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Göring in der Rominter Heide: Der Reichsjägermeister

Görings vergessenes Jagdrevier Wo die braunen Hirsche röhrten

Hitler-Intimus Hermann Göring trug viele Hüte: Reichsmarschall, Luftwaffenchef - und "Reichsjägermeister". Am liebsten pirschte der prunksüchtige Waidmann durch die Rominter Heide in Ostpreußen, wo er sich den "Reichsjägerhof" bauen ließ. Bis heute kann man die Ruinen nur mit Sondergenehmigung betreten.
Von Uwe Neumärker

Herrmann Göring, Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches und Oberbefehlshaber der Luftwaffe hatte nur einen Wunsch: "Retten Sie mir meine Heide!", forderte er Mitte Oktober 1944 von den verzweifelt gegen die Rote Armee kämpfenden deutschen Truppen. Doch das ostpreußische Lieblingsjagdrevier des "Reichsjägermeisters" war verloren. Er selbst machte sich aus dem Staub, während seine Forstbeamten die Rominter Wälder durchkämmten und um sich schossen, damit die Russen "möglichst wenig an Wild vorfinden".

Es war kein Zufall gewesen, dass sich nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" auch der neue "Schirmherr der Jagd", Hermann Göring, im Herbst 1933 erstmals auf die Pirsch im Rominter Rotwildrevier begab - die Jagd- und Forsttradition dieser Gegend reichte bis in das 14. Jahrhundert zurück. Görings Verhalten allerdings entsprach dem Selbstbild des großen Waidmanns, für den er sich hielt nicht. Als der Hitler-Intimus zum ersten Mal nach Rominten kam, schoss er gleich zum Debüt den falschen von zwei kämpfenden Hirschen. Oberforstmeister Wallmann, Jäger alter Schule, war entsetzt, wie locker Göring der Schuss saß und noch entsetzter, dass der nach nur flüchtiger Besichtigung des Gestreckten sofort nach dem nächsten Hirsch fragte.

Mit derselben Verve bestimmte Göring die Rominter Heide zu "seinem" Revier. Vom Architekten Friedrich Hetzelt ließ sich Göring 1936 einen eigenen Landsitz, den Reichsjägerhof, errichten. Von hier aus betrieb er bis Kriegsbeginn neben der Jagd seine Nebenaußenpolitik; er empfing hier Gäste wie Zar Boris III. von Bulgarien, den polnischen Botschafter Josef Lipski oder dessen britischen Kollegen Sir Nevile Henderson. Auch im September 1939, während die Wehrmacht das nahe Polen eroberte, stellte Göring in Rominten Hirschen nach.

Kapitale Hirsche für Herrn Meier

Auch während der Luftschlacht um England im Jahr darauf ließ es sich Göring nicht nehmen, zur jährlichen Jagdsaison von seinem Hauptquartier im Westen nach Ostpreußen zu reisen - was bei der Luftwaffe für böses Blut sorgte. Im November 1940 zog sich der nunmehrige Reichsmarschall gar für Wochen am Stück nach Ostpreußen zurück um auf die Pirsch zu gehen oder ausgedehnte Spazierfahrten zu unternehmen. Zu dieser Zeit ließ Göring - der öffentlich erklärt hatte, Meier heißen zu wollen, sollten jemals feindliche Flieger deutsches Staatsgebiet bombardieren - sein Anwesen auf Staatskosten um einen Luftschutzraum erweitern.

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion diente der günstig gelegene "Reichsjägerhof" Göring dann als offizielles Hauptquartier. Am kriegspolitischen Tagesgeschäft fand der Reichsmarschall mit dem Hang zu operettenhaften Uniformen jedoch wenig Gefallen; lieber gestaltete er die Tage für sich so angenehm wie möglich. "Wenn nicht alle genau gewusst hätten, dass Krieg war, bitterer unbarmherziger Krieg, hätten wir uns ohne Mühe einbilden können, wir lebten im tiefsten Frieden", erinnerte sich Görings Leibfotograf Eitel Lange. "Dass jeden Morgen der Generalstabschef um elf Uhr zu einer Besprechung kam, erschien dem Oberbefehlshaber schon etwas lästig. Alles andere, was der Dienst von ihm, einem Feldherrn sozusagen, erforderte, machte er sich äußerst bequem. Alle Besprechungen, die sonst in Berlin abgehalten wurden und seines Vorsitzes bedurften oder seines entscheidenden Wortes, wurden kurzerhand nach Rominten in Ostpreußen verlegt."

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Göring in der Rominter Heide: Der Reichsjägermeister

Am liebsten widmete sich Göring im Spätherbst 1941 der Pirsch auf Bastardauerochsen, Sauen und Keiler. Auch bei wichtigen dienstlichen Besuchen, etwa von Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch, Oberbefehlshaber des Heeres, oder Generaloberst Erich Fromm, Befehlshaber des Ersatzheeres, rückte nach Erörterung der militärischen Belangen schnell das Waidwerk in den Mittelpunkt. Indes sich die Wehrmacht mit der Roten Armee schwere Schlachten in den Weiten Russlands lieferte, streckte Brauchitsch den "Eggenhirsch" und weckte damit den Neid Görings. Der erließ mit Datum 1. Oktober 1941 an alle Staatsjagdreviere: "Kapitale und hochkapitale Hirsche werden in Zukunft in den Revieren, in denen ich persönlich während der Hirschbrunft anwesend zu sein pflege, nur durch mich und nicht mehr durch meine Gäste erlegt."

