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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Neues von gestern – der Geschichte-Newsletter Kein bisschen Frieden

Wladimir Putin versammelt das Militär zu einer Großoffensive im ukrainischen Osten und Süden. Unterdrückung im Inneren, Aggression nach außen – sein Vorgehen folgt einem historischen Muster.

Liebe Leserin, lieber Leser,

aus der Region um die Hauptstadt Kiew hat sich die russische Armee zuletzt zurückgezogen, doch einen Hoffnungsschimmer für die Ukraine bedeutet das keineswegs. Deutlich zeichnet sich ab, dass Wladimir Putin das Militär zu einer Großoffensive im ukrainischen Osten und Süden versammelt, dass neuerlich massive Angriffe auf Städte von Charkiw über Mariupol bis Cherson drohen.

Viel spricht dafür, dass Putin der russischen Öffentlichkeit spätestens zum 9. Mai einen Triumph präsentieren will, mindestens in der Region um Donezk und Luhansk, die Russland neben der bereits 2014 annektierten Krim für sich beansprucht. Seit dem Zweiten Weltkrieg wird der 9. Mai in Russland gefeiert, um an den »Großen Vaterländischen Krieg« zu erinnern, der 1945 mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht endete: der »Tag des Sieges« und der Militärparaden auf dem Roten Platz in Moskau.

Der Historiker Stephen Kotkin rechnet damit, dass Putin im nationalistischen Taumel versuchen wird, »eine Art inszenierten Sieg in der Ukraine, die angebliche ›Entnazifizierung‹, mit dem Triumph über Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg zu verbinden«. Kotkin ist Autor einer dreiteiligen Stalin-Biografie und sieht Putin als »weitaus geringere Figur«, wie er im Interview sagt:  »Stalin besiegte Hitler und eroberte Berlin. Putin wird neben Hitler als jemand genannt werden, der in einem gescheiterten Unterwerfungsversuch in die Ukraine einmarschierte, Zivilisten massakrierte und historische Städte und Denkmäler zerstörte, die die Russen verehren.« Den »Putinismus« beschreibt der Geschichtsprofessor an der Universität Princeton als eine »Gangster-Kleptokratie, maskiert als stolze alternative Zivilisation, die dem Westen trotzt«.

Die komplexe Vorgeschichte von Putins Angriffskrieg schildern zwei weitere Experten: Der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel erklärt in einem Gastbeitrag, wie einst Josef Stalin die Ukraine durch Aushungerung und Verfolgung als Nation zerstören wollte  und heute der Kreml abermals einen Vernichtungskrieg führt, dessen »Drehbuch aus Grosny und Aleppo bekannt ist«.

Parallelen zur stalinistischen Gewaltherrschaft erkennt auch seine Kollegin Franziska Davies. Mit den Verschleppungen nach Russland, die Menschen aus der Ukraine drohen, knüpfe Putin an schlimme Traditionen des russischen Zarenreiches und des Stalin-Terrors an. Für »bestenfalls naiv« hält Davies »Forderungen an die Ukrainer, sich doch der russischen Armee im Namen des Friedens zu ergeben«. Denn eine Unterwerfung durch Russland bedeute keinen Frieden, warnt sie:  »Allein ein Sieg der Ukraine wird ein noch größeres Ausmaß der Gewalt gegen die Zivilbevölkerung verhindern können.«

Kein Land sei »so sehr ein Gefangener seiner Vergangenheit wie Russland«, sagt Antony Beevor. Im Geschichte-Interview zieht der britische Militärhistoriker Parallelen zwischen der sowjetischen Kriegsführung im 20. Jahrhundert und der russischen Attacke auf die Ukraine. Mit Shock and awe beschreibt er die russische Strategie eines brutalen, möglichst schnellen Krieges: »Putin will gefürchtet werden – wie Stalin und Hitler.«  Doch dies sei die falsche, laienhafte Denkweise eines Diktators, denn Gräueltaten »provozieren deutlich heftigeren Widerstand, keine Kapitulation«.

Trotz all der beunruhigenden Nachrichten aus der Ukraine wünschen wir Ihnen eine friedliche Osterzeit mit einem Hauch von Frühling. Bis zum nächsten Newsletter in zwei Wochen erreichen Sie uns per Mail unter spiegelgeschichte@spiegel.de .

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