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Wie die Zeit vergeht mit...: Schreibmaschinen

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Mythos Schreibmaschine Klack-Klack-Klack-Klack-Bing!

Sie brachte Nietzsche zur Verzweiflung, machte einen Waffenfabrikanten reich und sorgte 1957 als E-Variante für Furore. Längst ausrangiert, darf die Schreibmaschine auf ein Revival hoffen - dank NSA.

Nur ein einziges "Klack" - und der verhasste Gouverneur von St. Petersburg ist erledigt. Mit einer winzigen Bewegung sprengt sich Jegor von Rasinkara selbst in die Luft. In dem Moment, in dem sein Finger den Großbuchstaben J wie "Jegor" niederdrückt, löst die präparierte Schreibmaschine die tödliche Explosion aus.

So will es der Attentäter und Revoluzzer Lju in Ricarda Huchs Erzählung "Der letzte Sommer" von 1910. Die Schreibmaschine, sie ist in der Fantasie der Schriftstellerin Huch weit mehr als nur ein schnöder, buchstabenspeiender Apparat, sondern eine Mordwaffe. Ein Instrument, das über Leben und Tod entscheidet.

Radikaler hat kaum einer die Bedeutung der Schreibmaschine überhöht - jenes heute so anachronistisch wie harmlos wirkende Gerät, das längst zum Sammlerobjekt mutiert ist: angestaubt wie Paternoster und Kassettenrekorder, Farbfilmkamera und Walkman.

2003 wurde die Schreibmaschine aus dem Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamts gestrichen und damit definitiv aufs Altenteil geschoben. Schluss mit klemmenden Farbbändern, Tipp-Ex-verklebten Fingern, Klack-Klack-Klack-Klack-Ring-Getöse! Dass sie einst das Leben, Denken, Schreiben von Grund auf revolutionierte, ist längst in Vergessenheit geraten. Einer der ersten, der dies erkannte - und dabei schier über seiner Schreibmaschine verzweifelte - war Friedrich Nietzsche.

"Unser Schreibwerkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken"

Der schwer augenkranke Philosoph, der sich selbst als "Siebenachtelblinder" bezeichnete, hoffte darauf, dass das Gerät ihm helfen würde, seine Gedanken zu Papier zu bringen. "Hurra! Die Maschine ist eben in meine Wohnung eingezogen", schrieb er am 11. Februar 1882 voller Euphorie. Als Schreibmaschine diente Nietzsche die "Skrivekugle" des dänischen Pastors Rasmus Malling-Hansen.

Die erste weltweit in Serie hergestellte Schreibmaschine der Welt sah aus wie ein überdimensionierter, eiserner Käseigel, kostete Nietzsche mit 400 Mark das Doppelte seiner Professorenpension - und faszinierte den Philosophen ungemein. "Sie haben recht", schrieb Nietzsche in einem Brief an seinen Freund und Sekretär Heinrich Köselitz, "unser Schreibwerkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken. Wann werde ich es über meine Finger bringen, einen langen Satz zu drucken!"

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Schriftsteller und ihre Maschinen: "Tut gut und regt an"

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Die neue Technologie, prophezeite der Philosoph, beeinflusse fundamental die Art und Weise, wie der Mensch denkt. Allerdings hatte Nietzsche nicht den nötigen Nerv, sich mit der neuen Technik anzufreunden. Lieber beschwerte er sich permanent darüber, wie anfällig seine Schreibkugel war. Sie sei "delicat wie ein kleiner Hund", mache "viel Noth", habe "ihren Knacks weg", meckerte Nietzsche resigniert.

Sechs Wochen, 15 Briefe und 33.610 Anschläge später gab der schnauzbärtige Grübler auf und griff wieder zur Stahlfeder. Etwa zur gleichen Zeit trat die Schreibmaschine jenseits des großen Teichs ihren Siegeszug an: Ab 1874 brachte der US-Waffen- und Nähmaschinenhersteller Remington industriell gefertigte Schreibmaschinen auf den Markt.

"Tut gut und regt an"

Nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs war die Firma auf der Suche nach einem neuen Standbein und biss an, als Schreibmaschinen-Pionier Christopher Latham Sholes bei Remington für seine Innovation warb. Fremdelten die Menschen zunächst mit der neuen Technologie, erfreuten sich die "Typewriter" seit Ende des 19. Jahrhunderts immer größerer Beliebtheit: 1890 verkaufte Remington von seinen "Diskursmaschinengewehren" (so der Medientheoretiker Friedrich Kittler) bereits 65.000 Geräte.

