Geschichte und Rechtspopulismus "Worthülsen von Nation, Volk und Rasse"

Die Neue Rechte beschwört eine vermeintlich heroische Vergangenheit, deutet massiv Geschichte um und macht sie so zum Kampfplatz, sagt die Historikerin Claudia Gatzka. Wie gefährlich ist das für die Demokratie?
Ein Interview von Christoph Gunkel
Pegida-Aufmarsch vor dem Reichstag (2015): "Der Islam ist das gemeinsame Feindbild"

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Sean Gallup/ Getty Images

SPIEGEL: Frau Gatzka, in Ihrem Buch "Schleichend an die Macht" rufen Sie dazu auf, dass "wir um Geschichte kämpfen müssen, um eine Zukunft zu haben". Ist das nicht zu martialisch formuliert für eine Historikerin?

Claudia Gatzka: Ja, da stimme ich Ihnen zu. Das Buch ist aber in Co-Autorenschaft entstanden, wir haben lange um diese Formulierung gerungen. Mein Mitautor Andreas Audretsch wollte deutlich machen, wie bedrohlich die Situation beim Umgang mit Geschichte durch Rechtsextreme und Rechtspopulisten inzwischen ist. Dem stimme ich inhaltlich zu, auch wenn ich als Historikerin aufpassen muss, nicht zu sehr eine Kampfrhetorik zu verfallen. Aus meinem Fach gibt es sicher Widerrede.

SPIEGEL: Nun haben Sie es vorsichtiger formuliert. Was ist also so bedrohlich?

Gatzka: Bedrohlich ist, dass sich in einigen Strömungen der Öffentlichkeit ältere, in der Geschichtswissenschaft methodisch längst überholte Narrative wieder durchsetzen: diese ganzen großen Worthülsen von Nation, Volk und Rasse. Dabei wird eine Einheit von Volk und Nation und eine vermeintlich heroische Vergangenheit unterstellt, die es historisch aber so nie gegeben hat. Über das Internet können Rechtspopulisten alte Mythen, heroische Erzählungen und erfundene Traditionen verbreiten und die Deutungshoheit über Geschichte gewinnen.

SPIEGEL: Wieso ist die Idee der Nation in der Forschung überholt?

Gatzka: Seit den Achtzigerjahren haben die Geschichts- und Kulturwissenschaft versucht zu belegen, dass die Nation selbst ein Konstrukt ist. Nicht nur den deutschen Nationalstaat hat es vor 1871 nicht gegeben. Auch ein Nationalgefühl wurde vor allem durch aktive Geschichtspolitik hervorgerufen, etwa durch mythische Erzählungen, Denkmäler, Bräuche. Was als deutsch gilt, bestimmten Menschen recht willkürlich.

SPIEGEL: In Ihrem Buch sprechen Sie von einer "Gesamtstrategie" der Rechtspopulisten in Europa und in den USA. Was verbindet sie?

Gatzka: Die Rückkehr zu einem Geschichtsbild, das Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts prägend war. Es war fokussiert auf die Nation, auf eine vermeintlich ethnische oder rassische Homogenität, nicht nur in Deutschland. Das ist ein einfaches Geschichtsbild, aber eines, das plausibel erscheint und nicht ungefährlich ist: Es hat schon mal funktioniert.

SPIEGEL: Was lässt sich dagegen tun?

Gatzka: Die Geschichtswissenschaft beschreibt die Pluralität von Entwicklungen und muss quasi lauter werden. Trump bedient mit "Make America Great Again" weiße Wähler und rüttelt an einem Grundpfeiler: der Idee, ein Migrationsstaat zu sein. Das Kuriose ist: Bücher zur Migrationsgeschichte der USA füllen ganze Bibliotheken. Dort wird auch die Konstruktion von "Whiteness" und "Blackness" untersucht. Forschung dazu gibt es zuhauf.

SPIEGEL: Ein intellektueller Vordenker der Neuen Rechten ist ausgerechnet ein italienischer Kommunist aus dem 19. Jahrhundert, Antonio Gramsci. Warum sind seine Ideen für Rechtspopulisten interessant?

Gatzka: Gramsci stammte aus Sardinien und hatte eine große Empathie für die "einfachen" Menschen. Er glaubte, dass eine politische Gruppe erst dann Herrschaft erringen und behaupten kann, wenn sie moralisch und intellektuell die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hat. Gramsci nennt das "kulturelle Hegemonie".

SPIEGEL: Was leiten Rechtspopulisten daraus ab?

Gatzka: Sie nehmen Gramsci ernst und sagen: Wenn wir Wahlen und eine rechte Mehrheit gewinnen wollen, müssen wir die Köpfe der Menschen steuern, Werte und Ideale verändern - und damit das Geschichtsbild.

SPIEGEL: Die Corona-Pandemie könnte der perfekte Anlass sein.

Gatzka: Ja, besonders mit Hinblick auf Forderungen, Grenzkontrollen wieder zu verstärken und Migration zu stoppen. So will man sich vor einem gefährlichen Virus schützen, das sich nur durch die Schuld einer globalisierten Gesellschaft verbreitet habe. Andererseits gibt es bei Rechtspopulisten auch viele Berührungspunkte mit Verschwörungstheoretikern, die behaupten, das Virus sei erfunden . Auf solche Widersprüche müssen wir hinweisen.

SPIEGEL: Neben Corona versuchen Rechtspopulisten, besonders mit Frauenrechten zu punkten. Warum?

