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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Neues von gestern – der Geschichte-Newsletter Das Rätsel der Karte aus Kuba

Ein Berliner entdeckte eine Postkarte von 1938 und ließ nicht locker, bis er Kontakt zur Familie eines Holocaust-Überlebenden fand. Wie die Macht des Zufalls zwei Leben verknotete – das und mehr im Newsletter.

Liebe Leserin, lieber Leser,

manchmal sind es kleine Zufälle, die überraschend eine Tür zu großen historischen Ereignissen öffnen. Nachdem eine Berlinerin 1987 ein Buch auf einer Mülltonne fand, entdeckte ihr Sohn Will-Fred Bolle darin eine Postkarte aus Havanna. Abgeschickt hatte sie 1938 ein junger Mann an seine jüdischen Eltern, mit guten Wünschen zum Chanukka-Fest. Bolle setzte sich in den Kopf, die Karte zurückzugeben. Er suchte nach der Familie Laskau – und fand erst nach mehr als einem Jahrzehnt eine Spur zum Absender Henry Laskau, der später in den USA lebte und ein herausragender Geher war.

Seinem Bruder Benno Laskau dagegen gelang es damals nicht, Nazideutschland per Schiff zu entkommen: Die Passagiere der »St. Louis« durften kurz vor Kriegsbeginn weder in Kuba noch in den USA an Land und musste nach einer langen Irrfahrt zurück nach Europa, wo viele der 937 jüdischen Flüchtlinge im Holocaust starben. Die beiden Brüder sahen sich nie wieder.

Blütenpracht auf Kuba: Diese Postkarte aus Havanna fand Will-Fred Bolle in einem alten Buch

Blütenpracht auf Kuba: Diese Postkarte aus Havanna fand Will-Fred Bolle in einem alten Buch

Will-Fred Bolle wandte sich an den SPIEGEL und erzählte, wie sich sein Leben mit dem von Henry Laskau verknotete. »Dass er so lange nicht locker ließ, ist außergewöhnlich«, sagt Redakteur Hannes Schrader, der auch mit Laskaus Sohn in den USA sprach. Ob er seine am Ende erfolgreiche Suche nach der Familie für bedeutend halte, fragte Hannes den Finder der Postkarte. »Nö. Für die Weltgeschichte nicht«, antwortete Bolle bedächtig. »Fürs menschliche Zusammensein: ja.« Man habe doch eine Verantwortung füreinander. Er habe »ein Staubkörnchen der Geschichte« anheben können, »mehr ist es ja nicht«. Den ganzen Artikel lesen Sie hier .

Ebenfalls mit Familiengeschichten aus Kriegszeiten befasst sich gerade unser Kollege Hauke Goos – er spricht mit Kriegskindern und -enkeln über Alltagsgegenstände, die viele Jahrzehnte überdauert haben. In der ersten Folge seiner neuen Serie ist es ein Teddy : Die Besitzerin Renate Bienzeisler bekam ihn 1945 als Kind auf der Flucht aus Schlesien geschenkt; später wurden die beiden getrennt, fanden aber wieder zusammen.

In der nächsten Folge wird es am kommenden Wochenende um eine Sporthose und eine Trillerpfeife gehen: das einzige, was einem Mann aus dem Südharz von seinem Vater blieb, den er nie kennenlernen konnte. Wenn Sie uns auch Ihre Geschichte zu einem Familienstück erzählen möchten, dann mailen Sie bitte an erinnerungsstuecke@spiegel.de .

Wie Traumata aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute in Familien nachhallen, damit beschäftigen wir uns in der aktuellen Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE über Kriegsgefangenschaft. Was nicht sehr bekannt ist: Nicht selten wurden festgenommene deutsche Wehrmachtsoldaten belauscht. Redakteur Jan Friedmann schildert, wie sie 1945 im Geheimlager Fort Hunt einander berichteten, was sie an der Front erlebt hatten – und wie viel sie vom Massenmord an den europäischen Juden wussten. Der US-Nachrichtendienst hörte heimlich mit .

Der nächste Geschichte-Newsletter fliegt Ihnen in zwei Wochen zu; bestellen können Sie ihn hier . Themenvorschläge, Lob oder Kritik sind uns immer willkommen – mailen Sie einfach an spiegelgeschichte@spiegel.de .

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