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Tischfußball: Der Dreh mit dem Kick

Foto: Horst Galuschka / IMAGO

Geschichte des Tischfußballs Woher kam der Klickerklicker-Kicker?

Fußball von der Stange – unbedingt! In Kneipen, Start-ups oder bei Turnieren sorgen Kickertische für Spielspaß im Miniformat. Aber wer hat's erfunden?

Die Anfänge von Fußball, der beliebtesten Sportart der Welt, sind recht einfach zu benennen: Auch wenn Maya-Mannschaften schon vor eineinhalb Jahrtausenden mit einem schweren Kautschukball herumtraten, begann der Fußballsiegeszug wohl anno 1855. Als Kricketspieler sich langweilten.

Beim Kricketclub im englischen Manchester ließen sie gelegentlich die Schläger stehen und kickten herum, zunächst aus Jux und ohne Regeln. Großer Vorteil: Mit dem Fuß war mit dem Ball auch noch zu spielen, wenn Regen kein ordentliches Kricketspiel mehr erlaubte. So konnte man die Winterlücke beim Sommerspiel überbrücken und in Form bleiben. Am 24. Oktober 1857 gründeten Kricketspieler den FC Sheffield, den ältesten noch heute aktiven Fußballverein der Welt.

Das war also der Beginn des modernen Fußballs. Was aber ist mit »Foosball«? So heißt in den USA das Spiel mit einem winzigen Ball und an Stangen montierten Fußballspielerfiguren mit Drehgriffen. In Ungarn sagt man »csocso«, in Israel »cadureguel-schulchan«, in Frankreich »baby foot«, in der Schweiz »Töggeli«. Und in Deutschland »Kickern« oder Tischfußball, seit 2010 offiziell als Sport anerkannt. Man spielt es im Einzel oder im Doppel, in Kneipen, Jugendzentren oder als Pausenvergnügen in Firmen, auf Turnieren oder im Ligabetrieb.

Auch die Ursprünge dieses Sports reichen weit zurück – nur liegen sie nicht ganz klar. Einer Überlieferung zufolge hat ein Brite den Tischfußball erfunden, nach einer anderen war’s ein Franzose. Ein bisschen auch ein Deutscher. Aber eigentlich doch ein spanischer Dichter.

Kickern mit Che Guevara

Der kleine Alexandre Campos Ramirez wuchs in den Zwanzigerjahren als Sohn eines Telegrafisten auf, am Kap Finisterre im Nordwesten Spaniens. Zunächst schrieb er Gedichte, brachte schon mit 17 ein eigenes Literaturmagazin heraus und verkaufte es auf den Straßen Madrids. 1936, Spanien war im Bürgerkrieg, wurde der junge Alexandre bei einem Bombenangriff unter Trümmern verschüttet. Er überlebte, konnte aber wegen einer Beinverletzung nicht mehr richtig gehen, schon gar nicht Fußball spielen.

Alejandro Finisterre, so sein dichterisches Pseudonym, kam auf eine Idee: »Da ich Tischtennis mochte, dachte ich: Warum nicht Tischfußball erfinden?« Er ließ einen Tischler einen ersten Spieltisch mit drehbaren Figuren an Stangen anfertigen und sein »fútbolin«-Spiel angeblich sogar 1937 patentieren.

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Tischfußball: Der Dreh mit dem Kick

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Unterlagen dazu fehlen allerdings, sie sollen verloren gegangen sein, als Finisterre nach dem Putsch des faschistischen Generals Franco nach Frankreich floh. Während er unter anderem in Ecuador, Guatemala und den USA lebte, soll er dem Bau von Kickertischen treu geblieben und in seinen Weltenbummler-Jahren sogar gegen den marxistischen Revolutionär Che Guevara angetreten sein, schrieb der britische »Guardian« 2007 in einem Nachruf .

Der große Durchbruch mit seiner Erfindung gelang Finisterre weder in Süd- noch in Nordamerika. Schließlich stieg er aus dem Geschäft mit Fußballtischen aus und widmete sich erneut der Lyrik – mit einem eigenen Buchverlag.

Trikolore zum Durchdrehen

Doch wie das US-amerikanische »Smithsonian Magazine« berichtete , entwickelte der Dichter nicht als Einziger die Idee mit dem Miniaturfußball auf einer Tischplatte. Und vielleicht nicht als Erster. Denn Ende der Dreißigerjahre arbeitete daran wohl auch ein französischer Erfinder: Lucien Rosengart hatte bereits mehrere Patente angemeldet, etwa für den Anschnallgurt, einige Fahrrad- und Eisenbahnbauteile und sogar für eine militärische Rakete. Zudem hatte er mit Citroën zusammengearbeitet, brachte eine eigene Automarke auf den Markt und produzierte den »Rosengart LR2«.

