Gestohlenes Weltkriegsmonument Das Rätsel des verschwundenen Denkmals

Nach dem Ersten Weltkrieg ehrte Frankreich in Reims die afrikanischen Soldaten seiner Armee mit einem Standbild, das die Nazis 1940 demontierten. Nun sind Fotos vom Abtransport aufgetaucht - aber wohin wurde es gebracht? Die Bürger der Stadt hoffen auf die Hilfe deutscher Zeitzeugen.

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Auf einmal war das tonnenschwere Denkmal für die afrikanischen Soldaten verschwunden. "Den Helden der Schwarzen Armee", hatte die Inschrift des Denkmals gelautet. 16 Jahre lang war das Monument in Reims, mystischer Krönungsort von Frankreichs Monarchen und Schauplatz erbitterter Kriegskämpfe, eine Touristenattraktion gewesen.

Doch Ende September 1940 gab es von den in Bronze erstarrten Helden Afrikas plötzlich keine Spur mehr. Sie waren abgebaut und wegtransportiert - restlos.

Die Geschichte des verschwundenen Denkmals ist auch eine Geschichte über Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, die vom Ersten Weltkrieg bis in die jüngste Gegenwart reicht - und bis heute Rätsel aufgibt.

Am 13. Juli 1924, einen Tag vor dem Nationalfeiertag, wurde das haushohe Mahnmal in Anwesenheit des Kolonialministers Édouard Daladier feierlich eingeweiht. Auf dem massiven Sockel aus afrikanischem Granit zeigte es eine Gruppe von fünf schwarzen Soldaten, mit Helm, Brotbeutel, Gasmaske und Gewehr, dicht gedrängt um die Trikolore. Ganz gleichberechtigt waren die Helden des Standbildes freilich nicht: Es war ein weißer Offizier, der die Trikolore hochhielt.

Eingraviert in das quadratische Fundament waren die Namen jener Soldaten, die in den Schlachten des Ersten Weltkrieges umgekommen waren: an der Marne, in Château-Thierry oder dem Departement Aisne. Sie gehörten zu jenen Truppen aus Westafrika, die für Frankreich gegen die Deutschen gekämpft hatten; 200.000 Mann waren an die Front gezogen, rund 30.000 starben im Dienst der Nation, viele wurden schwer verletzt. Die Skulptur, entworfen von dem Künstler Paul Moreau-Vauthier, sollte ein paar Jahre nach dem Weltkrieg endlich auch die lange vergessenen Soldaten der Kolonialarmee ehren, die ihr Leben für die Grande Nation riskiert hatten.

Gegründet worden waren diese Einheiten schon 50 Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, als Frankreich mangels heimischer Soldaten in den neuen Territorien lokale Truppen aushob. Regimenter wie die "Senegalesischen Infanteristen" sollten in den Kolonien für Ruhe und Ordnung sorgen, unter dem Kommando weißer Offiziere, versteht sich. Es waren selten Freiwillige, vielmehr glichen die Methoden der Rekrutierung Menschenraub.

"Ein Schrecken für die Deutschen"

Erst gegen Kriegsende änderte sich die brachiale Praxis. Blaise Diagne, Frankreichs erster afrikanischer Abgeordnete in der Nationalversammlung, wurde Generalkommissar für die Schwarzen Truppen mit dem Rang eines "Unterstaatsrats für die Kolonien". Bei Reisen durch den afrikanischen Kontinent umwarb er seine Landsleute mit Handgeld, der Aussicht auf Orden, Essen, Kleidung und auf die französische Staatsangehörigkeit - das lockte Tausende. Als nach dem Krieg überall in Frankreich die Kommunen ihre Toten auf Inschriften und Monumenten verewigten, entstand in Paris eine Initiative "für ein Denkmal zu Ehren der eingeborenen Soldaten, gestorben für Frankreich."

Blaise Diagne, Volksvertreter für den Senegal und im Pariser Parlament bekannt als "Stimme Afrikas", war in Reims 1922 bei der Grundsteinlegung des Denkmals zugegen. Zwei Jahre später feierte die Stadt die Einweihung des "Monuments für die Helden der Schwarzen Armee". General Petit, ab Oktober 1917 Kommandeur der 134. Infanteriedivision der Kolonialtruppen und beteiligt an der Verteidigung von Reims 1918, würdigte den Mut der Kolonialsoldaten, die sich "benommen haben wie gute Franzosen". Mehr noch: "Die exotischen Truppen" erwiesen sich als "Schrecken für die Deutschen, weil sie wie Wilde angesehen wurden".

