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Giftgas-Affäre: "Die Vergangenheit hatte mich eingeholt"

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Giftgas-Affäre "Die Vergangenheit hatte mich eingeholt"

Festnahme um Mitternacht: Wegen angeblicher Lieferungen an eine libysche Giftgasfabrik wurden 1996 zwei deutsche Unternehmer verhaftet. Detlef Crusius war einer von ihnen. Auf einestages erinnert er sich an harte Monate im Knast und ein überraschendes Urteil.
Von Detlev Crusius

Deutsche Medien berichteten am 20. August 1996 über die Lieferungen brisanter Technologien nach Libyen. "Auschwitz im Wüstensand" titelte "Bild". Zwölf Tage zuvor waren die Geschäftsführer eines Mönchengladbacher Unternehmens verhaftet worden. Die Staatsanwaltschaft warf den Verdächtigen Verstöße gegen das Außenwirtschafts- und Kriegswaffenkontrollgesetz sowie das UN-Embargo vor. Die Firma sollte zwischen 1990 und 1993 Anlagen der Firma Siemens und Software zur Mischung von Kampfgasen nach Libyen geliefert haben. Die Steuerungsanlagen, so lautete der Verdacht, könnten zur Produktion von Giftgas eingesetzt werden.

Das Gericht verurteilte Detlev Crusius am 30. Oktober 1997 zu vier Jahren und drei Monaten Haft. Sein Geschäftspartner kam mit dreieinhalb Jahren Haft davon. Strafmildernd waren die Geständnisse der Angeklagten gewertet worden. Sie erhielten Haftverschonung und mussten nach 15 Monaten Untersuchungshaft nicht mehr ins Gefängnis zurück. Seine Erlebnisse aus jener Zeit verarbeitete Crusius in einem autobiografischen Roman. Auf einestages erinnert er sich an den Tag seiner Verhaftung, den schockierenden Alltag im Untersuchungsgefängnis und den Moment der Urteilsverkündung.

Es war am 8. August 1996, kurz vor Mitternacht. An jenem Abend fuhr ich sehr langsam, war übermüdet. Die lange Fahrt von Dresden bis zum Niederrhein steckte mir in den Knochen. Am letzten Autobahnkreuz waren mir Scheinwerfer eines Pkw aufgefallen, der mir in mal längeren, mal kürzeren Abständen folgte.

Als ich die Abfahrt zu meinem Heimatort erreichte, folgte mir der Wagen. Er war dicht aufgerückt, doch ich beachtete ihn nicht weiter, ich wollte nur noch nach Hause und ins Bett. Als ich vor meiner Garageneinfahrt parkte, stellte sich der fremde Wagen quer hinter meinen. Aus dem Auto stiegen drei Personen aus. Meine Frau hatte das Hoflicht angelassen. Die dann folgenden Ereignisse liefen für mich wie in Zeitlupe ab.

Einer der Beamten hielt mir einen Ausweis und ein rotes Stück Papier vors Gesicht. Lesen konnte ich im spärlichen Licht der Hofbeleuchtung nichts. Er nannte auch seinen Namen, den ich aber nicht verstand. Er fragte nach meinem Namen und erklärte mir dann, ich sei wegen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und Verstoß gegen das UN-Embargo vorläufig festgenommen. Der jüngere Beamte durchsuchte mich, ich musste die Hände auf den Rücken nehmen, Handschellen klickten, und mit auf dem Rücken gefesselten Händen stand ich neben meinem Wagen.

Nicht umkippen!

Ich war nicht in Panik, es traf mich nicht unvorbereitet. Das alles hatte ja eine Vorgeschichte. Nur ein Satz ging mir immer wieder durch den Kopf: Nicht umkippen. Du darfst nicht umkippen!

Als ich protestierte, weil ich meiner Frau Bescheid sagen wollte, wurde mir gesagt, sie werde schon merken, dass ich nicht käme. Sie würde lange auf mich warten müssen, fügte der jüngere Beamte noch hinzu.

