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Der große Bluff – die »Butternacht von Elten«

Foto: Stadtarchiv Emmerich

Größte Schmuggelaktion der Bundesrepublik Frisch, frech, fettig, zollfrei

Für 14 Nachkriegsjahre war der Grenzort Elten niederländisch, dann wieder deutsch. Der perfekte Moment für Bauernschläue: In der »Butternacht« zum 1. August 1963 bunkerten die Eltener Tausende Tonnen Billigwaren – an der Steuer vorbei.

Elten ist dicht. Vollgestopft mit Butter und Eiern, mit Kaffeesäcken, Konserven, Tiefkühlgeflügel, Mais, Gerste, Gouda. In den Kellern und Wohnhäusern, Hotelzimmern und Scheunen, Gärten und Schuppen, Treppenhäusern, Garagen und Fluren, sogar im örtlichen Kolpinghaus unter der Bühne: Überall stapeln sich niederländische Lebensmittel, aber auch Teppiche und Fenster. Kurz: alles, was billig ist.

Als gar nichts mehr geht, bleiben rund 400 voll beladene Lastwagen mit ihren Anhängern einfach auf den Wiesen, Parkplätzen, Straßen des Grenzörtchens am Niederrhein stehen. Dort warten sie auf den 1. August 1963.

Es ist der Tag, an dem die Niederlande Elten zurück an Deutschland gibt. Um Punkt Mitternacht verschiebt sich die Grenze – wie von Geisterhand sind Tausende Tonnen eingelagerter Güter auf einen Schlag importiert: unversteuert, unverzollt, unfassbar.

»Das war kein schlechtes Geschäft«, sagt Eugen Heimen, Jahrgang 1944, dem SPIEGEL – und untertreibt dabei. Der Rentner mit dem weißen Haar und der Brille spielte damals eine tragende Rolle in dem Schieber-Schurkenstück, das als »Butternacht von Elten« für Furore sorgte. Als »größte Schmuggelaktion in der Geschichte der Bundesrepublik« würdigt eine sehenswerte TV-Dokumentation die Nacht des großen Reibachs (»Spielball der Weltpolitik. Als Elten niederländisch wurde«, am 6. Mai um 20.15 Uhr auf Arte, am 5. Juli um 22.45 Uhr in der ARD).

Furor gegen die Deutschen

Wobei Heimen nicht so gern von »schmuggeln« spricht: »Das war eine einmalige Gelegenheit, die man beim Schopf ergreifen musste.« Die »Butternacht« beendete eines der absurdesten Kapitel der Nachkriegszeit: die Annexion des westlichsten deutschen Zipfels durch die Niederlande am 23. April 1949.

Ursprünglich wollte Königin Wilhelmina einen viel größeren Teil Deutschlands besetzen lassen. Der Furor war verständlich: Das Nachbarland hatte im Zweiten Weltkrieg stark unter dem NS-Terror gelitten. Schätzungsweise 250.000 Menschen waren tot, auf rund 35 Milliarden Gulden bezifferten die Niederlande die materiellen Schäden durch Ausbeutung, Zerstörung, Raub.

Da Deutschland nicht zahlen konnte, wollte sich die niederländische Regierung rund 10.000 Quadratkilometer deutsches Gebiet einverleiben. 41 Städte und Landkreise sollten an die Niederlande gehen, darunter Borkum und die Emsmündung, Neuss und Mönchengladbach, Kleve, Krefeld und Köln.

»Wenn dies nicht geschieht, wird eine endlose Reihe von Generationen unter der Last leiden, die uns die deutschen Gräueltaten auferlegt haben«, hieß es in einem niederländischen Manifest von 1945. Doch es kam anders – die Alliierten brauchten ein starkes West-Deutschland als Pufferzone im sich abzeichnenden Kalten Krieg.

Symbolisches Faustpfand

Im Pariser Protokoll von 1949 bekamen die Niederlande nur 69 Quadratkilometer zur vorläufigen »Auftragsverwaltung« zugesprochen, ein symbolisches Faustpfand: Elten, West-Suderwick sowie das Gebiet rund um Tüddern im Selfkant. Dort blickten rund 10.000 Deutschen bang in die Zukunft.

