Fußball-Legende Helmut Rahn Mein Freund, der Boss

Sein Tor zum deutschen WM-Titel 1954 war eins für die Ewigkeit. Heute wäre Helmut Rahn 90 Jahre alt geworden. An den Theken von Essen vermissen sie ihren Kumpel bis heute. Das hat auch mit seinem Gulasch zu tun.

Kurt Müller/ Stadtarchiv Gelsen

Von , Essen


An diesem Juli-Abend gibt es im Hause Pigage Gulasch. Frau von Pigage ist eine großartige Köchin, das Fleisch wird wie immer butterzart sein, die Soße die richtige Konsistenz haben. "Aber an das Gulasch vom Helmut", sagt Horst von Pigage und wischt sich den Bierschaum von der Oberlippe, "kommt selbst meine Frau nicht ran. Ein Gedicht!"

Für dieses Gedicht von Gericht gab es ein besonderes Rezept, das auf die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 zurückgeht. Das "Wunder von Bern" hatte ja nicht nur Sieger. Die beste Mannschaft des Turniers waren nicht die Deutschen, sondern die Ungarn. Ihr größter Star war Ferenc Puskas. Der WM-Titel hätte seine Krönung sein sollen. Stattdessen feierte die Welt den Außenseiter aus Deutschland und hievte den 24-jährigen Doppeltorschützen Helmut Rahn auf den Thron.

Puskas verließ sein Heimatland nach dem Aufstand 1956. Was viele nicht wissen: Das Finale in der Schweiz war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft zwischen den beiden Ausnahmekönnern. Viele Jahre später besuchte der "Major" mal wieder den "Boss" in dessen Heimatstadt Essen und weihte ihn in sein größtes Geheimnis ein: Puskas verriet Rahn sein Gulasch-Rezept. Aus dem Hintergrund müsste Rahn kochen. Und Rahn kochte. "Wenn der Helmut später das Gulasch vom Puskas machte", sagt Horst von Pigage, "dann kannste dir gar nicht vorstellen, wie lecker das war!"

Am 16. August wäre Helmut Rahn 90 Jahre alt geworden, doch 2003 starb der Weltmeister zwei Tage vor seinem 74. Geburtstag. Horst von Pigage stand damals gemeinsam mit dem früheren Nationaltorwart Hans Tilkowski am Grab und beweinte seinen toten Freund. Jetzt sitzt er in der Gaststätte Becker: Essen-Frohnhausen. Helmut-Rahn-Land.

Erst die Hecke, dann Schalke rasieren

Ein paar Gehminuten entfernt hat Rahn gewohnt, die Straße runter steht die Helmut-Rahn-Sportanlage, auf dem Margarethenfriedhof liegt er begraben. Eigentlich wollten wir uns in der früheren Rahnschen Stammkneipe Friesenstube treffen, aber seit da ein anderer Pächter hinter der Theke steht, kommen auch andere Gäste, oft jung und so laut, dass sein Freund glaubt: "Da hätte sich der Helmut auch nicht wohl gefühlt."

Horst wird bald 80, der gelernte Stuckateur war mal Boxer, stammt aus Duisburg, verliebte sich aber vor sechs Jahrzehnten in eine Essenerin und ist mit Herz und Seele Ruhrpottler. Den Helmut lernte er in den Siebzigern kennen. Ihre Frauen turnten gemeinsam, und weil auch Rahn gern zu den Spielen von Horsts VfB Frohnhausen ging, trank man ein paar Bierchen zusammen und fand sich sympathisch. Aus der Tresen-Kumpanei entwickelte sich eine Freundschaft.

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Helmut Rahn: "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen..."

Rahns Fußballkarriere war da längst vorbei. Seine größte Zeit hatte er bei Rot-Weiss Essen und steht heute in Form eines bronzenen Denkmals vor dem Stadion. 1953 holte er mit RWE den DFB-Pokal, zwei Jahre später sogar die Meisterschaft. Titel, die dieser große Verein nie wieder hat gewinnen können. Dass Bergmannsohn Helmut an der Hafenstraße zum Lokalhelden aufstieg, hatte aber nicht nur mit seinen Fähigkeiten als Torschütze zu tun. Um die Herzen in der Kurve zu erobern, muss ein Fußballer schon mehr leisten.

