Graphic Novel über Beate Klarsfeld Bang Boom Nazi

Sie ohrfeigte 1968 Bundeskanzler Kiesinger und jagte mit ihrem Mann Serge NS-Verbrecher. Hier erzählt Beate Klarsfeld, warum ihr Leben für einen Bilderband taugt – und wie sie sich als Comicheldin fühlt.
Ein Interview von Christoph Gunkel
Schlagartig berühmt: Aktivistin trifft Kanzler mit NSDAP-Vergangenheit – der Moment der Backpfeife

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Carlsen Verlag

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SPIEGEL: Frau Klarsfeld, in der Graphic Novel »Die Nazi-Jäger« über Ihr Leben geht es auf Seite 15 lautmalerisch zur Sache: »Klatsch!« – Ihre Ohrfeige vom 7. November 1968 an Bundeskanzler Kiesinger, die Sie mit einem Schlag weltberühmt machte. Erinnern Sie sich an das echte Geräusch?

Klarsfeld: Oh, darauf konnte ich mich nicht konzentrieren. Ich habe nur die Gelegenheit genutzt, Kiesinger zu ohrfeigen, was ja schwer genug war auf einem CDU-Bundeskongress. Die Ohrfeige traf nicht nur seine Wange, auch sein Auge. Das war der Moment, in dem ich wusste: Es ist gelungen.

SPIEGEL: In der Graphic Novel lässt sich Ihre Genugtuung nachlesen: »Nach vielen missglückten Versuchen habe ich es endlich heute geschafft, diese symbolische Aktion auszuführen.« Warum war es für Sie so wichtig, Kurt Georg Kiesinger zu ohrfeigen?

Klarsfeld: Das Wichtige war, dass die Presse nicht nur über diesen Skandal berichtete, sondern auch über mein eigentliches Anliegen: Eine junge Frau ohrfeigte den Kanzler wegen seiner Nazivergangenheit. Es war für mich keine Gewalttat, auch wenn ein Richter mich deswegen noch am selben Tag zu einem Jahr Gefängnis verurteilte. Ich habe ihm gesagt: Gewalt ist, wenn man der Jugend einen Nazikanzler aufzwängt.

SPIEGEL: Coronakrise, Afghanistan-Debakel, ein behäbiger Bundestagswahlkampf: Hatten Sie in den vergangenen Monaten das Bedürfnis, noch einmal jemanden per Ohrfeige wachzurütteln?

Klarsfeld: Nein, das war einmalig und kann nicht wiederholt werden. Ich habe nie daran gedacht. Sonst wäre diese Aktion auch nicht so symbolisch geblieben.

SPIEGEL: Die Graphic Novel basiert auf Ihrem Buch »Erinnerungen«, das schon 2015 erschien – warum diese neue Form der Darstellung?

Klarsfeld: Sie wendet sich an ein anderes Publikum, die jüngere Generation wird vielleicht eher einen Bilderband lesen. Serge und ich haben sofort zugesagt, als wir von den Autoren angesprochen wurden. Natürlich haben wir alles auf historische Richtigkeit überprüft, aber da waren keine Fehler.

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Bomben und Entführungen: Die Nazijäger als Comic-Helden

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SPIEGEL: Allerdings wird manches ausgespart. Etwa dass Sie Informationen über Kiesinger aus der DDR erhielten und nach der Ohrfeige 2000 Mark bekamen, angeblich als Honorar für einen Artikel in der DDR-Presse. Hätte das nicht auch ein Thema sein müssen?

Klarsfeld: Das hat mir vor Jahren die Springer-Presse vorgeworfen, und ich habe immer gesagt: Ich war unabhängig, gehörte keiner Partei an. Ich habe die Hilfe angenommen, die uns helfen konnte. Im Übrigen müssen Sie das die Autoren fragen. Sie mussten für die Graphic Novel natürlich die Chronologie ändern und Dinge rausnehmen. Wir haben nur überprüft, ob etwas falsch war. Ich finde aber, alle wichtigen Punkte sind drin.

