Verlorene Orte Aufgenommen in Ruinen

Der Kindergarten verschwunden, die Schule verfallen, das Schwimmbad verwaist. 2004 kehrte die Fotografin Sarah Schönfeld zu den Orten ihrer Kindheit zurück. Erschrocken und fasziniert begann sie, den Niedergang in berührenden Bildern zu dokumentieren - um Abschied zu nehmen.

Sarah Schönfeld

Ein Interview von Ariane Stürmer


Zur Person
    Als die Mauer fiel, war Sarah Schönfeld zehn Jahre alt. Die Fotografin wuchs in Lichtenberg, im Osten Berlins auf. Fünfzehn Jahre später besuchte die Künstlerin die Orte ihrer Kindheit erneut, diesmal mit der Kamera - und fand verlassene Orte und Ruinen. Daraus entstand die Fotoserie "Wende Gelände", eine beeindruckende Dokumentation von Verfall und Verlust.

einestages: Wann haben Sie realisiert, dass Sie in Berlin-Lichtenberg viele Orte Ihrer Kindheit verlieren würden?

Schönfeld: Mein Kindergarten war auf einmal gänzlich verschwunden. Er musste dem Parkplatz eines Supermarkts weichen. Das habe ich gesehen, und das hat mich berührt.

einestages: Warum?

Schönfeld: Ich habe dort einen Großteil meiner Zeit verbracht, weil meine Mutter alleinerziehend war. Und um die Ecke war die Zentrale der Staatssicherheit. Das hat mich als Kind natürlich interessiert: Was ist die Stasi? Ich wusste, dass unsere Familie unter Beobachtung stand, unter anderen, weil mein Großvater Pastor einer Freikirche war. Die Stasi war der allmächtige Blick, und ihr Zentrum lag ausgerechnet in der Nähe meines Kindergartens.

einestages: Der Kindergarten wurde also zum Auslöser für Ihre Fotoserie?

Schönfeld: Ich hatte ein paar alte Aufnahmen von mir in dem Kindergarten, die ich gerne mag. Zum Beispiel ein Foto, auf dem ich als Notenschlüssel verkleidet bin. Nach der Wende bin ich immer wieder zum Kindergarten gefahren, um zu sehen, in welchem Zustand er inzwischen ist. Im Laufe der Jahre habe ich zufällig gesehen, wie auch andere Orte verfallen. Irgendwann habe ich die Kamera mitgenommen. Daraus hat sich dann diese Serie ergeben.

einestages: Wie viele Orte sehen überhaupt noch so aus, wie Sie sie als Kind kannten?

Schönfeld: Eigentlich kein einziger. Sie sind entweder verfallen, saniert oder abgerissen.

einestages: Bedrückt Sie das Verschwinden?

Schönfeld: Ich habe mit diesen Fotos versucht, mich zu verabschieden. Die Orte leben jetzt in meinen Bildern und meiner Erinnerung weiter. Das Verschwinden ist für mich vergleichbar mit dem Tod. Natürlich ist ein abstraktes Gebäude kein Mensch, aber ich hatte eine sehr starke Bindung zu diesen Orten. Das ist ähnlich wie das Gefühl, das einen bei Beerdigungen beschleicht: diese Verwunderung, dass jemand einfach so weg sein kann.

einestages: Welche anderen Orte, neben dem Kindergarten, sind Ihnen noch wichtig?

Fotostrecke

21  Bilder
"Wende Gelände": Abschied von der Kindheit

Schönfeld: Zum Beispiel das Freibad. Dort habe ich viele Nachmittage meiner Sommerferien verbracht. In der Schwimmhalle bin ich sogar Leistungsschwimmerin geworden. Trainiert wurde zwei-, dreimal pro Woche. Allerdings habe ich nicht oft an Wettkämpfen teilgenommen und habe nach ein paar Jahren wieder aufgehört, weil meine Mutter die Sache kritisch gesehen hat.

einestages: Wieso?

Schönfeld: Beim Sportarzt haben wir Spritzen bekommen. Es war unklar, ob wir damit hormonell vorbereitet werden sollten - für spätere Wettkämpfe.

einestages: Auch die Schule taucht in Ihrer Fotoserie auf. Was verbinden Sie mit ihr?

Schönfeld: Etwa die "Wand der Besten". Ich war in der Ersten und Zweiten Klassenbeste. Mein Foto hing aber trotzdem nicht an der Wand, weil ich nicht bei den Jungpionieren war. Da war ich natürlich sehr enttäuscht. Was das alles zu bedeuten hatte, habe ich damals nicht verstanden und von meiner Mutter auch nicht hinreichend erklärt bekommen.

einestages: Aber Sie haben doch sicher auch als Kind gespürt, dass die DDR ein Land war, das seine Bürger einschränkte.

Schönfeld: Ja, selbst aus der kindlichen Perspektive macht man seine Erfahrungen. Ein einfaches Beispiel waren die Westpakete. Wenn wir von Verwandten ein Westpaket bekamen, war das ein Highlight, auch wenn die Sachen letztlich vom Discounter stammten. Ein Nutella-Glas war heilig und hat ein Jahr gereicht. Einmal wurde bei uns eingebrochen. Es fehlten weder Geld noch Wertgegenstände, sondern nur die Westsachen: Shampoo und Süßigkeiten.

einestages: Kindergarten, Schule - das sind Orte, die die meisten Menschen mit ihrer Kindheit verbinden. Sie haben aber auch den Palast der Republik fotografiert. Fällt der nicht ein wenig aus dem Rahmen?

