Feldzug gegen den Irak Auge in Auge mit dem Krieg

Claus Christian Malzahn

13. Teil: Freitag, 10. Oktober 2003


Hanau, US-Base, Deutschland

Ich habe eine E-Mail von Nils Gransberg bekommen. Er durfte die Truppe verlassen und macht auf dem Weg in die USA einen Zwischenstopp in Hanau.

Wir treffen uns mittags vor einem Hotel. Nils trägt Uniform. Vor ein paar Tagen hat er geheiratet. Solche Sachen nimmt man sich im Krieg vor: Heiraten, Kinder bekommen, jemanden um Verzeihung bitten, eine Wallfahrt machen. Ich kenne das jetzt.

Ich habe mir bei einem Raketenangriff in der Wüste auch geschworen, ein paar Sachen zu tun, wenn ich heil wieder herauskomme aus diesem Embedment. Aber ich werde nicht verraten, was, weil das nur Leute verstehen können, die auch im Krieg waren - und die anderen nichts angeht.

Hanau ist häßlich. Alle Häuser wurden nach 1945 gebaut. Als nachts die englischen Bombenflieger kamen, hat man in Hanau absichtlich das Licht angelassen, damit die Navigatoren Hanau mit Frankfurt verwechselten. In Frankfurt wurde auf Befehl des Führers hin alles verdunkelt. Die Strategie ging auf. Von Hanau blieb nichts übrig, außer einer Kirchenruine.

Wir verabreden uns für den Abend zum Essen in einem italienischen Restaurant. Nils bringt drei Freunde mit, die auch gerade aus dem Irak zurückkehren durften. Ich frage sie, ob sie nicht verraten wurden von ihrem Präsidenten. Schließlich wurden keine Massenvernichtungswaffen gefunden.

Aber Soldaten versuchen immer an ihren Krieg zu glauben, auch wenn es vielleicht der falsche war. Ein Freund von Nils sagt: "Besser, wir bekämpfen die Terroristen im Irak, als wenn die alle in die USA kommen und sich da in die Luft jagen." Mit dieser Fliegenfänger-Theorie wappnen sich die Soldaten gegen den Vorwurf, an einem ungerechten Feldzug teilgenommen zu haben. Wir wechseln das Thema und reden ein bißchen über neue amerikanische Fernsehserien wie die Sopranos und 24. Sie sind einfach leichter zu beurteilen als ein Krieg, von dem wir im Moment nicht wissen, wann er je zu Ende sein wird.

Eines scheint jedenfalls klar: Ein Abzug der US-Armee würde den Terror und die Gewalt im Irak nicht beenden.

Plötzlich malt Nils eine Skizze von seinem Humvee auf eine Serviette. Ich kenne den Wagen, ich bin ja oft genug mitgefahren.

"Sie standen oben auf einer Brücke", sagt Nils, "etwa zehn Mann, alle vermummt." Acht oder neun Raketen haben sie abgefeuert, eine traf unseren Humvee. Die Rakete schlug hinten ein, genau in das Rücklicht; flog dann am Tank vorbei und trat vorne durch den Scheinwerfer wieder aus. Das war Anfang Mai, nördlich von Bagdad. Aber Nils ist noch am Leben. "Die Rakete ist nicht explodiert," sagt er. Er sitzt mir gegenüber, trägt einen Trauring am Finger, trinkt Rotwein und stößt mit mir an. Wir trinken auf ein gutes Leben.

Nils Gransberg, 23, wird hoffentlich steinalt.

Anzeige
  • Claus Ch. Malzahn:
    Die Signatur des Krieges

    Berichte aus einer verunsicherten Welt

    Matthes & Seitz Berlin; 224 Seiten.

  • Bei Amazon bestellen.


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dirk brauns, 24.03.2008
1.
der text ist langweilig. um mitzuteilen, was krieg ist, benötigt es etwas mehr als dieses verstockte gemurkse. abtreten, embedded mahlzahn. nochmal schreiben.
Indira Geisel, 29.03.2008
2.
Malzahn bei der US Armee in der irakischen Wüste erinnert nicht wenig an Isherwood in dem Berlin Weimars. Ein Beobachter ringt mit seiner Sympathie sowie mit seiner Skepsis gegenüber einen tollkühnen Gastgeber. Eine Vorahnung der Katastrophe, ehe sie anfängt: "Der Krieg liegt wie ein dunkler, endloser Tunnel vor mir." Aber eigentlich darf er nur über abgeschlossene Operationen schreiben.
johann legner, 30.03.2008
3.
ich bin malzahn dankbar für seinen beitrag und die risiken, die er dafür eingegangen ist. dazu gehört auch, sich mit dem verdacht auseinanderzusetzen, instrumentalisiert zu werden. beim lesen habe ich mich an diese tage der ungewissheit erinnert, die den beginn des irak-krieges prägten, an den der kampf mit den gasmasken, der damals für die angreifer alles beherrschte. im nachhinein scheint er das fanal des weiteren verlauf dieses krieges. der erwartete schrecken bleibt aus, aber die angst vor ihm wirft einen langen schatten und gebiert seinerseits schreckliches. vom ersten tag an ist alles ganz, ganz anders als erwartet. dies in erinnerung zurück zu rufen, zeichnet einen zeitzeugen aus.
Norbert Polster, 30.03.2009
4.
>der text ist langweilig. um mitzuteilen, was krieg ist, benötigt es etwas mehr als dieses verstockte gemurkse. >abtreten, embedded mahlzahn. nochmal schreiben. gott sei dank geschmackssache. ich werde mir das buch kaufen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.