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Urlaub in der guten alten Zeit

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Warum wir reisen Ist Urlaub nur noch Pflichtübung?

Die Tourismusgeschichte ist kurz - der Historiker Valentin Groebner zieht in der Coronakrise nun eine Art Bilanz. Im Interview erklärt er, warum es Menschen früher in die Ferne zog - und ob das Reisen Zukunft hat.
Ein Interview von Johannes Saltzwedel

SPIEGEL: Herr Professor Groebner, die Urlaubszeit hat begonnen - aber dieses Jahr ist vieles anders. Wer eine Auslandsreise gebucht hat, bangt, ob und wie er sie antreten kann. Zum Vergnügen und zur Erholung fortzureisen, gilt ja heute als lebenswert. Seit wann ist das überhaupt so?

Groebner: Seit der Industrialisierung. Dass normale Industriearbeiter und Angestellte überhaupt in Urlaub fahren können, ist maximal 70 Jahre alt, der Tourismus als Phänomen der bürgerlichen Schichten 150 Jahre. Vorher konnte sich kaum jemand so etwas leisten; die Transport- und Aufenthaltskosten waren gemessen am verfügbaren Lohneinkommen viel zu hoch. Dass wir selbstverständlich und häufig reisen, beruht also nicht auf Freiheitsdrang, sondern auf dem Massenwohlstand nach dem Zweiten Weltkrieg.

SPIEGEL: Aber es gab doch auch antike Römer, die die Pyramiden sehen wollten, und später Gentlemen, die auf "Grand Tour" gingen?

Groebner: Schon, aber das waren immer nur sehr, sehr wenige aus der obersten Oberschicht. Als Michel de Montaigne 1580 nach Italien reiste, kannte er die paar Landsleute, die er dort traf, vom französischen Hof.

SPIEGEL: Reisen ist also ein sehr junges Luxusphänomen?

Groebner: So einen abwertenden Ausdruck mag ich nicht verwenden. 2019 verreisten 1,5 Milliarden Menschen - die höchste je ermittelte Zahl. Die tun doch nicht alle etwas völlig Überflüssiges. Umgekehrt: Wir erleben jetzt die temporäre Rückkehr zu Kontroll- und Grenzregimes, wie sie in den Zwanziger- oder Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts bestanden, und wir sind durcheinander: Plötzlich kehren Beschränkung und Nationalstaatlichkeit wieder, die vorher, in der angeblich guten alten Zeit, das Reisen für die allermeisten zu einer mühsamen, langwierigen Sache machten.

SPIEGEL: In der guten alten Zeit gab es Reiseführer, die einem die besuchte Gegend gerade auch geschichtlich erklärten. Natur suchten nur wenige, oder?

Groebner: Das stimmt. Vor dem 19. Jahrhundert wollte niemand an den Strand.

SPIEGEL: Es ging wohl vor allem darum, Land und Leute kulturell zu verstehen?

Groebner: Ja, speziell die Überreste der großen Vergangenheit. Den ältesten Reiseführer für Rom, die "Mirabilia Urbis Romae", hat ein Engländer im 12. Jahrhundert geschrieben.

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SPIEGEL: War das Werk nicht hauptsächlich ein Pilgerführer?

Groebner: Es stehen auch erstaunlich unfromme Sache darin. Zum Beispiel wird eine nackte marmorne Venusstatue beschrieben, ganz klar ein heidnisches Werk. Die Antike galt als Superzivilisation, als vollkommeneres Gegenzeitalter. Man bestaunte die Überreste dieser imaginierten Wunderkammer der Vergangenheit. Vermittelt wurde das Image durch wilde, bunte Geschichten. Weitverbreitet waren seit dem 14. Jahrhundert die sogenannten Gesta Romanorum, "Taten der Römer", voll von Verrat, Mord und Totschlag in vielen moralisch beispielhaften, fesselnden Geschichten. Gebildete hatten ohnehin ihr Latein an den Dichtungen und Historienwerken der alten Römer gelernt.

SPIEGEL: Suchte man bewusst die Schauplätze großer Staatsaktionen, Schlachten und Heldentaten auf?

Groebner: Manche taten das. Anderen war es egal, die wollten eher zu den Prostituierten von Venedig, von denen es für Touristen ab dem 16. Jahrhundert gedruckte Kataloge gab. Die meisten Reiseführer boten ein möglichst breites Spektrum an Themen, auch weil sich so rechtfertigen ließ, warum die teure Reise unternommen worden war. Weltkenntnis vorweisen zu können, das half bei der Karriere. Manche schrieben dann in ihren eigenen Reiseberichten einfach ab, was im Führer stand, um Eindruck zu machen.

SPIEGEL: Der Tourist vor 1800 fuhr also an Orte, von denen er schon aus der Lektüre wusste - um sie kulturell als Eigenes zu erfahren?

Groebner: Meistens ja. Ausnahmen bilden nur Reisen in die Natur: In Badeorte, zu Thermalquellen, die gab es schon sehr früh; und dann in die wilden, romantisch überhöhten Alpen, etwa seit 1770.

SPIEGEL: Wollte man als Reisender in Geschichte eintauchen?

Groebner: Das wollten zumindest manche. Als Johann Gottfried Seume, ein unbegüterter Bildungsbürger mit soldatischer Erfahrung, 1802 zu Fuß von Grimma nach Syrakus wanderte, hatte er seine antiken Klassiker dabei. Trotzdem war er enttäuscht, wie wenig man sah. Aus diesem Bedürfnis sind im 19. Jahrhundert die historischen Denkmäler entstanden: Man rehistorisierte Europa ganz bewusst - und förderte damit wiederum weiteren Geschichtstourismus.