DER SPIEGEL

»Viele in Elten hatten Angst vor der Rache der Niederländer«, erinnert sich Eugen Heimen. Sie befürchteten: »Jetzt müssen wir für die Verbrechen der Deutschen büßen.« Sein Vater war gelassener: Der Landwirt, selbst halber Niederländer, hatte auch im Krieg rege Geschäfte mit den Nachbarn gemacht.

1943 flog Vater Heimen auf, weil er Schweine an die Feinde verhökert hatte. Ihm selbst konnte nichts nachgewiesen werden, andere bekamen fürs Schmuggeln sieben Jahre Zuchthaus. »Wir haben schon immer mit und von der Grenze gelebt«, umschreibt Heimen das Handelstalent seiner Familie.

»Schwärzester Tag«

Am 23. April 1949 um 12 Uhr fuhr die niederländischen Gendarmerie mit vorgehaltenen Maschinengewehren in Elten ein, hinter dem Tross aus Lastern, Jeeps und Motorrädern radelten rund 100 Zollbeamte. Als »schwärzesten Tag für die Bewohner des Eltener Zipfels« bezeichnete die »Rheinische Post« die Annexion.

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Der große Bluff – die »Butternacht von Elten«

Foto: Stadtarchiv Emmerich

Deutsche Straßenschilder wurden gegen niederländische ausgetauscht, die Grenzmarkierungen orange gestrichen. Offizielle Amtssprache war ab sofort niederländisch, mit dem Gulden bekamen die rund 3600 Einwohner Eltens schon wieder eine neue Währung.

Zwar durften sie ihre Staatsangehörigkeit behalten, erhielten aber einen neuen Pass, darin den Stempel: "Wordt als Nederlander behandeld" (wird als Niederländer behandelt). Und Fortuna Elten nahm künftig am Spielbetrieb des Königlich-Niederländischen Fußballverbands teil.

»Rosen, Tulpen, Nelken, der Selfkant will zwei Kühe melken«

Bei Fußballspielen ging es oft ruppig zu, erzählt Heimen, die Deutschen wurden als »Moffen« beschimpft und ausgebuht. Und doch freundeten sich die Menschen bald an, der Tourismus blühte im malerischen Ort mit seinem immerhin 82 Meter hohen Berg.

Der exotische Grenzstatus zog Niederländer wie Deutsche an; dank eines regelrechten Förderwettlaufs beider Regierungen brummte die Wirtschaft in der annektierten Grenzregion, in Eltern ebenso wie im Selfkant. Es hieß: »Rosen, Tulpen, Nelken, der Selfkant will zwei Kühe melken.«

Daher waren die Bewohner wenig euphorisch, als sich beide Nationen nach zähem Ringen über Kriegsentschädigungen  einigten: Deutschland sollte 280 Millionen D-Mark überweisen – und die Niederlande die annektierten Gebiete am 1. August 1963 zurückgeben.

Schon wieder musste sich die Bevölkerung umstellen. Ein »Großteil der Eltener« blickte dem Tag X »mit gemischten Gefühlen entgegen«, schreibt Historiker Tim Terhorst. Um die Neu-Deutschen nicht zu vergrätzen, warb Nordrhein-Westfalens Finanzminister in einem Schreiben vom 23. Juli 1963 für eine »verständnisvolle Handhabung der steuerlichen Vorschriften«.

»Leerstehende Häuser, Kinos und Tanzsäle sind bis an die Decke gefüllt«

Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« 1963 über die »Butternacht«

Im Klartext: Was im Besitz der Eltener war, musste – außer Kaffee, Tee und Schnaps – nicht versteuert werden. Eine Einladung zum Horten: Sofort begannen die Eltener, sich mit günstigen niederländischen Waren einzudecken. »Jeder zweite Bürger dürfte sich ein privates Vorratslager angelegt haben«, schrieb die »FAZ«.

