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Enid Blyton: "Kritik von Leuten über zwölf interessiert mich nicht"

Foto: Getty Images/ George Konig

Kinderbuchautorin Enid Blyton Heile Welt, tiefe Abgründe

Millionen Kinder lieben die Abenteuer in "Fünf Freunde" oder "Hanni und Nanni". Wer war die sagenhaft erfolgreiche Enid Blyton wirklich - teilzeitverrückte Mutter oder Heile-Welt-Schreibautomat?

Die Lebenslüge stand über dem Eingang ihres Landhauses: Pax huic domui, "Friede walte in diesem Haus". Enid Blyton, die bis heute wohl erfolgreichste Kinderbuchautorin der Welt, liebte diese Worte. Weil sie so gut passten, wie sie sagte.

In ihren Erinnerungen schwärmte sie vom südenglischen Anwesen, das sie auf Anregung kindlicher Leser "Green Hedges" ("Grüne Hecken") getauft hatte. Im Garten sprossen Krokusse, Mohnblumen tanzten im Wind, Quittenbäume lieferten Früchte für Marmelade. "Reich und glücklich" fühlte sich Blyton, wenn Rotkehlchen zwischen Teegeschirr umherhüpften, Igel von ihrem Teller Milch tranken oder sie verletzte Vögel rettete: "Es gibt nichts Beglückenderes als die Beschäftigung mit Tieren und Pflanzen."

Landidylle in Green Hedges

Landidylle in Green Hedges

Foto: Getty Images/ George Konig

In diesem Idyll, das sie mit den Töchtern Imogen und Gillian, mit Cockerspaniel Topsy und Katze Bimbo teilte, zerbrach aber auch ihre erste Ehe. Hier sahen die Kinder ihren Vater zum letzten Mal. Dann löschte Blyton gnadenlos alle Erinnerungen an Hugh Pollock, wie einen zu bösen Entwurf für eine ihrer Romanfiguren. Tochter Imogen beschrieb Green Hedges später als albtraumhaften Ort. Ihre "arrogante, unsichere und anmaßende" Mutter habe nur die Kinder in ihren Büchern geliebt - die eigenen aber vergessen.

"Emotionales Wrack"

Kindercliquen wie die "Fünf Freunde" und die Internatszwillinge "Hanni und Nanni" machten Blyton weltberühmt. Einst hatte sie ein fotografisches Gedächtnis, am Ende ihres Lebens litt sie an Alzheimer und vergaß fast alles. Enid Blyton starb vor 50 Jahren, am 28. November 1968. Ihr zweiter Ehemann verbrannte fast all ihre Tagebücher, wohl um ihr Andenken zu schützen.

Blyton hatte sich grandios vermarktet und war in England zeitweise beliebter als Shakespeare. Und doch ist umstritten, wer die Frau hinter den 753 Romanen war, die sich etwa 650 Millionen Mal verkauften. "Ein emotionales Wrack und komplett irre", wie Helena Bonham Carter als Blyton-Darstellerin einer BBC-Doku von 2009 sagte? Oder eine "gerechte und liebevolle" Mutter, wie Tochter Gillian betonte? Demnach beschrieb ihre Mutter das Leben nur so, wie sie es als Kind selbst gern gehabt hätte.

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Enid Blyton: "Kritik von Leuten über zwölf interessiert mich nicht"

Foto: Getty Images/ George Konig

Ein Sprung zurück ins Jahr 1910, in Enids verflixtes 13. Lebensjahr: Eines Nachts schlich sie mit ihrem Bruder Hanley Richtung Wohnzimmer, lauschte - und war schockiert. Ihre Eltern stritten. Als strenge Mutter wollte Theresa Blyton ihre Tochter früh auf ein Hausfrauenleben vorbereiten; Enids Gedichte und Geschichten blieben für sie stets "Gekritzel" und "Zeitverschwendung". Ihr Vater Thomas hingegen, ein Freigeist, erklärte Enid bei stundenlangen Ausflügen alles über Tiere und Pflanzen. Für sie waren diese gemeinsamen Tage "sonnig und warm und der Himmel so blau wie die Kornblumen in meinen Garten".

Und jetzt sprach der geliebte Vater von einer fremden Frau, seiner Geliebten. Kurz darauf zog er aus. Theresa Blyton verweigerte die Scheidung, vertuschte den Skandal, offiziell war Thomas Blyton gerade beruflich viel unterwegs. Die Kinder hatten zu schweigen.

Vergessen und verdrängen

Es war ein Muster der Verdrängung, das Enid Blyton später selbst perfektionierte. Auch ihr Mann Hugh Pollock war offiziell noch der liebende Familienvater in Green Hedges, als er längst dem Alkohol verfallen war und beide fremdgingen. Dann ersetzte Blyton ihn in den Wirren des Zweiten Weltkriegs so gründlich durch den Chirurgen Kenneth Darrel Waters, als hätte es Ehemann Nummer eins nie gegeben.

Blyton sorgte offenbar dafür, dass Pollock seinen Job als Verlagslektor verlor, dass ihre Töchter den Namen ihres zweiten Mannes bekamen und ihn "Vater" nannten. Ihren leiblichen Vater sahen sie nie wieder. Diese Härte verwunderte selbst George Greenfield, einen Freund Blytons, der 20 Jahre lang ihr Literaturagent war. Seine Vermutung: Blyton sei es gewohnt gewesen, die Welt wie in ihren Büchern in Gut und Böse einzuteilen.

