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Marcel Reif: "Jedes Spiel hat seine besonderen Momente"

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Sportjournalist Marcel Reif "Ich war Reporter und kein Clown"

Beim "Torfall von Madrid" machte er sich unsterblich und galt lange als bester Fußballkommentator. Heute wird Marcel Reif 70. Hier spricht er über Heimat, die Rettung seines Vaters vor den Nazis und Kritik vom Kaiser.

einestages: Herr Reif, Sie sind weit herumgekommen und leben heute mit Schweizer Pass in Zürich. Was bedeutet Ihnen Heimat?

Reif: Ich wurde 1949 im niederschlesischen Waldenburg geboren, 1956 emigrierte meine Familie nach Israel, zwei Jahre später zogen wir nach Kaiserslautern. Überall, wo ich hinkam, musste ich die Sprache neu lernen. In Deutschland kam ich als Achtjähriger in die erste Klasse - eine traumatisierende Erfahrung. Meine Identitätssuche endete irgendwann mit der Erkenntnis, dass ich mir so etwas wie geografische Heimat niemals leisten konnte. Heute ist Heimat für mich dort, wo Familie ist.

einestages: Haben Sie Ihrer Mutter inzwischen verziehen, dass sie Sie in Tel Aviv kurzzeitig in ein von belgischen Mönchen geführtes Internat steckte, weil ohne Hebräisch die reguläre Grundschule nicht infrage kam?

Reif: Sie hat ihren "Fehler" wiedergutgemacht, als sie mich in Kaiserslautern beim FCK anmeldete. Fußball ist die universellste Sprache überhaupt, und weil ich ein ziemlich guter Fußballer war, hörte mir bald jeder zu. Allein dafür stehe ich diesem Sport ewig in der Schuld.

einestages: Ihr Held war der Niederländer Co Prins, der von 1963 bis 1965 in Kaiserslautern spielte. Warum ausgerechnet er?

Reif: Prins war ein schlampiges Genie, ein flamboyanter Typ, der sein Trikot über die Hose hängen ließ, die Stutzen lässig unten hatte und mit einem großen amerikanischen Schlitten durch die Stadt fuhr. Ich wollte so sein wie er. Doch als ich im Endspiel um die Westpfalz-Meisterschaft gegen den großen Rivalen aus Pirmasens auch ganz cool mein Trikot über der Hose lassen wollte, weigerte sich der Schiedsrichter mit Gelb. Ich gehorchte, verlor meine Magie und wir das Finale.

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Marcel Reif: "Jedes Spiel hat seine besonderen Momente"

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einestages: Ihr Vater war Jude, viele Familienangehörige wurden während des Holocaust ermordet, er überlebte knapp. Davon hat er Ihnen nie erzählt. Hat Sie das verletzt?

Reif: Wie könnte ich ihm deshalb böse sein? Es war im Gegenteil genial und heldenhaft, uns Kinder damit zu verschonen. Er wollte verhindern, dass wir jeden Deutschen für einen Täter hielten. So wurde ich ein wunderbar behütetes und im Luxus aufwachsendes Wirtschaftswunderkind.

einestages: Erst zehn Jahre nach seinem Tod erfuhren Sie durch intensive Gespräche mit Ihrer Mutter Einzelheiten seiner Vergangenheit.

Reif: Sie erzählte mir, dass "ein großer deutscher Mann" meinen Vater aus dem Zug Richtung Vernichtungslager gerettet hatte. Später bekam ich raus, dass es sich um den Industriellen Berthold Beitz handelte. Ich schrieb ihm einen Brief, er lud mich zu sich ein. Als ich dem Mann begegnete, ohne den es mich nicht gegeben hätte, brachte ich kein vernünftiges Wort heraus. Irgendwann legte er mir seine Hand auf die Schulter, schaute mir in die Augen und sagte: "Es ist gut." Wahnsinn. Nach seinem Tod 2013 hatte ich die Ehre, seinen Nachruf für den SPIEGEL  zu schreiben.

einestages: Warum landeten Sie 1984 beim ZDF-Sport?

Reif: Wegen Dieter Kürten. Und weil ich schwer beleidigt war.

einestages: Beleidigt? Wieso?

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Reif: Ich arbeitete bereits seit 1972 als politischer Reporter für den Sender und machte mir große Hoffnungen auf den Posten als London-Korrespondent. Weil das nicht klappte und ich äußerst gekränkt war, war ich sehr empfänglich für die Avancen des frisch gebackenen Sportchefs Kürten. Also lief ich mit fliegenden Fahnen zum Sport über.

einestages: Und wurden zur Begrüßung vom Kaiser abgewatscht.

Reif: (imitiert Franz Beckenbauer) "Jetzt habt ihr ja da noch so einen Zauberer. Wie heißt der? Reif oder wie? Der spricht wunderbare politische Kommentare, aber bitt' schön lasst's ihn vom Fußball weg." Im "Sportstudio"! Ich saß zu Hause vorm Fernseher und dachte: Das war's jetzt mit deiner Karriere. Aber Kürten hat sich davon überhaupt nicht irritieren lassen, mit Franz habe ich dann auch bald meinen Frieden gemacht.

einestages: SPIEGEL-Autor Norbert Seitz bezeichnete Sie nach Ihrem WM-Debüt 1986 als "Saloppformulierer und Lockermann" .

