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Geschichte der Vogelmänner: Die Sturzflugakrobaten

Foto: Nic Bothma/ dpa

Geschichte der Vogelmänner Die Sturzflugakrobaten

Sie bastelten sich Flügel aus Holz, Leinen oder Satin - und stürzten sich damit Tausende Meter in die Tiefe: Seit den dreißiger Jahren haben Tüftler und Abenteurer immer wieder versucht, in Vogelkostümen elegant zur Erde zu gleiten. Hunderttausende bejubelten diese "Vogelmänner" - und erlebten ihren Tod oft live mit.

Nein, er hätte jetzt nicht noch einmal springen müssen. Geld hatte er schon genug verdient mit seinen Shows. Doch das Angebot klang zu verlockend: 3500 Dollar für sechs Sprünge während der berühmten Pariser Luftfahrtschau. Und dann dieses begeisterte Publikum, das ihn verehren und feiern würde wie einen Popstar: Ihn, Clem Sohn, 26 Jahre alt, rothaariger Draufgänger aus Michigan, besser bekannt als "Adlermensch", "Batman" oder einfach "Vogelmann".

46.000 Zuschauer waren an diesem 25. April 1937 auf den Flughafen des Pariser Vorortes Vincennes gekommen, um den Flug des Vogelmannes zu bestaunen. Clem Sohn war eine Berühmtheit, seit er zwei Jahre zuvor mit einer abenteuerlichen Konstruktion aus einem Flugzeug gesprungen war: einem Kostüm mit künstlichen Stoffflügeln an Armen und Beinen. Er schwärmte danach von dem wunderbaren Gefühl, "sein eigener Herr" in der Luft zu sein. Und prophezeite, dass irgendwann jeder fähig sei, sich mit Flügeln von Hausdächern zu stürzen.

Wenn er Angst hatte, zeigte er sie nicht: Minuten vor dem Start in Vincennes versicherte der Amerikaner einem Journalisten, er fühle sich in der Luft so wohl "wie Sie sich in der Küche Ihrer Großmutter fühlen würden". Dann stieg er in das Flugzeug. Gebannt verfolgten die Zuschauer, wie der Pilot den Amerikaner auf 3300 Meter Höhe brachte. Fasziniert beobachten sie, wie der Vogelmann absprang, seine Arme mit seinen brandneuen, extrabreiten Flügeln ausbreitete und anfing zu fliegen.

"Wie eine Explosion"

Nach einer Minute schlug im Publikum die Begeisterung in Entsetzen um. Clem Sohn war nun nur noch wenige Hundert Meter vom Boden entfernt. Jetzt müsste er die Reißleine seines Fallschirms ziehen, denn landen konnte der Vogelmann nicht. Doch der Schirm öffnete sich nicht. Auch der Reserveschirm versagte. "Das Schweigen, das über die Menge kam, war das Eindrücklichste, was ich jemals erlebt habe", berichtete ein Augenzeuge dem US-Magazin "Time" später. "Als Clem Sohn aufschlug, klang es wie eine Explosion."

Mit dem dramatischen Unfall endete nicht nur der märchenhafte Aufstieg eines jungen Mannes, der binnen zwei Jahren ein kleines Vermögen angehäuft hatte, vor Zehntausenden aufgetreten war und allein auf einer Englandtournee eine Gage von 40.000 Dollar verdient hatte. Es war vielmehr diese Mischung aus Naivität, Wagemut und Fortschrittsglaube, die viele Menschen um Sohn weinen ließen: Mit dem tödlichen Absturz des Amerikaners starb auch ihr Traum von grenzenloser Freiheit, vom Fliegen ohne Mechanik und Maschinen.

Ein fast archaischer Traum, der nicht zum ersten Mal tragisch endete: Schon der chinesische Kaiser Wen Hsuan Ti experimentierte im sechsten Jahrhundert angeblich mit großen Bambusmatten, die er Gefangenen auf den Rücken schnallen ließ. Er zwang sie, damit von einem hohen Turm zu springen - und merkte schon bald, dass diese Konstruktionen jämmerlich versagten.

Selbstmörderische Experimente

Freiwillig stürzte sich dagegen vier Jahrhunderte später ein Gelehrter aus Turkestan mit Holzflügeln vom Minarett einer Moschee - und starb bei seinem Flugversuch. Etwas mehr Glück hatte zur selben Zeit der englische Benediktinermönch Eilmer von Malmesbury, der mit künstlichen Flügeln vom Turm eines Klosters sprang, gut 200 Meter durch die Luft sauste und sich bei der Landung nur die Beine brach. Auch Leonardo da Vinci arbeitete an Maschinen, die sich an der Flugweise der Vögel orientierten - ob er aber jemals damit abhob, ist umstritten.

So wurde erst das 20. Jahrhundert zum Zeitalter der Vogelmenschen, wie der US-Autor Michael Abrams in seinem Buch "Birdmen, Batmen and Skyflyers" anhand von etlichen Biographien erzählt. Manche riskierten ihr Leben aus purer Abenteuerlust. Andere für die Forschung oder die romantische Idee, als Erdenbewohner die Gesetze der Natur ein wenig auszuhebeln. "Es ist ein wundervolles Machtgefühl, wenn man seine Bewegungen in der Luft ohne mechanische Hilfe kontrollieren kann", erklärte etwa Clem Sohn. Er hoffte deshalb, schon bald ohne seinen ziemlich irdischen Fallschirm abspringen zu können.

