Liebe in den Siebzigern "Der Deutsche schläft nicht in unserem Haus!"

Als Evelyne zu Hause in Lyon ihren neuen Freund vorstellt, reagieren die Eltern eisig - Rainer ist Deutscher. 1971 sind die Erinnerungen an die Nazibesatzer in Frankreich noch zu frisch. Doch das junge Paar kämpft für sein Glück.

privat

Es schneit an diesem Wintertag 1971 in dem kleinen Dorf nahe Lyon. Evelyne hat ihren Freund zum ersten Mal mit nach Hause genommen. Er hat eine weite Reise hinter sich und braucht eine Unterkunft. Doch die Mutter nimmt ihre Tochter in der Küche beiseite: "Der schläft nicht in unserem Haus. Auf keinen Fall!" Es ist keine Frage der Prüderie oder der Etikette. Der Freund ist kein Schwiegermutterschreck, sondern freundlich, kultiviert und humorvoll. Aber: Rainer ist Deutscher. So muss er noch in derselben Nacht zehn Kilometer zu Fuß durch den Schnee bis zur nächsten Herberge marschieren.

Für Evelyne beginnt ein ebenso mühsamer, langer Weg - in eine neue Heimat.

1952 wurde sie in einer einfachen, aber sehr bildungsorientierten Familie geboren. Schon früh zeigt sich ihr Interesse an Fremdsprachen. Ihre Eltern fördern sie, wo sie nur können. Sie macht Sprachreisen nach England, lernt Deutsch. Nach dem Bac, dem französischen Abitur, schreibt sie sich an der Universität Lyon für Anglistik ein. Auch den Besuch bei einer Freundin in Mannheim, die sie im Urlaub kennengelernt hat, bezahlen ihre Eltern.

"Et votre adresse?"

Bei ihrer Rückkehr steigt am Lyoner Bahnhof ein blonder Mann mit aus und fragt Evelyne mit deutschem Akzent: "Et votre adresse?" Evelyne schreibt ihm bereitwillig ihre Anschrift auf einen knittrigen Zettel, ihre Eltern sehen zu. Sie sagen nichts, aber Evelyne spürt die missbilligenden Blicke und stillen Vorwürfe. Ein paar Tage später liegt eine Postkarte aus einem Skigebiet im Briefkasten. Unterschrift: "Rainer". Wieder schweigen die Eltern.

Als der Deutsche dann noch im selben Jahr zu Besuch kommt und ihnen ihre Tochter wegnehmen will, setzen sie ihn vor die Tür.

Dabei hatten Charles de Gaulle und Konrad Adenauer die Kriegsgegner Frankreich und Deutschland bereits 1963 für versöhnt erklärt. Mit pompöser Feier und Bruderkuss setzten sie durch den Élysée-Vertrag der seit Jahrhunderten währenden Feindschaft ein Ende.

Evelynes Vater Gabriel konnte den Krieg jedoch nicht einfach vergessen. Für ihn waren die Deutschen mehr als die trotteligen Soldaten mit den roten, fleischigen Gesichtern aus den Louis-de-Funès-Filmen, die fortwährend "Halt!!" brüllten.

1943 hatten französische Polizisten Gabriel bei einer Razzia festgenommen und nach Deutschland geschickt. Fast 400.000 Franzosen mussten im "Service du travail obligatoire", dem Pflichtarbeitsdienst, für die Rüstungsindustrie der Nazis schuften. Lyon befand sich zwar in der nicht besetzten "Freien Zone", doch das Übergangsregime von Vichy kollaborierte mit den Nazis. Für den Fall eines deutschen Sieges wollte sich Präsident Philippe Pétain schon einmal als Juniorpartner empfehlen.

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50 Jahre Élysée-Vertrag: Adenauers Alleingang

Die Polizisten begleiteten Gabriel nach Hause und ließen ihn unter Bewachung die Koffer packen. Das Ziel: "Dascho". So sprach er den Namen dieser Kleinstadt bei München aus. Zeit seines Lebens weigerte er sich, auch nur ein einziges Wort Deutsch zu sprechen.

Hass auf alle Deutschen

Nicht ins Konzentrationslager Dachau sollte er, sondern direkt daneben in ein Arbeitslager für die Firma Messerschmitt. Als technischer Zeichner arbeitete er an Flugzeugplänen. Damit ging es Gabriel weitaus besser als den vielen slawischen Zwangsarbeitern, die ans Fließband mussten und wie Vieh behandelt wurden. Viele ließen ihr Leben. Es gab Arbeit bis zur Erschöpfung, aber kaum Nahrung. Die Unterkünfte waren schlecht isoliert.

Gabriel hatte an den Gleisen zum KZ gestanden und die Hände gesehen. Die Hände, die durch die Ritzen der Waggons hindurch nach draußen drangen und sich festhielten. Über die grausamen Zustände kursierten beängstigende Gerüchte. Die Nazis machten den französischen Zwangsarbeitern deutlich: Wer nicht spurt, kommt auch ins KZ.

