Fußball-Fotografie Die Ära vor dem Hochglanz-Kick

Indische Kicker ohne Schuhe, kopfstehende Zuschauer, Seelers einarmiger Seitenfallzieher: Otto Metelmann hat den Nachkriegsfußball in seinen entscheidenden Sekunden verewigt. Einestages zeigt die schönsten Bilder des legendären Sportfotografen.

Metelmann/Agon Sportverlag

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Den Krieg hatten sie verloren. Die Leidenschaft für ihren Lieblingssport nicht. Unmittelbar nach dem Krieg räumten deutsche Fußballfans die Trümmer von den Sportplätzen, reparierten die Stadien und kickten wieder los. Argwöhnisch beobachtet von den Alliierten strömten die Zuschauer zu Zehntausenden in die Stadien, hungrig nach Amüsement, nach Erfolg - und nach einem neuen "Wir-Gefühl" im ausgebombten Nachkriegsdeutschland.

Mitten unter ihnen, unablässig die Linse seiner Kamera auf den Ball und dem, der ihm gerade hinterher hechtete, gerichtet: Otto Metelmann. Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft 1947 mietete sich der Sportfotograf in Hamburg gegenüber dem St.-Pauli-Sportplatz des FC St. Pauli ein und zog mit seiner Leica los. Das Ergebnis: ein Kaleidoskop deutscher Nachkriegs-Fußballgeschichte, wie es authentischer nicht sein könnte.

Minimaler Komfort, maximale Begeisterung

Metelmann hat den Fußball einer Ära abgelichtet, als die Zuschauer sich noch dicht an der Außenlinie drängten und den Spielern sogar den Platz zum Anlaufen beim Eckball nahmen. Einer Ära, als der eine oder andere Fan vor Freude einen Kopfstand auf dem Spielfeld vollführte oder dem Schiri bei Bedarf direkt an den Kragen ging. Es war die Zeit vor dem perfekt durchgestylten Hochglanz-Kick. Spieler wie Zuschauer frönten Deutschlands Volksport Nummer 1 trotz minimalen Komfort mit maximaler Begeisterung.

Einige der spektakulärsten Momente hat Metelmann dabei mit seiner Kamera verewigt. Etwa die preisgekrönte Aufnahme von Uwe Seeler, als der sich 1954 auf dem Sportplatz am Hamburger Rothenbaum bei seinem grandiosen Scherenschlag auf den linken Arm stützte - ein Glanzmoment des HSV-Fußballers. Doch auch die weniger großartigen hat der Fotograf verewigt, etwa den unrühmlichen Abgang von Seeler, der nach seinem Revanchefoul 1957 gegen Bremerhaven 93 vom Platz gestellt wurde. Auf dem Bild verlässt "uns Uwe", sonst der vorbildliche Sportsmann, mit hängenden Armen und gesenktem Kopf das Spielfeld: Die Demontage einer Legende, festgehalten von Metelmann.

Dabei war es gar nicht so einfach immer im richtigen Moment abzudrücken, die entscheidende Fünfhundertstel-Sekunde zu erwischen. Knipsen, Spannen, Schärfe und Belichtung einstellen, Knipsen: Während Journalisten heute mit ihren Kameras zig Bilder pro Sekunde schießen, drückte Metelmann mit Bedacht auf den Auslöser. Aber nicht nur die Bedienung der Kamera war aufwändiger, auch das Material war nach dem Krieg teuer, die Honorare bescheiden. Um die perfekten Momente einzufangen, musste der Fotograf sich also die wichtigsten Spielzüge der Mannschaften und die Laufwege der einzelnen Spieler einprägen, um so ihre nächsten Schritte vorauszuahnen.

"Wenn Otto nicht vor Ort war, fehlte uns etwas"

Doch Metelmanns Augenmerk galt nicht nur dem Geschehen auf dem Spielfeld. Auch bei seinen Bildern abseits des grünen Rasens, offenbarte er sein Talent im richtigen Moment den Finger auf dem Auslöser zu haben. So dokumentierte er die ersten Fantumulte in Hamburg 1957 und fotografierte den Nachwuchs des Eimsbütteler Turnverbands beim Freischippen eines völlig verschlammten Sportplatzes. Oder die Füße der indischen Nationalmannschaft - die spielten, wie es in ihrem Heimatland Sitte war, barfuß gegen den HSV.

Fast scheint es so als sei Metelmann immer und überall dabei gewesen. "Wenn Otto nicht vor Ort war, fehlte uns etwas", hat Uwe Seeler einmal über den Fotografen gesagt.

Sein Sohn führt nun das Werk des Pioniers der deutschen Nachkriegs-Sportfotografie fort. Nachdem sein Vater am 24. November 1970, mit gerade einmal 48 Jahren, verstarb, machte sich Thomas Metelmann daran, die Fußball-Fotos zu sichten. Aus den rund sechs Millionen Bildern, die in Otto Metelmanns Bildarchiv schlummerten, hat sein Sohn nun eine "Bildgeschichte des Deutschen Fußballs" zusammengestellt - eine Reihe schillernder Momente lange vor der Zeit des Hochglanz-Kicks.



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