Doch auch Externe witterten das große Geschäft – und hier kam Eugen Heimen ins Spiel, damals 19, frisch gebackener Speditionskaufmann. »Wer die Drahtzieher waren, weiß ich bis heute nicht«, sagt er. Eine Gruppe von deutsch-niederländischen Importeuren habe den Plan ausgeheckt, so einfach wie genial: Strohmann Heimen war der ortsansässige Abwickler der Aktion. Er kaufte ein, was das Zeug hielt, ließ sich tonnenweise Ware an seine Adresse liefern, verteilte sie im Ort.

Rummel um 24 Uhr: Elten in der »Butternacht«

Rummel um 24 Uhr: Elten in der »Butternacht«

Foto: Stadtarchiv Emmerich

»Jeden Tag kam ein Bote mit einer Ledertasche voller Geld, zudem hantierte ich mit Stapeln von Blankoschecks«, sagt Heimen. »Ich musste ja nicht nur die ganzen Güter, sondern auch die Helfer bezahlen, die die Laster entluden, dazu die Eltener, die ihre Keller, Wohnungen, Scheunen zur Einlagerung vermieteten.«

Je näher der 1. August rückte, desto voller wurde der Ort – sogar der Pfarrer machte mit: Er vermietete laut »Süddeutscher Zeitung« ein Grundstück nahe der Autobahn an eine Speditionsfirma. Elten wurde »zur Einlagerungszone, die manche bundesdeutsche Reserve mit Neid erfüllt hätte«, schrieb die »FAZ«: »Leerstehende Häuser, Kinos und Tanzsäle sind bis an die Decke gefüllt.«

»Weiß ja keiner, wie Rohkaffee aussieht«

Heimen zählt auf, was alles auf seiner Einkaufsliste stand: 1860 Tonnen Butter, 1000 Tonnen Getreide, 1000 Tonnen Konserven, 260 Tonnen Geflügel, 285 Tonnen Käse, Tausende von Eiern. Um die Kaffeesteuer zu umgehen, griff der Bauernsohn zu einer List – und deklarierte die Bohnen als grünes Getreide: »Weiß ja keiner, wie Rohkaffee aussieht.«

Und dann kam sie, die Nacht der Nächte. Heimen wurde nervös, der ganze Ort hielt den Atem an. Um Mitternacht rauschte die deutsche Polizei heran, wurden die Rückgabepapiere unterschrieben, stiegen 500 Zollbeamte aus ihren Bussen. Heimen sagt: »Die waren völlig überfordert. Wie sollte man so etwas kontrollieren?«

Die Laster hupten, jeder wollte möglichst schnell los, resigniert winkten die Beamten die Fahrzeuge durch. Zumal ganz oben entschieden worden war, beide Augen zuzudrücken: Die »Durchführung« der »Angelegenheit« habe »großzügig« zu erfolgen – »der Bundeskanzler ist einverstanden«, hieß es in einer Kabinettssitzung am 31. Juli 1963.

Konrad Adenauer höchstselbst hatte die Schieberei gebilligt. Weshalb manche Eltener noch heute der Meinung sind, der Werhahn-Konzern  habe sich in der »Butternacht« bereichert – Adenauers Tochter Libet war mit einem Spross der Neusser Industriellenfamilie verheiratet.

Dafür gibt es laut Heimen jedoch keine Beweise. »Wenn, dann machten die unter anderem Namen mit«, sagt er. »Alles lief geheim ab, keiner wusste vom anderen.« Die »Butternacht« hatte weder für Heimen noch für andere ein juristisches Nachspiel. Was ihn besonders freut: Bis auf ein paar Kilo Butter hatte niemand etwas entwendet.

»Das Geschäft hat uns Deutsche und Niederländer zusammengeschweißt«, sagt er. Und wertet die »Butternacht« rückblickend als große Verständigungssause: »Auch so können aus Feinden Freunde werden«, sagt Eugen Heimen und lacht.