Die beiden fassten mich rechts und links am Ellbogen und führten mich die paar Meter zu ihrem quer stehenden Wagen. In diesem Moment öffnete sich die Haustür und meine Frau kam auf den Hof. Selbst im kümmerlichen Licht sah ich ihr Entsetzen. Ich bat sie, unseren Anwalt anzurufen, das sei in der jetzigen Situation wichtig. Es war kühl geworden und ich bat sie um einen Pullover aus dem Kofferraum. Ich wusste, dass mir eine lange, unangenehme Nacht bevorstand.

"Objekt 1 festgenommen"

Meine Frau sagte kein Wort. Sie kam zum Wagen und holte mir aus dem Kofferraum meinen Pullover. Die Frau, die bisher die Straße gesichert hatte, ließ sich den Pullover geben. Sie befingerte ihn und legte ihn auf den Rücksitz des Polizeiwagens.

Die Beamtin nahm einen Kindersitz von der Rückbank und verstaute ihn im Kofferraum. Mit auf dem Rücken gefesselten Händen setzte ich mich unbeholfen auf den Rücksitz des Autos. Alle stiegen ein. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte Mitternacht.

Wir fuhren über dunkle Feldwege und dann auf die Autobahn. Über Funk verständigten sie sich mit einem anderen Fahrzeug, sagten: Objekt 1 festgenommen, keine Probleme. Dann aus dem Lautsprecher die Antwort: Objekt 2 festgenommen, keine Probleme.

Gesicht zur Wand

Nach einer Weile fragte ich, wo wir hinführen. Ins Präsidium nach Mönchengladbach, war die Antwort nach längerer Pause. Offenbar wollte man mich im Ungewissen lassen, wie es mit mir weiterginge.

Nach knapp einer Stunde erreichten wir Mönchengladbach, kamen auf den Ring, fuhren hinter dem Gerichtsgebäude in eine kleine Seitenstraße, bogen mehrmals nach rechts und links ab. Ein Eisentor rollte zur Seite, wir fuhren in einen Hof, der von grellen Scheinwerfern beleuchtet war. Obwohl ich noch nie hier gewesen war, wusste ich, wo ich mich befand. Im Gefängnis.

Ich musste aussteigen, wurde in einen Warteraum geführt. Justizbeamte in grünen Uniformen, drei oder vier, darunter eine Frau, erwarteten mich.

Ich musste mich an die Wand stellen, Gesicht zur Wand. Erneut wurde ich abgetastet, so routiniert wie eben vor der Haustür. Dann nahm man mir die Handschellen ab. Endlich konnte ich meine steifen Arme nach vorne nehmen und die Handgelenke massieren.

Schuhe aus

Dann sollte ich den Inhalt meiner Taschen in eine flache Holzkiste leeren. Ich stand auf, leerte meine Hosentaschen: ein 10-D-Mark-Schein und ein paar Münzen, das Wechselgeld vom letzten Rasthaus, meine Geldbörse, ein schmutziges Tempotaschentuch. Auch den Gürtel, Uhr, sogar den Ehering musste ich in den Kasten legen. Das Tempo durfte ich wieder einstecken.

Ein Beamter sagte mir dann, ich werde am nächsten Tag dem Haftrichter vorgeführt. Ich werde des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz beschuldigt, ich hätte eine sehr hohe Haftstrafe zu erwarten. Ich solle mal von fünfzehn Jahren ausgehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer nur wie ein Echo im Kopf - Nerven behalten.

Als ich meinen Anwalt sprechen wollte, wurde mir gesagt, das könne ich Morgen noch, dafür sei der Zoll zuständig. Dann forderten sie mich auf, mitzukommen. Zwei Beamte führten mich durch einen langen nur schwach beleuchteten Gang. Auf beiden Seiten waren Zellen, eiserne Türen. Vor einer der Türen machten wir Halt. Einer schob den Riegel zurück, ein Schlüssel wurde umgedreht. Ich musste meine Schuhe ausziehen.