"Der Helmut", sagt Horst von Pigage, "war einfach authentisch". Einer, der am Wochenende Zehntausende in Ekstase versetzte und am Montag wieder so lässig am Tresen lehnte, als habe er am Samstag nur die Hecke im Garten rasiert, nicht Schalke oder Dortmund.

Die Heldenrolle für immer, geht denn das?

Und dann die spektakuläre WM '54. Ein toller Fußballer war er ja vorher schon. Aber dieses Turnier, das er als Ersatzmann begann und mit dem Siegtreffer beendete, bescherte ihm ewigen Glanz. Sein 3:2 kommentierte der übergeschnappte Radioreporter Herbert Zimmermann ins kollektive deutsche Gedächtnis:

"Kopfball... abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt. Tooor! Tooor! Tooor! Tooor! Tor für Deutschland."

Die Öffentlichkeit stilisierte den Sensationserfolg zum Geburtsvorgang der Bundesrepublik hoch. Und hinterher wundern sich immer alle, dass solch ein Unfug einem jungen Mann zu Kopf steigt.

Das jedenfalls hat man dem Außenstürmer in den Jahren nach dem Triumph nachgesagt. Dass er mit der Popularität, dieser ganzen pathetischen Wir-sind-wieder-wer-Dankbarkeit, der Helmut-erzähl-mich-dat-Tor-Nostalgie nicht klarkam. Dass er zu viel trank. Dass er besoffen seinen Wagen in den Graben setzte und sogar einen Polizisten angriff.

Richtig ist: Bis Gerti Rahn Helmuts Kumpels einige Jahre vor seinem Tod das Versprechen abrang, ihrem schon leicht demenzkranken Gatten nur noch Alkoholfreies einzuschenken, trank Rahn gern mal einen. Richtig ist auch: Seinen Wagen hat er tatsächlich mal im Graben versenkt, aber das war 1957, von einem Absturz war er da weit entfernt. Ein Jahr später schoss er Deutschland mit sechs Toren ins WM-Halbfinale gegen Gastgeber Schweden und wurde Zweiter bei der Wahl zu "Europas Fußballer des Jahres". Richtig ist ebenso: Weil er nach dem Unfall einem Polizisten die Mütze vom Kopf schnippte, verdonnerte ihn ein strenger Richter zu zehn Tagen Gefängnis. Aber gehörte er deshalb wirklich "zu den Spielern, die dem Ruhm nicht gewachsen waren", wie die "Frankfurter Rundschau" in ihrem Nachruf 2003 behauptete?

"Dann drehte er auf und verarschte ein paar Gegenspieler"

Vielleicht hat er diesen ganz speziellen Ruhm gar nicht gewollt. Mit seinem Treffer im Wankdorfstadion verhielt es sich wie 60 Jahre später mit dem Tor von Mario Götze: Alles, was danach kam, konnte dem Vergleich gar nicht standhalten. Schon gar nicht der Mensch hinter dem Tor. Niemand kann für alle Tage den Helden spielen.

Auf dem Fußballplatz fiel Rahn diese Rolle nicht schwer, den Spitznamen "Boss" hatte man ihm nicht einfach so verpasst. Seine Tore schoss er überall. Ein Musterprofi war er nie. Spätestens als er 1961 noch einmal wegen Trunkenheit am Steuer hinter Gitter musste, hatte Rahn seinen Ruf als Enfant terrible weg. Für seine Fans nur ein Grund mehr, ihn zu bewundern.

Horst von Pigage hat das später aus der Nähe erlebt. Eines Tages hatte ihn sein neuer Kumpel gefragt, ob er, der konditionsstarke Amateurspieler, mit den Legenden von einst auf Deutschlandtour gehen möchte. Benefizspiele von Altstars gegen Kreisligakicker vom Dorf waren zeitweise schwer angesagt, natürlich musste Rahn seinen Freund nicht zweimal fragen.