Er hat sie immer gehasst, die Deutschen. Nur einmal gab es einen Moment der Nähe. Ein Ingenieur zeigte ihm ein Geheimnis, das er gut verborgen in der Schublade aufbewahrte: den "Union Jack", die Flagge des Vereinigten Königreichs. Die Befreier kamen allerdings spät. Im Bombenhagel der Alliierten verließ Gabriel "Dascho" im Frühjahr 1945 nach den vollen 27 Monaten Arbeitsdienst - zu Fuß, ohne Geld, völlig ausgemergelt.

Als er im befreiten Frankreich neu anfangen wollte, galt er als Kollaborateur. Fast jeder Franzose hatte auf einmal eine Résistance-Geschichte zu erzählen; die Kollaborateure dagegen waren alle verschwunden. Außer ein paar gefälschten Essensmarken hatte Gabriel an Widerstand nichts vorzuweisen. Der Arbeitsdienst traf ihn jetzt doppelt. Dabei hatte er gar keine Wahl gehabt, denn sein Leben war ihm lieb gewesen.

Nächtliche Flucht nach Hamburg

Dass nun, 1971, seine Tochter einen Deutschen mit nach Hause bringt - das kann Gabriel nicht akzeptieren.

Evelyne aber ist jung, verliebt und will die Welt entdecken. Sie schreibt sich weiter mit ihrem Deutschen. Rainers Briefe gehen an die Adresse der Cousine, die Evelyne lange Zeit deckt. Dann trifft sie die Entscheidung ihres Lebens: Mitten in der Nacht packt sie ihre Koffer, hinterlässt ihren Eltern eine Nachricht und fährt mit dem Zug nach Hamburg zu Rainer. Ohne Geld, ohne Ausbildung, ohne Unterstützung und mit 20 noch nicht einmal volljährig.

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Deutsch-französische Liebe: Über alle Grenzen

Die ersten Monate jobbt sie in der Bibliothek des Institut Français. Hamburg gefällt ihr, das mit Rainer wird immer ernster. Evelyne entscheidet sich zu bleiben. Sie will sich für das höhere Lehramt für Englisch und Französisch an der Hochschule einschreiben. Noch heute erinnert sie sich genau an die Reaktion im Büro für ausländische Studien: "Lehramt? Sind Sie sicher? Das haben bisher nur Skandinavier geschafft!"

Um das Studium zu finanzieren, meldet sich Evelyne auf eine Anzeige als Haushaltshilfe. Sie ist nun Au-Pair in der Familie des Journalisten Hellmuth Karasek. Das links-intellektuelle Ambiente, die Diskussionen mit den Gästen und die Weltoffenheit findet sie aufregend.

Regelmäßig schreibt Evelyne ihren Eltern Briefe und erwähnt Rainer mit keinem Wort. Zwischen den Zeilen lesen ihre Eltern seinen Namen aber in großen Buchstaben - sie antworten nicht. Fast zwei Jahre lang.

1973 ändert sich alles. Evelyne wird schwanger.

Evelyne und Rainer beschließen, noch vor der Geburt zu heiraten. Ein schmuckloser Verwaltungsakt im Standesamt Eimsbüttel, keine große Feier, nur Rainers Eltern sind anwesend. Evelyne ist zum Heulen zumute. So hatte sie sich das nicht vorgestellt.

Späte Versöhnung

Da antworten zum ersten Mal ihre Eltern. Alles andere als versöhnlich, aber immerhin ein Brief. "Ich möchte keinen Enkel haben, dessen Sprache ich nicht verstehe", schreibt ihre Mutter. Evelyne ist klar: Das Kind muss zweisprachig aufwachsen.

Zur Geburt fahren beide Eltern mit dem Auto nach Hamburg. Auf dem Weg ins Krankenhaus verirren sie sich, Gabriel kurbelt das Fenster seines Renault herunter und spricht einen Deutschen an. Der kann kein Wort Französisch, ist aber freundlich und fährt voraus, bis zum Krankenhaus. Dort versöhnt sich Evelyne mit ihren Eltern. Rainer wird als Schwiegersohn akzeptiert.

Fast ist Evelyne nun richtig in Deutschland angekommen, ein kleines Hindernis bleibt. Nach dem Referendariat in Schleswig-Holstein bekommt sie zwar einen Job, müsste aber, um Beamtin zu werden, die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Das möchte sie ihren Eltern nicht antun. Evelyne bewirbt sich in Hamburg, das sie als weltoffen und international kennengelernt hat. Zu ihrem Glück haben sich gerade drei Engländerinnen das Recht auf den Beamtenstatus gerichtlich erstritten. Evelyne wird eine der ersten Beamten Deutschlands mit französischem Pass. Dem Stadtstaat Hamburg ist sie dafür noch heute dankbar.

In ihrem langen Berufsleben widmete sich Evelyne Reisen und Schüleraustauschen, organisierte Begegnungen von Franzosen und Deutschen, weil sie selbst so eine wichtige Begegnung hatte. "Merci Madame, für die Reise nach Paris", schrieb ihr ein ehemaliger Schüler Jahre nach einer Studienreise. "Hier habe ich meine Frau kennengelernt, hier habe ich das Glück meines Lebens gefunden."



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