Auf die Ansprachen folgte das "große militärische und sportliche Fest". Rund 10.000 Bürger feierten ein mehrstündiges Spektakel mit Paraden, Marschmusik und Gymnastik-Darbietungen. Chöre, Fanfaren und Kapellen führten das Schauspiel "Hymne an Frankreich", vor - "300 Teilnehmer", berichtete das Lokalblatt "L’Éclaireur de l’Est". Eine Schweigeminute und das Absingen der Marseillaise beschlossen das Fest.

Letzte, heimliche Aufnahmen

Fortan gehörte das imposante Monument am Boulevard Henry Vasnier zu den Sehenswürdigkeiten des Ortes wie die Kellereien des Champagnerfabrikanten Pommery an den Quais nebenan: Es zierte Postkarten, Journale oder Reiseführer und erinnerte an den Einsatz der Afrikaner bei der Verteidigung von Reims, wegen der Bombardements und Zerstörungen damals gerühmt als "Stadt der Märtyrer".

Den deutschen Invasoren, die mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs dort erneut einmarschierten, war das Denkmal ein Dorn im Auge. Wie anderswo in Frankreich auch, sollten die Erfolge der Sieger von 1914-18 aus dem öffentlichen Raum und dem Bewusstsein getilgt werden. In Reims wurde, nur vier Monate nach dem Einzug der Wehrmacht, das Monument auf Befehl der Nazis eingerüstet und demontiert: Marcel Cocset, einem Einwohner der Stadt, gelang es, die Abbrucharbeiten heimlich zu fotografieren. Die Skulptur wurde auf einen Flachbettwagen der Reichsbahn verladen. Seither gilt sie als verschollen.

Die Spur verliert sich im Süden

"Wir haben Grund zu der Annahme, dass das Monument noch irgendwo intakt existiert", sagt Gervais Cadario. Der Ex-Militär, geboren in der Nähe von Verdun und damit "unweit der Schützengräben", interessierte sich früh für die Geschichte des Ersten Weltkrieges. Grund genug, beim Historischen Dienst der Französischen Armee tätig zu werden. "Damit wurde meine Passion zum Beruf", so der 65-Jährige. Nachdem er in Afrika am Aufbau mehrerer Militärmuseen beteiligt war, richtete er sein Interesse auf die Soldaten der "Schwarzen Armee". Und damit auf den Verbleib des Monuments von Reims.

In Archiven fand Cadario Handzettel und Zeitungsmeldungen von der Einweihungsfeier 1922, in Frejus stöberte er gar das Modell auf, das für die Gießerei als Vorlage gedient hatte. Vor allem aber machte er die Fotos ausfindig, auf denen der Abbau der Skulptur dokumentiert war. "Auf diesen Bildern kann man sehen, dass die Nazis dieses Denkmal nicht verluden wie Altmetall", sagt Cadario. "Die Fracht wurde festgezurrt, um den Transport unbeschadet zu überstehen."

Bei seinen Recherchen stieß der Historiker, der in seinem Dachboden-Büro alle Indizien zusammengetragen hat, gar auf einen Beobachter, "der das Monument nach dem September 1940 noch in Valmy gesehen hatte". Danach geriet der Zug in einen alliierten Luftangriff und musste wegen des Bombardements offenbar auf Nebenstrecken warten. "Immerhin ist damit klar, dass die Fracht nicht auf kürzestem Weg nach Deutschland geschafft wurde. Man kann also davon ausgehen, dass die Waggons nach Süden geleitet wurden", sagt Cadario. Doch dann verliert sich die Spur.

Wer erkennt die Wehrmachtssoldaten?

Kein Grund für den Hobbyforscher aufzugeben. Für seine Ermittlungen engagierte er Jacques Cohen. Reims' Vizebürgermeister, zuständig für internationale Beziehungen, bemühte sich um politische Unterstützung. Doch seine Versuche, über die Botschaft in Berlin, das Kanzleramt und das Militärhistorische Museum in Potsdam neue Hinweise zu erhalten, schlugen fehl. "Eine Annahme war", so Cohen, "dass die Skulptur mit den schwarzen Soldaten als Beispiel für 'entartete Kunst' in Deutschland ausgestellt werden sollte." Eine Hypothese, die sich jedoch nicht erhärten ließ.

