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Goebbels' Sportpalastrede: Stiller Staatsstreich

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Goebbels' Sportpalastrede Stiller Staatsstreich

Sie gilt als perfides Musterbeispiel der Nazi-Propaganda: Mit seiner Sportpalast-Rede inszenierte sich Joseph Goebbels im Februar 1943 als Aufpeitscher einer kriegsbegeisterten deutschen "Volksgemeinschaft". Für den Reichsminister aber ging es um mehr - eine Machtprobe mit dem "Führer".
Von Peter Longerich

"Wollt ihr den totalen Krieg?", fragt der Mann am Rednerpult, und die 15.000 Besucher im Saal springen wie in einer Welle nacheinander von den Plätzen, reißen die Arme in die Luft und schreien "Ja". Als der Beifall abebbt, stützt der Redner die Hände in die Seiten und setzt nach: "Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?" Und wieder springen die 15.000 von ihren Plätzen und schreien: "Ja!"

"Seid ihr bereit, mit dem Führer, als Phalanx der Heimat hinter der kämpfenden Wehrmacht stehend, diesen Kampf mit wilder Entschlossenheit und unbeirrt durch alle Schicksalsfügungen fortzusetzen - bis der Sieg in unseren Händen ist?" Jubel, Beifall und Begeisterung branden der Tribüne entgegen.

Die Rede von Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast sollte in die Geschichte eingehen - als besonders perfides Musterbeispiel nationalsozialistischer Propaganda und Rhetorik. Dem Minister für Volksaufklärung und Propaganda war es gelungen, die Massenveranstaltung in einen Hexenkessel zu verwandeln. Die Bilder und Tonaufnahmen, die sein Ministerium von diesem Abend anfertigte, suggerieren eine geschlossene, zum Krieg bereite "Volksgemeinschaft". Doch sein eigentliches Ziel, sich mit dieser Inszenierung zugleich als der mächtigste Mann des Reiches an die Spitze des Regimes zu katapultieren - das sollte Goebbels mit diesem Auftritt nicht gelingen.

Mehr "Härte" und "Realismus"

Mehrfach schon hatte der Reichspropagandaminister gefordert, die Regierung möge die deutsche Bevölkerung auf mehr "Härte" und "Realismus" einstellen. Zum ersten Mal war das im Winter 1941/42, nachdem der Angriff gegen die Sowjetunion ins Stocken geraten war. Doch seine Mahnungen blieben unbeachtet, zumal sich die Kriegssituation im Verlauf des Frühjahrs und Sommers 1942 zugunsten der deutschen Seite verbesserte.

Nun aber, Anfang 1943, war die Lage dramatisch schlecht: In Nordafrika waren die Achsenmächte endgültig in die Defensive geraten, und in Stalingrad war die 6. Armee bereits seit November des vergangenen Jahres eingeschlossen. Bislang hatte die deutsche Propaganda dies verschweigen können. Doch wie lange noch?

Ende Dezember drängte Goebbels die NS-Führungsriege zu einer verstärkten Mobilisierung - und Hitler reagierte. Mitte Januar unterzeichnete er einen Führererlass, der vorsah, durch Betriebsstilllegungen, Verpflichtung von bisher nicht beschäftigen Arbeitskräften, vor allem Hausfrauen, sowie durch großzügige "Umschichtungen" von Beschäftigten mehr Menschen für die Rüstungsindustrie und die Wehrmacht zu gewinnen.

Plädoyer für den "totalen Krieg"

Die Koordination dieser Aufgabe übertrug Hitler einem sogenannten Dreierausschuss, dem Goebbels jedoch - entgegen seiner festen Erwartung - nicht angehören sollte. Er wolle ihn nicht allzu sehr mit zeitraubenden Verwaltungsarbeiten belasten, hatte Hitler ihm gesagt. Goebbels passte das nicht.

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Und damit nicht genug: Der Minister musste bald auch feststellen, dass die geplanten Maßnahmen bei seinen Gauleiterkollegen und in den Reichsressorts auf hinhaltenden Widerstand stießen. Die Bedenken dominierten sogar den Dreierausschuss: Man befürchtete Auswirkungen auf die ohnehin "angespannte Stimmung" der Bevölkerung, eine Ansicht, die auch Hitler teilte.

Goebbels entschloss sich, die zögernden Kräfte innerhalb der Führung unter Druck zu setzen. Mitte Januar begann er damit, in der Wochenzeitschrift "Das Reich" eine Serie von Leitartikeln zu verfassen, in denen er öffentlich den "totalen Krieg" forderte: "Je radikaler und totaler wir den Krieg führen", hieß es dort zum Beispiel am 17. Januar 1943, "um so schneller kommen wir zu seinem siegreichen Ende."

