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Historiker Daniel Schönpflug im Interview Sind die Zwanzigerjahre und die Gegenwart vergleichbar?

Das Vertrauen in die Demokratie schwindet. Und wenn jetzt auch noch die Wirtschaft einbricht? Der Historiker Daniel Schönpflug sieht deutliche Parallelen zwischen heute und vor 100 Jahren.
Ein Interview von Joachim Mohr und Frank Patalong
aus SPIEGEL Geschichte 1/2020
Interessenvertretung: Schüler streikten noch nicht für das Klima, sondern gegen Sparmaßnahmen (Foto um 1930).

Interessenvertretung: Schüler streikten noch nicht für das Klima, sondern gegen Sparmaßnahmen (Foto um 1930).

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Daniel Schönpflug, 50, ist Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Wissenschaftlicher Koordinator des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Er hat unter anderem das Buch "Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch" geschrieben.

SPIEGEL: Herr Schönpflug, gibt es etwas, das Sie persönlich an den Zwanzigerjahren fasziniert?

Schönpflug: Ich habe mich viel mit Revolutionen beschäftigt. Die Revolution von 1918, sozusagen der Startschuss für die Zwanzigerjahre, wird meist als etwas Düsteres, Negatives, gar Destruktives gesehen. Aus heutiger Sicht verbinden die Menschen 1918 nicht mit Aufbruchsstimmung. Das hängt vor allem damit zusammen, dass wir wissen, was danach kam: die unruhigen Jahre der Weimarer Republik und die Katastrophe der Nazizeit. Wenn man aber in die Quellen der Zeit kurz nach 1918 schaut, etwa in Zeitungsartikel oder Briefe, dann liest man dort von der Erleichterung der Menschen über das Ende des Krieges, von Hoffnungen, neuen Zielen und teils regelrecht kühnen Zukunftsentwürfen.

SPIEGEL: Sie sehen die Zwanzigerjahre nicht nur als Vorspiel der Nazidiktatur?

Schönpflug: Nein, die Zwanzigerjahre waren ein revolutionäres Jahrzehnt, sicher unruhig, aber auch voller Ideen, Hoffnungen und Möglichkeiten.

SPIEGEL: Die Menschen hatten den Albtraum von Krieg und Niederlage zu verkraften. Wie verbreitet war da das Gefühl von Aufbruch, gar Euphorie?

Schönpflug: Wenn ich von Hoffnung spreche, meine ich nicht, dass ganz Deutschland einem naiven Glauben an eine bessere Zukunft verfallen gewesen wäre. Schon der Start in eine neue Gesellschaft im November 1918 war natürlich von Kontroversen geprägt: Da gab es diejenigen, die am 9. November in Berlin vor dem Reichstag standen und jubelten, während Philipp Scheidemann die Republik ausrief: Tausende feierten "Unter den Linden". Und im gleichen Moment schimpften andere, die Revolution sei ein Verrat an Deutschland, an der Armee, am Kaiserreich – der Anfang der Dolchstoßlegende.

Mehr dazu in SPIEGEL GESCHICHTE 1/2020
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Die 20er Jahre: Zwischen Exzess und Krise – wie ähnlich sich damals und heute sind

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SPIEGEL: Gab es gemeinsame Ziele?

Schönpflug: Kaum, doch das ist ein Stück weit auch normal. Ein Moment wie der November 1918, in dem ein altes Regime zusammenbricht, eröffnet ein riesiges Möglichkeitsfenster. Plötzlich entwickeln die Menschen neue, ganz unterschiedliche Visionen für ihr privates Leben, aber auch für den Staat und die Gesellschaft.

SPIEGEL: Visionen, die sich damals häufig feindlich gegenüberstanden.

Schönpflug: Ja, die Erwartungen an die Zukunft waren polarisiert, in großen Teilen nicht kompatibel. Das ist Teil des revolutionären Moments, die Konkurrenz der Utopien.

SPIEGEL: Die Monarchie in eine Demokratie zu verwandeln, war eine der Ideen, die sich durchsetzten. Wurde der demokratische Gedanke von einer Mehrheit der Bürger getragen?

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