Gatzka: Das sind strategische Entscheidungen. Wer primär antimuslimisch argumentieren will, muss sich proemanzipatorisch positionieren. Man kann zeigen, dass Muslime nicht in unsere Gesellschaft gehören, wenn sie Frauen unterdrücken. Die Neuen Rechten haben zudem verstanden, dass sie nicht in jeder Hinsicht die aufklärerischen Grundfesten einer Gesellschaft erschüttern können, indem sie etwa fordern, das Frauenwahlrecht abzuschaffen. Deshalb stellen sie sich in die Tradition sozialer Bewegungen, formen hier und da was um - und wähnen sich an der Speerspitze der Frauenbewegung.

SPIEGEL: Ist das nicht völlig abwegig?

Gatzka: Historisch gesehen haben rechtsnationale Bewegungen nie Frauenrechte erstritten. Das Frauenbild der Neuen Rechten ist rückschrittlich. Es reduziert sich auf die Schutzbedürftigkeit gegenüber vermeintlich gefährlichen Migranten und auf die Reproduktion - Kinder und Haushalt. Daneben betont es die Geschlechterhierarchie: Der Mann, der mit seiner Rationalität besser entscheiden könne als emotionale Frauen. Das sind Vorstellungen aus dem 18. Jahrhundert.

SPIEGEL: Der Islam bleibt das Lieblingsthema der Rechtspopulisten?

Gatzka: Er ist das gemeinsame Feindbild, ob für die italienische Lega oder die AfD. Ein alter Abgrenzungsmechanismus, der mit den Türkenkriegen und der Belagerung Wiens 1683 argumentiert. Die Geschichtswissenschaft kann diesen Gegensatz aufbrechen und Verflechtungen aufzeigen, Handel oder Kulturtransfers. So etwas bleibt aber meist im Elfenbeinturm der Wissenschaft.

"Die Provokation mit NS-Geschichte ist das Prinzip Gauland"

SPIEGEL: Welche häufigen Strategien erkennen Sie bei rechtspopulistischer Geschichtspolitik?

Gatzka: Sie versuchen zunächst einmal, das aktuelle republikanische Geschichtsbild abzuwehren. Dazu kommt noch als offensive Strategie die Provokation mit NS-Geschichte. Das ist das Prinzip Gauland und eher spezifisch deutsch.

SPIEGEL: Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Gatzka: In Ungarn etwa besteht die Strategie eher darin, Heldengeschichten mit Blick auf die Revolution 1989 zu erzählen oder sich als antisowjetische Kämpfer in ein langes Opfernarrativ zu stellen. Es geht dabei immer, auch in Italien, um die Befreiung eines vermeintlich homogenen, indigenen Volkes von äußeren Feinden.

SPIEGEL: Das Ringen um die Deutungshoheit ist auch in Deutschland nicht neu. Willy Brandt wurde mit seinem Kniefall in Warschau weltberühmt. Gibt es gute und schlechte Geschichtspolitik?

Gatzka: Nein. Die politischen Absichten lassen sich wissenschaftlich so nicht einteilen. Es wäre absurd anzunehmen, dass Brandt oder die SPD insgesamt die bessere Geschichtspolitik betrieben. Aber es gibt eine Geschichtspolitik, die sich näher am Forschungsstand orientiert.

SPIEGEL: Bitte nennen Sie ein Beispiel, wo Geschichtspolitik ziemlich fern der Forschung ist.

Gatzka: Alexander Gauland, der Hitler und das NS-Regime einen "Vogelschiss" in der Geschichte genannt hat. Das ist allein deshalb nicht gerechtfertigt, weil die Forschung breit herausgearbeitet hat, wie sehr die NS-Diktatur und der von ihr entfachte Krieg die Menschen geprägt, sozialisiert und demoralisiert hat. Und sie dient bis heute als Referenzpunkt.

SPIEGEL: Lässt sich messen, ob geschichtspolitische Umdeutungen zugenommen haben?

Gatzka: Ich arbeite als Historikerin nicht quantitativ empirisch, kann mir aber vorstellen, dass Politikwissenschaftler das könnten. Gefühlt habe ich den Eindruck, dass sich gesamtgesellschaftlich etwas ändert. Themen, die früher keine Rolle spielten oder unaussprechbar waren, werden nicht nur vom rechten Rand aufgenommen. Dabei spielen auch die Medien eine Rolle, wie etwa die "Bild" oder vielleicht auch die "Welt". Sie übernehmen zwar nicht eins zu eins Thesen der Neuen Rechten. Aber sie greifen sie als Versatzstücke oder in gebrochener Form auf.

SPIEGEL: Woher kommt das?

Gatzka: Mit der Flüchtlingskrise 2015 brachen die Dämme, und Dinge wurden aussprechbar, die zuvor unter der Oberfläche gärten.

SPIEGEL: Sollte die Geschichtswissenschaft politischer werden, um die Demokratie gegen die Instrumentalisierung von Geschichte zu schützen?

Gatzka: So etwas stößt in der Zunft auf Widerstand. Viele Historiker wollen sich zurückhalten aus der politischen Diskussion und verweisen auf die wissenschaftliche Unabhängigkeit. Der Historikertag 2018 hat trotzdem eine Erklärung "gegen den politischen Missbrauch von Geschichte" und "gegen die Diskriminierung von Migranten" verabschiedet. Die "FAZ" antwortete mit einem giftigen Kommentar, Historiker dürften nicht die "Lehrer Deutschlands" werden.

SPIEGEL: Doch wer, wenn nicht Historiker, kann den Missbrauch von Geschichte einordnen?

Gatzka: Das ist die Frage. Als Historikerin weiß ich, dass die Halbwertzeit von politischen Systemen begrenzt ist. Es wird etwas anderes kommen, irgendwann. Und wir wissen nicht, was.