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Gottvater und seine Kinder

In Jerusalem prallen so viele Formen des Glaubens aufeinander wie sonst nirgends auf der Welt. Auch ein Atheist kann daran seine Freude haben.
Von Henryk M. Broder
aus SPIEGEL Geschichte 3/2009

Als ich im Januar 1981 in Israel ankam, um dort für eine Weile als Journalist zu arbeiten, war die Heilige Stadt ein großes Dorf. Es bestand aus drei übersichtlichen Teilen: der Altstadt, in der Muslime, griechisch-orthodoxe Christen, Armenier und Juden in eigenen Vierteln lebten, dem arabischen Ostteil, der 1967 von Israel erobert wurde, und der »Neustadt« im Westen, in der säkulare Israelis und religiöse Juden mehr neben- als miteinander wohnten.

Die säkularen »Hilonim« und die religiösen »Datiim« benutzten dieselben Verkehrsmittel und kommunalen Einrichtungen, ansonsten gingen sie separate Wege. Ein »Dati« wäre nie auf die Idee gekommen, »Fink's« zu betreten, die einzige echte Bar der Stadt; ein »Hiloni« dagegen machte nicht nur freiwillig einen Bogen um die Viertel, in denen die Frommen ihre Traditionen pflegten: Diese sahen es nicht gern, wenn ihre Sabbat-Ruhe von Autofahrern gestört wurde, und reagierten extrem unfreundlich - mit Beschimpfungen und Steinwürfen.

Ich wohnte, natürlich, in einem säkularen Viertel, in dem mir niemand vorschrieb, was ich am Sabbat machen durfte und was ich lassen musste. Meine Nachbarn waren nicht-religiöse Juden, die aus Russland, Polen, Rumänien, Kanada, Südamerika und dem Irak gekommen waren. Im Haus wurde über ein Dutzend Sprachen gesprochen. Und obwohl ich anfangs kein Wort Hebräisch verstand, hatte ich keine Mühe, mich zu verständigen.

Das Leben in einer polyglotten Umgebung fand ich schon sehr spannend, noch aufregender fand ich freilich den uniformen und streng geregelten Alltag der Frommen, mit denen mich kaum etwas verband. Die Ultraorthodoxen von »Mea Schearim« hatten es mir angetan, gesetzestreue Juden, die an die baldige Ankunft des Messias glaubten, den Staat Israel als einen Frevel gegen den Willen Gottes ablehnten, weil Er die Juden in alle Welt zerstreut hatte, und die untereinander Jiddisch sprachen, eine mittelhochdeutsche Sprache, die im Vorkriegseuropa von den »Schtetl«-Juden gesprochen wurde.

Die kurze Autofahrt aus dem weltlichen Talpiot, wo meine Wohnung lag, in das orthodoxe Mea Schearim war mehr als eine Zeitreise, es war ein Ausflug in die Welt meiner Vorfahren, die ich nur aus der Literatur kannte, aus den Büchern von Scholem Alejchem und Isaac Bashevis Singer. Mit ein wenig Geduld schaffte ich es sogar, mich mit Mosche Hirsch anzufreunden, einem aus den USA eingewanderten Rabbi, der »nicht in Israel, sondern im Heiligen Land« lebte, seinen Tag mit Gebeten verbrachte und in seiner Freizeit Jassir Arafat als »Minister für jüdische Angelegenheiten« diente. Ich war mir nicht sicher, ob er es ernst meinte oder nur ein Dauer-Happening inszenierte, das ihm die Aufmerksamkeit der Medien garantierte.

Jedes Mal, wenn ich Mea Schearim besuchte, was recht oft passierte, weil es dort die besten Bäckereien der Stadt gab, wurde mir klar, was für ein Glück ich hatte, nicht in dieser Welt von vorgestern aufgewachsen zu sein. Zugleich empfand ich bei meinen Zeitreisen eine Faszination, die einen auch als Zuschauer bei Passionsspielen überkommt. Es kann natürlich auch purer Voyeurismus gewesen sein, die Lust, einer anderen Spezies der Gattung Mensch über die Schulter zu schauen.

