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Fritz Walter: Fußballplatz statt Sibirien

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Fritz Walters Rettung "Du auch Fußballspieler?"

Das Spiel seines Lebens war nicht das WM-Finale 1954, als Kapitän der deutschen Nationalelf beim "Wunder von Bern". Fritz Walter machte es bereits 1945 - als Kriegsgefangener auf dem Weg nach Sibirien.

Im Sommer 1945, als Europa in Trümmern liegt und Nazi-Deutschland besiegt ist, wartet Fritz Walter auf den Abtransport nach Sibirien. In einer besseren Welt würde der 24-Jährige aus Kaiserslautern jetzt in einem großen Stadion mit seinem Talent die Massen begeistern, würde den Ball mit den Füßen streicheln, seine Gegner umspielen. Denn Fritz Walter, einer der besten deutschen Fußballer, war mit 24 Länderspielen auf dem Weg zum Idol einer Generation. Bis diese Generation an die Front geschickt wurde.

Nun weiß der Kriegsgefangene nicht, ob er jemals wieder auf einem Fußballplatz stehen darf. Ob er überleben wird.

Dass er überhaupt noch hier in Rumänien ist, in einem Lager bei Sighetu Marmatiei nahe der Grenze zur Ukraine, und nicht schon in einem der gefürchteten sibirischen Arbeitslager - eine schicksalhafte Fügung. US-Truppen hatten Walter am 8. Mai 1945 in Böhmen aufgegriffen und zusammen mit Luftwaffenkameraden an die Rote Armee ausgeliefert. Er erlitt einen Malariaanfall, musste ins Lazarett, verpasste so den ersten Zug zur Weiterfahrt.

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Fritz Walter: Fußballplatz statt Sibirien

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Niemand weiß, ob Fritz Walter sonst zurückgekehrt wäre aus Sibirien, ob er seinen Verein zweimal zur Deutschen Meisterschaft und die Nationalelf zum historischen WM-Titel 1954 geführt hätte. Aber sein Schicksal ist auf so erstaunliche Weise mit dem Fußball verknüpft, dass er vielleicht einfach zum größten Sportidol seiner Zeit aufsteigen musste.

Nachdem Deutschland den Zweiten Weltkrieg entfesselte, hatte der Sparkassenmitarbeiter sich am 5. Dezember 1940 als Infanterie-Rekrut zu melden. "Na endlich! Auf Sie haben wir schon lange gewartet", beschrieb er in seinem Buch "Spiele, die ich nie vergesse" die Begrüßung durch den Spieß, "im Handumdrehen verwandelte sich der Zivilist Walter in den Soldaten Walter. Wir wurden geschliffen, dass mir die Augen übergingen."

"Fußball! Ich fühlte mich magisch angezogen"

Längst marschierten deutsche Soldaten durch Nachbarstaaten, und doch rollte in diesen ersten Kriegsjahren weiter der Ball. Oft eisten Reichstrainer Sepp Herberger und der 1. FC Kaiserslautern Walter für Spiele los.

Am 1. Mai 1941 musste er seine Heimatstadt verlassen und wurde in ein Ersatzbataillon nach Frankreich versetzt, später nach Sardinien. Aber noch am 22. November 1942, fast eineinhalb Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion, trat die Nationalelf zu einem offiziellen Länderspiel an - das letzte für acht lange Jahre, 5:2 gegen die Slowakei mit Fritz Walter im Kader. Herberger schrieb seinem Schützling Weihnachten 1942 nach Italien: "Halten Sie sich zurück, machen Sie sich selten und sorgen Sie dafür, dass Ihr Name in den nächsten Wochen nicht genannt wird."

