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Graffiti-Kultur: es gibt viele schlechte Arbeiter und ein paar sehr gute Künstler

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Graffiti-Kultur Der Geist aus der Sprühdose

Sprayen ist aufregend, sexy - und illegal. Davon lassen sich die heimlichen Künstler der Hauswände nicht aufhalten. Oder sind sie gar keine Künstler? Der erste Graffiti-Maler war auf jeden Fall einer - weil er eine goldene Regel aufstellte, die in Sprayerkreisen bis heute gilt.
Von Philipp Kohlhöfer

Der Abend war recht schön gewesen. Ich hatte sie nach Hause gefahren, alles lief nach Plan. Wir sahen uns in die Augen, über uns leuchtete romantisch der Mond. Wir schwiegen, lächelnd. Jetzt würde gleich der Kuss kommen. Endorphine umspülten mein Gehirn, ich war die lebende Glückseligkeit. Ich beugte mich nach vorn. Sie neigte sich zurück. Ich versuchte es erneut. Sie beugte sich so schnell nach hinten, dass sie mit dem Hinterkopf fast die Scheibe des Seitenfensters zerschlug.

"Hör mal", sagte sie, "ich bin verliebt".

Eben! dachte ich.

Aber das Problem war: Es hatte gar nichts mit mir zu tun. Helen war verliebt, so schrecklich verliebt - in einen Sprayer. Bitte? Genau. Ein Mitglied der Butzbach Bomb Squad hatte es ihr angetan. Butzbach Bomb Squad? Wie sich herausstellte, war dieser Verein ein Zusammenschluss von Pubertierenden, der sich nachts traf, um Telefonzellen und Wände von Unterführungen mit dem Inhalt ihrer Spraydosen zu verzieren.

"Wir können Freunde bleiben"

Sprayen sei aufregend und sexy, sagte Helen, zudem auch kreativ und irgendwie ja auch eine Grenzerfahrung, weil verboten und so, sie zuckte mit den Schultern. Außerdem seien die Mitglieder der Butzbach Bomb Squad viel cooler als ich. Ich solle das aber nicht persönlich nehmen. Ich versuchte mich zu beherrschen. "Macht doch nichts", sagte ich männlich, während ich innerlich zerfloss. Offenbar war meine Darbietung überzeugend, sagte sie doch den klassischen falschen Satz in Beziehungsfragen: "Wir können doch Freunde bleiben."

Wir blieben keine Freunde. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich finde Graffiti super, die meisten jedenfalls. Aber ich bin auch nicht die Hamburger Hochbahn. Zum Beispiel finde ich, wie alle Menschen, die ich kenne, den Briten Banksy ziemlich gut. Aber der Reihe nach. Helen jedenfalls war verliebt in einen Kerl, der mit Pseudonym "2Caps" hieß. Sie war nachts mehrmals mit ihm unterwegs gewesen, auch auf dem Bahnhof, um Züge zu besprühen. Sie sagte: "Man trifft sich schon abends, um sich auf's Sprayen einzustimmen, das ist so konspirativ". Sie sah mich an, irgendwie mitleidig. Ich ging abends höchstens mal ins Kino.

Filzstift, Marker, Sprühdose

Ich war wirklich verletzt, ausgebootet von einem pickligen Zahnspangenträger im Kapuzenpulli. Allerdings war er in bester Gesellschaft, schließlich trug auch der Erfinder des modernen Graffiti eine Zahnspange (das Wort "Graffiti" ist eigentlich die Mehrzahl, korrekterweise müsste es heißen "das Graffito", was aber niemand sagt). Obwohl es Graffiti schon ewig gibt, gilt seit 1971 ein griechischstämmiger Pizzabote namens Demetraki fälschlicherweise als der Erfinder, da er auf seinen Pizzafahrten durch New York sein Pseudonym TAKI183 mit einem Filzstift an Wände der Stadt schrieb. Weil zur selben Zeit ein Redakteur der New York Times dringend eine Geschichte suchte, gab er TAKI183 ein Gesicht und machte ihn zum ersten Posterboy des Graffiti. Er inspirierte damit Hunderte von Nachahmern und betätigte sich so als Geburtshelfer des Tagging.

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Die Tags wurden schnell größer. Genügte anfangs noch ein Filzstift oder ein Marker, um irgendwo ein Namenskürzel aufzumalen, wurde das vielen schnell zu langweilig: Sie entdeckten die Sprühdose. Schon Mitte der Siebziger wurden die ersten Züge mit großen Bildern besprüht, was Verkehrsbetriebe westlicher Großstädte bis heute verzweifeln lässt. Laut dem Deutschen Städtetag entsteht alleine in Deutschland jährlich ein Schaden von 100 Millionen Euro durch Graffiti auf öffentlichen Verkehrsmitteln. Allerdings gibt es keine ernstzunehmende Statistik, die diese Schäden wirklich beweist. Die Summe ist geschätzt, zumal bei entsprechenden Strafverfahren gegen Sprayer oft Altschäden eingerechnet werden. Zudem ist es ein offenes Geheimnis, das Hausbesitzer und Unternehmen mit den Schadenssummen gerne kulant umgehen, da die Säuberungen von der Versicherung bezahlt werden.

