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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Neues von gestern – der Geschichte-Newsletter Warmes Herz und kalte Wut

Liebe Leserin, lieber Leser,

Von Jochen Leffers und Eva-Maria Schnurr, Ressortleitung Geschichte

zwanzig Jahre lang reiste Patrick Desbois durch osteuropäische Länder, um über den »Holocaust durch Kugeln« aufzuklären. Nach den Spuren der Schreckensherrschaft suchte er dort, wo die Deutschen und ihre Helfer 1941 und 1944 mehr als 2,2 Millionen Menschen ermordeten, vor allem in der Ukraine. Dort fährt der katholische Priester aus Frankreich weiter durchs Land. Aber nun mit einer neuen Mission: Seit dem Überfall durch Putins Streitkräfte sammelt er Beweise für russische Kriegsverbrechen. Rund 150 Interviews hat sein Team bereits mit Augenzeuginnen und -zeugen geführt, dokumentiert Folter und Mord, sichtet Fotos und Videos von Massengräbern.

Ob vergangene Massaker oder aktuelle Taten in einem laufenden Krieg – das Ziel ist gleich, die Methoden sind ähnlich: Pater Desbois, 67, will detailreich rekonstruieren, was wirklich geschehen ist. Als »Archäologen des Bösen« bezeichnete ihn der deutsche Holocaust-Forscher Arno Lustiger. »Diese Menschen wollen Gerechtigkeit«, sagt Desbois über seine Gesprächspartner in der Ukraine. »Das ist das Mindeste, was sie erwarten können.«

Patrick Desbois: Ein Priester auf den Spuren des Verbrechens

Patrick Desbois: Ein Priester auf den Spuren des Verbrechens

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Les Kasyanov

Auf seine neue Aufgabe wurde Geschichte-Redakteurin Katja Iken durch eine Notiz in französischen Medien aufmerksam. Sie fragte sich, was in einem Mann vorgeht, der auf dem gleichen Terrain jetzt erneut Kriegsverbrechen untersucht – und wie ernüchtert er wohl von der Spezies Mensch sein muss. Bis zum Gespräch dauerte es Monate, weil Desbois ständig unterwegs ist. Katja erlebte ihn dann als »eigentlich recht fröhlichen, humorvollen Franzosen, den ein warmes Herz und eine kalte Wut antreibt«. Kein flammender Aktivist, eher ein zurückhaltender Zuhörer auf der Suche nach der »Wahrheit«, die stets das erste Opfer des Krieges ist.

Es ist eine aufwühlende und mitten im Krieg auch riskante Arbeit. Der Blick in menschliche Abgründe setzt Desbois zu. »Er hat mir sehr offen gesagt, dass er immer wieder an seine Grenzen gerät. Ohne das tägliche Gebet, ohne therapeutische Begleitung, ohne den Austausch im Team käme er nicht klar«, berichtet Katja über das Gespräch. Ihr Porträt lesen Sie hier: Der Pater, der in die Hölle hinabsteigt.

Wie deutsche »Frolleins« nach dem Glück suchten

Nachdem Deutschland den Zweiten Weltkrieg entfesselt hatte und 1945 in Trümmern lag, hungerte und fror die Bevölkerung. Vor allem für junge Menschen wurden die USA zu einem Sehnsuchtsort. Und zahlreiche Frauen wollten dem Elend der Nachkriegszeit entkommen, indem sie einen Besatzungssoldaten heirateten. So suchten gut 20.000 deutsche »Kriegsbräute« bis 1949 ihr Glück in Amerika.

Unter ihnen war Trudy Gronning, heute 93. »Wir schminkten uns mit Schuhcreme die Lippen rot«, erzählte sie unserer Kollegin Inga Kemper. Als 17-Jährige war Trudy, damals noch Gertrud, verschossen in den US-Soldaten Jim. 1948 in München wurden sie ein Ehepaar und zogen in die USA, wo nicht alles so war, wie Trudy es sich erträumt hatte. Nach Jims Tod heiratete sie erneut einen US-Soldaten und lebt mit ihm bis heute in Pennsylvania. Ingas Beitrag über die Hoffnungen, Erfahrungen und Enttäuschungen der damals oft als »Ami-Liebchen« geschmähten Frauen lesen Sie hier.

Hattu Flachwitz?

Und nun zu etwas völlig anderem, um mit dem britischen Komikersextett Monty Python zu sprechen: Wenn Sie an das deutsche Humorschaffen der Siebzigerjahre denken, wer und was fällt Ihnen dann ein? Vielleicht sind es die späten Jahre von Heinz Erhardt, vielleicht ist es Loriot als Großmeister der gehobenen Heiterkeit oder das politische Kabarett der Lach- und Schießgesellschaft, die sich vor 50 Jahren auflöste, weil ihre Scherze nicht mehr zünden wollten. Bestimmt erinnern Sie sich an große Fernseherfolge wie »Klimbim« oder »Ein Herz und eine Seele«, »Sketchup« oder »Nonstop Nonsens«, an die Shows von Otto Waalkes.

Apropos: Völlig zu Recht gefürchtet waren die Ostfriesenwitze der Siebziger, erfunden in einer Berliner Jugendherberge. Aber es ging schon noch platter – Häschenwitze. Sie begannen fast immer mit »Hattu Möhrchen?« und endeten mit einer tiefergelegten Pointe. Das bescherte ihnen großes Hallo auf Schulhöfen, an Stammtischen oder auf den Witzeseiten von TV-Zeitschriften. Selbst Dieter Hallervorden, und das will was heißen, bezeichnete sie als »düsteres Kapitel deutschen Humorniveaus«.

Kaum bekannt war der Ursprung dieser Flachwitze – er lag in der DDR. Der Prototyp sei 1976 auf dem »Festival des politischen Liedes« in Ost-Berlin verbreitet worden, berichtete der Satiriker Henning Venske im SPIEGEL, und zwar vor allem als subversive Kritik an der sozialistischen Mangelwirtschaft, wo das Häschen in den Läden nie bekam, was es dort geben sollte. Wie die »Hattu«-Späße dann in den Westen rübermachten und jede Doppelbödigkeit verloren, zeichnet Geschichte-Redakteur Danny Kringiel in unserer »Schräge Geschichte«-Reihe nach.

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