Unsinnigerweise ging mir durch den Kopf, dass man das in altmodischen Hotels in der Schweiz immer noch so machte. Da werden nachts die Schuhe geputzt.

Die Vergangenheit hatte mich eingeholt

Die Zelle war etwa zwei mal drei Meter groß. Eine schwach leuchtende Glühbirne an der Decke in einem Drahtkorb, wie eine Stalllampe, beleuchtete nur spärlich den Raum. Links an der Wand eine schmale Pritsche, mit Plastikfolie überzogen. Auf der Pritsche lag eine graue Wolldecke. Links neben der Tür stand ein Toilettentopf, ohne Deckel und ohne Brille. An der Schmalseite der Zelle ein vergittertes Fenster, zusätzlich noch mit Maschendraht gesichert. Es war heiß und stickig in dem Raum. Das Fenster war geschlossen, es roch nach Schweiß, Urin und nach scharfen Reinigungsmitteln. Staub hing in der Luft.

Die Tür schlug zu. Der Schlüssel drehte sich knirschend im Schloss. Der Riegel wurde krachend vorgeschoben. Das Licht erlosch. Schritte entfernten sich.

Die Vergangenheit hatte mich eingeholt.

Es war schon so, wie die Staatsanwaltschaft ermittelt hatte. Aber da war noch ein bisschen mehr, was sie nicht ermittelt hatten, vielleicht auch nicht ermitteln durften. Einige der Beteiligten hatten gute Gründe dafür zu sorgen, dass nicht alles vor Gericht und in der Öffentlichkeit breitgetreten wurde. Wenigstens zum damaligen Zeitpunkt war ich der gleichen Meinung, denn ich hatte nur ein Ziel - die Sache so schnell wie möglich hinter mich zu bringen.

Zum Weiterlesen:

Detlev Crusius: "Absturz". Dittrich Verlag, Berlin 2010, 352 Seiten.

Im Gefängnis

In meiner Doppelzelle war ich bisher allein geblieben. Ich hatte gehofft, das würde auch so bleiben. Dann wurde eines Tages außer der Reihe die Tür aufgeschlossen und der Beamte sagte mir, ich bekäme Zuwachs. Der Mann sei gesundheitlich etwas angeschlagen, ich müsse auf ihn aufpassen. Und für den Notfall - ich wüsste ja, wo der Alarmknopf sei.

Hinter dem Beamten stand ein junger Mann. Mehr wankend als gehend stolperte er in die Zelle und fiel auf das untere Etagenbett. Er trug eine alte graue Trainingshose und ein T-Shirt. Er war über und über dreckverkrustet, so als ob er in schlammigen Pfützen gelebt hätte. Er hatte einen Stoppelbart und sein letzter Haarschnitt lag mehrere Monate zurück. Sein Alter war schwer zu schätzen, vielleicht fünfundzwanzig oder dreißig. Er hatte etwa meine Größe, war aber ein richtiges Skelett. Die Haut seines Gesichts sah aus wie über Knochen gezogenes, altes gelbes Pergament.

Der Beamte knallte ohne weitere Erklärungen die Zellentür zu.

Kalter Entzug

Ich hatte das untere Bett belegt, merkte aber sofort, dass der Mann in seinem Zustand niemals in das obere Bett klettern konnte. Ich warf mein eigenes Bettzeug nach oben. Der Mann stand schwankend auf und versuchte, sein Bett zu beziehen, aber es gelang ihm nicht, seine Bewegungen waren zu fahrig und zu unkoordiniert. Ich half ihm und fragte, was mit ihm los sei, ob er krank sei.

Der Neue murmelte was von Drogen und setzte mit etwas kräftigerer Stimme hinzu: Kalter Entzug. Also war er ein Drogist, wie man hier im Knast zu einem Süchtigen sagte.

