Gerichtsreporterin Gabriele Tergit Die Stenographin des Verbrechens

"Ein Beil lässt auf Wut schliessen, zum Revolver reicht Traurigkeit": Als bekannteste Gerichtsreporterin der Zwanzigerjahre stellte Gabriele Tergit ihre eigenen Theorien auf, warum Menschen zu Mördern werden. Vor ihrer eigenen Ermordung retteten sie zwei Worte.

Jens Brüning

Von Lydia Leipert


Als sie das erste Mal einen der Gerichtssäle in Moabit betrat, war es eine kleine Revolution: Die dunklen Haare zum Dutt gesteckt, in einem langen Rock stand Gabriele Tergit als einzige Frau in dem "Ort der Männer" wie sie das Berliner Kriminalgericht später selbst nannte. Von den hochgezogenen Augenbrauen der Staatsanwälte, Richter und Strafverteidiger ließ sich die kleine, agile Frau nicht einschüchtern, sondern zückte resolut ihren Notizblock. Tergit schrieb in den zwanziger Jahren Gerichtsreportagen für das Berliner Tageblatt, die sie über die Hauptstadt hinaus bekannt machten.

"Der Werkmeister Klembke ist angeklagt, weil er Herrn Hahn mit Steinen beschmissen hat, derart, dass dieser ins Krankenhaus musste." Tergits Bericht "Der gesteinigte Nebenbuhler" von 1927 beschreibt die gewalttätigen Verhältnisse im Berlin der zwanziger Jahre: Ein eifersüchtiger Mann bringt in der Greifswalderstraße im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg seinen Konkurrenten mit Steinwürfen fast um. 50 Mark Geldstrafe beantragt der Herr Staatsanwalt, denn "diese Art sizilianischer Blutrache", sei seiner Meinung nach "in Berlin weder üblich noch zulässig".

Es konnte damals brutal zugehen auf Berlins Straßen: Massenarbeitslosigkeit und wirtschaftliche Unsicherheit als Folgen des Ersten Weltkriegs bestimmten das Leben. Die, die es sich leisten konnten, gingen in die Kinos, Varietés und auf Bälle und erlebten die "Roaring Twenties". Doch die meisten kämpften ums Überleben.

"Verpfuschte" Töchter

"Gabriele Tergit wollte mit ihren Gerichtsreportagen die Alltagssorgen des kleinen Mannes nachzeichnen", sagt Juliane Sucker, die über Tergit promoviert. "Denn für sie war die Gerichtsverhandlung mehr als nur ein juristischer Vorgang. Sie wollte die psychologischen Hintergründe und Motive der Verbrechen beleuchten."

Gabriele Tergits eigentliches Thema waren die Schicksale von Frauen. Häufig standen junge Mädchen wegen Verstoßes gegen den Abtreibungsparagraphen 218 vor Gericht: Wie die junge Schwangere, die ihr Kind abtreiben ließ, weil ihr Freund sich sonst weigerte, sie zu heiraten. Als sie nach der illegalen Abtreibung krank und mit Fieber "für ihr Leben verpfuscht" zu ihren Eltern zurückkehrte, wollte ihr Freund sie nicht mehr. Er hatte sich für eine andere, reiche Frau entschieden. Am Ende wurde das Mädchen auch noch angeklagt und musste ins Gefängnis.

Auch Kuppelei war eine Straftat, derer eine Frau schon bezichtigt werden konnte, wenn sie ihre Tochter nicht genau genug im Auge behielt: Vergnügte sich die Tochter mit Männern, konnte die Mutter vor Gericht landen. Doch egal bei welcher Anklage, Gabriele Tergit versuchte stets, das Handeln der Angeklagten nachvollziehbar zu machen.

Routine in Mord und Totschlag

Gabriele Tergit, 1894 in Berlin geboren, war während ihrer Ausbildung an der "Sozialen Frauenschule" mit Frauenrechtlerinnen in Kontakt gekommen. Danach besuchte sie die Uni, was für ein Mädchen Anfang des 20. Jahrhunderts ziemlich ungewöhnlich war: Universitäten galten damals noch als geschlossene Männerclubs. Doch das hielt Tergit nicht davon ab, sich für das Fach Geschichte einzuschreiben und darin ihren Doktor zu machen.

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Gabriele Tergit: Die einzige Frau im "Ort der Männer"

Eigentlich aber wollte sie schreiben: Theodor Wolff stellte sie nach ihrem Studium als Pauschalistin bei seiner Zeitung "Berliner Tageblatt" an: 500 Mark bekam sie jeden Monat und musste dafür acht Reportagen aus dem Gericht abliefern - für damalige Verhältnis ein Superdeal. In einer Zeit, in der man Autorinnen nur in schöngeistigen Ressorts wie dem Feuilleton oder im Reise-Teil fand, stolzierte sie durch die Verhandlungssäle und beschäftigte sich mit Verbrechen aller Art.

