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Bosnienkrieg: Bilder des Scheiterns

Foto: DADO RUVIC/ REUTERS

Bosnienkrieg Die Graffiti von Srebrenica

Die Tatenlosigkeit wurde zum Sinnbild des Bosnienkrieges: Niederländische Uno-Soldaten sahen zu, wie serbische Truppen Tausende Muslime aus Srebrenica vertrieben. einestages zeigt die Graffiti, die die Friedenstruppe in ihren Quartieren hinterließ.

Thomas Karremans hebt das Glas. Das angespannte Gesicht hinter dem Schnauzbart straft die freundschaftliche Pose Lügen. Hilflosigkeit spricht aus seinem Blick. Und Resignation. Der Mann, dem er da zuprostet, wird zwölf Tage später wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt werden. Doch hier, in diesem Moment ist Ratko Mladic der Chef - und das lässt er den niederländischen Offizier Karremans nur zu gut spüren, mit dem er am 12. Juli 1995 beim gemeinsamen Fototermin posiert.

Das Bild des Befehlshabers der Einheit "Dutchbat III", der mit dem serbischen General anstößt, während wenige Kilometer entfernt Tausende Bosniaken massakriert werden, ging um die Welt. Und es wurde zum Symbol der Tatenlosigkeit der Staatengemeinschaft, besonders der Europäer, anlässlich des Völkermordes auf dem Balkan.

Diese Aufnahme vom 12. Juli 1995 zeigt den niederländischen Oberst Thomas Karremans bei einem Umtrunk mit dem serbischen General Ratko Mladic (l.) in Potocari.

Diese Aufnahme vom 12. Juli 1995 zeigt den niederländischen Oberst Thomas Karremans bei einem Umtrunk mit dem serbischen General Ratko Mladic (l.) in Potocari.

Foto: Anonymous/ AP

Im April 1993 hatte der Uno-Sicherheitsrat eine Resolution verabschiedet, die eine Schutzzone um die Stadt Srebrenica vorsah, da serbische Einheiten dort im Laufe der Kampfhandlungen des Bosnienkrieges Stellung bezogen hatten. Im März 1994 entsandten die Niederlande rund 600 Soldaten in das Gebiet, die mit dem Blauhelm-Mandat den Schutz der Zivilbevölkerung in der Zone sichern sollten. Mit leichten Waffen ausgestattet bezog die Einheit mit dem Namen "Dutchbat", kurz für "Dutch Air Mobile Battalion", Stellung in einer leerstehenden Fabrik in der Ortschaft Potocari nahe Srebrenica.

Abtransport

Etwas mehr als ein Jahr waren die Soldaten der "Dutchbat" in Potocari stationiert, als serbische Panzer auf die Schutzzone zurollten. Unter den bosnischen Kämpfern hatten die Niederländer erfolgreich Waffen eingesammelt, die Gegenseite hatte sich dem verweigert. Und nun, an diesem 9. Juli 1995, stand der auf knapp 450 Soldaten ausgedünnte Blauhelmtrupp einer serbischen Übermacht gegenüber. Was dann geschah, ist von der Uno ausgewertet worden, von der niederländischen Regierung, Dutzenden Journalisten - und dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Das grauenhafte Ereignis ist in all diesen Schilderungen gleich geblieben, doch wie es zu dem Massaker von Srebrenica kommen konnte, darüber entbrannte ein jahrzehntelanger Streit.

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Bosnienkrieg: Bilder des Scheiterns

Foto: DADO RUVIC/ REUTERS

Die anrückenden Serben übernahmen die Kontrolle über Srebrenica und seine Ausläufer, zu denen auch Potocari gehörte. Thomas Karremans hatte noch kurz zuvor Luftunterstützung von seinen Vorgesetzten angefordert. Doch die blieb, bis auf einige halbherzige Angriffe von Nato-Bombern, aus. In der Folge deportierten serbische Kämpfer unter Führung von Ratko Mladic unter den Augen der Niederländer Tausende Muslime aus der Schutzzone. Männer und Frauen wurden getrennt. Während auf viele Frauen die Qualen von Vergewaltigungen und Misshandlungen warteten, wurden Jungen und Männer zwischen 13 und 78 Jahren zu Hunderten in Massenexekutionen erschossen und mit Planierraupen verscharrt. Die Zahl der Toten wird auf 8000 geschätzt.

Blauhelmsoldaten, die untätig zusehen, wie Tausende Menschen aus ihrer Obhut in den Tod gehen, wurden über die Jahre zum Sinnbild des Balkankonflikts. Noch zwanzig Jahre nach der schlimmsten Gräueltat in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg werden erhitzte Debatten über die Mitschuld von "Dutchbat" geführt. Karremans und viele seiner damaligen Untergebenen beteuerten, nichts von den bevorstehenden Massakern geahnt zu haben. Hinterbliebene der Opfer von Srebrenica klagten die Soldaten hingegen selbst in Den Haag wegen Kriegsverbrechen an. Und niederländische Journalisten schilderten in der Dokumentation "Warum Srebrenica fallen musste" aus dem Jahr 2015 anhand von Geheimdokumenten, dass die USA, Frankreich und Großbritannien bereits über einen Monat zuvor Luftangriffe zur Unterstützung der Niederländer ausgeschlossen hatten - um keine Geiseln zu gefährden.

Zum 20. Jahrestag des Massakers von Srebrenica veröffentlicht der bosnische Fotograf Dado Ruvic Aufnahmen aus den Gebäuden, in denen "Dutchbat" 1995 stationiert war. Die Bilder nahm der junge Bosnier am 4. Juli 2015 in Potocari anlässlich einer Arbeit zu den Gräueln von Srebrenica auf. Seine Fotos von den durch Blauhelm-Soldaten mit Graffiti beschmierten Wänden sind wie das ikonische Bild ihres Kommandanten mit dem Verantwortlichen des Massakers, Ratko Mladic, Zeugnis des Versagens der Völkergemeinschaft.

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