SPIEGEL: Comicgeschichten sind immer auch Heldengeschichten. Sehen Sie Ihren Mann Serge und sich als Helden, die »allein gegen eine korrupte deutsche Justiz« kämpften, wie es an einer Stelle heißt?

Klarsfeld: Als Helden? Hm. Serge und ich haben viele Auszeichnungen bekommen, aus Frankreich und aus Deutschland sogar das Bundesverdienstkreuz. Helden, das sind Hans und Sophie Scholl, die für mich unglaublich wichtig sind. Sie mussten ihr Leben aufs Spiel setzen. Serge und ich hatten Glück, dass wir zwei Bombenanschläge überstanden haben, und meine Reisen in Südamerika auf der Suche nach dem Kriegsverbrecher Klaus Barbie waren auch nicht ohne Gefahr. Wir sind dem Tod entkommen.

SPIEGEL: »Ich werde vor nichts zurückschrecken! Wir müssen hart zuschlagen mit unseren Aktionen«, lautet eine Sprechblase. Waren Sie damals wirklich so kompromisslos?

Klarsfeld: Ich hatte im Grunde keine andere Wahl. Mit klassischer Aufklärung in der Presse über die NS-Vergangenheit von Kiesinger hatte ich keinen Erfolg.

SPIEGEL: Sie kokettieren sogar damit, dass eine Verhaftung gar nicht so schlimm sei, sondern der Beweis für die Verkommenheit der deutschen Justiz.

Klarsfeld: Serge und ich hatten die Festnahme nach der Ohrfeige von vornherein einkalkuliert. Ich bin in Berlin zu einer Gefängnisstrafe ohne Bewährung verurteilt worden. Allerdings war ich französische Staatsbürgerin, und Berlin stand unter der Kontrolle der Alliierten. Mein Anwalt verlangte daher, dass ich vor ein französisches Gericht gestellt werde. Das könnte Probleme machen, ahnte der Vorsitzende Richter und rief in Bonn an – nach dem Gespräch wurde die Strafe in eine Bewährungsstrafe umgewandelt.

SPIEGEL: Auf gut 200 Seiten mit großem Wortanteil geht es um NS-Verbrechen, mitunter in Rückblenden schwarz-weiß gezeichnet, und die Jagd auf untergetauchte Nazigrößen. Kein zu schwerer Stoff für ein Comic?

Aus der Graphic Novel: Gescheiterte Entführung von NS-Kriegsverbrecher Kurt Lischka 1971 in Köln

Aus der Graphic Novel: Gescheiterte Entführung von NS-Kriegsverbrecher Kurt Lischka 1971 in Köln

Foto: Carlsen Verlag

Klarsfeld: Der Titel heißt »Nazi-Jäger«, das ist doch etwas Interessantes, oder? Wir haben das damals für Frankreich gemacht, denn die NS-Verbrecher, die Juden aus Frankreich deportieren ließen, saßen frei und unbestraft in Deutschland. Ich denke, Jugendliche finde es auch heute noch wichtig, dass Kriegsverbrechen aufgeklärt werden und dass man dafür manchmal besondere Aktionen wählen muss. Wir haben versucht, die Kriegsverbrecher Kurt Lischka in Köln und Klaus Barbie in Bolivien zu entführen.

SPIEGEL: Beides misslang. Wegen schlechter Planung, sagen Ihre Kritiker.

Klarsfeld: Am Ende standen diese Verbrecher aber dank unserer Recherchen und Arbeit vor Gericht. Das ist doch etwas Unglaubliches.

SPIEGEL: In der Graphic Novel werden Sie als rastlos charakterisiert: Sie reisten schwanger nach Südamerika, wurden bedroht, in ein Auto gezerrt. War Ihr Leben wirklich derart atemlos?

