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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Neues von gestern – der Geschichte-Newsletter Das Phantom der Politik

Das Wort hat der Abgeordnete Mierscheid ... nicht. Wie eine Kunstfigur in den Bundestag geriet und wer dem Wind seinen Namen gab – das und mehr im Newsletter.

Liebe Leserin, lieber Leser,

bei einem Nachrichtenmagazin geben News den Takt vor, sobald ein Diktator ein Nachbarland überfällt, eine Pandemie der Welt den Atem nimmt oder ein entfesselter US-Präsident die Festigkeit der Demokratie testet. Dazu braucht es Erklärungen und Einordnung; im Geschichte-Ressort recherchieren wir historische Hintergründe und schildern die Zusammenhänge zu aktuellen Ereignissen.

Zugleich haben wir stets offene Augen für Kuriosa aus den vergangenen Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Oft sind es gerade abseitige Episoden, die viel darüber verraten, wie eine Gesellschaft, ihre Politik und Kultur tickten. Daraus werden mal große, mal kleine Geschichten aus der Geschichte.

Solche Fundstücke versammeln wir jetzt in einer neuen Reihe. Für »Schräge Geschichte«, so der Titel, ist Redakteur Danny Kringiel immer auf der Suche nach sonderbaren, nicht sehr bekannten Geschehnissen von gestern. In der ersten Folge hat er einem Langzeitabgeordneten im Deutschen Bundestag nachgespürt: Jakob Maria Mierscheid, viel zitierter und seit 43 Jahren geschätzter Sozialdemokrat. Gerade seine Expertise für Tomaten, Neufundländer und Haubentauben wird auch in anderen Fraktionen weithin gepriesen.

Allein: Es gibt ihn gar nicht. Und er hat auch nie existiert. Wie es kommen konnte, dass Herr Mierscheid trotzdem offiziell Parlamentarier wurde und sogar ein Foto kursiert (das der Kunstfigur Karl Ranseier aus einer RTL-Comedysendung täuschend ähnlich sieht), erklärt Danny hier .

Ein anderes ungewöhnliches Faible hat unser Kollege Olaf Kanter – eines für die Geschichte der Seefahrt. Er arbeitet in der Onlineredaktion als CvD, als Chef vom Dienst, und steuert die Homepage am sogenannten Balken. Wasser aber hat bekanntlich keine Balken, und wenn Olaf gerade nicht im Dienst ist, steuert er oft ein Segelboot. Sehr gern liest und schreibt er über maritime Themen. Zum Beispiel über Piratenangriffe auf Supertanker , die Erfindung der Freibordmarken oder die Geschichte der Seenotrettung (»Das Meer hat keinen Standstreifen«).

Als Seebär der Redaktion hat er sich jetzt mit Francis Beaufort beschäftigt: dem Mann, der dem Wind seinen Namen gab . Diesem britischen Kapitän nämlich ist es zu verdanken, dass jeder Skipper heute genau weiß, was ihn auf hoher See erwartet – weil Beaufort im 19. Jahrhundert nicht nur Kommandos der Royal Navy übernahm, sondern auch jahrzehntelang akribische Wetteraufzeichnungen anfertigte. Der besessene Faktensammler übersetzte die Sprache des Windes in knappe, wunderbar klare Formulierungen. So entstand die Beaufort-Skala von 0 (»spiegelglatte See«) bis 12 (»Wellenberge über 14 Meter; See vollständig weiß durch Gischt«), wie sie bis heute gilt.

Auch wenn Ihre Wetteraufzeichnungen es womöglich gar nicht hergeben: Es wird Sommer, kommende Woche sogar offiziell; begrüßen Sie ihn und halten ihn bitte fest. Ende Juni melden wir uns mit dem nächsten Newsletter. Schauen Sie doch bis dahin in die aktuelle SPIEGEL-GESCHICHTE-Ausgabe über Kriegsgefangenschaft und schreiben Sie uns gern mit Anregungen, Lob oder Kritik. Die Mailadresse: spiegelgeschichte@spiegel.de .