Verschollene Fotos von Georg Stefan Troller "Das war mein Paris. Das Paris von gestern"

Zusammen sind sie 191 Jahre alt. Georg Stefan Troller ist ein legendärer Reporter, Filmemacher, Schriftsteller. Josef Königsberg sprach mit ihm über die dunklen Seiten von Paris - und melancholische, lange vergessene Fotos. Ein Ü-90-Interview.

Georg Stefan Troller

Manche Gespräche haben eine wundersame Vorgeschichte. Josef Königsberg entging dank eines mutigen deutschen Helfers Auschwitz und arbeitete nach dem Krieg in Warschau als Radioreporter, bevor er in den Westen floh. Der nun 94-Jährige sprach mit dem fast drei Jahre älteren Publizisten und Filmemacher Georg Stefan Troller, der ebenfalls dem Holocaust entkam. Der Sohn eines jüdischen Pelzhändlers aus Wien floh 1938 nach Paris, dann in die USA und kehrte 1949 nach Paris zurück. Dort fiel er bald als unorthodoxer Journalist auf, der seine etwa 1500 Interviews stets subjektiv führte.

Troller (links) und Königsberg
privat

Troller (links) und Königsberg

Drei Stunden redeten Königsberg und Troller über das nächste Wunder: lange verschollene Paris-Fotos, die Troller in den Fünfzigerjahren gemacht hatte - nun im hohen Alter bringen sie ihm noch einen Ruf als Fotografen ein.

Josef Königsberg: Herr Troller, Sie befinden sich schon im 97. Lebensjahr...

Georg Stefan Troller: Ich werde am 10. Dezember 97. Und fühle mich keinen Tag älter.

Königsberg: Herrn Reich-Ranicki hat man die Frage gestellt, ob er vor dem Sterben Angst habe. Er hat geantwortet, er habe keine Angst, bedauere aber, diese schöne Welt nicht mehr zu sehen. Wie ist das bei Ihnen?

Troller: Keine Angst vor dem Nicht-mehr-Sein, aber Angst vor dem Verschwinden aus dem Leben. Meine Frau ist vor Monaten gestorben, und ich habe das alles mitgemacht.

Königsberg: Das tut mir außerordentlich leid. Herr Troller, Sie sind Schriftsteller, Dichter, Fernseh- und Radioreporter, Moderator, haben etwa 1500 Interviews geführt. Welche Tätigkeit hat Sie am meisten zufriedengestellt?

Troller: Für mich fließt das alles zusammen. Ich habe keine überragende Begabung in irgendeine Richtung. Aber die Verbindung von Kunst, Literatur, Theater, Kino, Fernsehen und guter Konversation hat überhaupt nur eine Berufsmöglichkeit ergeben: Dokumentarfilmer. Etwas anderes hätte ich nie werden können mit irgendeiner Chance, Erfolg zu haben. Die Erfindung des Fernsehens hat auch mich erfunden.

Königsberg: Weniger bekannt ist, dass Sie schon 1944 und 1945, als Sie für die US-Armee gegen die Nazis kämpften, leidenschaftlich gerne fotografierten. Und dabeiblieben, nachdem Sie sich 1949 dauerhaft in Paris niederließen. Diese frühen Paris-Fotos haben Sie 2017 in einem Bildband mit Prosatexten veröffentlicht, "Ein Traum von Paris". Warum erst so spät?

Fotostrecke

23  Bilder
Georg Stefan Troller: "Dieses theatralische Abbruchparis"

Troller: Die Fotos hat kürzlich meine Tochter Fenn in der Wohnung meiner geschiedenen Frau aufgefunden - unter dem Bett, als sie nach ihrer Geburtsurkunde suchte. Da war auf einmal dieser Karton voller Fotos, 60 Jahre alt, die ich längst für verloren gehalten hatte, an die ich gar nicht mehr dachte. Die Prosastücke darin sind ausgewählt aus uralten, vergriffenen Büchern von mir über Paris, die ich zum Teil gar nicht mehr besaß, die meine Töchter aus dem Netz herausfischen mussten. Daraus entstand das Buch.

Königsberg: Warum dieser merkwürdige Titel "Ein Traum von Paris"? Ihre Bilder zeigen heruntergekommene Hinterhöfe, Obdachlose, einen Toten in der Seine - also eher die dunkle Seite von Paris.

Georg Stefan Troller

Troller: Und die Bilder zeigen vor allem Kinder, die diese Quartiere genießen wie einen Abenteuerspielplatz. Sie zeigen längst verschwundene Stadtviertel, die ihre Bewohner liebten. Und uns an Traumlandschaften erinnern, etwas Märchenhaftes haben, auch etwas Bühnenhaftes. Stadtlandschaften, wie es sie nie mehr so geben wird.

Königsberg: Entsprachen diese so lang verschollenen Aufnahmen aus den Fünfzigern Ihrer damaligen Stimmung?