Schönfeld: Dort haben damals auch viele kulturelle Veranstaltungen stattgefunden. Ich war immer mal wieder bei Kinderkonzerten. Damals fand ich das total schick mit all den Lampen und Teppichen, das war schon toll. Aber ich habe das Gebäude nicht nur deshalb mit in die Serie genommen. Ich wollte auch eine Verbindung vom persönlichen zum "offizielleren" Zeitgeschehen herstellen.

einestages: Viele Ihrer anderen Fotoarbeiten, etwa über Auschwitz, die sibirischen Gulags oder legendäre Berliner Clubs beschäftigen sich auch mit historischen Orten. Was fasziniert Sie so sehr an der Vergangenheit?

Schönfeld: Jeder wird in seiner eigenen Biografie mit Dingen konfrontiert, die plötzlich alles auf den Kopf stellen können. In meinem Leben war das die Wende. So etwas ist eine fundamentale Verunsicherung, die verarbeitet werden muss. Und zum Geschichtsbewusstsein gehört nun mal auch die Frage nach der Zukunft. Meiner Meinung nach ist es besser, wenn man weiß, woher man kommt, um zu wissen, wohin man will. Ich habe erst im Studium gemerkt, wie sehr mich das interessiert.

einestages: Sind Sie deswegen Fotografin geworden?

Schönfeld: Nein, so einfach ist das nicht. Aber die Fotografie ist eines unserer Medien, über das wir seit über 150 Jahren Geschichte erzählen. Sie ist uns heute weit näher als die Malerei. Das interessiert mich sehr. Ich habe meine Karriere nie geplant, sondern mich einfach immer intensiver mit dem Medium beschäftigt. Und kann sagen: Die analoge Fotografie fesselt, verwundert und begeistert mich immer noch.



insgesamt 37 Beiträge
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Markus Lanninger, 27.07.2012
1.
Wirklich interessante Fotostrecke. Für mich aufällig: die Kinderfotos sind schwarz/weiß. Ich dürfte ziemlich genau der gleiche Jahrgang wie die Fotografin sein, Kindergartenjahr/Schule etc passen zeitlich. Vor einiger Zeit habe ich einen ähnlichen Fotovergleich zusammengestellt mit Bildern von meiner Kindheit. Man sieht schon einen gewissen Unterschied. Ich habe nur Farbfotos, teilweise regelrecht fotografisch erstellt, obwohl Hobbyaufnahmen von Papa & Co. Hier kommt für mich der Ost/West Unterschied deutlich hervor. Heute würden wir beide wahrscheinlich darüber schmunzeln, für mich machen solche Dokumentationen aber einiges klarer. Zur 3.ten Klasse kam damals ein Mädchen aus der DDR zu uns in den Klassenverbund. Kann mir nun gut vorstellen, wie ihr das vorgekommen sein muss. Zumal ich das Glück (?) hatte, doch in einer recht gut situierten Umgebung groß zu werden. Vielen Dank für die guten Aufnahmen.
Jens Richter, 27.07.2012
2.
Liebe Frau Schönfeld, ich glaube, wir haben den selben Kindergarten besucht. Ich allerdings von´63-65. Nach dem Besuch bi der Gauck-Behörde ´97 mit meinem Bruder sind wir dort einmal vorbei gefahren und ich hatte den Eindruck, es wuchs ein Baum aus dem Dach. Allerdings mein ich mich zu erinnern, der Eingang wäre von der Ruschstrasse aus gewesen. Aber ich kann mich auch täuschen oder es wr doch eine andere Kita. Einen Artikel über die Erlebnisse au dieser Zeit finden Sie ebenfalls unter EinesTages vom 9.3.2012. Vielen dank für den Bericht.
Andreas Tent, 27.07.2012
3.
Sehr schöne Motive. Leider nur im Automatikmodus geknipst. Ein erfahrener Fotograf hätte beeindruckende Bilder machen können (vielleicht durch HDR, z.B.). Schade.
Sabine Leopold, 27.07.2012
4.
Ich darf mal zusammenfassen: Von der Schulzeit blieb der Fotografin vor allem die "Wand der Besten", an der sie nicht hängen durfte, in Erinnerung. Die Karussells im Plänterwald fand das kleine Mädchen (laut Bildunterschrift) längst nicht so schön wie den Ausblick vom S-Bahnhof auf westdeutsche Hochhäuser und bei einem Wohnungseinbruch wurde kein Geld gestohlen, sondern nur die wahren Werte: Westshampoo und Westschokolade. Sorry, aber für derart schwere Traumata gibt's Spezialisten. Die Fotos sind trotzdem nicht schlecht, aber dieses Gejammere über eine Kindheit ohne Bestenstraßenbild und mit zu wenig Nutella ist genauso peinlich wie die Schönfärberei der DDR-Geschichte im Ostalgie-Fahrwasser. Das ist keine Aufarbeitung, das ist Selbstmitleid.
Anna Berthold, 27.07.2012
5.
Meine Kita war in den 70er Jahren eine etwas runter gekommene Villa und ist heute nicht mehr wieder zu erkennen. DieDDR- typische POS wurde nach der Wende abgerissen; selbst die Schule, in der ich kurz nach der Wende Abitur machen konnte, wurde ebenfalls abgerissen. Ich hoffe, dass der Humboldt-Uni, wo ich in den 90ern studierte, dieses Schicksal erspart bleibt.... Vielen Dank für die tollen Fotos!
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