren bereits Signale eines Aufbruchs, die die SED offensichtlich gar nicht bemerkte.

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Die Berliner Mauer, die ich von meiner Kreuzberger Wohnung aus in etwa zehn Minuten zu Fuß erreichen konnte, habe ich persönlich nie als bedrückend oder einengend empfunden. Auf einer meiner Aufnahmen sieht man zwei DDR-Grenzer, die rittlings auf der Mauer sitzen, um sie zu reparieren. Unten stehen zwei West-Berliner Polizisten, die sie mit dem Maschinengewehr im Anschlag überwachen. Besucher aus Westdeutschland haben solche Szenen damals wahrscheinlich als ungewöhnlicher empfunden als wir, die direkt in der Nachbarschaft wohnten.

Wenn ich heute, 40 Jahre später, Berlin fotografiere, stelle ich immer wieder fest, wie viel sich in der Stadt verändert hat. Auch die Politiker stellen sich in der Öffentlichkeit anders dar als früher. In Schöneberg fotografierte ich 1972 während einer Wahlveranstaltung den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt mit einer Zigarette im Mund. Und sein politischer Gegner Franz Josef Strauß prostete mir in der Hasenheide mit einem Bier zu. Das war nicht von Werbestrategen geplant, man begegnete sich auf einer menschlichen Ebene.

Aufgezeichnet von Corina Kolbe
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