Troller: Das ist richtig. Jeder sucht sich ja sein Paris aus. Das war mein Paris. Das Paris von gestern. Das Paris, das zum Sterben verurteilt war, das abgerissen werden sollte. Und das doch so menschlich war und irgendwie auch wie ein Stummfilmbild. Und so belebt.

Königsberg: Sie beschreiben in einem der Buchtexte den Abriss eines Hauses. Was war daran so ungewöhnlich?

Troller: Er wurde nicht mit der Abrissbirne gemacht, sondern mit einer Kette, die man um das Gebäude legt. Zwei Raupenschlepper zogen dann ruckartig an beiden Enden, schon stürzte das Haus in sich zusammen und war tot. Leblos wie Mondstaub. Das hat mich ganz stark berührt.

Königsberg: Was reizt Sie an solchen Szenen?

Troller: Ich habe es schon damals so formuliert: "Mich fasziniert dieses zum Tod verurteilte Paris der alten Vorstädte, dessen Spuren jetzt so versessen getilgt werden wie Falten bei der Schönheitschirurgie. Fast jedes Wochenende muss ich losziehen, um es wie versessen abzulichten, dieses theatralische Abbruchparis."

Königsberg: Eines der Bilder hebt sich aber ab von diesen spontanen, dokumentarischen Aufnahmen. Es ist das einzige gestellte Bild.

Georg Stefan Troller

Troller: Ja, das war in einem uralten Pariser Hotel, Place Contrescarpe, das inzwischen auch abgerissen ist. Es war von einer jungen Schauspielertruppe bewohnt. Und ich habe acht von ihnen nachts in Szene gesetzt. Der eine porträtierte ein Model, der andere küsste seine Freundin, der dritte spielte auf seiner Trompete, und ganz oben im Dach sitzt ein Autor an der Schreibmaschine. Wir haben Stunden daran gearbeitet, und da die Lichtmaschinen Lärm machen, hat die ganze Place Contrescarpe aus ihren Fenstern mit Kartoffeln oder Möhren nach uns geworfen, damit wir endlich aufhören. Film im Urzustand.

Königsberg: Nicht nur Ihre Fotos zeigen das Paris der Armen, auch Ihre frühen Texte im Buch widmen Sie hauptsächlich den kleinen Leuten. Warum?

Troller: Vielleicht weil ich mich damals so gefühlt habe. Das ist das ureigene Immigrantengefühl. Und auch, wenn man später Erfolge hat, bleibt diese Identifizierung mit den hoffnungslosen Leuten, wie man einmal selbst einer war.

Königsberg: Sie schreiben etwa ausführlich von einer 85-jährigen Künstlerin, der die Obdachlosigkeit droht.

Troller: Wir drehten in einer der vielen Künstlersiedlungen des Montparnasse, die fast alle abgerissen wurden, ohne Ersatz zu schaffen, sodass es heute nur noch ganz wenige billige Künstlersiedlungen in Paris gibt. Die alte Dame war die Schwester des Wiener Schriftstellers Egon Friedell, den ich immer sehr bewundert habe. Sie hat mir ihr Leid geklagt, dass sie jetzt ausziehen muss und keine Ahnung hat, wohin. Sie war Bildhauerin und wusste nicht mal, wo ihre Bildwerke stehen. Sie erzählte von ihrem Bruder, der sich umgebracht hat in der Nazizeit, und dass sie niemanden mehr hat, an den sie sich wenden kann. Ich erkannte mich in dieser Frau wieder. Wie hilflos ich gewesen war, als ich mit 17 Jahren vor den Nazis floh und erstmals in Paris strandete.

Zur Person
  • Horst Galuschka/ imago
    Georg Stefan Troller (geboren am 10. Dezember 1921 in Wien) ist Dokumentarfilmer, Schriftsteller, Regisseur und lebt seit Jahrzehnten in Paris. Seine Foto-Ausstellung "Die Erfindung von Paris" ist noch bis 31. März 2019 im Deutschen Literatur Archiv Marbach zu sehen.

Königsberg: Ein anderer tragischer Fall ist der Algerier Bicot, ein buckliger Erdnussverkäufer. Sie porträtierten ihn.

Troller: Ja, diese Geschichte gefällt mir bis heute. Ein wandernder Erdnusshändler, der von Café zu Café zog. Ich habe ihn später noch einmal in Algerien getroffen und dann wieder in Paris. Was mich berührt hat, 20 Jahre später, nachdem er als Widerstandskämpfer im Algerienkrieg sein Leben riskiert hatte: dass er schließlich wieder als Erdnusshändler in Pariser Cafés endete. In demselben Slum, in dem er vorher gelebt hatte.

Königsberg: Einen Ihrer Sätze habe ich nicht verstanden: "Die Stadt mochte mich nicht."

