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»Summertime«: Von der Opernarie zum Gassenhauer

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»Summertime« – ein Song und seine Geschichte Dänen pfiffen es im Widerstand

Diese Melodie entstand als Opernarie und ist perfekt für den Sommeranfang: »Summertime, and the living is easy...« Das Lied kennen Menschen weltweit, keines wurde öfter interpretiert. In Kopenhagen stand es 1943 für Freiheit.

Für zwei Monate zog George Gershwin 1934 auf die von schwarzen Fischern bewohnte Insel Folly Beach vor Charleston in South Carolina. Der gefeierte Komponist von 30 Musicals und Revuen, von Hitsongs und vom Orchesterwerk »Rhapsody in Blue« arbeitete an einer »Volksoper« mit »Elementen, die es bisher in keiner Oper gab«. Die Anregung hatte er aus dem Roman »Porgy« von DuBose Heyward, wie er selbst ein Sohn russisch-jüdischer Einwanderer.

»Porgy and Bess« erzählt die tragische Geschichte eines Mannes, der nach einem Unfall gelähmt ist und mit einem Ziegenkarren durch die belebte Catfish Row von Charleston zuckelt. Er verliebt sich in Bess, eine Schönheit, die an Carmen aus Bizets Oper erinnert. Das ungleiche Paar lebt glücklich, bis Porgy eines Mordes verdächtigt und eingesperrt wird.

Als er freikommt, ist Bess mit dem zwielichtigen Drogenhändler Sportin' Life verschwunden. Porgy betet, macht sich auf den Weg nach New York und singt im afroamerikanischen Slang »Oh Lawd, I'm on my way«.

Rassismuskontroverse um »Porgy and Bess«

Die Eindrücke aus Folly Beach mit den Rufen der Straßenverkäufer, mit Arbeiter- und Kirchenliedern inspirierten Gershwin zur Darstellung des Alltagslebens einfacher Afroamerikaner. Formal entsprach das Werk mit seinen Arien, Chören und Tänzen der Gattung Oper. »Vom Musical ausgehend«, schreibt der Autor Siegfried Schmidt-Joos, wurde Gershwin »zum Schöpfer einer modernen amerikanischen Volksoper«. Und vor allem sein Lied »Summertime« ging einmal um die ganze Welt.

»Porgy and Bess« wurde im Oktober 1935 am Broadway aufgeführt  – und enttäuschte. Das New Yorker Opernpublikum interessierte sich wenig für ein Werk, das im Getto-Milieu spielt, mit fast ausschließlich afroamerikanischen Sängern und Tänzern. Es hatte Schwarze bis dato vor allem in Minstrels erlebt; in diesen derben Shows machten schwarz geschminkte Weiße (»Blackfacing«) die Afroamerikaner als dümmliche Typen lächerlich.

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Als klischeehaft kritisierten schwarze Intellektuelle aber auch »Porgy and Bess«: Die Hauptfiguren würden Stereotype von Afroamerikanern verkörpern, die in Armut leben, Drogen nehmen und Konflikte mit Gewalt lösen. So lehnte Harry Belafonte eine Rolle bei einer späteren Verfilmung ab, an seiner Stelle spielte Sidney Poitier den Porgy.

Der herausragende Jazzmusiker Duke Ellington äußerte ebenfalls Bedenken, nannte dann aber Gershwin »the greatest« und pries in Superlativen Gesang und Schauspielkunst der schwarzen Darsteller. Tatsächlich begannen die internationalen Karrieren etlicher schwarzer Opernstars, darunter Leontyne Price, mit ihren Engagements bei »Porgy and Bess«.

Von der Opernarie zum Gassenhauer

Zudem half das neue Werk spektakulär der Bürgerrechtsbewegung. Als die Broadway-Produktion auf US-Tournee 1936 in Washington gastieren sollte, weigerten sich die Darsteller, vor dem nach Hautfarben getrennten Publikum aufzutreten. Daher beendete das Theater die Trennung der Besucher – und blieb für die Zukunft dabei.

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»Summertime«: Von der Opernarie zum Gassenhauer

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»Porgy and Bess« fand erst später große Anerkennung, ihre wichtigste Arie sofort: »Summertime«, eine 16-taktige Melodie in a-Moll, die zum Ende in C-Dur mündet und wie ein Leitmotiv in allen drei Akten vorkommt, ging selbst Menschen ins Ohr, die nie im Leben eine Oper besuchen oder auch nur Opernmusik bewusst hören würden.

Sie hörten den Song im Radio; auf Platte brachten es die Jazzdiva Billie Holiday  und der klassische Bassbariton Paul Robeson  heraus. Instrumentalversionen des so schönen wie einfachen Liedes spielten Jazzbands, Tanzkapellen und Caféhaus-Geiger. Die Opernarie »Summertime« wurde ein Gassenhauer, wie die »Moritat von Mackie Messer« aus Brecht/Weills »Dreigroschenoper«.