Nach und nach erkundete ich auch die anderen Religionen, was in Jerusalem kein Problem ist, weil es keinen Gottesglauben gibt, der in der Heiligen Stadt nicht vertreten wäre. »Eine Unterhaltung mit Gott ist hier ein Ortsgespräch«, sagt Gad Granach, ein Berliner Jude, der 1936 nach Palästina kam und sich gern über die Gläubigen aller Richtungen lustig macht. Ich kam mir vor wie in einem Mega-Supermarkt, in dem man vor lauter Delikatessen kein normales Brot finden kann.

Wie bei jedem Overkill an Angeboten und Eindrücken schälen sich irgendwann die Favoriten heraus. In meinem Fall waren es die runde äthiopische Kirche in der Ethiopia Street, am Rande von Mea Schearim, in der schon Kaiser Haile Selassie während seines Exils in Jerusalem gebetet hatte, das koptische Kloster auf dem Dach eines Seitenflügels der Grabeskirche, das in jedem Reiseführer steht, aber so versteckt liegt, dass es kaum jemand findet, und das armenische Viertel in der Altstadt. Ich hatte noch nie Armenier getroffen, Angehörige der ältesten christlichen Kirche. Und über den Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915, der bis heute von den Türken geleugnet wird, hatte ich nur bei Franz Werfel ("Die vierzig Tage des Musa Dagh") gelesen. In Jerusalem traf ich die Nachkommen der Überlebenden und Davongekommenen. Ich kann nicht behaupten, ich sei in Jerusalem dem Gottvater nähergekommen, aber ich erfuhr einiges über seine vielen Kinder, das ich vorher nur aus zweiter Hand gehört hatte.

Jerusalem ist ein Rummelplatz der Religionen. Und weil ich schon immer eine Schwäche für Kirmes und Zirkus, für Clowns und Akrobaten, Feuerschlucker und Seiltänzer hatte, gefiel es mir auch in Jerusalem ausgesprochen gut. Wenn man Religionen als spirituellen Zeitvertreib sieht, dann kann man auch als Atheist oder Agnostiker Spaß an religiösen Ritualen haben.

Zum Pessachfest, an dem Juden den Auszug aus Ägypten vor über 3000 Jahren feiern, darf acht Tage lang nur »ungesäuertes Brot« gegessen werden, die sogenannten Mazzen, dünne Fladen, die wie Knäckebrot schmecken, nämlich nach nichts. Ich esse die kalorienarmen Mazzen das ganze Jahr über, aber ausgerechnet zu Pessach habe ich immer einen Heißhunger nach allem, was nach richtigem Brot schmeckt und riecht. Also wurde ein Stapel von Pitas im Kühlschrank eingelagert. Am Ende des Pessachfestes waren die Pitas alle, und ich machte antizyklisch mit meiner Mazzen-Diät weiter.

Der kulinarische Höhepunkt des Jahres war freilich Ramadan, der islamische Fastenmonat. Nach Sonnenuntergang fuhren wir nach Betlehem und halfen Jamil und seiner Familie beim Fastenbrechen.

Jamil war ein säkularer Muslim, aber auf das Fastenbrechen mochte er genauso wenig verzichten wie auf den Whisky am Nachmittag. Bei Unmengen von Lamm, Huhn, Humus, Tabule, Tehina, Kube, Reis und Bergen von Süßigkeiten erklärten wir den Nahost-Konflikt für beendet. Gelobt sei der Herr! Allahu akbar! Baruch haschem!