Viele Jahre lang spielten beide fortan mit Helden vom Schlage Uwe Seeler, Horst Szymaniak oder Horst Eckel auf Provinzplätzen, um es danach an den Provinztheken krachen zu lassen. "Normalerweise war Helmut der freundlichste Mensch der Welt", erinnert sich Pigage, "aber wenn dem einer in die Knochen sprang, wurde er richtig wütend. Dann drehte er auf, verarschte ein paar Gegenspieler und knallte den Ball ins Tor."

Irgendwann machte Rahn dicht

Rahn, sagt sein alter Wegbegleiter, sei ein typischer Ruhrgebietler gewesen: "Lieblich, aber auch kämpferisch, wenn es drauf ankam." Und dann sagt er bei Bier Nummer vier noch etwas Schönes, etwas, das Journalisten manchmal vergessen, wenn sie über Sportler schreiben: "Die Seele gehört doch immer dazu."

Er erzählt von Rahns 50. Geburtstag, als die Weltmeisterelf von '54 zu einem Freundschaftsspiel nach Essen kam. Die Einnahmen wollte Rahn der örtlichen Elisabethkirche spenden. Nach der Partie, im Restaurant, sei der Pfarrer zum Jubilar gekommen: "Hömma, bezahlst du auch das Essen?" - "Eine Unverschämtheit", sagt Pigage, "aber Helmut blieb ganz ruhig. 14 Tage später tauchte der Pfarrer in der Friesenstube auf. Da flippte Helmut völlig aus: 'Du Drecksack willst mich ausnehmen! Ich hau dir wat auf die Fresse!'" Und die Moral von der Geschichte? "Helmut war ein sehr stolzer Mensch. Wenn der sich beleidigt fühlte, hatte man verschissen."

Vielleicht machte sich Volksheld Rahn im letzten Drittel seines Lebens deshalb so rar. Erst hatten sie ihn zum heimlichen Gründervater der Bundesrepublik hochgejazzt, dann machten sie sich lustig über seinen Alkoholkonsum und sein post-fußballerisches Dasein als bescheiden erfolgreicher Unternehmer. Und dann dieses Tor. Wie lange hält es ein Mensch aus, wenn er immer wieder auf diesen einen Moment reduziert wird?

Irgendwann machte Rahn dicht, gab keine Interviews mehr, umgab sich mit seinen Kumpels, und spätestens als sich die ersten Zeichen der schleichenden Demenz bemerkbar machten, mied er auch öffentliche Auftritte. Traurig war das, als sein Sohn den Helmut unterhaken musste, weil der auf dem Weg zum falschen Sportplatz gewesen sei, sagt Horst von Pigage. Er vermisst Rahn bis heute. "Alle sagen das. Der Helmut fehlt. Mal weg von dem Tor: Das war ein tofte Typ." Aber so ist das Leben. Und immerhin kann er jetzt hier sitzen und an seinen Freund erinnern. "Gut tut das." Die Getränke gehen alle auf Horst.

Und das Rezept für das Puskas-Gulasch? Das hat Helmut Rahn mit ins Grab genommen.

insgesamt 2 Beiträge
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Horst Jungsbluth, 17.08.2019
1. Der Boss war immer
Rahn spielte sogar noch in der neugegründeten Bundesliga beim Meidericher SV und wurde gleich zu Anfang im Spiel gegen Hertha BSC vom Platz gestellt. Berichtet wurde auch, dass er nachdem er in einem Spiel gegen RW Oberhausen zu Boden ging, vom gegnerischen Abwehrspieler Kurbjuhn mit den Worten verhöhnt wurde: "Du kannst gar nicht Fußball spielen, sondern nur saufen", worauf er sich aufrappelte und antwortet: "Und du kannst beides nicht".
bhelmke, 21.08.2019
2. Die Seele schreibt mit
Ein warmherziger Artikel, der den Sportler und Menschen würdigt, ohne ihn zu überhöhen oder ihn zu dämonisieren. Die Seele gehört auch beim Schreiben dazu. Kompliment an den Autoren
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