Ich hatte nie mit Drogen zu tun gehabt, aber was kalter Entzug war, hatte ich inzwischen gelernt: rigoroses Absetzen aller Drogen, keine unterstützenden oder beruhigenden Medikamente wie Methadon oder Ähnliches. Sogar Schlafpillen gab es nur in Ausnahmefällen, denn damit betrieben die Süchtigen hier im Knast einen schwunghaften Handel.

Die Therapie der Süchtigen war vermutlich in allen JVA gleich. Die Gefängnisverwaltung war auch für das Wohlergehen der Drogensüchtigen verantwortlich, dieser Verpflichtung konnte sie personell nicht gerecht werden und im Gefängniskrankenhaus gab es zu wenig Betten. Da war nur Platz für Häftlinge in lebensbedrohlichem Zustand.

Zittern und Gestank

In Ossendorf machte man es so, dass man jeden Süchtigen mit Entzugserscheinungen mit einem "Normalen" in eine Zelle sperrte. Der Normale musste wie ein Krankenpfleger auf den Süchtigen aufpassen und bei Bedarf den Alarmknopf drücken. Der Alarmknopf in den Zellen war entweder kaputt oder der Aufsichtsbeamte reagierte nicht darauf. Nachts konnte der Beamte den Alarm nicht beachten, denn die Nachtschicht im Hafthaus war nur mit einem Mann besetzt. Der saß vorne in der Kanzel und durfte den eigentlichen Haftbereich nicht betreten, keine Zelle aufschließen, ohne sich einen zweiten Beamten zur Verstärkung zu holen.

Das System war personal- und kostensparend und die Häftlinge erzählten sich auch von gelegentlichen Todesfällen. Offiziell kam so etwas nicht vor. Das war dann Herzversagen unter Drogeneinfluss, oder Tod durch Ersticken an Erbrochenem, so erzählten es sich die Häftlinge.

Mein neuer Zellenkumpel lag auf dem Bett, zusammengebrochen, schweißüberströmt, unfähig zu reden. Ich deckte ihn mit einer Decke zu. Der Mann zitterte trotz hochsommerlicher Temperaturen und schwitzte erbärmlich. Er stank, es war ein ekelhafter Geruch von etwas, das kein Schweiß war. Es war ein anderer, Übelkeit erregender Gestank.

Er torkelte zum Toilettentopf

Ich versuchte, mit ihm zu reden. Fragte mehrmals nach seinem Namen, aber es kam keine Reaktion. Gegen sechs Uhr abends gab es Essen. Der Beamte sagte mir, ich solle für zwei Personen nehmen. Ich antwortete: Der isst sowieso nichts. Bei der Hitze wird doch alles nur schlecht.

Ich nahm dann nur eine Ration aber zwei Rationen Tee. Die Tür knallte zu, und ich war alleine mit dem Süchtigen. Ich aß etwas, Brot mit Marmelade, und trank meinen Tee dazu.

Der Mann war nicht ansprechbar, keuchte nur irgendetwas Unverständliches. Es dämmerte. Ich saß am Tisch und versuchte zu lesen. Ich las ziemlich unkonzentriert, der Süchtige stöhnte ohne Unterlass. Dann stand er mühsam auf und torkelte, sich an der Wand abstützend, zum Toilettentopf, zog sich die Trainingshose runter und setzte sich. Widerlicher Gestank breitete sich in der Zelle aus.

Blut und Haare an der Tischkante

Nach einer ganzen Weile merkte ich, dass der Mann im Sitzen eingeschlafen war. Ich schüttelte ihn wach und half ihm zurück in sein Bett. Plötzlich fragte der Junkie sehr deutlich, ob ich etwas zu trinken habe. Er trank seine ganze Kanne Früchtetee aus. Danach schien es ihm besser zu gehen.