Hitler schweigt

Dem Chefpropagandisten ging es darum, das öffentliche Erscheinungsbild des "Dritten Reiches" ganz auf den Ernst der Lage einzustellen: Angesichts der bevorstehenden Niederlage in Stalingrad sollte das Alltagsleben von allseitigen Kriegsanstrengungen geprägt sein, die Menschen sollten eine gefestigte, "heroische" Haltung zeigen; für Zweifel oder Widerspruch kein Raum bleiben. Eine schwierige Herausforderung mit einem "Führer", der körperlich immer hinfälliger wurde und sich außer Stande sah, während der Krise öffentlich aufzutreten. Die Goebbelsche Propaganda drohte ihren zentralen Fixpunkt zu verlieren.

Goebbels war entschlossen, das durch Hitlers Schweigen entstandene Vakuum selbst auszufüllen. Am 30. Januar 1943, dem zehnten Jahrestag der "Machtergreifung", verlas der Propagandaminister im Sportpalast eine Proklamation des "Führers": "Aus den Breiten und Tiefen unserer Nation", rief er aus, "dringt der Schrei nach totalster Kriegsanstrengung im weitesten Sinne des Wortes an unser Ohr". Die enthusiastische Zustimmung, die diese Rede im Sportpalast fand, ließ Goebbels durch seinen Propagandaapparat noch verstärken: Das Volk selbst fordere von der Regierung radikalere Maßnahmen, so der Tenor weiterer Veröffentlichungen.

Am 3. Februar 1943 gab der deutsche Rundfunk die Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad bekannt - eine Meldung die laut Goebbels "im deutschen Volke eine Art von Schockwirkung" auslöste. Doch genau für diese tiefgreifende Stimmungskrise meinte er das richtige Rezept zu haben.

"Die Peitsche gebrauchen"

In sein Tagebuch notierte Goebbels am 9. Februar, dass die "nicht ganz ausreichenden gesetzlichen Grundlagen" für den "totalen Krieg" nur "durch eine gewisse terroristische Stellungnahme der Partei ersetzt werden können", die die zögernden Kräfte erfassen und mitreißen sollte. Es müsse, so schrieb er wenige Tage später, "im Hinblick auf die Totalisierungsmaßnahmen ... weiter gehetzt und angetrieben" werden.

Zu diesem Zweck berief er eine weitere Massenkundgebung im Sportpalast ein, die er "wieder mit richtigen alten Parteigenossen bestücken lassen" wollte. Seine Rolle sah er dabei "als Antriebsmotor". Er werde "solange die Peitsche gebrauchen, bis die faulen Schläfer wach geworden sind".

Im Publikum saßen an jenem 18. Februar 1943 an die 15.000 handverlesene Besucher - Parteigenossen, Schauspieler, verwundete Fronturlauber und Krankenschwestern, von denen die Kameras der "Wochenschau" immer wieder Einzelne in Nahaufnahme zeigten, wenn sie nicht gerade über die jubelnden Masse in der Arena schwenkten. Die zentrale Parole der Goebbels-Rede lautete an diesem Tag: Nur die Wehrmacht und das deutsche Volk wären in der Lage, der bolschewistischen Bedrohung Einhalt zu gebieten, allerdings nur, wenn "schnell und gründlich" gehandelt werde. Goebbels machte in scharf antisemitischem Duktus klar, gegen wen sich der "totale Krieg" im Kern richtete: Man sei entschlossen, der jüdischen "Bedrohung ... rechtzeitig und wenn nötig mit den radikalsten Gegenmaßnahmen entgegenzutreten".

"Stiller Staatsstreich"

Der totale Krieg, so fuhrt Goebbels fort, "ist das Gebot der Stunde". Es sei nun "an der Zeit, den Säumigen Beine zu machen". Die im Saal versammelten Parteianhänger erklärte er zum "Ausschnitt aus dem ganzen deutschen Volke", die nun "als ein Stück Volk" im Massenchor seine zehn rhetorischen Fragen mit einem Orkan an Zustimmung beantworteten. Die Sportpalastkundgebung konnte so als Plebiszit für den totalen Krieg ausgegeben werden.

Nach der Veranstaltung empfing Goebbels bei sich zu Hause die Parteiprominenz. Auf dieser Hausparty, so hielt er in seinem Tagebuch fest, wurde vielfach "die Meinung vertreten, daß diese Versammlung eine Art von stillem Staatsstreich darstellt ... Der totale Krieg ist jetzt nicht mehr eine Sache weniger einsichtiger Männer, sondern er wird jetzt vom Volke getragen".

Verhindern konnte Goebbels damit allerdings nicht, dass die eingeleiteten Maßnahmen zum totalen Krieg in den Folgemonaten nur halbherzig durchgeführt wurden - die Kriegssituation hatte sich vorübergehend gebessert. Sein Versuch, durch eine Radikalisierung des Regimes selbst die innenpolitische Führung zu übernehmen, war vorerst gescheitert.

Zum Weiterlesen:

Peter Longerich: "Joseph Goebbels - Biographie". Siedler Verlag, 2010, 910 Seiten.

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