Vom Fahrzeugbau zum Tischfußball fand der umtriebige Ingenieur vor allem wegen seiner Enkel. Zum Zeitvertreib, wenn sie im Winter nicht draußen spielen konnten, konstruierte er laut »Smithsonian Magazine« einen Spieltisch, auf dem man Fußballerfiguren mit Stangen bewegte, um einen Ball ins gegnerische Tor zu schießen. Bei seinem »Babyfoot«-Modell waren die Spielstangen allerdings, anders als heute, an den Kopfenden des Tisches, nicht an der Seite.

Vom Spielzimmer der Rosengart-Enkel aus sollen sich die Tische auch in Frankreichs Cafés ausgebreitet haben und aus Patriotismus blau, weiß, rot eingefärbt worden sein. War also Tischfußball ein französisches Spiel? Nach Recherchen des britischen Autors Tim Baber war kein Patent unter Rosengarts Namen für einen Kicker zu finden.

Knallige Erfindung

Ohnehin tauchte offenbar schon einige Jahre zuvor ein anderer Entwurf auf – in Deutschland: 1934 brachte ein findiger Berliner Unternehmer namens Fritz Möhring das Spiel »Knall den Ball« auf den Markt. Es sah den heutigen Kickertischen bereits zum Verwechseln ähnlich, inklusive Münzeinwurf.

»Das ganz große Geschäft«, so umwarb Möhring in Anzeigen Kneipiers, seine Tische in Schankräumen aufzustellen: »Immer Gäste – immer Geld«.

Dass aus »Knall den Ball« der heute übliche Name »Kicker« entstand, so rekonstruierten es Jens Kesting und Ralf Plaschke 2009 in ihrem Buch »Kickern & Tischfußball«, lag an einem Hersteller, der auf Möhring folgte: Die in Genf beheimatete Firma Kicker verbreitete das Spiel auch in der Schweiz und Belgien. Möglicherweise gab es zuvor noch einen anderen Erfinder um oder vor 1930; hier und da wird ein Deutscher mit dem ungewöhnlichen Namen Broto Wachter genannt, die Hinweise bleiben allerdings vage.

Foosball's Coming Home

Nachgewiesen ist dagegen ein Patent in Großbritannien: Harold Thornton meldete es in London mit der Nummer 205991, sein Kickertisch entsprach weitgehend heutigen Modellen – und zwar schon 1922, vor genau 100 Jahren. Sein Onkel Louis Thornton lebte in Portland (Oregon) und war so begeistert, dass er dafür 1927 auch in den USA ein Patent einreichte. Es erlosch jedoch, ohne dass sich der Tischfußball dort durchsetzen konnte.

Eine schöne Idee muss immer die richtige Zeit finden. Die kam Jahrzehnte später, als Lawrence Patterson den Kicker aus Deutschland mitbrachte. Als US-Soldat lernte er das damals in Europa bereits beliebte Kickern kennen und führte den ersten Tisch Anfang der Sechzigerjahre in die Vereinigten Staaten ein. Fortan vermarktete Patterson das Spiel mit Anzeigen in »Life« oder dem »Wall Street Journal« erfolgreich dort und in Kanada – unter dem Markentitel »Foosball Match«.

Wer war es also, der den Ball in Rollen brachte: der Brite Thornton oder der Franzose Rosengart? Der Berliner Möhring, das Phantom Broto Wachter oder doch der kickernde Dichter Finisterre? Die Kicker-Gemeinde ist da uneins. Aber am Ende zählt, wie viel Spaß das Spiel macht. In den goldenen Worten der Dortmunder Fußballlegende Adi Preißler: »Entscheidend is' auf’m Platz.«

Und die Zwergenvariante hat gegenüber dem großen Stadionspektakel so viele Vorzüge: niemals Transfertheater, die Spieler sind alle von der Stange und aus dem gleichen Holz. Wenn man ihnen einen Ruck gibt, geht es rasant zur Sache – ohne Genörgel beim Schiedsrichter, keine Schwalben, keine Rudelbildung, kein Warten auf den Videobeweis. Ein Tor ist ein Tor, und niemand debattiert über Dreier- und Viererketten oder »falsche Neuner«. Elegante Tricks gibt es trotzdem zu sehen, wie in diesem Filmausschnitt aus »Absolute Giganten« von 1999: »Torwarttore zählen doppelt!« 

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