Er sah an sich runter, dann mich an, entschuldigte sich und sagte, er könne sich nicht den Hintern abwischen, das schaffe er nicht.

Das regeln wir Morgen, gab ich ihm zur Antwort.

In der Nacht kotzte er vor das Bett, und als er aufstand, rutschte er in dem Erbrochenen aus. Ich hörte, wie er auf dem Boden aufschlug. Am nächsten Morgen klebten Blut und Haare an der Tischkante, und über dem rechten Ohr war Frank blutverschmiert.

Schreie in der Nacht

Als bei der Essenausgabe die Tür geöffnet wurde, hielt der Schließer hörbar die Luft an und trat ein paar Schritte rückwärts in den Gang. Er besorgte mir dann einen Eimer mit Wasser, ich machte die Zelle sauber und der Beamte verordnete uns einen Sonderduschtag.

Vormittags ging Frank stark schwankend und sich an der Wand abstützend zu den Duschräumen am Gangende. Der Beamte von der Morgenschicht hatte ihm sogar frische Gefängniskleidung und neue Bettwäsche besorgt. Geduscht und mit einem neuen Trainingsanzug von der JVA bekleidet fühlte sich Frank sichtlich besser. In die Freistunde auf den Hof kam er nicht mit. Abends konnte er etwas trockenes Brot essen, ohne alles wieder rauszuwürgen.

Frank redete ziemlich wirr und unzusammenhängend, er erzählte etwas von einem Friseurladen, wo immer viel Wechselgeld in der Kasse sei. Von seiner Mutter und davon, dass er bald heiraten wolle, und dann würde alles besser werden.

Von Tag zu Tag ging es mit Frank bergauf. Er aß wenig, behielt das Essen aber bei sich. Nachts schrie er manchmal im Schlaf. Manchmal schlief er die ganze Nacht und den nachfolgenden Tag, dann wieder schlief er weder am Tag, noch in der Nacht. Fragen ignorierte er, so als ob er mich nicht hörte. Wenn er wach war, saß er am Zellenfenster und starrte nach draußen.

Kein Dummkopf

Nach einer Woche bekam Frank fürchterlichen Hunger und fing an, große Mengen Brot zu verschlingen. Er hatte den kalten Entzug überstanden. Sein Körper war wohl weitgehend entgiftet. Ich konnte mich jetzt mit ihm unterhalten.

Das Geld für Drogen, erzählte Frank, verschaffe er sich durch kleine Einbrüche, er klaue Geld aus den Registrierkassen oder handle zwischendurch selber mit Drogen. Er war ein kleiner Fisch. Kein Dummkopf. Wie er in diesen Teufelskreis von Drogen, Kriminalität, Entzug und wieder Drogen hineingeraten war, wusste er nicht mehr. Irgendwann war es einfach passiert, hatte vielleicht mit Haschisch angefangen und nun hing er an der Nadel. Aids habe er nicht, erklärte er. Aber er habe Hepatitis. Das kriege man von den verdreckten Nadeln und das sei viel schlimmer.

Er war Experte in Sachen Gelbsucht, hielt mir einen Vortrag über Symptome und Heilungschancen. Ich war nicht geimpft, und jetzt saß ich mit Frank zusammen in dieser engen Zelle. Frank beruhigte mich. Das sei nicht schlimm, wir müssten nur das Geschirr und das Besteck auseinanderhalten, dann passiere schon nichts. Ein Arzt hätte ihm das mal genau erklärt. Seine Mutter hätte auch Hepatitis, sie sei lange auf den Strich gegangen. Seinen Vater kannte er nicht.

Dann erzählte er von der Frau, die er nun bald heiraten würde, die er aber schon lange nicht mehr gesehen habe.

Freigang

Normalerweise sind Häftlinge sehr verschlossen, aber Frank redete weiter, er habe jetzt großen Hunger, besonders auf Brot, hätte er ja gemerkt. Er werde jetzt dauernd auf dem Topf sitzen. Das dauere drei bis vier Wochen, dann sei wieder alles normal bei ihm.

