Golfkrieg 1991 Live dabei statt mittendrin

Großes Kino, inszeniert von der Alptraumfabrik des Pentagon: Die USA machten den Golfkrieg 1991 zum ersten Medienkrieg der Geschichte. Stefan Schickedanz geriet in Japan in den Sog der CNN-Berichterstattung - die ihn für kurze Zeit lehrte, die Präzisionsbombe zu lieben.

AP

Am Tag, als das US-Ultimatum ablief, stand bei mir eine Firmenbesichtigung in Yokohama auf dem Programm. Als ich das Hotel morgens verließ, war noch kein Schuss gefallen, als ich abends wiederkam, war der Krieg bereits in vollem Gange: Es war ein Krieg, der in der Ferne stattfand, der aber, wie Experten in deutschen Medien sagten, wie ein atomarer Winter wirken und der Erde eine neue Eiszeit bescheren würde: Es war 1991, Saddam Hussein hatte Kuwait überfallen, Israel massiv bedroht und sich damit den Zorn der Atommacht USA zugezogen. Die USA waren, in erster Linie unterstützt durch Großbritannien, in der Wüste aufmarschiert. Und Oberbösewicht Saddam Hussein hatte damit gedroht, bei einem amerikanischen Gegenangriff sämtliche Ölquellen in Kuwait anzuzünden.

Ich war zu der Zeit beruflich in Japan und gierig nach Nachrichten. Heute gibt es Live-Blogs aus Krisenregionen, Twitter-Postings von Bürgerkriegen aus fernen Ländern und Kriegsberichte auf unzähligen Nachrichtenkanälen im Kabelfernsehen. Damals nahm diese Entwicklung ihren Anfang: mit dem amerikanischen Nachrichtenkanal CNN, der den Golfkrieg als ersten Medienkrieg überhaupt inszenierte. Ich fieberte jeder Möglichkeit entgegen, via Hotel-TV ein News-Update zu erhalten.

Die Schlüsselfragen waren: Zündet Saddam im Kriegsfall wie angedroht die Ölquellen an, und was macht Israel, wenn die erste Skud-Rakete mit der erwarteten Giftgasfüllung einschlägt? Was mich an der CNN-Berichterstattung geradezu elektrisierte, war die scheinbare Authentizität der Beiträge. Als Hesse war ich gewohnt, nach 1 Uhr nachts im Fernsehen nur noch Schnee oder penetrant pfeifende Testbilder zu sehen. Nachrichten wurden lediglich eingestreut - 24 Stunden Non-stop-Nachrichten waren ein größerer Sprung als später iPhone und iPad zusammen. In Deutschland quasselten Moderatoren praktisch jede O-Ton-Einspielung tot - bei CNN durften die GIs aus der Wüste ihren Gefühlen und Gedanken unglaublich lange freien Lauf lassen.

Jubel im Fahrstuhl

Dass der Krieg am Golf begonnen hatte, erfuhr ich allerdings nicht aus dem Fernsehen, sondern von einem älteren amerikanischen Businessreisenden im Aufzug. Wir waren die einzigen Langnasen zwischen lauter Japanern. Er sagte ungefragt: "Der Angriff läuft seit Stunden, keine eigenen Verluste." Auch die Ölquellen brannten nicht, und in Israel war die Lage bislang ruhig. Daraufhin brachen im Aufzug eines biederen First-Class-Hotels zwischen zwei wildfremden Menschen unterschiedlichen Alters Jubel und Freudentaumel wie nach einem Fußballtor aus. In diesem Fall waren der Ami und ich im gleichen Team.

Am nächsten Tag besuchte ich das geheime Labor eines Elektronikkonzerns. Auf einem Hocker stand ein kleiner alter tragbarer Schwarzweiß-Fernseher. Die Antenne war abgebrochen, und die Elektronik-Ingenieure hatten mit einem Drahtkleiderbügel Abhilfe geschaffen. Auf dem Bildschirm sah man mit reichlich Schneegestöber die Bilder der Bordkameras direkt aus der Spitze der Cruise Missiles, wie sie ins Ziel stürzten und mit einem Blitz erloschen. Nur beiläufig zeigten mir die Entwickler des Labors den eigentlichen Grund meines Besuchs: Prototypen von MOD-Recordern, die auf einer mehrfach löschbaren Disc im CD-Format mehr als eine Stunde Musik aufzeichnen konnten. Mit einem Auge schauten wir währenddessen auf den Fernseher in der Ecke.

Als dann eine Kamerafahrt mit einem Cruise Missile in einem Bunker ein jähes Ende fand, durchbrach ein schlagfertiger Ingenieur die erdrückende Stimmung: "Camera it's aaaaah Sony" – eine makabere Anspielung auf den damaligen Werbeslogan. Ein Aufatmen ging durch den Raum. Wir lachten nicht wirklich, aber wir grinsten immerhin.