Auf der Pirsch mit dem Reichsführer-SS

Görings Ruf, lethargisch und ausgesprochen arbeitsunlustig zu sein, holte ihn ein, als Hitler nicht ihn, sondern den 36-jährigen Albert Speer zum Nachfolger des Anfang Februar 1942 tödlich verunglückten Rüstungsministers Fritz Todt machte. Der Reichsmarschall verstand den Wink und zog sich schmollend in die Scheinwelt seines "Reichsjägerhofs" zurück. Fortan beschäftigte er sich erst recht nur noch mit kleineren Arbeiten und wenigen Akten; vor allem genoss er das gute Essen, die Bettruhe und die Rominter Wälder. Frontbesuche vermied Göring bis zum Schluss, derweil sich seine byzantinische Prunksucht und sein Hang zur Kostümierung zur Obsession steigerten: Bevorzugt kleidete er seinen fettleibigen Körper barock oder als Sultan, trug gewaltige Ringe mit dicken Steinen an den Fingern und legte teure Parfüms auf.

Der Beginn der alliierten Bomberoffensive, die ab Sommer 1942 bei helllichtem Tag Angriffe im Reichsgebiet flogen, veranschaulichte aller Welt den rapiden Machtverfall des einstmals gefeierten Oberbefehlshabers der Luftwaffe. Auch die Ernährungslage verschlechterte sich in diesem Jahr zusehends. Göring hatte schon im September 1941 "rücksichtslose Sparmaßnahmen" erlassen und im selben Atemzug "das größte Sterben seit dem Dreißigjährigen Krieg" prophezeit: "Wenn schon gehungert wird, dann aber in Deutschland auf keinen Fall!"

Auch wenn Göring beim Nürnberger Prozess jedwede Verantwortung bestreiten sollte, hatte er als "Zuständigkeitsgigant" in Wirtschaftsfragen und selbsternannter "oberster Koordinator der judenfeindlichen Maßnahmen" SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich am 31. Juli 1941 aufgefordert, "mir in Bälde einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen". Während die SS im Osten den Völkermord an den Juden als "unnützen Essern" vorantrieb, spielte Göring den ehrenwerten Waidmann. Auf dem Höhepunkt des Holocaust im Herbst 1942 erlegte Göring "Matador", den damals weltstärksten Hirsch - und hatte für mehrere Tage den Hauptverantwortlichen für die Judenvernichtung, "Reichsführer-SS" Heinrich Himmler, im Reichsjägerhof zu Gast. In dessen Diensttagebuch steht lapidar vermerkt: "Jagd in Rominten."

Dornröschenschlaf im Grenzgebiet

Wieder einmal vor die Öffentlichkeit trat Göring, offiziell immerhin der "zweite Mann des Reiches", aus Anlass des zehnten Jahrestages der "Machtergreifung" am 30. Januar 1943. Angesichts des Untergangs der 6. Armee in Stalingrad hielt Göring, durch Fliegeralarm unterbrochen, eine flammende Durchhalterede. Mit keinem Wort erwähnte er seinen eigenen Beitrag zu der Katastrophe - seine vollmundige, aber leere Zusage, die eingeschlossenen Truppen aus der Luft zu versorgen.

Bei Besprechungen zur Lage an der Front und bei der Rüstungsproduktion schlief Göring nun immer öfter ein. Die von ihm ungeachtet der allgemeinen Wirtschafts- und Kriegslage ohne Unterlass veranstalteten Fressorgien und wilden Gelage sowie sein Drogenkonsum forderten ihren Tribut. Unangenehme Dinge wurden Göring folglich selten oder gar nicht mitgeteilt, und er wollte sie auch gar nicht hören. Im Reichsjägerhof wurde es stiller, Gäste machten sich rar.

Dann zitierte Hitler, der Abwesenheit und Lethargie seines Reichsmarschalls überdrüssig, Göring im Juli 1943 zu sich in die "Wolfsschanze". Der Zurechtgewiesene beorderte daraufhin seinerseits sämtliche Luftflottenchefs nach Rominten und polterte dort über die "Feigheit des fliegenden Personals". Als Adolph Galland, Inspekteur der Jagdflieger, seinem Oberbefehlshaber einige Tage später mitteilte, dass amerikanische Jäger bis Aachen vorgedrungen seien, warf Göring ihm "Schwindel" vor und gab "den dienstlichen Befehl, dass sie nicht da waren", so Galland.

Auch von Osten rückten alliierte Truppen unaufhaltsam vor und standen im Spätsommer 1944 kurz vor der Reichsgrenze. Am 16. Oktober 1944 ging Göring ein letztes Mal auf die Pirsch in der Rominter Heide - in schneller Fahrt mit einer gepanzerten Limousine. Dann setzte er sich in seinen Sonderzug, um "sein" Revier für immer zu verlassen. In den frühen Morgenstunden des 20. Oktober 1944 steckte der allein zurückgelassene Hausmeister den Reichsjägerhof in Brand. Anschließend besetzte die Rote Armee fast die gesamte Rominter Heide - und zwar endgültig. Nach Kriegsende wurde Nordostpreußen Teil der sowjetischen Kriegsbeute und blieb bis 1991 militärisches Sperrgebiet; die Trümmer des Reichsjägerhofes fielen in einen Dornröschenschlaf. Noch immer sind sie wegen der Grenznähe zu Polen lediglich mit einer Sondergenehmigung zugänglich.