Nach vielen schauerlichen und blutigen Prozessen hatte Gabriele Tergit Routine in Mord und Totschlag. Sie glaubte, ein System im Mord mit der Pistole erkannt zu haben. In ihrer Reportage "Wer schießt aus Liebe?" von 1931 schreibt sie: "Die Frau, die schießt, hasst. Der Mann, der schießt, liebt." Und überhaupt: "Ein Beil oder ein Dolch lassen auf Wut oder Roheit schließen, zum Revolver genügt Traurigkeit." Genau diese literarische Herangehensweise an Gerichtsfälle war es, die ihre Reportagen außergewöhnlich machte.

Abruptes Karriereende

Der besondere Schreibstil machte Gabriele Tergit zu einer Berliner Größe. Sie galt als Pendant zu Paul Schlesinger, dem bekannten Berliner Gerichtsreporter der "Vossischen Zeitung". Berlinerin war sie mit Leib und Seele: Von ihrer Wohnung am Potsdamer Platz hatte sie es nicht weit zum damaligen Zeitungsviertel rund um die Schützenstraße, heute die Gegend um den U-Bahnhof Französische Straße. Und oft sah man sie im "Romanischen Café" am Kurfürstendamm, in den zwanziger Jahren einer der Treffpunkte des intellektuellen Berlins.

Ihre Markenzeichen waren die markante, runde Brille und ihre journalistische Vielseitigkeit. Gabriele Tergit, die mit bürgerlichem Namen Elise Hirschmann hieß, schrieb nicht nur Reportagen, Kurzgeschichten, Berichte und Portraits. 1931 erschien ihr Roman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm", der beim Publikum wie eine Bombe einschlug. Spätestens da schien ihr Ruhm für alle Zeiten gesichert. Aber es kam anders.

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Gabriele Tergit:
Käsebier erobert den Kurfürstendamm

btb Verlag; 400 Seiten; 11,00 Euro.

"Es ist seltsam, dass Gabriele Tergit heute selbst in germanistischen Fachkreisen kaum bekannt ist", sagt Juliane Sucker. "Aber im Gegensatz zu anderen Schriftstellerinnen dieser Zeit wie Irmgard Keun, Vicky Baum oder Marieluise Fleißer hatte sie keine besonderen Förderer. Und nachdem sie im Jahr der Machtergreifung Hitlers ins Exil floh, ist sie in ihrer Heimat in Vergessenheit geraten."

Flucht nach England

Die "glücklichste Zeit ihres Lebens", wie Gabriele Tergit die Jahre in Berlin nannte, endeten mit Beginn der Naziherrschaft. Anfang der dreißiger Jahr begann sich die Frau jüdischer Herkunft immer mehr mit politischen Gerichtsfällen zu beschäftigen. Mit Schlägereien zwischen Kommunisten und Nazis oder Messerstechereien zwischen Pfadfindern und linken Jugendgruppen. Einmal schilderte sie bewegt einen Fall, in dem ein Zeitungsverkäufer ermordet wird, weil er kommunistische Zeitungen feilbot. Die Journalistin kritisiert die immer stärker werdende Verrohung der Gesellschaft und schreibt auch für Carl von Ossietzkys "Weltbühne". So wurde sie zur Feindin der Nationalsozialisten; Goebbels beschimpfte sie im "Angriff", der Gauzeitung der Berliner NSDAP als "miese Jüdin".

1933 stehen prompt Nazi-Schergen vor ihrer Tür. "Am 4. März in der Nacht um drei ungefähr klingelte es Sturm an unserer Wohnungstür und mein Mann rief: Nicht aufmachen! Und diese zwei Worte haben mich gerettet", erinnerte sich Gabriele Tergit in einem Interview 1981.

Tags darauf flieht sie mit ihrem Mann und ihrem vierjährigen Sohn aus Deutschland und landet schließlich in England. Dort stirbt sie 1982 ohne je wieder in den Journalismus zurück zu finden. Zwar bietet sie immer wieder aus dem Ausland Texte an, schreibt Bittbriefe an Marion Gräfin Dönhoff von der "Zeit", doch ohne Erfolg.

Dennoch, ganz hat Berlin die Reporterin nicht vergessen: Eine kleine Straße, die vom Potsdamer Platz zum Landwehrkanal führt, erinnert an die selbstbewusste Journalistin: Die "Gabriele Tergit Promenade".

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