Herberger lenkte Walters Geschicke aus der Ferne, hielt seine Hand über ihn. 1943 wurde Infanterist Walter überraschend zur Luftwaffe versetzt. Der fußballbegeisterte Jagdflieger Hermann Graf befehligte ein Geschwader und besorgte sich nach und nach die besten Fußballer. Die "Roten Jäger" wurden zu einer der besten deutschen Militärmannschaften im Zweiten Weltkrieg. Als Soldat kam Walter offenbar deutlich seltener zum Einsatz. Nach eigener Aussage feuerte er bis zu seiner Gefangennahme keinen einzigen Schuss ab.

Im Sommer '45 warten erschöpfte Häftlinge in der glühenden rumänischen Sonne auf die Bahn ins Ungewisse. Bis plötzlich der Ball rollt, wie es Walter in seinem Buch schilderte:

"Die Stunden schlichen dahin. Es wurde Abend. Ich traute meinen Augen nicht, als fünf Mann der Lagerpolizei mit einem Fußball in unmittelbarer Nähe von uns auftauchten. Sie warfen zwei Mützen auf den Boden und fingen an, auf das improvisierte Tor zu schießen. Fußball! Ich fühlte mich magisch angezogen."

Der unterernährte, von Krieg, Malaria und Gefangenschaft gezeichnete Walter stellt sich zu den kickenden Wärtern. Er lässt den Ball über seine schweren Stiefel tanzen und zeigt ein paar Kunststückchen. Die Lagerpolizisten sind fasziniert. "Du auch Fußballspieler?", fragt ein Slowake in gebrochenem Deutsch. Walter bejaht. "Dann spiel mit!"

Nun darf er wieder Fritz Walter sein

Für das Spiel zwischen Lagerpolizei und Lazarett tauscht Walter die Stiefel gegen Turnschuhe und begeistert Gefangene wie Wärter. Er darf wieder Fritz Walter sein - schießt Tore, spielt seine Gegner schwummrig, verteilt wunderschöne Pässe.

"Wer bist du?", wird er nach dem Schlusspfiff gefragt. "Ich bin aus Kaiserslautern", antwortet er, "ich habe schon öfters in der deutschen Nationalmannschaft gespielt." Als die Wärter begreifen, wer vor ihnen steht, befiehlt der Slowake: "Du nicht weg mit Transport. Jetzt komm erst mal essen." Fritz Walter in seiner Autobiografie:

"Wie sollte ich so schnell fassen, dass durch ein Fußballspiel eine so unglaubliche Wendung eingetreten war? Durch ein Fußballspiel, von dem ich heute nicht einmal mehr das Ergebnis weiß!"

Walter verpasst auch den nächsten Zug ins Arbeitslager. Und alle weiteren. Denn für den verantwortlichen sowjetischen Hauptmann Schukow, Fußballfan, ist er ab sofort statt Kriegsgefangener ein berühmter Fußballer, der eine eigene Pritsche und gutes Essen bekommt, damit er die Lagerauswahl in Spielen gegen rumänische Provinzteams zu Siegen führt. Von Fritz Walters früheren Kameraden indes werden nur wenige aus Sibirien zurückkommen.

"Bruder von Fritz Walter ist im Lager"

Damit nicht genug. Acht Tage nach seiner Ankunft im rumänischen Zwischenlager trifft ein neuer Transport ein, unter den Gefangenen sind Soldaten aus Kaiserslautern - auch sein Bruder Ludwig. Vor sechs Monaten haben sie sich zuletzt gesehen. "Vielleicht kann ich was für dich tun", sagt Fritz und führt Ludwig zum in der Schreibstube beschäftigten Torwart seiner Mannschaft:

"Gemeinsam eilten wir zu Hauptmann Schukow. 'Bruder von Fritz Walter ist im Lager', teilten sie ihm mit. 'Auch Fußballspieler?', forschte Schukow prompt. 'Ja!' 'Charascho! Soll bleiben!' Ludwig bekam eine Pritsche neben mir. Es war eine unwahrscheinliche Fügung, und wir redeten die ganze Nacht darüber. Am nächsten Tag schon spielte mein Bruder mit."