Raus aus der Illegalität

Wie auch immer, Anfang der Achtziger war Graffiti so populär, dass es sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln konnte. Auf der einen Seite stellte sich schnell ein künstlerischer Anspruch ein, auf die Spitze getrieben von Künstlern wie Keith Haring oder dem genialen Jean-Michel Basquiat. Auf der anderen Seite diente Graffiti plötzlich Streetgangs von Ost- und Westküste der USA als Grenzmarkierung ihres Blocks. Damals bekam Graffiti auch seinen verruchten Touch, es bekam erstens eine "Hey, so leben die coolen Gangster in einer Großstadt"- Attitüde und wurde zweitens fast überall kriminalisiert. Dadurch erhöhte sich der Reiz einer Mutprobe, es wirkte kontraproduktiv auf die Eindämmung des Sprayens.

Aber für Mädchen war diese Kombination offenbar faszinierend. Ich hatte nicht den Hauch einer Chance bei Helen. Es sei denn, ich hätte andere, ähnlich verschwörerische Dinge getan, beim Geheimdienst arbeiten etwa.

Ein Job wie jeder andere

Allerdings arbeitete die Zeit für mich. Graffiti ist heute - obwohl Sprayer immer noch angeklagt werden, wo es nur geht - gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Graffiti und Subkultur, das ist mittlerweile fast schon ein Gegensatz geworden. Allerdings wurde auch viel getan, um Sprayer aus der Illegalität zu holen. Hier hat sich besonders Barbara Uduwerella und ihr Projekt HipHop Hamburg hervorgetan. Uduwerella ist bemüht, Sprayern in Verfahren mit allgemeinen Hinweisen, Arbeitsmitteln und Gutachten zu helfen. Sie ist so anerkannt, dass sie mit Jugendgerichtshilfen und dem BGS in Hamburg zusammenarbeitet und ihr sogar Reinigungsfirmen unaufgefordert neue Produkte schicken.

Mittlerweile gibt es sogar eine anerkannte Wissenschaft "Graffitiforschung" und eine Reihe von Leuten, die als illegale Sprayer angefangen haben und jetzt für Geld bei Tageslicht arbeiten können. Graffiti ist am Ende fast ein Job wie jeder andere, es gibt viele schlechte Arbeiter und ein paar sehr gute Künstler.

Je schwieriger, desto größer der Ruhm

Im März 2006 wurde in Wien sogar erstmals eine Straße in Graffitistraße umbenannt. Nach Österreich gehört eine solche Straße. Weil Ehre auch dem zugestanden werden muss, dem Ehre gebührt, soll hier dringend erwähnt werden, dass - wie bei allem, was zivilisatorisch von Bedeutung ist (Sachertorte, Herr Magister, Wiener Schnitzel, Heckschiffschraube) - auch der eigentliche Erfinder des Tagging aus Österreich kam. Joseph Kyselak aus Wien, Philosophiestudent und Wanderfreund, im "Biographischen Lexikon des Kaiserthums Oesterreich" unter dem Stichwort "Sonderling" erwähnt, lief in den 1820ern drei Jahre lang durch die Monarchie.

Dabei schrieb und ritzte er "Kyselak war hier!" auf allerlei mögliche und unmögliche Plätze. Angeblich ritzte er seinen Namen auf den Tisch von Kaiser Franz I., während der ihm während einer Audienz verbot, irgendwo im Kaiserreich weitere Namenszüge anzubringen. Er hielt sich damit an eine Faustregel, die in Sprayerkreisen gelten soll: Je schwieriger ein Objekt zu besprühen ist, desto größer ist der Ruhm des Sprayers. Die Hauswand des Polizeipräsidiums von Berlin oder New York wäre demnach schon ziemlich gut, aber jeder Sprayer, der es schaffen würde, die Weihnachtsgeschichte auf die Hauswand des Königspalastes in Riad zu sprühen, wäre wohl für immer eine Legende.

Im Grunde sind Graffitis nichts anderes als eine Hinterlassenschaft auf einer beliebigen Fläche, weswegen schon die Römer Graffiti betrieben und die Perser und die Neandertaler. Und ich, damals, als ich Helen frustriert und traurig nachsah und dann, als sie im Haus verschwunden war, mit meinem Schlüssel den Lack ihres Autos zerkratzte. Aber das geht jetzt wirklich zu weit.

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