Troller: Nun, ich kam aus Wien. Wien ist eine gemütliche, eine gemütvolle Stadt, wenn auch mit einem guten Schuss Sadismus. Ich empfand Paris damals als Moloch, als gigantisch, als verstörend. In der Umgebung meines Migrantenhotels, in dem ich wohnte, gab es nichts, was einem freundlich vorgekommen wäre, keine Natur, niemanden, der uns nett begrüßte oder bewillkommnete. Dieses Paris hat mich erschreckt. Ich sprach auch schlecht Französisch. Die Franzosen vergeben einem alles, aber nicht, wenn man schlecht Französisch spricht.

Königsberg: Nach sieben Jahrzehnten in dieser Stadt müsste sich Ihr Verhältnis zu Paris gebessert haben.

Troller: Ja, ich habe gelernt, es zu lieben, vielleicht auch dank meiner Fotos und der so menschlichen Leute darin. Aber Heimat? Man fragt mich immer wieder: "Ist Paris Ihre Heimat geworden?" Darauf kann ich nur antworten: "Eine neue Heimat, das gibt es nicht. Ich bin zufrieden, habe meine Kinder hier, kenne die Viertel, die Straßen, viele Leute. Man kann auskommen mit der Stadt. Man kann sie sogar lieben. Eine Heimat ist etwas anderes. Heimat ist Kindheit."

Königsberg: Worüber freuen Sie sich jetzt noch, nach einem so erfolgreichen Leben?

Troller: Ich habe sozusagen in meinem Alter eine neue Karriere angefangen, nämlich als Fotograf. Diese alten Paris-Fotos schmücken ein Buch, werden in Ausstellungen gezeigt, kommen nächstens sogar in eine große Berliner Auktion, und auf einmal habe ich einen Namen als Fotograf. Das Literatur-Archiv Marbach zeigt noch bis März 2019 eine wunderbare Ausstellung, "Die Erfindung von Paris", mit Paris-Bildern und Texten von deutschen Autoren. Sie haben auch ein paar von meinen Bildern und wollten unbedingt meine Leica zeigen, mit der ich diese Fotos gemacht habe. Diese Leica habe ich im Krieg erobert, von einem deutschen Kriegsgefangenen, sie ist nun Ausstellungsobjekt. Ich bin also jetzt Fotograf. Ist auch schön.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:59 Uhr
Ohne Gewähr

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Georg Stefan Troller
Ein Traum von Paris: Frühe Texte und Fotografien

Verlag:
Corso ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Seiten:
176
Preis:
EUR 19,00

Königsberg: Die "Zeit" hat Sie als Menschenforscher, Menschenversteher, Weltbürger, Jahrhundertmensch bezeichnet. Was trifft zu?

Troller: Ich kann mich nicht an den Text erinnern. Aber ich wollte, ich wäre das alles. Damit wäre ja mein Leben so ziemlich gerechtfertigt.

Königsberg: Herr Troller, ich bedanke mich für dieses Gespräch.

Mitarbeit: Christoph Gunkel

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Werner Schaarmann, 09.12.2018
1. Großartiger Mann.
Sein Pariser Journal wurde in den 70-er Jahren zu unserem Leitfaden in die Stadt. Die Abrißexzesse haben leider so manchen Ort zerstört, an dem man glücklich war.
Peter Schirmann, 09.12.2018
2. Vermisse ihn...
Ich hatte Gelegenheit, ihm ein einziges Mal persönlich zu begegnen, als er in Berlin auf dem Geburtstag eines großen deutschen Filmregisseurs filmte. Als ich ihm meine Bewunderung für das 'Pariser Journal' gestanden hatte, lächelte er und sagte: "Oh, ein Kunde!" Damit machte er deutlich, in welcher Rolle er sich selbst sah. Große Verehrung für diesen aussergewöhnlichen Journalisten.
Wolfgang Hornfeck, 10.12.2018
3. ....
Ich habe als Teenager mal nachts ein paar seiner alten Reportagen bzw. Interviews gesehen und das hat mich nachhaltig beeindruckt. Ein im Grunde einfacher Mensch, aber mit einem Intellekt, einem Sprachgefühl, einer Sprachgewalt, mit Begeisterung und Neugier und einem Schuss Nonkonformismus und Verschrobenheit...ein Mix, der unglaublich grossartig ist und den es leider nur sehr selten gibt. Wenn man in einer Zeit lebt, in dem ein Tweet irgendeines Dorftrottels unglaubliche mediale Aufmerksamkeit findet, vermisst man diese Persönlichkeiten umso schmerzhafter.
Robert Squatter, 13.12.2018
4. Es sieht immer noch so aus
Spazieren sie in Paris durch die Seitenstrassen der rue Oberkampf oder einfach im Quartier Belleville. Da sieht's oft noch genauso aus wie auf den Fotos.
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