Weltweit hielt die Schreibmaschine Einzug in den Büros - und rüttelte am Geschlechtergefüge: Noch 1870 waren von 154 US-Stenographen und Maschinenschreibern nur ganze sieben weiblich, zehn Jahre später kletterte der Frauenanteil bereits auf 40 Prozent. Und 1930 waren laut Kittler sogar 95,6 Prozent aller Schreibkräfte in den US-Büros weiblich.

Doch nicht nur die "Tippmamsells" hauten lautstark in die Tasten, auch die Dichter und Denker stiegen zunehmend auf die neue Technologie um. Nachdem er seine anfängliche Abneigung überwunden hatte, kaufte sich der Schriftsteller Hermann Hesse 1908 eine "Smith Premier No. 4" und befand: "Der Übergang von der Hacke zum Pflug, von der Feder zur Schreibmaschine tut gut und regt an. Und das Geklapper, das ich so fürchtete, stört mich jetzt gar nicht." Das metallene Hämmern geriet zum inspirierenden Dichter-und-Denker-Sound, Musiker wie Leroy Anderson setzten die Schreibmaschine gar als Musikinstrument ein.

Erika! Monica! Diana!

Kaum ein Intellektueller, der sich im Laufe des 20. Jahrhunderts nicht irgendwie zur Schreibmaschine verhalten hätte: Mäkelte der Philosoph Martin Heidegger im Winter 1942/43 kulturpessimistisch an der Innovation herum ("Die Schreibmaschine entreißt die Schrift dem Wesensbereich der Hand, und d. h. des Wortes...… In der Maschinenschrift sehen alle Menschen gleich aus"), entwickelten andere ein quasi erotisches Verhältnis zu ihren Erikas, Monicas, Dianas.

Johannes Mario Simmel etwa, seiner "Gabriele"-Schreibmaschine bis zum Tod 2009 treu ergeben. Pro Schmöker soll der österreichische Bestseller-Autor ein komplettes Gerät verschlissen haben. Als das Gerücht aufkam, dass Triumph-Adler die Produktion des Modells einstellt, kaufte Simmel 20 "Gabrieles" auf Vorrat. Mechanische, versteht sich.

Dabei gab es längst elektrische Modelle: leiser, weniger kräfteraubend, bequemer in der Handhabe. Während die mechanische Schreibmaschine, wie beim "Typewriter"-Sketch des US-Komikers Jerry Lewis von 1963, zur altmodischen Witzfigur mutierte.

"Alles geht so spielend leicht"

Am 7. Mai 1957 durfte die deutsche Öffentlichkeit auf der Büromaschinen-Fachausstellung in Hannover die erste vollelektrische Schreibmaschine als Serienmodell bestaunen. "Alles geht so spielend leicht und viel, viel flinker": So bewarb etwa die Firma Grundig ihre elektrische Schreibmaschine "Matura Electric".

Die Sekretärinnen atmeten auf, weil sie sich beim Tippen endlich keine Sehnenscheidenentzündung mehr holten. Die Puristen unter den Schreibern jedoch rümpften über die E-Variante ebenso die Nase wie über die PC-Revolution, die - zumindest rein technisch - alle anderen Schreibgeräte überflüssig machte.

"Die Schreibmaschine macht meine Hände stark, vom Computer bekomme ich Schmerzen", sagte US-Autor Paul Auster 2015. Seit mehr als 40 Jahren verfasst er all seine Werke auf einer alten "Olympia" - mit dem Büchlein "Die Geschichte meiner Schreibmaschine" schuf Auster ihr ein literarisches Denkmal. Selbst seinen neuen Roman, den 1000-Seiter "4321", hat der Autor auf der kleinen, einst bei Wilhelmshaven gefertigten Reiseschreibmaschine getippt.

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Doch nicht nur Schriftsteller preisen nach wie vor die Magie des Analogen: 2014 dachte sogar der NSA-Untersuchungsausschuss über den Einsatz der mechanischen Schreibmaschine nach. "Wir müssen natürlich versuchen, unsere interne Kommunikation sicher zu halten", sagte der Ausschutzvorsitzende Patrick Sensburg dem ARD-Morgenmagazin. Zu möglichen Anti-Spionage-Maßnahmen gehörten verschlüsselte E-Mails, Krypto-Handys und "nicht elektronische" Schreibmaschinen. Dies sei kein Scherz, so Sensburg.

Einer, der vorgemacht hat, wie man Kommunikation geheim hält, war Mafioso Bernardo Provenzano. 43 Jahre lang war das einstige Oberhaupt der Cosa Nostra auf der Flucht und regierte über kodierte Zettelchen, sogenannte "biglietti", die er in tote Briefkästen stecken ließ.

Getippt hat der 2016 verstorbene Boss der Bosse seine Mordaufträge von eigener Hand - auf einer sechs Kilo schweren mechanischen "Olivetti Lettera 32".

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