SPIEGEL: Denkmäler großer Schlachten wie das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald oder das Niederwalddenkmal mit seiner Germania dienten ja offensichtlich dem erstarkenden Nationalismus. Gab es Vorbilder solcher bürgerlichen Ausflugsstätten?

Groebner: Seit etwa 1500 errichtete man in Italien, Frankreich und der Schweiz Schlachtenkapellen. Fast immer stammen sie von den Siegern. Aber dort gedachte man lokal der Toten, es waren kaum echte Reiseziele. Verlorene Schlachten vergaß man natürlich am liebsten ganz. Siege dagegen - besonders die über das Osmanische Reich - wurden monumentalisiert und ausgestaltet.

SPIEGEL: All das klingt, als sei echte, ungefilterte Neugier an der Vergangenheit damals wie heute die völlige Ausnahme. Oder halten Sie sie sogar für unmöglich?

Groebner: Es wird immer die Art von Vergangenheit rekonstruiert, ausgestellt und gefeiert, die man selbst gerade haben will. Die Vergangenheit, die politisch-touristisch genutzt wird, ist eine Icherzählung, eine Art ferner Spiegel, in dem man sich selbst betrachtet. Andererseits: Neugier und die Lust in bestimmten Lebensphasen, unterwegs zu sein, scheint mir eine menschliche Grundeigenschaft zu sein. In der Vormoderne konnten sich nur sehr wenige diesen "Urlaub" wirklich leisten. Urlaub ist ja ein sehr altes Wort, es bedeutet: Entlassung aus der Pflicht.

SPIEGEL: Genau um diese Entpflichtung - samt der Befreiung vom verordneten Hausarrest - geht es heute ja vielen. Man träumt schlicht davon, sich auf einer Strandliege zu aalen…

Groebner: Das ist auch merkwürdig. Der SPIEGEL hat vor anderthalb Jahren eine Titelgeschichte herausgebracht: Wie der Tourist zerstört, was er liebt. Wollen wir zum "Overtourism" zurück? Ist der die gute alte Zeit? Doch wohl kaum. Der Urlaub war längst ein Konsumritual, keine Entlassung aus der Pflicht, sondern bloß eine andere Art Pflicht. Besonders seltsam finde ich Kreuzfahrtschiffe, wo enorme Disziplin nötig ist - "Vergnügungskasernen" hätte der Kulturphilosoph Siegfried Kracauer das genannt. Vielleicht sollten wir die jetzige Krise nutzen, freier über eine Entlassung aus der Entlassung aus der Pflicht nachdenken.

SPIEGEL: Was meinen Sie? Zum Beispiel: In der freien Zeit wieder Museen vor Ort entdecken?

Groebner: Wollen wir's hoffen, dass das eintritt - vergessen Sie aber nicht: Nach den letzten zuverlässigen Zahlen hatten die deutschen Museen mehr Besucher als alle Bundesligaspiele zusammen. Nein, ich meine etwas Einfacheres: Tourismus, der dem guten Leben dienen soll, ist das Gegenteil von Erwerbstätigkeit; so ist er entstanden. Neue Formen könnten noch mehr auf Informelles und auf Nichtstun setzen, also von der vermeintlichen Bildungspflicht entlasten.

SPIEGEL: Raten Sie zum Meditationsurlaub?

Groebner: (lacht) Das Tolle an der Branche ist ja: Sie verspricht den Kundinnen und Kunden ununterbrochen Rettung vor der Branche selbst. Aber das kann die Autoindustrie auch. Es sind einfach reife Dienstleistungsindustrien, die komplette künstliche Welten anbieten - und nun in einer nächsten Drehung auch noch das Entkommen aus diesen von ihnen hergestellten Welten vermarkten.

SPIEGEL: Beim popkulturellen Geschichtsmarkt sind noch keine Fluchtangebote erkennbar; da reicht das Sortiment von der Archäologie-App bis zum Kreuzfahrer-Game, vom Nachstellen mittelalterlicher Schlachten bis zur Fernsehserie. Beunruhigt Sie als Wissenschaftler dieser virtuelle Vergangenheitstourismus?

Groebner: Nein. Entstanden sind all diese Phänomene wie der Tourismus selbst im 19. Jahrhundert. Erst die Industrialisierung machte das herbe Mittelalter zum Ursprung des Eigenen, zur verlockenden, pittoresken Gegenwelt. Seit damals verkleiden sich Bürger als Ritter und führen Historiendramen auf - gern am Originalschauplatz. Literarische Reinszenierungen, zuerst auf der Opernbühne, dem Massenmedium jener Zeit, werden heute von neuen technischen Spielzeugen ersetzt. Der Denkmodus, die Suche nach romantischer Ursprünglichkeit und Intensität, ist gleich geblieben.

SPIEGEL: Hat sich Ihr eigenes Fernweh und Ihre Neugier auf Historie beim Nachdenken über diese Phänomene gewandelt?

Groebner: Ja. Ich habe gerade ein Buch fertig mit dem Titel "Ferienmüde". Darin gibt es zum Beispiel ein Kapitel über den tropischen Strand: Was suchen wir da eigentlich? Oder: In einer pittoresken Altstadt mit Geranien vor den Fenstern wie Salzburg oder Konstanz, was sehen wir da eigentlich? Was findet der Tourist am Ziel seiner Sehnsucht? So oft man kritisch darüber nachgedacht hat - bisher führte das alles bloß zu noch mehr Tourismusangeboten. Jetzt aber zeigen sich doch deutlich Grenzen des Wachstums. Vielleicht erleben wir gerade das Ende der "Endless Vacation". Warten wir's ab.