Fritz Walters Fußballkunst rettete auch den zwei Jahre jüngeren Ludwig. Als alle Gefangenen endgültig an ihre Bestimmungsorte verfrachtet werden sollen, stellt man Österreichern, Saarländern, Franzosen, Luxemburgern die Entlassung in Aussicht, die Deutschen müssen weiter in die Sowjetunion.

"Kaiserslautern, von wem ist das besetzt?", werden die Walters gefragt. - "Von Franzosen." - "Gut, dann ihr Franzosen." - "Wir schliefen keine Nacht mehr", so Walter, "sollten wir der Tatsache, dass wir Fußballspieler waren, etwa das unwahrscheinliche Glück verdanken, jetzt entlassen zu werden?"

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Herzog, Markwart

Der "Betze" unterm Hakenkreuz. Der 1. FC Kaiserslautern in der Zeit des Nationalsozialismus

Verlag: Verlag Die Werkstatt GmbH
Seitenzahl: 352
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Hauptmann Schukow lässt die beiden Deutschen tatsächlich in den Zug gen Heimat setzen. Bei einem Halt in Bukarest erkrankt Fritz an Ruhr. Aus Angst, seine Tarnung als Franzose könnte im Lazarett auffliegen, schluckt er selbstgemachte Holzkohle und bleibt im Tross. Der Panik, als der Zug zunächst zurück ins Lager nach Rumänien geleitet wird, folgt Erleichterung, als es doch nach Westen weitergeht und das Bruderpaar Kaiserslautern erreicht. "Weil es über Grenzen, über Krieg und Feindschaft hinweg Menschen gab, die den Sport über alles stellten", so Walter, "wurde uns die Freiheit geschenkt."

Fritz-Walter-Wetter in Bern

Noch 37 Mal spielte Walter in der Nationalmannschaft. 1951 und 1953 wurde er mit dem 1. FC Kaiserslautern Deutscher Meister, 1954 brillierte er als unangefochtener Kapitän beim WM-Titel. Zum "Wunder von Bern" lieh der Künstler unter den Malochern sogar den Regengüssen seinen Namen - "Fritz-Walter-Wetter". Das Spiel seines Lebens aber bestritt er schon an jenem Sommertag 1945 im Kriegsgefangenenlager. "Wen wundert es", schrieb er zehn Jahre später, "dass meine Liebe zum Fußballsport dadurch, wenn möglich, noch größer wurde?"

Der "Alte Fritz" wurde 1958, mit schon 37 Jahren, abermals von Ziehvater Sepp Herberger zur WM-Teilnahme überredet. Er führte die deutsche Auswahl um den jungen Uwe Seeler wider Erwarten bis ins höllische Halbfinale gegen Gastgeber Schweden und beendete nach dem verlorenen Spiel um Platz 3 seine Karriere als Nationalspieler, im Jahr später darauf auch beim 1. FC Kaiserslautern. Seinem FCK.

kicker.tv (2010): Fußballstars ehren Fritz Walter

kicker.tv

Was Uwe Seeler für den HSV, was Franz Beckenbauer für die Bayern ist, war Fritz Walter für den FCK. Oder mehr noch. Sie wissen schon, warum sie das Stadion nach ihm benannt haben. 2002 starb er im Alter von 81 Jahren. Kurz zuvor hatte er noch geholfen, Kaiserslautern zum Spielort der WM 2006 zu machen.

Auch Ludwig Walter spielte nach dem Krieg in der Oberliga, der damals höchsten Spielklasse; es blieb allerdings bei zwei Einsätzen. Er starb 1993. Ottmar Walter wurde an der Seite seines Bruders Weltmeister, beendete seine Karriere ebenfalls 1959 und übernahm später eine Tankstelle. Er starb 2013 im Alter von 89 Jahren.

Von den Weltmeistern von 1954 lebt allein noch Horst Eckel. Mit Jahrgang 1932 hatte er das Glück der späten Geburt. Eckel war erst ein Schuljunge, als sein späterer Kapitän in einem Gefangenenlager um sein Leben kickte.