Das Gesicht des Krieges

Danach drehte sich das Gespräch im Wesentlichen darum, dass Amerika im Grunde gar nicht zu so präzise Fertigungen in der Lage sei wie das Land der aufgehenden Sonne. Auch das Lager des eingebauten Kreiselkompasses der amerikanischen Marschflugkörper komme von einem japanischen Videorecorder-Hersteller, der die Technologie eigentlich für den geschmeidigen Lauf der mit hoher Drehzahl rotierenden Kopftrommel konstruiert habe. Diese Informationen habe ich nie nachgeprüft, aber sie bewiesen zumindest eines: Japaner sind mindestens so patriotisch wie Amerikaner.

Abends ging es weiter mit CNN, wo seit Beginn des amerikanischen Angriffs praktisch ununterbrochen grünliche Nachtaufnahmen mit Leuchtspuren der irakischen Flugabwehr und den grellen Blitzen der einschlagenden Präzisions-Bomben vor den Silhouetten der Zwiebeltürmchen von Bagdad zu sehen waren. CNN, das war im Kriegsjahr 1991 für mich nach einigen Tagen in Japan nicht nur ein TV-Kanal, sondern auch das Synonym für einen Mann, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und per Satellit aus dem Luxushotel Rashid mitten in Bagdad dem Schrecken des Krieges ein Gesicht und eine Stimme verlieh: "Der Himmel über Bagdad ist erleuchtet." Peter Arnett tat nichts anders als heute Millionen von Bloggern. Aber wer zu spät kommt, den bestraft das Leben - Arnett bekam für seine Berichte, die ich ungekürzt im Originalton verfolgen konnte, den Pulitzerpreis.

Die Armee hatte schnell gelernt, was Marketing ist: Während im Fernsehen ununterbrochen Bilder von politisch einigermaßen korrekten Präzisionsbomben auf die Zuschauer hereinprasselten, regnete es auf die irakischen Soldaten unbeobachtet von den Kameras tonnenweise todbringende Bomben aus den Schächten der uralten B52 - einer achtmotorigen fliegenden Festung, die bereits im Vietnamkrieg oder in dem Filmklassiker "Dr. Seltsam" maßgeblich für Schrecken und Vernichtung sorgte.

Töten - blitzsauber

Der CNN-Krieg sah im Wesentlichen so aus: Zielkamera zoomt auf Bunker, Blitz, weg ist der Bunker. Ganz sauber, ohne Blut und Leichen oder abgetrennte Körperteile. Ein Marschflugkörper sprengt direkt hinter einem flüchtenden Auto die gesamte Brücke weg. Der oberste PR-Soldat General Norman Schwartzkopf: "Was glauben Sie, was der Fahrer wohl im Rückspiegel gesehen hat?" Das war ganz großes Kino, inszeniert von der Alptraumfabrik des Pentagon und ganz im Stile von Blockbustern wie "Terminator" oder "Die Hard": "Hasta la vista, Schweinebacke!" Schwartzkopf wurde der Held der Medien, späteres Vorbild für viele Manager.

Mit der Mutter aller Reality-TV-Ereignisse entstand so eine ganz neue Art der Kriegsbeteiligung: Die amerikanische Zivilbevölkerung war live dabei.

Zu Hause in Deutschland sah die Welt anders aus. Nirgendwo sonst außerhalb der arabischen Welt dürfte das Verständnis für Saddam Hussein größer gewesen sein. ARD und ZDF suchten gezielt skeptische US-Soldaten heraus und zeigten Arnett und die anderen nur kurz und lausig synchronisiert. Neben ängstlichen Angehörigen deutscher Soldaten galt die Aufmerksamkeit vor allem unserer in die Türkei verlegten Flieger-Staffel. Die kam zwar nicht zum Einsatz, durfte sich aber in den öffentlich rechtlichen Kanälen gehörig ausheulen - sinngemäß: "Krieg ist echt grausam. Wir wollen heim!"

Die Deutschen kämpften nicht. Sie zahlten. Und schauten zu. Dank der Scheckbuchpolitik - neben den Antihelden der am Boden festsitzenden fliegenden Truppe das einzige deutsche Engagement - mussten die Berufssoldaten ihren Beruf nicht ausüben. Das Gesicht der Scheckbuchpolitik hatte abstehende Ohren und Doppelkinn und reiste in unserem mächtigsten Kampfflugzeug - einer 707 Passagiermaschine der Bundesluftwaffe - durch die Welt: Außenminister Hans Dietrich Genscher kaufte uns von weitgehender Verantwortung frei. Ich schämte mich dafür. Was moderne Medien betraf, hatte ich meine Lektion gelernt.



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