Klarsfeld: Vielleicht war es nicht so dramatisch wie in den Zeichnungen. Aber wenn man sich auf diesen Kampf einlässt, wie ich es getan habe, muss man Gefahren auf sich nehmen. Ich hatte mich natürlich auch abgesichert. Als ich das erste Mal nach Bolivien flog, um Klaus Barbie aufzuspüren, hatte ich das vorher der Presse mitgeteilt. Mir war wichtig, eine etwas bekannte Person zu sein. Klar, man hätte mich in ein Gefängnis werfen und foltern können. Aber das wäre dann durch die Presse gegangen und schlecht gewesen für den Ruf der Regierung.

SPIEGEL: Hatten Sie nie Angst? Immerhin hatten Sie kleine Kinder, Ihnen wurde eine Paketbombe zugestellt ...

Klarsfeld: ... und unser Auto in die Luft gejagt. Selbstverständlich hatten wir Angst. Aber wir wollten unsere Arbeit nicht aufgeben und haben versucht, Vorkehrungen zu treffen.

Attentat auf das Auto der Klarsfelds

Attentat auf das Auto der Klarsfelds

Foto: Carlsen Verlag

SPIEGEL: In der Graphic Novel wird auch Ihre Rolle als Mutter dargestellt. Demnach plagte Sie ein schlechtes Gewissen, weil Sie schlecht kochten. Stimmt das?

Klarsfeld: Ja, ich bin keine gute Köchin. Ich hatte aber vor allem Sorge, weil ich oft verreist war. Gott sei Dank lebten wir zeitweise bei meiner Schwiegermutter, die dann auf die Kinder aufpasste. Manchmal sagte sie: Serge, um Himmels willen, lass deine Frau nicht reisen, sie ist in Gefahr. Aber wir führten immer ein wunderbares, glückliches Familienleben, nur so konnten wir unsere Ziele erreichen: Serge als Jude, dessen Vater im KZ ermordet wurde. Und ich als Deutsche, die zu erreichen versuchte, dass sich die Deutschen an die Vergangenheit erinnern.

SPIEGEL: Ihr Engagement gipfelte in der Enttarnung des brutalen einstigen Gestapo-Chefs von Lyon, Klaus Barbie. Der »Schlächter von Lyon« wurde 1987 in Frankreich vor Gericht gestellt. Ihr größter Triumph?

Klarsfeld: Auf jeden Fall. Ihn aufzuspüren, seine falsche Identität publik zu machen, dafür zu sorgen, dass das schon eingestellte Verfahren in München gegen ihn überhaupt wieder aufgenommen wurde – das alles waren Erfolge. Das hat besonders den Opfern und ihren Angehörigen gutgetan. Auch wenn wir nicht erreicht haben, dass Barbie aus Bolivien ausgewiesen wurde, und auch der Plan scheiterte, ihn nach Chile zu entführen.

SPIEGEL: Kritiker sagen, Sie und Ihr Mann würden ihre Rolle überzeichnen. In Wahrheit habe das Ende der Militärdiktatur und die Rückkehr zur Demokratie in Bolivien zur Ausweisung geführt.

Klarsfeld: Auf jeden Fall war der Regimewechsel wichtig. Genau das sage ich auch. Unserer Freund Gustavo Salazar war in der Opposition in Chile. Er kam 1983 als Vizeinnenminister in die neue Regierung Boliviens. Sofort ließ er Barbie festnehmen und mit einem Flugzeug nach Französisch-Guayana abschieben.

SPIEGEL: Wir müssen kurz über Ihre Nase reden. Die ist in der Graphic Novel, ganz anders als in Wirklichkeit, sehr spitz und wirft stets einen harten Schatten ...

Klarsfeld: Die Nase, die Haare, alles – man erkennt uns kaum wieder. Aber es gibt am Ende des Buches ein Fotoalbum mit Aufnahmen von uns, da sieht man, wie wir aussehen.

SPIEGEL: Es ist also ein dramaturgischer Kniff, um Sie wütender und entschlossener wirken zu lassen?

Klarsfeld: Wir sind da keine Spezialisten und haben gedacht, der Zeichner wird schon wissen, wie er die Leser am besten anzieht. Wir haben uns nicht darüber aufgeregt, das Buch nur auf inhaltliche Fehler überprüft, fertig und gut.

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