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Gast im FDGB-Heim: Die Tische der Anderen

Gast im FDGB-Heim Die Tische der Anderen

Weil es nur wenige Hotels gab, quartierten sich nach der Wende etliche Aufbauhelfer aus dem Westen in DDR-typische Ferienheime ein. Zwei Welten prallten dort aufeinander. Karl Wilhelm Meier erinnert sich an getrennte Speisesäle, ruppige Kellner und Bäder ohne Türen.

Zu DDR-Zeiten herrschten klare Reiseverhältnisse: Ein Großteil der DDR-Bürger verbrachte seinen Urlaub in Heimen des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FDGB) oder in einem Betriebsferienheim. Bezahlt wurde mit sogenannten Ferienschecks, die der FDGB den Familien zuteilte. Die teuren und vergleichsweise luxuriösen Interhotels hingegen blieben Ausländern vorbehalten.

Nach der Wiedervereinigung hatte dieses Zweiklassensystem schnell ausgedient. Die Interhotels waren dem Ansturm der sogenannten Aufbauhelfer aus dem Westen nicht gewachsen. Nur mit etwas Glück ließ sich dort ein Zimmer ergattern. Viele setzten sich daher über die alten Gepflogenheiten hinweg und quartierten sich einfach in FDGB-Heime ein. Tür an Tür wohnten sie mit DDR-Bürgern, die dort 1990 noch Urlaub machten und die letzte Gelegenheit nutzten, ihre Ferienschecks einzulösen. Doch statt sich näher zu kommen, ging man sich konsequent aus dem Weg.

Speiseräume für Ossis und Wessis

Ich war einer von jenen Aufbauhelfern, die Baustoffversorgung Schwerin mein neuer Wirkungskreis. Trotz aller Bemühungen fanden meine Kollegen kein freies Hotelzimmer für mich und brachten mich schließlich im FDGB-Ferienheim "Fritz Reuter" an einem der vielen Schweriner Seen unter. Wie es dort genau aussah, erinnere ich mich nicht mehr, weil ich meist früh morgens im Dunkeln aus dem Haus ging und spät abends zurückkehrte. Eines habe ich aber noch genau vor Augen: Es gab zwei Speiseräume. Einen für die Wessis und einen für die Ossis.

Im Speiseraum für die Wessis hatten sich die Heimbetreiber schnell an deren Bedürfnissen angepasst: Dort gab es zum Abendbrot fertige zumeist warme Gerichte, die auf einer Speisekarte ausgewiesen waren. Ganz anders sah es im Speiseraum für die Urlauber aus. Dort gab es abends nur Brot, Wurst, Käse, Butter. Jede verzehrte Scheibe Brot und jede Scheibe Aufschnitt stellten die Kellner in Rechnung. Das Praktische daran: Die Gäste konnten den Preis für ihr Abendessen auf die Scheibe genau bestimmen. Erstaunlichweise schien sich keiner der Urlauber über die ungleiche Behandlung aufzuregen. Sie schienen es nicht einmal zu bemerken.

Ich fand die fremde Esskultur spannend und gesellte mich deshalb zu den Feriengästen. Alle waren freundlich, aber sehr zurückhaltend. Für sie dürfte das wohl der letzte Urlaub auf Ferienscheck gewesen sein, beklagten sich meine Tischnachbarn. Und ob sie mit ihrer kleinen Rente überhaupt über die Runden kommen würden, sei doch mehr als offen. Nun käme alles, was mit A anfängt: Arbeitslosigkeit und Armut. Im Stillen hoffte ich, dass sie mit dieser pessimistischen Prognose falsch liegen würde.

Tische für Kollektive

Den Kellner irritierte es sichtlich, dass ich die Grenzen zwischen den beiden Reisewelten überschritten hatte. Mehrfach wies er mich darauf hin, dass meine Landsleute ja nebenan speisen würden. Da gäbe es auch eine Speisekarte. Er ließ keinen Zweifel daran, dass er mich als Fremdkörper empfand und loswerden wollte. Erst auf meine provokante Frage, ob der Kontakt immer noch verboten sei, ließ er mich gewähren.

Wenig später reiste ich nach Klink weiter. Wieder kam ich in einem FDGB-Ferienhotel unter, diesmal an der Müritz. Nach dem Einchecken erklärte man mir den Weg zu meinem Zimmer: Bettenhaus A, dritter Stock. Das Gelände war riesig. Etwas verunsichert machte ich mich daher mit dieser wagen Beschreibung auf die Suche und hatte Glück: Gleich am ersten Block, den ich betrat, stand "Bettenhaus A". Langes Herumirren blieb mir also erspart. Das Schönste am Zimmer war der Ausblick auf die Müritz.

Auch in Klink hatte der Speiseraum etwas Eigenes. Hier gab es nicht, wie überall sonst, kleine Vierertische sondern ein paar lange Tafeln, an denen mindestens zwanzig Leute sitzen konnten. Vielleicht sollte hier gleich das ganze Kollektiv eines Betriebes gemeinsam frühstücken. Das blieb mir glücklicherweise erspart. Ich nahm meine Mahlzeiten an diesen riesigen Tischen eigentlich immer allein ein.

Bad mit Einsicht

In Rostock schließlich kam ich im "Haus der Schifffahrt" unter, direkt an der Bahnlinie nach Warnemünde. Vermutlich war das die Unterkunft für die Matrosen, wenn sie einen kurzen Landurlaub hatten. Die Zimmer waren einfach. Ein Badezimmer gab es auf dem Flur. Wie gerne hätte ich geduscht oder mich in der Wanne entspannt. Ich traute mich aber nicht. Denn das Bad hatte keine Tür und war somit für jeden vom Flur her einsehbar. Ein anderer Gast war offensichtlich weniger verklemmt als ich. Als ich zum Essen ging, duschte er und ließ sich weder durch meine Schritte auf dem Flur, noch durch meine irritierten Blicke stören.

In all den Heimen, in denen ich unterkam, waren die Menschen extrem zurückhaltend - was übrigens auch für mich gilt. Man begegnete sich mit einer gewissen Distanz. Man hatte keine gemeinsame Geschichte, vielleicht nicht einmal eine gemeinsame Sprache. Es war ziemlich deutlich zu spüren: Alte und Neue Welt hatten damals nur wenig gemeinsam.

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