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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Neues von gestern – der Geschichte-Newsletter Gebrochen an Körper und Seele

Hunger, harte Arbeit und Todesangst dominierten den Haftalltag der etwa 35 Millionen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg, unter ihnen mehr als elf Millionen Deutsche. Die letzten kehrten erst Mitte der Fünfzigerjahre heim.

Liebe Leserin, lieber Leser,

als wir das Juni-Heft von SPIEGEL GESCHICHTE planten, war der Ukrainekrieg noch weit entfernt. Wir entschieden uns für das Thema Kriegsgefangenschaft, das in zahlreichen deutschen, auch in österreichischen Familien schwelt und bis heute nachwirkt: weil Großväter oder Urgroßväter, Großonkel oder andere Verwandte in Gefangenschaft waren. Weil viele spät und verstört aus sowjetischen Lagern  zurückkehrten. Weil ihre Geschichten die Angehörigen tief prägten  und, vielfach unausgesprochen, immer noch die Frage im Raum steht, was sie erlebt hatten, in der Haft und zuvor: Waren sie Opfer – oder als Wehrmachtssoldaten im Einsatz für Hitlerdeutschland vielleicht auch Täter ?

Zudem ist umgekehrt kaum bekannt, wie die Wehrmacht mit ihren Kriegsgefangenen umging , wie unmenschlich vor allem sowjetische Soldaten – und Soldatinnen  – , aber auch italienische  oder französische  Kombattanten in deutschen Lagern behandelt wurden; wie man sie als Zwangsarbeiter ausbeutete oder gezielt verhungern ließ.

Inzwischen ist das Thema vor dem Hintergrund der aktuellen Berichte aus der Ukraine ungeplant aktuell geworden: Bilder wie vom Abtransport von Soldaten aus Mariupol in russische Gefangenschaft erinnern an die von damals. Die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs rücken wieder ins Bewusstsein, auch dass sich zum Beispiel im ukrainischen Lwiw (früher Lemberg) eines der großen Kriegsgefangenlager der Wehrmacht  befand.

Wussten Sie das? Wenn nicht, geht es Ihnen wie vielen: Das heutige Wissen um Kriegsgefangene ist auch deshalb so dürftig, weil nach Kriegsende eine fragwürdige Gedenkkultur die Auseinandersetzung damit verhinderte. Die noch junge Bundesrepublik feierte die »Heimkehr der Zehntausend«  als eine Art Schlussstrich und verklärte die letzten gefangenen Kriegsverbrecher zu ungerecht Bestraften . Und um die Rheinwiesenlager – provisorische Lager der Westalliierten am Kriegsende  – verbreiten vor allem Rechtsradikale den Mythos vom »geplanten Tod« dort inhaftierter Wehrmachtssoldaten.

Erst nach dem Mauerfall erfuhren viele Familien Genaueres über das Schicksal ihrer Verwandten , als Archive in der früheren Sowjetunion geöffnet wurden. Dort galten Kriegsgefangene als Vaterlandsverräter, ihre Erfahrungen als Schande, man sprach nicht über sie. Auch hier kam die erinnerungspolitische Wende in den Neunzigerjahren.

Gedenkorte sind noch immer rar. Lager wie etwa im niedersächsischen Sandbostel  wurden nach 1945 anders genutzt, den Alltag dort rekonstruieren Forschende mühsam mit archäologischen Methoden. Oft wurden Gräber nicht markiert und tauchen nun zufällig, wie in Bremen, bei Bauarbeiten wieder auf. Und jetzt erst entsteht ein Gedenkort in Berlin, bei dem es auch um Kriegsgefangenschaft gehen soll.

Wenn Sie also mehr über dieses verdrängte historische Kapitel erfahren wollen, empfehlen wir Ihnen die aktuelle Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE. Sie erhalten sie überall dort, wo es gute Zeitschriften gibt (Bahnhofsbuchhandlungen, große Kioske oder größere Supermärkte), können das Heft aber auch über Amazon oder in der Buchhandlung ihres Vertrauens bestellen. Digital finden Sie es hier.

Wir melden uns in zwei Wochen wieder – starten Sie gut in den Juni! Wenn Sie Ideen und Anregungen, Lob oder Kritik haben: Schreiben Sie uns gern. Wir sind erreichbar unter der Mailadresse spiegelgeschichte@spiegel.de .