Es gehört zum Jerusalem-Syndrom, dass man zu relativieren lernt. Was in Tel Aviv verrückt wäre, das ist in Jerusalem normal, und umgekehrt. Ein Exzentriker wie Menachem Froman würde sich in Tel Aviv nicht auf die Straße trauen, in Jerusalem bewegt er sich nicht nur frei umher, er hält auch Vorträge und gilt als origineller Denker. Ginge es nach Rabbi Froman, würde nicht das Land, sondern die Macht in Palästina geteilt werden. Sein Plan sah die Bildung zweier Staaten auf demselben Territorium vor, quasi übereinander, mit zwei Regierungen, zwei Parlamenten, zwei gesetzlichen Systemen, einem für die Israelis und einem für die Palästinenser. Den Einwand, so etwas habe es in der Geschichte noch nie gegeben, tat er souverän ab. Das wäre doch nur ein weiterer Grund, es zu versuchen.

Während Froman fest davon überzeugt war, dass man mit den Islamisten verhandeln müsse, dachte Jeschajahu Leibowitz ähnlich radikal, wenn auch in eine andere Richtung. Der mehrfach promovierte Naturwissenschaftler und Religionsphilosoph, 1903 in Riga geboren, war wie Froman ein gesetzestreuer orthodoxer Jude, setzte sich dennoch oder deswegen für eine strikte Trennung von Staat und Religion ein und behauptete immer wieder, Israel habe den Sechstagekrieg am siebten Tag verloren, als es beschloss, die eroberten Gebiete zu behalten. Leibowitz' größte Freude aber war es, populäre Mythen auseinanderzunehmen, zum Beispiel die von vielen Christen, Juden und Muslimen immer wieder vertretene Überzeugung, Jerusalem sei die Wiege der monotheistischen Religionen. »Unsinn«, knurrte er, »das Judentum und der Islam sind nicht in Jerusalem entstanden, und das Christentum ist nur bedingt eine monotheistische Religion.« Es war, als würde man mit einer Nadel in einen Luftballon stechen, es machte »peng!«, und zurück blieben entgeisterte Gesichter.

Es dauerte ein paar Jahre, bis der Reiz des Verrückten langsam der Erkenntnis wich, dass ein Leben an der Grenze zur Wirklichkeit nicht nur lustig, sondern auch anstrengend ist. Ging ich anfangs am Samstag gern zur Klagemauer, um mir den Aufmarsch der Frommen anzusehen, zog ich es später vor, nach Jericho im Westjordanland oder nach Abu Ghosch zu fahren, ein israelisch-arabisches Dorf westlich von Jerusalem, um dort mit Freunden unter Palmen zu tafeln. Denn wer am Samstag in Jerusalem ausgehen und essen wollte, der konnte sich auch gleich hinsetzen und auf die Ankunft des Messias warten. Die Stadt begab sich am Freitagnachmittag zur Ruhe und wachte erst am Samstagabend auf. Das hat sich inzwischen geändert, heute werden in Jerusalem auch am Sabbat viele Alternativen zur religiösen Auszeit angeboten, es gibt Cafés und Restaurants, in denen man gut und garantiert unkoscher essen kann.

Einiges freilich hat sich nicht geändert und wird wohl auch so bleiben. Es gibt am Sabbat keinen öffentlichen Nahverkehr im jüdischen Teil der Stadt. Wer kein Auto hat, bleibt daheim, und wer ein Auto hat, der fährt nach Tel Aviv an den Strand. Oder wenigstens in die Altstadt, auf einen arabischen Kaffee und eine Portion frischen Knafi, einen Kuchen aus Ziegenkäse, Milch und Zucker. Nur: Einen Parkplatz in der Nähe der Altstadt zu finden ist am Samstag praktisch unmöglich. Es gibt zwar ein neues und geräumiges Parkhaus am Jaffator, aber das gehört der Stadtverwaltung und ist am Samstag geschlossen. Die Stadt kann private Autofahrten zwar nicht verbieten, aber sie ist gehalten, keine Beihilfe bei der Verletzung des vierten Gebotes zu leisten. Also bleibt das Parkhaus zu, und die Autofahrer kurven um die Altstadt, verpesten die Luft und werden immer aggressiver.

Auch das ist Jerusalem. Gad Granach hat einmal gesagt: »Würde man die Stadt überdachen, wäre sie eine geschlossene Anstalt.«

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