Die Hupe ertönte, es war Zeit für den Freigang. Frank wollte mitkommen. Das erste Mal, seit er hier war. Wir machten uns fertig. Es war ein warmer Tag, Anfang September.

Der Beamte öffnete die Zellentür, und wir traten auf den Gang und folgten den anderen auf den Hof. Dort sah Frank sich aufmerksam um und ging zielsicher auf eine Gruppe Häftlinge zu, die sich in einer Ecke an der Mauer versammelt hatte. Es war die Ecke, die am weitesten von der Hoftür und den Aufsicht führenden Beamten entfernt war. Die Häftlinge standen dort und steckten die Köpfe zusammen.

Recht behalten

Ich erzählte dem Mithäftling Peter, dass Frank sofort in die Ecke abgedampft sei. Eigentlich könne er die Leute gar nicht kennen. Peter klärte mich auf, dass dort Haschisch geraucht würde. Und den Beamten sei das egal, solange keiner umkippe oder Scheiße baue.

Ich erzählte Peter, dass Frank heiraten wollte. Klar, sagte der nur. Der zöge hier eine theaterreife Show ab, damit er Straferleichterung bekäme, und wenn sie gerade mal zehn Minuten draußen seien, brächen sie die nächste Parkuhr auf und rannten zu ihrem Dealer.

Frank war bereits in der Zelle, als ich kam. Er hatte sehr weite Pupillen, die seine Augen beinahe schwarz aussehen ließen. Er zappelte mit den Fingern hin und her, redete und redete, sprang von einem Thema zum nächsten. Ich fragte ihn, ob er schon wieder auf dem Trip sei. Er kicherte nur und meinte, er sei doch nicht blöde.

Peter behielt recht. Frank wurde kurze Zeit später in eine Entzugsklinik verlegt.

Das Urteil

30. Oktober 1997. Der Anstaltsleiter hatte mir während des Prozesses fast täglich eine Zeitung besorgt. Das Interesse der Öffentlichkeit hatte in den vergangenen drei Wochen noch mehr abgenommen. Die Presse beschränkte sich auf kurze Mitteilungen. Aber heute war der Saal wieder brechend voll. Meine Frau war Gott sei Dank nicht gekommen. Sie hielt sowieso nicht für möglich, dass ich nun bald frei sein würde. Ich selbst konnte es kaum glauben.

Das Gericht betrat den Saal. Die Schlussplädoyers begannen. Staatsanwalt Möllmann hielt das Plädoyer für die Staatsanwaltschaft. Mir gelang es nicht, mich zu konzentrieren. Bei einem Satz horchte ich aber auf. Der Staatsanwalt sagte, mit diesen Steuerungen könne man eine Puddingfabrik betreiben, aber man könnte auch eine Giftgasproduktion damit steuern. Sie wüssten nicht, was die Libyer damit machen wollten.

Ich musste plötzlich lachen, als ich mir ausmalte, ich würde gleich für ein paar Zulieferungen für eine nichtfunktionierende Puddingfabrik verurteilt werden. Mein Anwalt stieß mich von der Seite an und der Vorsitzende sah von seiner Richterbank strafend auf mich herab.

Vor der Urteilsverkündung

Ich fühlte mich wie ein sehr kleines Rädchen in diesem Getriebe. Ein klitzekleines Rädchen. Aber ich gehörte dazu. Und ich fragte mich, was nach dieser Episode in meinem Leben wohl nun noch vor mir läge. Gerecht oder nicht gerecht. Das spielte keine Rolle mehr. Es ging nur noch um meine Zukunft. Eine Puddingfabrik - ich lachte erneut und der Vorsitzende klopfte strafend mit seinem Stift auf die Richterbank.