"Unsere letzte Hoffnung ist die Unterstützung durch Zeitzeugen oder Hinweise aus der deutschen Öffentlichkeit", sagt Cohen. Auf die Hilfe seiner deutschen Freunde hofft auch Richard Maisonnave. Der Oberstabsfeldwebel, Vizekurator am Artillerie-Museum von Draguignan (Departement Var), wandte sich an den lokalen Verbindungsoffizier der Bundeswehr - mit der Bitte um Unterstützung. Heute kümmert sich Frank Rosemann um das Dossier. "Für Frankreich hat die Suche nach dem Denkmal Symbolcharakter", sagt der Oberstleutnant. "Wichtiger ist vielleicht aber, dass durch die Veröffentlichung die Wehrmachtsoldaten identifiziert werden, die beim Abtransport 1940 fotografiert wurden. Es wäre doch großartig, wenn zum hundertjährigen Gedenken an den Ersten Weltkrieg das Rätsel gelöst werden könnte."

In Reims steht an der Stelle des früheren Monuments seit 1963 eine moderne Version zum Gedenken an die Soldaten der "Schwarzen Armee". Die abstrakte Darstellung von zwei parallelen Betonstelen wurde gewählt, weil man damals eine Kontroverse um das historische Erbe der Kolonialsoldaten vermeiden wollte. Dennoch ist die Skulptur von Paul Moreau-Vauthier auch heute noch zu besichtigen. Der Guss wurde seinerzeit nämlich aus derselben Form zweimal gefertigt: Ein Exemplar wurde in Reims aufgestellt, das andere nach Westafrika verschifft - als Ehrung vor Ort.

Seit dem 3. Januar 1924 steht das zweite Exemplar des Denkmals vor dem Rathaus von Bamako, im Herzen der Hauptstadt des heutigen Mali. Unversehrt und fern des Mutterlandes, das seine afrikanischen Helden einst als "Adoptivkinder Frankreichs" bezeichnet hatte, "im Kampf gefallen für Freiheit und Zivilisation".



insgesamt 10 Beiträge
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Rolf Radicke, 11.11.2013
1.
"Grund zur Annahme" Ich gehe davon aus, dass das Monument den gleichen Weg gegangen ist wie viele Kirchenglocken. Der Umstand, dass es 1940 noch in Frankreich gesehen worden sein soll, sagt ueberhaupt nichts.
Nils Holstein, 11.11.2013
2.
Möglicherweise ein Leckerbissen für Experten im Eisenbahn-Bereich. Anhand erkennbarer Beschriftung und Wagenbauart des offenkundig zweiachsigen, ungebremsten Güterwagens lässen sich u.U. der Typ, evtl. Besitzer, Einsatzbereiche (ggf. Auschlüsse) und somit Hinweise auf den Lebenslauf des Wagens erzielen. Züge mit Wagen ohne eigene Bremsen, unterliegen bestimmtien Einschränkungen, die in den Bremszetteln vermerkt sein müssen. Vielleicht liegt aufgrund der Größe des Denkmals auch eine LÜ, Lademaßüberschreitung vor, die auch bis zum Ziel nachverfolgbar sein könnte.
Daniel Apostol, 12.11.2013
3.
Interessant, dass es so ein Denkmal gab, dass die Kolonialtruppen ehrte. Aber das ganze ist absurd: Ein "tonnenschweres" Brozeobjekt ohne Propagandanutzen für die Nazis hätte nie 4 Jahre Rohstoffmangel überstanden. Und wieso hätten sie es vor Ort zerstören sollen, damit sie die Einzelteile zum Schmelzofen transportieren müssen? Und der Stil der Statue ist eher klassisch, taugte also nicht als Darstellung von entarteter Kunst und hätte die Nazis beschämt, als Ehrung der Afrikaner die tapfer für die Franzosen gegen das deutsche Reich gekämpft hatten.
Nils Holstein, 11.11.2013
4.
Erste vage Einschätzung Güterwagen: DRG-Bezeichnung "Erfurt", somit Klassifizierung Arbeitswagen, Bauart Bay X05 ????
Kai F. Lahmann, 12.11.2013
5.
>DRG-Bezeichnung "Erfurt", somit Klassifizierung Arbeitswagen, Bauart Bay X05 ???? Ein Arbeitswagen (bei der DR als "Gattungsbezirk Erfurt" bezeichnet) ist es definitiv; ein Rungenwagen hätte einen massiven Langträger unter der Bordwand. Das "X 05" hilft dagegen nicht, denn diese (erst von der DB eingeführte) Bezeichnung ist bei Arbeitswagen eine Sammelbezeichnung, da die Wagen eh nur als "Behelfslösungen" angesehen wurden ? abklappbare Bordwände sind dafür dann auch eine ungewöhnlich aufwändige Bauweise. Nicht aber für einen anderen Wagen: In Frankreich gab es aus der OCEM29-Familie einen Arbeitswagen mit gedrittelt abklappbarer Bordwand?
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