Reif: Ach, diese paar Ungerechtigkeiten, die ich damals erfahren habe, wünsche ich jedem. Spätestens nach der WM 1990 war ich zehn Jahre lang völlig kritiklos die Nummer eins. Wenn ich da nach einem schönen Angriff "Ui, ui, ui!" rief, klopfte mir jeder am nächsten Tag auf die Schulter. Der große Rudi Michel hat mir mal einen weisen Rat gegeben: "Du kannst nur 50 Prozent der Zuschauer auf deiner Seite haben."

einestages: Gefühlte 99 Prozent waren es am 1. April 1998 bei Ihrem legendären Dialog mit Günther Jauch, als vor dem Spiel von Real Madrid gegen Borussia Dortmund ein Tor umkippte. "Ein frühes Tor würde dem Spiel guttun", sagten Sie. Jauch sagte: "Das erste Tor ist schon gefallen." Einen "Abend der Anarchie" nannte Jauch es einmal.

Reif: Korrekt. Und ich werde dem Günther ewig dankbar sein, dass er mich vor dem medialen Selbstmord gerettet hat, als ich vor lauter Panik anfing, über den spanischen Zentralismus zu schwadronieren. Trotzdem ging ich davon aus, dass man uns unser Geschwafel um die Ohren hauen würde. Doch Jauch jubelte nach Sendeschluss: "Dafür kriegen wir einen Preis." War ja dann auch so, den Bayerischen Fernsehpreis. Aber zwischenzeitlich war ich beleidigt wegen all der Lobhudeleien. Ich war schließlich Reporter und kein Clown.

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einestages: Ihr emotionalstes Spiel?

Reif: Vermutlich 2003 in Manchester, das Champions-League-Finale Juventus Turin gegen AC Mailand. Kurz zuvor war mein Vater gestorben. Milan gewann die Partie, bei der Siegerehrung zeigten die Kameras den stolzen Paolo Maldini, wie er seinen Vater Cesare mit dem Pokal in der Hand grüßte. Ich sagte nur: "Papa, guck." Danach war erst mal zwei Minuten Funkstille bei mir.

einestages: Welche Nation ist am Mikrofon die Nummer eins?

Reif: Die Engländer, immer noch. Mein früherer Sky-Kollege Jan Åge Fjørtoft, der ein paar Jahre auf der Insel gespielt hat, begrüßte mich immer mit dem legendären Kommentar von Kenneth Wolstenholme beim WM-Finale 1966: "They think it's all over! Darauf ich: "It is now!" Ich habe mir immer gewünscht, Sprache beim Fußball so präzise und so auf den Punkt einzusetzen, wie das die Engländer schaffen. Einmal war ich nah dran, nachdem Oliver Kahn den letzten Elfmeter im Champions-League-Finale 2001 gehalten hatte: "Kahn! Die Bayern!" Das finde ich heute noch gut.

einestages: Kein anderer Kommentator hat so polarisiert wie Sie, das Feuilleton hat Sie stets in den Himmel gelobt, unter Fußballfans galten Sie abwechselnd als Bayern-, Dortmund- oder Schalke-Hasser. Wie sind Sie mit diesem extremen Feedback umgegangen?

Reif: Da muss ich immer an meinen leider vor Kurzem verstorbenen "Sportstudio"-Kollegen Werner Schneyder denken, den ich mal gefragt habe, wie er mit der ganzen Häme in den sozialen Netzwerken klarkommt. Mit seinem hübschen Grazer Akzent antwortete er: "Is mir doch wurscht, was irgend so an Trottel denkt." Einmal habe ich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, als einer drohte, meine Familie zu verbrennen. Der sollte nicht ungestraft davonkommen.

einestages: Warum haben Sie 2016 Ihre Karriere in Deutschland beendet?

Reif: Nicht nur deshalb, aber auch, nachdem vor dem Derby Dortmund gegen Schalke ein Mob mein Auto eingekreist und hin- und hergerüttelt hatte. Auf dem Beifahrersitz saß meine Frau und hatte die nackte Angst in den Augen. Da habe ich mir gesagt: Vielleicht ist es besser, wenn du aufhörst. Das wollte ich mir nicht antun.

einestages: Haben Sie jemals den perfekten Fußball gesehen?

Reif: 2011 hat Barcelona in Wembley gegen Manchester United eine so unglaublich gute Halbzeit gespielt, dass wir uns auf den Reporterplätzen alle ungläubig anschauten, weil wir uns sicher waren, den besten Fußball aller Zeiten gesehen zu haben. Aber der Ball rollt immer weiter, und jedes Spiel hat seine besonderen Momente. Wenn ich die als Reporter gespürt habe, dann war alles gut.

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