Ein Blues, ein jüdisches Wiegenlied

Gershwin hatte die Idee dazu schon Jahre vor seiner Arbeit an »Porgy and Bess«. Ihn inspirierte 1926 der Ukrainische Nationalchor mit dem jüdischen Wiegenlied »Ein Traum geht am Fenster vorüber«, ebenso wohl das Spiritual »Sometimes I Feel Like A Motherless Child« .

Elemente des berühmten »St. Louis Blues« hörte der Klarinettist und Sopransaxofonist Sidney Bechet in »Summertime« . Seine Einspielung 1939 gehört zu den historischen Aufnahmen der Jazzgeschichte. Sie erschien als eine der ersten Platten beim Label Blue Note, das die beiden deutschen Emigranten Francis Wolff und Alfred Lion gerade gegründet hatten, und rettete als Verkaufshit das junge Unternehmen. Bechet machte »Summertime« zu seiner Erkennungsmelodie.

Altsaxofonisten wie Charlie Parker , Tenorsaxofonisten wie John Coltrane , Trompeter wie Louis Armstrong  und Miles Davis  oder Pianisten wie Erroll Garner  und Oscar Peterson  – nahezu alle Jazzgrößen haben irgendwann in ihrer Karriere großartige Versionen des unsterblichen Songs aufgenommen. »Summertime« entwickelte sich ab Ende der Dreißigerjahre zum Liebling von Jazzmusikern und vor allem Sängerinnen. So haben Ella Fitzgerald  und Sarah Vaughan  das Lied auf Tourneen und Tonträgern immer wieder variiert.

Freiheitsmelodie im besetzten Dänemark

Zu einer Art Widerstandssong wurde »Summertime« 1943 in Dänemark, das deutsche Truppen drei Jahre zuvor überfallen und besetzt hatten. Das Königlich Dänische Theater in Kopenhagen brachte »Porgy and Bess« am 15. März 1943 erstmals in Europa auf die Bühne. Ein starkes Polizeiaufgebot schützte die Aufführung vor dem Zugriff der Gestapo. Drei Wochen lang lief das Werk des Juden Gershwin über Schwarze in Amerika, im Hassjargon der Nazis: die »jüdische Negeroper mit Urwaldgeschrei«.

Erst nach 22 ausverkauften Vorstellungen konnten sie die Aufführungen stoppen und sollen damit gedroht haben, das Opernhaus zu sprengen. Das einprägsame »Summertime« aber verbreitete sich wie ein Volkslied. Und wenn Nazipropaganda im Radio lief, spielten Widerstandskämpfer per Störsender eine Aufnahme von »It Ain't Necessarily So«, ebenfalls aus »Porgy and Bess«, später in den Achtzigerjahren ein Pophit in der Version von Bronski Beat .

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Die Kopenhagener Darsteller hatten ihre Gesichter dunkel geschminkt. Das hätte Gershwin in diesem speziellen Fall wohl hingenommen, obwohl er ursprünglich verfügt hatte, dass stets Schwarze seine Oper aufführen sollen, außer bei »konzertanten« Shows mit nur einzelnen Stücken daraus. Den verzögerten Erfolg in den USA und in aller Welt erlebte er nicht mehr; am 11. Juli 1937 war Gershwin, mit erst 38 Jahren, an einem Gehirntumor gestorben.

Als »Porgy and Bess«-Gastspiele in Europa begeistert gefeiert wurden, finanzierte das US-Außenministerium in den Fünfzigerjahren Tourneen in den Nahen Osten, nach Afrika und Lateinamerika. So gastierte eine Broadway-Inszenierung im Dezember 1955 in Moskau. Der Autor Truman Capote reiste mit und schrieb in seinem Buch »The Muses Are Heard« über den Auftritt des Ensembles in der Sowjetunion. Wie später der Jazz war Amerikas erste Volksoper im Kalten Krieg eine Waffe im kulturellen Wettkampf der Systeme um Sympathien im Lager des Gegners und in den jungen Staaten der Dritten Welt.

»Meist interpretiertes Lied aller Zeiten«

Heute gehört »Porgy and Bess« weltweit zum Repertoire der Opernhäuser – und Wikipedia führt »Summertime« als das »meist interpretierte Lied aller Zeiten«. Im Juni 2017 registrierte das »Guinness Book of Records« nicht weniger als 82.712 Aufführungen des Songs, davon erschienen 67.591 auf Tonträgern.

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Solche Zahlen kommen zustande, weil das Lied weit über die Jazz- und die klassische Szene hinaus populär ist. So veröffentlichte Perry Como schon 1952 eine Erste von vielen folgenden Popversionen. Die Beatles  nahmen »Summertime« 1960 in ihrer Frühphase in Hamburg für Polydor Records auf. Rock-Ladies wie Janis Joplin  und Inga Rumpf  haben das Lied interpretiert. Norah Jones  singt es und begleitet sich dabei auf dem Klavier, auch für Lana Del Rey wurde es ein Charterfolg.

Vor allem aber covern Freizeitchöre und ambitionierte Amateure rund um den Globus »Summertime«, dann in leichteren Tonarten als im hohen Sopran des Originals. »Summertime« beweist, dass ein Song nicht Hitparaden gewinnen und schlagartig Millionen Platten verkaufen muss, um ein echter Evergreen zu werden.

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