Augenblick mal Oben KKK, untenrum frei

Versteckspiel vor Publikum oder politisches Signal? Dieses historische Foto aus der Türkei weckt Erinnerungen an den Geheimbund Ku Klux Klan - ein gespenstisches Bild und seine Geschichte.
Kapuzenfrauen: Diese skurrile Aufnahme entstand 1971 in der Türkei

Kapuzenfrauen: Diese skurrile Aufnahme entstand 1971 in der Türkei

Foto:

Depo Photos

Spitze Kapuzen verbergen die Gesichter, nur Löcher für die Augen bleiben frei. Als böse Geister verkleidet versuchten Männer eines Geheimbundes schon 1865, ehemalige Sklaven einzuschüchtern, kurz nach Ende des Amerikanischen Bürgerkrieges. Mit der Ausweitung der Organisation in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts wurde das weiße Kapuzengewand zum unverkennbaren Symbol des rassistischen Ku-Klux-Klans (KKK).

Auf dem Foto reichen die Kostüme der Kapuzenträger - unschwer als Trägerinnen zu erkennen - nur knapp bis zum Bauchnabel: KKK unten ohne? Welchen Geist repräsentierten diese Damen?

Die seltsame Aufnahme entstand Anfang der Siebzigerjahre in der Türkei. Dort sind Kopfbedeckungen seit jeher ein großes Thema. Aus politischen Gründen, aus religiösen Gründen und überhaupt. Nicht nur bei Frauen.

Mit dem Wandel der Kopfbedeckung sollte sich das Denken verändern: 1828 verpflichte Sultan Mahmud II. seine Verwaltungsbeamten, den Fes zu tragen, eine kegelstumpfförmige Kappe aus rotem Filz. Knapp 100 Jahre später verordnete Staatsgründer Mustafa Kemal seinen Landsmännern den Hut. Fes und Turban galten fortan als rückständig und wurden - mit Ausnahme geistlicher Berufskleidung - unter Strafandrohung verbannt.

Fotostrecke

Verhüllt - Geheimnisse unter Kapuzen

Foto: Depo Photos

Das "Hutgesetz", so die Vorstellung Kemals, werde das internationale Ansehen der Türken stärken und sie zu einem Teil der "zivilisierten Welt" machen. "Eine zivilisierte und internationale Kleidung ist für uns wesentlich", hatte der Gründer der modernen Türkei 1925 erklärt und sich dabei am Westen orientiert.

Hat es hier auf dem Foto jemand mit der Verwestlichung übertrieben - und sich die falschen Geister zum Vorbild gewählt?

Ultrarechte Mitglieder des KKK waren nicht die einzigen Kapuzenträger. Ähnliche Gewänder mit konischen Spitzhüten, Capirote genannt, trugen und tragen auch katholische Büßer bei Prozessionen in der Karwoche in Spanien. Das Gewand ist allerdings bodenlang, auf keinen Fall beinfrei.

Als der Ku-Klux-Klan in den USA seinen Höhepunkt erlebte und Atatürk, wie Kemal später genannt wurde, in seinem Land die Hutmode einführte, änderte sich in der Türkei tatsächlich auch die Kleiderordnung für den weiblichen Teil der Bevölkerung. Allerdings nicht ganz so radikal. Es gab Versuche, das Kopftuch aus öffentlichen Einrichtungen fernzuhalten; eine konsequente Entschleierung war aber nicht vorgesehen.

Die Kleiderreform sollte das laizistische Denken fördern, die Trennung von Religion und Staat. Atatürk hatte das islamische Kalifat und die Scharia-Gerichte abgeschafft, mithin lockerte sich in den folgenden Jahrzehnten auch der Dresscode für Frauen.

Gegen den Auftritt der Kapuzenträgerinnen im August 1971 sind jedenfalls keinerlei Bedenken bekannt - was das Foto heute umso irritierender wirken lässt. Es entstand am Strand von Moda, einem trendigen Viertel im weltoffenen Istanbuler Stadtteil Kadiköy, geprägt durch Lebenslust, religiöse und politische Toleranz.

Dass die Verhüllung ideologischen Zwängen folgte, kann somit ausgeschlossen werden. Vielmehr handelte es sich, wie Tolga Adanali von der Fotoagentur Depo Photos erklärt, um einen Schönheitswettbewerb. Schönheitswettbewerbe gibt es in der Türkei ebenfalls seit Atatürk. Sie blieben über Jahrzehnte beliebt - und weckten Experimentierfreude.

Beim Wettbewerb 1971 in Istanbul, erklärt Adanali, sollten ausschließlich Beine in Konkurrenz treten, deshalb seien die Gesichter verhüllt: "Die Jury sollte die Gesichter vor dem Voting nicht sehen, damit die Teilnehmerinnen damit nicht zusätzlich punkten konnten." Eine "interessante Art zu urteilen", sagt der Archivar mit Blick auf die KKK-artige Maskierung.

Die bizarre Methode sollte einen fairen Wettbewerb garantieren. Ob sie wirklich dazu beitrug, die Aufmerksamkeit ganz auf die zu beurteilenden Körperteile zu lenken - fraglich. Gewonnen hat übrigens die Frau mit der weißen Haube und weißen Schuhen, Startnummer 19.

Augenblick mal!
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.