In ihren Erinnerungen behauptete die Autorin dagegen beschwingt: "Wir sind alle sehr glücklich miteinander; bestimmt könnte ich sonst auch keine Bücher schreiben, die Kinder erfreuen." Über Pollock kein Wort. Auch nicht über die Haushälterinnen, die sie in Serie feuerte. Schon gar nicht über ihre Mutter, die sie mied. Stattdessen: "Jeder bringt mit seiner guten Laune eine frische Atmosphäre ins Haus. Keiner bockt und ist missgestimmt." Heile Welt wie in ihren Romanen mit den stets sonnigen Schulferien und gemütlichen Landhäusern, in denen Mütter Kuchen buken und Limonade ausschenkten.

Als 1910 Blytons Vater auszog, war das der Moment, in dem Enid sich unbewusst weigerte, erwachsen zu werden - so mutmaßen Blyton-Biografen. "Sie war ein Kind, sie dachte wie ein Kind und schrieb wie ein Kind", schrieb Psychologe Michael Woods nach ihrem Tod.

"Versuch es weiter!"

Kronzeuge dieser These ist ein Gynäkologe, den Blyton aufsuchte, als sie nicht schwanger werden konnte. Überrascht stellte er eine "außergewöhnlich kleine Gebärmutter" fest, etwa so groß "wie bei einem zwölf- oder dreizehnjährigen Mädchen". Erst nach einer hormonellen Behandlung bekam die junge Frau Kinder.

Stoppten also seelische Traumata Blyton in ihrer Entwicklung, konnte sie sich deshalb so gut in die Gedanken ihrer jungen Leser und Buchhelden hineinversetzen? Als Kritiker später ihre Bücher verrissen, konterte sie kühl: "Kritik von Leuten über zwölf interessiert mich nicht."

Blytons "Insel der Abenteuer"

Blytons "Insel der Abenteuer"

Foto: Verlagsgruppe Oetinger

Aber da war mehr. Ihr unbändiger Ehrgeiz. Und diese Schreibwut erst! Schon als Kind verschlang Enid Sagen, las in Lexika staunend über Unterwassertunnel, Riesenalke, Stalagmiten - Stoff ihrer späteren Erfolgsbücher. Immerzu schrieb sie Gedichte, entwarf eine Geheimschrift. Die Ideen zu ihren Geschichten "überfielen" sie regelrecht, wie sie sagte. Blyton notierte sie, schickte sie an Verlage, eilte jeden Morgen zum Briefkasten - und kassierte doch nur Absagen. Hunderte.

Solche Niederlagen verdrängte sie meisterhaft. "Wir nehmen all die bösen Dinge und stecken sie weg, ganz in den Hinterkopf, bis sie, paff!, verschwinden", riet sie später Tochter Imogen. Das Satiremagazin "Punch" schickte Blyton ein Gedicht zurück: "Idee gut. Leider falscher Akzent in Vers zehn, schlechter Rhythmus in Vers zwölf. Versuch es weiter!"

Sie tat es und ordnete ihrem Traum alles unter. Eine Ausbildung zur Pianistin brach sie ab und schulte zur Kindergärtnerin um, damit sie ihre Geschichten direkt am jungen Publikum testen konnte. 1922 erschien ihr erster Gedichtband, 1923 verkaufte sie bereits 120 Texte für Kinder. Bald verdiente sie 300 Pfund im Jahr, damals ein Spitzeneinkommen.

Blyton schrieb und schrieb. Über Kobolde, magische Stühle, Wunderbäume. Sie verfasste Naturbücher, Bibelgeschichten, unzählige Kolumnen, eine gar aus Sicht ihres Terriers Bobs. Der internationale Durchbruch gelang ihr ab 1942 mit ihren ersten Serien, den "Fünf Freunden" und der "Abenteuer um..."-Reihe. Die Britin hatte ihre Erfolgsformel gefunden: Pfiffige Helden, unterstützt von ebenso cleveren Haustieren, entdeckten stets etwas Geheimnisvolles und überführten Schmuggler, Geldfälscher, Entführer.

Blytons wahre Kinder

Als im Zweiten Weltkrieg Papier knapp wurde, lieferte Blyton weiter wie eine Fabrik. Mitunter schaffte sie ein Buch pro Woche und rekordverdächtige 10.000 Wörter am Tag - mit zwei Fingern tippend, ohne Sekretärin. Selbst Fanpost beantwortete sie persönlich.

Aus ihrer Sicht war es ein Kinderspiel: Im Schaukelstuhl schloss sie die Augen, "nach einer oder zwei Minuten" lief die Handlung vor ihrem inneren Auge ab - "mir erscheint es selbst wie ein Wunder, dass mir die Geschichten fertig vorgeführt werden".

Feuilletonisten dagegen rümpften die Nase. Einige Büchereien verweigerten sich Blytons Werken, jahrzehntelang auch die BBC: "Kaum literarischen Wert" hätten ihre Bücher, dazu diese schlimmen "Pinky-winky-Doodle-doodle-Dum-dumm-Namenstypen". Die BBC wolle "kein weiteres Opfer" der "erstaunlichen Werbekampagne" dieser "zweitrangigen" Autorin werden, hieß es 1954.

Ihren Erfolg bremste das nicht. So wenig wie der Vorwurf rassistischer und sexistischer Klischees: Ihre Diebe waren oft dunkelhäutig, Jungs immer die Mutigen. Und war ein Mädchen mutig, wollte es eigentlich ein Junge sein.

Ihre Helden alterten nie, Blyton schon. Ihr Agent Greenfield schildert, wie sie 1961 trotz ihrer Akribie einen wichtigen Termin vergaß; wie sie kurz vor ihrem Tod in einem der klaren Momente einen Bekannten traf. Die beiden unterhielten sich vor einem Schrank voller Blyton-Bücher. Er sagte, die Autorin könne sich glücklich schätzen, zwei erwachsene Kinder zu haben.

"Kinder?", fragte Enid Blyton und öffnete ihre Arme, als wollte sie die Bücherregale umarmen: "Dies sind meine Kinder."