Der Grat zwischen Triumph und Tod blieb dabei stets schmal: Trotz spektakulärer Erfolge und atemberaubender Vorstellungen sollten die gewagten Flugversuche Dutzende Tüftler, Träumer und Flugpioniere das Leben kosten. Allein zwischen 1930 und 1961 starben mehr als 70 Vogelmänner. Einige hatten zuvor mehrfach bewiesen, dass sie den freien Fall mit ihren Flügelkonstruktionen tatsächlich verlangsamen und ihre Körper - wenn auch begrenzt - inmitten der reißenden Luftströme lenken konnten. Andere überlebten nicht mal den ersten Flug.

Dabei hatte den traurigen Beweis, dass Gottvertrauen und ein wenig Stoff zwischen Armen und Beinen nicht ausreichten, schon spätestens der österreichische Schneider Franz Reichelt geliefert. Er sprang 1912 aus 60 Metern vom Eiffelturm. Seine selbst genähten Flügel waren komplett nutzlos. Der "fliegende Schneider" fiel den entsetzten Zuschauern wie ein Stein vor die Füße.

Ein folgenreicher Küchenunfall

Als im selben Jahr dem US-Soldaten Albert Berry der erste Fallschirmabsprung aus einem Flugzeug gelang, wurden solch sinnlose und selbstmörderische Experimente endgültig überflüssig. Plötzlich waren Flugversuche in großer Höhe möglich. Selbst bei einem Scheitern schien die Rettung gesichert.

Dennoch blieben grundlegende Fragen: Wie mussten die Flügel konstruiert sein? Steif oder flexibel? Manche Entwürfe taugten nichts, sie bremsten den freien Fall aus großer Höhe kaum ab. Wenn der Springer bei Geschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometern einmal ins Trudeln geriet oder gar das Bewusstsein verlor, endete das Experiment tödlich. Selbst wenn es ihm gelang, die Fallgeschwindigkeit abzubremsen und möglichst horizontal zu gleiten, gab es Unwägbarkeiten. In der rasanten Vorwärtsbewegung öffneten sich die Fallschirme manchmal nicht. Leinen verhedderten sich. Einige Flügelkonstruktionen erlaubten es kaum, die Reißleine zu ziehen.

In den fünfziger Jahren schien Léo Valentin Lösungen für einen Teil der Schwierigkeiten gefunden zu haben. Die Idee dazu kam ihm angeblich bei einem Missgeschick im Haushalt: Zufällig stürzte ein Küchentrichter aus dem Fenster. Fasziniert beobachtete der Franzose, wie der Trichter ohne zu trudeln mit der Spitze voran in die Tiefe sauste.

Valentin, seit Jahren militärischer Ausbilder von Fallschirmspringern und Augenzeuge zahlreicher Unfälle, war wie elektrisiert: Konnte ein Mensch, wenn er sich in eine trichterähnliche Stellung brachte, aus großer Höhe ebenso ruhig zu Boden fallen? Der Franzose probte zunächst vor dem Spiegel, drückte die Brust raus, machte ein Hohlkreuz, streckte Arme und Beine weit nach hinten. Die Verrenkungen vor dem Spiegel sollten auch den Praxistest bestehen: In so einer Stellung konnte ein Mensch kontrollierter zur Erde sausen. Es war die Geburtsstunde der "Position Valentin", die Fallschirmspringer bis heute einnehmen.

Der "neue Clem Sohn"

Jetzt wollte der Franzose diese neue Haltung auch unbedingt mit künstlichen Flügeln ausprobieren. Doch die französische Armee untersagte ihm strikt jegliche Experimente. Fasziniert von seiner Idee kündigte Valentin, immerhin im Rang eines Oberfeldwebels, kurzerhand seinen Dienst bei der Luftwaffe.

Zunächst bereute er seine Entscheidung. Sein erster Sprung im April 1950 endete mit einer herben Enttäuschung: Valentin fiel aus 4500 Metern wie ein nasser Sandsack, bevor er den Fallschirm aktivierte. Er erkannte, dass seine Flügel aus Segeltuch überhaupt "keinen Fortschritt in der Falltechnik" gebracht hatten. Stattdessen habe ihn die Wucht des Windes "fast gevierteilt".

Doch schon bei seinem zweiten Versuch gelang ihm der Durchbruch: Der Franzose konnte seine erprobte Position stabilisieren und die Geschwindigkeit des freien Falls von 200 auf 150 Stundenkilometer abbremsen. Seine Anhänger feierten ihn schon auf Plakaten als "neuen Clem Sohn". Und er wurde sogar besser als Sohn: 1954 gelang es Valentin, mit Holzflügeln mehr als fünf Kilometer durch die Luft zu gleiten, bevor er den Fallschirm auslöste. Noch nie war ein Mensch so elegant zur Erde geflogen. Die französische Presse hatte einen neuen Volkshelden, den sie auf ihre Titelseiten hievte.

Der Ruhm währte nur zwei Jahre. Dann verunglückte Léo Valentin während einer Flugschau - genau wie zwei Jahrzehnte vor ihm Clem Sohn. Vermutlich war der Franzose nach dem Absprung mit einem seiner Holzflügel an das Leitwerk seines Flugzeuges geraten. Der Flügel zersplitterte, der Fallschirm versagte.

Für kurze Zeit herrschte erneut Stille und Entsetzen. Dann machten sich Valentins Nachfolger und Bewunderer auf, die Technik erneut zu verbessern und die Sicherheit zu erhöhen. Heute können die Vogelmänner in ihren im Windkanal erprobten High-Tech-Anzügen vielleicht einige Minuten fliegen wie ein Vogel. Landen können sie jedoch immer noch nicht.

Zum Weiterlesen:

Michael Abrams: Birdmen, Batmen, and Skyflyers: Wingsuits and the Pioneers Who Flew in Them, Fell in Them, and Perfected Them, Three Rivers Press 2006.