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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Neues von gestern – der Geschichte-Newsletter Ein überraschender Fotofund und erstaunliche Daten

Liebe Leserin, lieber Leser,

Von Eva-Maria Schnurr und Jochen Leffers, Ressortleitung SPIEGEL GESCHICHTE

auch in der Geschichte gibt es immer wieder Neuentdeckungen. Etwa am Jahrestag der Reichspogromnacht, am 9. November. 1938 hatten Nationalsozialisten und ihre Anhänger an diesem Datum deutschlandweit Synagogen zerstört, die bis dahin größte konzertierte Aktion gegen Jüdinnen und Juden. Nun, 84 Jahre später, veröffentlichte die Gedenkstätte in Yad Vashem neue Fotos aus dieser Nacht: Ein amerikanischer Soldat hatte sie in seinem Fotoalbum gehabt, dieses gelangte nun an die Gedenkstätte. Sie zeigen Nazis und Zivilisten bei der Plünderung jüdischer Geschäfte, Uniformierte, die Bücher wegschleppen oder Männer, die in einer Synagoge Benzin verschütten, um sie anzuzünden.

Die Fotos sind gestochen scharf – und genau das verrät sie, erklärte der Bildhistoriker Gerhard Paul unserer Kollegin Solveig Grothe: Es sind Propaganda-Aufnahmen, die die Nationalsozialisten gezielt von ihren Untaten machen ließen und verbreiteten – und Jüdinnen und Juden zu bedrohen und um vor ihren Anhängerinnen und Anhängern mit ihren Taten zu prahlen. Wie überraschend solche Funde sind – und welche Bilder aus dem Umfeld der Pogromnacht noch mehr Aufmerksamkeit erregen sollten, das hat Solveig hier aufgeschrieben. 

Zum Thema sehr empfehlen möchten wir Ihnen auch einen Text unseres Kollegen Felix Bohr. Er hat Doron Kiesel getroffen, Professor für Erziehungswissenschaft aus Frankfurt am Main, dessen Eltern vor den Nationalsozialisten aus Deutschland geflohen waren. 1959 kehrte die jüdische Familie nach Deutschland zurück – wie es ihr hier erging, darüber berichtet Kiesel sehr anschaulich. 

Erinnerungsstück: Der Ausweis von Doron Kiesels Mutter aus Palästina

Erinnerungsstück: Der Ausweis von Doron Kiesels Mutter aus Palästina

Foto: Wolfgang Stahr / DER SPIEGEL

Und über noch eine News aus der Geschichte konnten wir berichten: Forscherinnen und Forscher aus Deutschland und den USA haben untersucht, welche Auswirkungen die ersten Kliniken zur Geburtenkontrolle in den USA auf die Gesundheit von Müttern und Babys hatten. Initiiert von der Krankenschwester Margaret Sanger wurden – ausschließlich verheiratete – Frauen dort seit 1917 über Verhütung informiert, die Kliniken nahmen aber auch Abtreibungen vor, die damals verboten waren. Die nun ausgewerteten Daten aus dieser Zeit zeigen eindeutig: Diese Maßnahmen verbesserten Gesundheit und Überlebensrate von Frauen wie von ihren Kindern, es gab weniger Kindbettfieber und die Kindersterblichkeit sank.

Unsere Kollegin Jasmin Lörchner erzählt in ihrem Text  über die neuesten Forschungsergebnisse auch den Kampf von Sanger um das Recht auf Verhütung und Abtreibung: Sanger, eines von 18 Kindern ihrer Mutter (11 überlebten), hatte das Leid kinderreicher Frauen am eigenen Leib erlebt und ging für ihr Anliegen sogar ins Gefängnis. Angesichts der derzeitigen Debatten über das Recht auf Abtreibung in den USA wird Sangers bahnbrechender Aktivismus heute wieder unerwartet aktuell.

Frauenrechtlerin: Margaret Sanger (Mittte) 1924 in New York mit anderen Frauen ihrer Bewegung.

Frauenrechtlerin: Margaret Sanger (Mittte) 1924 in New York mit anderen Frauen ihrer Bewegung.

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UIG / IMAGO

Bleiben Sie neugierig und schreiben Sie uns, wenn Sie Verbesserungsvorschläge, Themenwünsche oder Kritik haben. Erreichbar sind wir unter spiegelgeschichte@spiegel.de . Wir melden uns in zwei Wochen wieder und wünschen Ihnen bis dahin einen schönen Rest-Herbst.

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Foto: Nicola Miller

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes hieß es, die Pogromnacht von November 1938 sei das erste organisierte Vorgehen der Nationalsozialisten gegen Jüdinnen und Juden gewesen. Da ist unpräzise, wir haben die entsprechende Stelle klarer formuliert.

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