Tierpark Hagenbeck soll »Völkerschauen« aufarbeiten Fußballer Christian Karembeu und der koloniale »Menschenzoo«

Willy Karembeu wurde 1931 in Hamburg als »Kannibale« ausgestellt. Sein Urenkel Christian, Fußballweltmeister von 1998, fordert den Tierpark nun auf, sich seiner Vergangenheit zu stellen.
Ausgestellt: Der Hamburger Geschäftsmann Carl Hagenbeck führte in seinem Zoo neben Tieren auch Menschen vor (undatiertes Foto)

Ausgestellt: Der Hamburger Geschäftsmann Carl Hagenbeck führte in seinem Zoo neben Tieren auch Menschen vor (undatiertes Foto)

Foto: ullstein bild

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Die Hamburger Kulturbehörde drängt den Tierpark Hagenbeck, sich intensiv mit seiner kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen. »Wir haben den Tierpark Hagenbeck ausdrücklich dazu ermutigt und werden dies auch erneut tun«, sagte Sprecher Enno Isermann am Donnerstag dem SPIEGEL.

Hintergrund der mahnenden Worte ist ein Bericht des NDR-Magazins Panorama . Darin hatte der französische Ex-Fußballer Christian Karembeu gefordert, dass der Tierpark offen über die Völkerschauen sprechen solle. Karembeus Urgroßvater Willy, geboren im französischen Überseegebiet Neukaledonien, war in Vorführungen des Tierparks als »Kannibale« ausgestellt worden.

»Fürchterliche Schande«: Christian Karembeu wuchs in Neukaledonien auf. 1998 gewann er an der Seite von Zinédine Zidane die Fußball-WM

»Fürchterliche Schande«: Christian Karembeu wuchs in Neukaledonien auf. 1998 gewann er an der Seite von Zinédine Zidane die Fußball-WM

Foto: Marc Le Chelard / AFP

Unter einem Vorwand 1931 zunächst nach Paris gelockt, wurden Willy Karembeu und 30 andere Kinder, Frauen und Männer vom Volk der Kanak nach Hamburg weitergereicht. Dort mussten sie vor Publikum die damals gängigen Vorurteile bedienen: Keulen schwingen, Zähne fletschen, wüstes Gebrüll ausstoßen. Unter dem Titel »Kanaken der Südsee« gastierte Hagenbecks koloniale Menschenausstellung unter anderem auch auf dem Münchner Oktoberfest.

»Koloniale Vergangenheit aktiv aufarbeiten«

Der NDR wollte im Zuge der Reportage auch ein Treffen zwischen dem Urenkel und den Verantwortlichen des Tierparks arrangieren. Nach Angaben des Senders stimmte die Geschäftsführung einer Zusammenkunft jedoch nur nach langem Zögern und ohne Begleitung von Kameras zu. Zu dieser Zeit sei Karembeu schon in seine Tätigkeit als Sportdirektor beim griechischen Meister Olympiakos Piräus eingespannt gewesen, sodass ein Treffen nicht zustande kam.

Kulturbehörden-Sprecher Isermann wollte den Fall Karembeu nicht im Detail kommentieren. »Es ist dringend notwendig, dass wir uns als Gesellschaft auch unserer kolonialen Vergangenheit bewusst werden, dass wir uns dieser stellen und sie auch mit den Nachkommen der Opfer aktiv aufarbeiten«, sagte er.

Der Tierpark teilte dem SPIEGEL auf Anfrage mit, er beschäftige sich seit »längerer Zeit und umfassend mit seiner historischen Vergangenheit«, unterstützt durch verschiedene Hamburger Museen sowie das Museumsreferat der Bildungsbehörde. »Da dieser fortlaufende Prozess noch nicht abgeschlossen ist, bitten wir um Verständnis, dass wir uns derzeit noch nicht zu diesem Thema abschließend äußern möchten«, heißt es im Statement der Pressestelle. Außerdem habe man die Archive bereits für Forschende wie die Ethnologin Hilke Tode-Arora geöffnet. Erinnert wird an die rassistischen »Völkerschauen« auf dem Tierpark-Gelände jedoch bis heute nicht.

1874 hatte der Hamburger Tierhändler Carl Hagenbeck begonnen, neben Elefanten auch Menschen aus fernen Ländern auszustellen – ein regelrechtes Menschenzoo-Spektakel. Zuerst führte er eine Familie aus Lappland mit ihren Rentieren vor, später zeigte er unter anderem Nubier, Inuit, Massai und Somalier. Mit diesen »Völkerschauen« trat Hagenbeck auch im Ausland auf und feierte etwa in Frankreich große Erfolge.

»Fürchterliche Schande«

Nach Hagenbecks Tod führten seine Söhne die »Völkerschauen«  fort, bis 1931 eine Gruppe um Willy Karembeu aus Neukaledonien in den Tierpark kam. Als sich Menschen aus Kaledonien in einem Brief ans französische Kolonialministerium beschwerten, wurden sie vom Tierpark entlassen. Damit endete die Ausstellung vermeintlich »exotischer« Menschen bei Hagenbeck.

In ihrer Heimat sprachen die Neukaledonier kaum über die Demütigungen in Europa. Diese »fürchterliche Schande« sei in der Familie Karembeu absolut »tabu« gewesen, sagte Urenkel Christian später.

Der Fußballer entdeckte die Geschichte seines Urgroßvaters erst 1998 im Roman »Cannibale« des Autors Didier Daeninckx. In einem Interview mit dem französischen Boulevardmagazin »VSD« machte der Fußballer die »Völkerschauen« wieder einem breiteren Publikum bekannt. Internationale Medien berichteten, auch der SPIEGEL griff die Geschichte auf.

Zuletzt prangerten Aktivisten 2020 im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung die ihrer Ansicht mangelnde Aufarbeitung seitens des Tierparks an. Damals entgegneten die Verantwortlichen noch: »Der Tierpark ist stolz auf seinen Gründer, und das bleibt auch so.« Nun aber, da sich die Hamburger Kulturbehörde eingeschaltet hat, werden sie um eine Neubewertung von Carl Hagenbeck kaum herumkommen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.