Der Strafantrag der Staatsanwaltschaft für mich lautete: Vier Jahre und sechs Monate Haft. Und Fortdauer der Haft. Für meinen Mitangeklagten beantragte er drei Jahre und sechs Monate und Aufhebung des Haftbefehls.

Das Plädoyer von den Anwälten brachte keine Neuigkeiten. Mein Anwalt war ungewohnt leutselig in seinem Schlussplädoyer.

Das Gericht zog sich zur Beratung zurück. Ich wurde wieder in den Käfig im Keller gesperrt.

Worte wie durch Watte

Wie lange hatte ich im Keller gewartet? Eine Stunde, zwei Stunden, vielleicht drei? Ich wusste es nicht, ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Nur einmal bat ich darum, dass sie mir öffneten, weil ich auf die Toilette musste. Der Beamte blieb hinter mir in der offenen Tür stehen, sah mir dabei zu.

Wieder im Gerichtssaal, bestürmten mich Journalisten, mit Kameras und Mikrofonen. Ein Reporter hielt mir ein Mikrofon dicht vors Gesicht. Ich schob den Mann samt seiner Kamera beiseite und ging zu meiner Bank. Ich war erschöpft. Das Getümmel um mich herum nahm ich kaum wahr. Ich hörte es wie ein fernes Rauschen. Ich sah, wie mein Anwalt eilig den Saal betrat. Er setzte sich neben mich und trat mir schmerzhaft gegen das Schienbein.

Wie lange ich zum Packen brauche, wollte er wissen. Ich verstand ihn nicht, hörte seine Worte wie durch ein dickes Wattepolster, begriff nicht, was er damit meinte.

Das Urteil

Ich käme heute noch raus, nach der Urteilsverkündung, erklärte mir mein Anwalt. Zum Packen brauche ich fünf Minuten, für den Papierkram in der Verwaltung vielleicht eine Stunde, genau wüsste ich es nicht, gab ich ihm zur Antwort, meine auch, ganz ruhig gesprochen zu haben.

Der Gerichtssaal drehte sich um mich, ich wäre beinahe sitzen geblieben, als die Richter wieder den Saal betraten. Die Urteile wurden verlesen.

Mein Mitangeklagter bekam seine drei Jahre und sechs Monate. Sein Haftbefehl wurde sofort aufgehoben. Ich wurde zu vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Den Haftbefehl erwähnte der Vorsitzende nicht. Dann verlas der Vorsitzende die Kurzform der Urteilsbegründung. Zum Schluss seiner Ausführungen verfügte er die sofortige Aufhebung meines Haftbefehls. Er sagte, ich hätte maßgeblich daran mitgewirkt, dass dieses Verfahren zu einem schnellen Abschluss gekommen sei.

Einspruch

Die Begründung klang nur für die Journalisten weit hergeholt. Der Vorsitzende hatte Recht: Es war ein Prozess ohne Beweisaufnahme gewesen. Für eine echte Beweisaufnahme hätte man einen ganzen Lkw Aktenordner und Papier übersetzen müssen. Die Akten hatten die belgischen Behörden sehr spät an die deutschen Ermittler übergeben, wohl, wie ich vermutete, um sich reinzuwaschen. Unterlagen in englischer, französischer, auch arabischer Sprache.

Der Staatsanwalt erhob zunächst Einspruch gegen meine Freilassung. Der Vorsitzende fragte mich, ob ich das Urteil annähme.

Ich nahm an. Mein Mitangeklagter nahm ebenfalls das Urteil an. Die Verhandlung war beendet. Ich konnte nach Hause gehen. Mein Anwalt sagte, er brächte mich nach Hause, das hätte er bisher noch bei jedem Angeklagten gemacht, den er rausgeboxt hätte.

Zurück in der Zelle

Die Journalisten veranstalteten einen ziemlichen Aufstand im Gerichtssaal. Der Oberstaatsanwalt und der Vorsitzende gaben Interviews. Auch mein Anwalt war umlagert. Ich drängelte mich durch das Menschengewühl des Gerichtssaals in den Gang zum Keller und bat den Wachtmeister, mich schnellstens in die JVA zu bringen.

