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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Neues von gestern – der Geschichte-Newsletter Die bräunlichen Schatten der Vergangenheit

Woher sie einst ihren Reichtum schöpften und wie sie von »Arisierungen« profitierten, darüber schweigen viele deutsche Unternehmen. Auch die Hertie-Stiftung blendete die NS-Zeit lange aus – das und mehr im Geschichte-Newsletter.

Liebe Leserin, lieber Leser,

die große Zeit der deutschen Warenhäuser begann bereits im 19. Jahrhundert. Aus bescheidenen Anfängen baute die Firma Hermann Tietz, benannt nach ihrem Geldgeber, eine florierende Kaufhauskette auf. Nach ihrem ersten Geschäft in Gera entstanden bald Filialen in großen deutschen Städten und boten den Kundinnen und Kunden ein ganz neues Einkaufserlebnis mit üppigem Angebot auf enormen Verkaufsflächen. »Konsumkathedralen« wurden die Warenhäuser damals auch genannt. Manche der Prachtbauten, die das Stadtbild prägten, sind bis heute erhalten, das KaDeWe in Berlin zum Beispiel oder das Alsterhaus in Hamburg.

Jahrzehntelang war Hermann Tietz ein Gigant unter Europas Warenhausgesellschaften – bis der Machtantritt der Nationalsozialisten den Konzern schwer traf. Die Familie Tietz war jüdisch und wurde 1933/34 aus dem Unternehmen gedrängt, ihr Besitz »arisiert«, die Firma in »Hertie« umbenannt. Der neue Geschäftsführer Georg Karg entließ alle jüdischen Mitarbeiter, wurde alleiniger Inhaber und baute die Warenhäuser nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf.

Warenhaus Hermann Tietz in Berlin-Mitte (Dreißigerjahre): Große Kaufhäuser prägten das Stadtbild

Warenhaus Hermann Tietz in Berlin-Mitte (Dreißigerjahre): Große Kaufhäuser prägten das Stadtbild

Foto: stock&people / Arkivi / IMAGO

Kargs Erben gründeten 1974 die Gemeinnützige Hertie-Stiftung, die seitdem Gutes tut und gern darüber redet. Nicht so gern spricht sie über die Wurzeln ihres Reichtums. Da verhält die Stiftung sich ganz ähnlich wie zahllose deutsche Unternehmen, die jahrzehntelang ausblendeten, wie sehr sie einst vom Nationalsozialismus profitierten und auf welchem Fundament sie ihre Imperien aufbauten.

1,2 Milliarden Euro beträgt das Anlagevermögen der Hertie-Stiftung, ein gigantisches Kapital. Woher es kam und welche Schatten ihre Vergangenheit wirft, damit hat sie sich lange kaum beschäftigt – bis eine studentische Gruppe an der Berliner Hertie School aktiv wurde. »Her.Tietz« heißt die Initiative nach dem Namen des Unternehmensahnherren. Sie drängte die Stiftung dazu, die Geschichte der Kaufhaus-»Arisierung« nach fast 90 Jahren endlich auszuleuchten.

Verdrängte Vergangenheit

»Das geschieht sehr spät«, sagt unser Autor Elias Dehnen, »die Hertie-Stiftung hat die Studierenden und Alumni zunächst kaum ernst genommen und musste dann ihren Irrtum eingestehen.« Er hat sich wochenlang in die Vergangenheit der Hertie-Stiftung und des Unternehmens vertieft, mit den Autoren zweier gescheiterter Vorstudien gesprochen – und mit Larry Tietz. Der Enkel des zur NS-Zeit enteigneten Warenhausteilhabers Georg Tietz lebt heute in Florida und zeigte sich verwundert, wie wenig Interesse die Hertie-Stiftung bisher an Kontakten zu der Familie zeigte, nach der sie benannt ist: »Sie sollten anerkennen, wo der Name herkommt.« Die ganze Geschichte über das Nazierbe des Warenhauskonzerns finden Sie hier.

Wenn Ihnen der Sinn mehr nach leichter Sommerlektüre steht, sollten Sie unbedingt den Beitrag über Sex im alten Rom lesen. Geschichte-Redakteurin Katja Iken blättert auf, wie einerseits Prüderie und Sittsamkeit den Moralkodex der Antike bestimmten. Und andererseits überaus explizite erotische Kunst und derbe Graffiti (»Ich hab’s der Wirtin besorgt«) das Bild einer viel lasterhafteren Sexualmoral geben: Trieb es ganz Rom völlig entfesselt?

Katjas Text ist Teil der aktuellen SPIEGEL-GESCHICHTE-Ausgabe »Die letzten Tage von Pompeji« – fragen Sie danach den Zeitschriftendealer Ihres Vertrauens, oder lesen Sie einfach gleich hier weiter. Lob, Kritik oder Urlaubsgrüße können Sie uns unter spiegelgeschichte@spiegel.de  jederzeit gern mailen. Und wenn Sie unseren Newsletter bestellen möchten, klicken Sie einfach hier .

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