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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Neues von gestern – der Geschichte-Newsletter Krieg gegen die Frauen

Iranerinnen verbrennen ihre Kopftücher und protestieren gegen die Mullah-Diktatur, die ihnen seit Jahrzehnten die Freiheit und die Würde raubt. Außerdem: Sisi lebt – das und mehr im Newsletter.
Von Jochen Leffers und Eva-Maria Schnurr, Ressortleitung SPIEGEL GESCHICHTE

Liebe Leserin, lieber Leser,

anfangs tanzten die Iraner auf den Straßen, nachdem 1979 die Monarchie beendet und der Schah vom Pfauenthron vertrieben war. Bald darauf tanzte niemand mehr. Schon gar nicht die Frauen. Ajatollah Khomeini und seine Gefolgsmänner hatten alle Macht an sich gerissen und das Land rasch in eine düstere Diktatur verwandelt. Seitdem diktiert der Koran Alltag und Gesetze der »Islamischen Republik«. Die ultrakonservativen Machthaber haben das Land geknechtet, Frauen entrechtet und jahrzehntelang gedemütigt, zwingen sie zum Tragen eines Hidschab oder Tschador. Sie verfolgen oppositionelle Iranerinnen und Iraner durch die regimetreue Revolutionsgarde und die Knüppel-aus-dem-Sack-Miliz der Basidsch – und lassen sie jederzeit niederprügeln und niederschießen, sobald sich Protest regt.

Vor drei Wochen starb Jina Mahsa Amini, 22, nachdem die Religionspolizei des Mullah-Regimes sie festgenommen hatte, weil die junge Frau ihr Haar nicht so streng bedeckt hielt, wie es die jüngst verschärften Verschleierungsvorschriften vorsehen. Seitdem tanzen mutige Frauen wieder auf den Straßen: Sie verbrennen ihre Kopftücher und schneiden sich die Haare ab. Sie wollen nicht länger Menschen zweiter Klasse sein und rufen auf zum Sturz ihrer Unterdrücker, während Hunderttausende weltweit sich bei Demonstrationen solidarisieren.

Standhaft: Eine junge Frau protestiert in Teheran unverschleiert gegen das islamistische Regime (am 21. September 2022)

Standhaft: Eine junge Frau protestiert in Teheran unverschleiert gegen das islamistische Regime (am 21. September 2022)

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ZUMA Wire / IMAGO

»Der Schleier ist zu einem Symbol für dieses repressive Regime geworden«, sagt Nina Ansary. Im Gespräch mit GESCHICHTE-Kollegin Jasmin Lörchner erklärt die iranisch-amerikanische Historikerin und Autorin, welche lange Tradition hinter dem Verhüllungszwang im früheren Persien und heutigen Iran steht – und wie Frauenrechtsaktivistinnen sich dagegen bereits Mitte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wehrten. Damals habe die Bewegung für Bildung und berufliche Chancen gestritten, und auch heute gehe es um weit mehr als das Kopftuch, so Ansary: »Die Menschen begeben sich nicht in Gefahr, nur um die Verschleierungsgesetze zu ändern. Sie kämpfen für ihr Land, für die Freiheit, für ihre Grundrechte und ihre Menschenwürde.« Dabei seien sie »entschlossener denn je«. Das Interview lesen Sie hier .

In den Fünfzigerjahren war es ein Kinoereignis: Bestimmt kennen Sie den »Sissi«-Historienkitsch mit der jungen Romy Schneider und Karl-Heinz Böhm, eine Filmtrilogie mit gigantischen Zuschauerzahlen, seitdem immer wieder im Fernsehen gesendet. In hundert Jahren mehr als tausend Bücher, 23 Filme und nun noch fünf neue Serien: Das Leben von Kaiserin Elisabeth ist und bleibt ein Publikumsmagnet, bereits ein Jahr vor ihrem 125. Todestag brandet eine neue Welle heran.

Auch die Wiener Kunstgeschichtlerin Katrin Unterreiner ist von »Sisi« als historische Figur fasziniert, »mit all ihrer Ambivalenz und so vielen Facetten«. Denn Elisabeth von Österreich führte ein tragisches Leben, sie war »überhaupt nicht beliebt und keineswegs umjubelt«, sagt Unterreiner im Interview  (schauen Sie gern auch in die Fotostrecke, es lohnt sich). Der Öffentlichkeit habe sie sich komplett entzogen, ebenso ihrer Rolle, ihrer Funktion und Aufgabe: »Es interessierte sie nicht, Kaiserin zu sein oder zu spielen« – bis Elisabeth durch ein Attentat starb. Mit einer Feile erstach sie 1898 ein Hilfsarbeiter, der die Monarchie hasste. Das hatte er mit der menschenscheuen Monarchin gemeinsam.

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