Diesmal ging ich freiwillig zurück. So ganz bei mir war ich noch nicht. Stimmen und Geräusche drangen immer noch gedämpft zu mir durch, auch der Boden unter mir schien sich zu bewegen. Am Treppenaufgang stand der JVA-Leiter und sagte mir, er hätte eine Wette gewonnen, er habe gewettet, dass ich frei käme. Jetzt müsse er aber noch den schriftlichen Bescheid des Gerichts abwarten, vorher dürfe er mich nicht rauslassen.

Ich ging in meine Zelle, packte meine paar Sachen in Plastiktüten. Meinen Fernseher schenkte ich, den Knastregeln folgend, meinem Nachbarn, der noch keinen hatte, weil er gerade erst verhaftet worden war. So, wie ich ihn zu Beginn meiner Haftzeit auch geschenkt bekommen hatte.

Journalistenpulk

Eine halbe Stunde später stand ich vor meiner Zelle und wartete. Die Zellentür hatte der Beamte offen gelassen. Ein Beamter kam eilig die Treppe rauf und sagte, dass das Schreiben vom Gericht jetzt da sei, ich könne jetzt gehen.

Er brachte mich in die Verwaltung und ich bekam das Guthaben von meinem Knastkonto ausgezahlt, rund einhundert D-Mark. Man brachte mich zum Tor. Der Anstaltsleiter wartete dort. Er wolle mich hinten rauslassen, mein Verteidiger warte dort. Vorne am Haupteingang hätten sich die Journalisten versammelt. Er gab mir den Einkaufswagen eines Supermarktes. Dann sagte er noch, er sei abergläubisch, er sage deshalb nicht 'Auf Wiedersehen'. Er wünschte mir alles Gute, gab mir die Hand ich ging nach draußen.

Auf dem Hof am rückwärtigen Ausgang parkte ein Aufnahmewagen des Fernsehens, mehrere Journalisten, mit geschulterten Kameras, die Objektive auf mich gerichtet, verfolgten mich in kurzem Abstand, als ich meinen Einkaufswagen über den Hof schob. Eine junge Frau stand neben dem Wagen, sprach aufgeregt ins Mikrofon, sah mich dabei an. Fragte sie mich etwas? Ich hörte nicht hin, ignorierte sie.

Schweigen

Mein Anwalt kam mir entgegen, half mir mit den Tüten. Er meinte nur, die Presse würden wir auch noch überstehen. Schweigend packten wir die Tüten in den Kofferraum. Dann stiegen wir in sein Auto und fuhren los.

Ich hatte meine Frau über einen langen Zeitraum einmal in der Woche nur für eine halbe Stunde unter Aufsicht gesehen. In den kurzen Besuchszeiten hatten wir wenig miteinander gesprochen, voller Angst, die kurze Spanne Zeit, die paar Minuten, mit Nebensächlichkeiten zu vergeuden, hatten wir vor lauter Furcht oft gar nicht miteinander geredet. Später, im großen Besuchsraum, waren uns lange Besuchszeiten zugestanden worden, manchmal drei Stunden. Niemand konnte unseren Gesprächen zuhören. Trotzdem hatten wir uns auch hier auf das Notwendigste beschränkt, aus Sorge, das Falsche zu sagen, dem anderen weh zu tun, im Streit auseinanderzugehen, was trotz unserer Schweigsamkeit häufig genug geschehen war.

Jetzt hätten wir uns viel sagen müssen, viel über lange Zeit Ungesagtes aussprechen können. Wir waren trotzdem schweigsam. Ein langer Weg lag vor uns.

Zum Weiterlesen:

Detlev Crusius: "Absturz". Dittrich Verlag, Berlin 2010, 352 Seiten.

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