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Filmküsse in Zeiten von Epidemien

Foto: ullstein bild

Augenblick mal Küssen (fast) verboten

Vorsicht, das feuchtet doch durch! Was wie eine Szene aus der Coronakrise wirkt, spielte sich 1937 ab. Warum trug dieses Paar Mundschutz, um sich dann doch innig zu küssen? Ein Bild und seine Geschichte.

So viel schmachtende Distanz ist selten. Mit den Blicken scheinen sich die elegante Frau mit den dunkelblonden Locken und ihr junger Partner im akkuraten Anzug fast zu verschlingen. Die Hände liegen eng am Körper des anderen, ihre Lippen suchen sich - und dürfen sich doch nicht finden.

Denn die Hingucker auf dieser Aufnahme von 1937 sind nicht die sich leidenschaftlich Küssenden. Sondern das, was diesen ansonsten perfekt zur Schau gestellten Kuss verhindert: weiße, kalte Atemschutzmasken. Nicht Lippen berühren sich, nur Stoff.

Die Atemschutzmaske hat es zumindest in Deutschland bisher noch nicht zur Ikone der Coronakrise geschafft. Die Deutschen lieben ihr Klopapier, fremdeln aber mit den Masken, die nun in manchen Supermärkten getragen werden müssen. Über die Schutzwirkung wird derzeit so hitzig diskutiert wie wohl über keine Frage seit Einführung des Videobeweises in der Bundesliga.

So wirkt dieses Foto ziemlich aktuell - wenngleich die vor Pomade glänzenden Frisuren auf eine fernere Vergangenheit hindeuten. Aber wieso tragen die Liebenden Atemschutzmasken, um dann nur Millimeter Abstand zu halten? Ein vergessener Fetisch? Oder eine Liaison Schwerkranker?

Schutzmasken mit Loch - für Raucher

In der Vergangenheit hat man Atemschutzmasken nicht immer sinnvoll eingesetzt. Die schnabelförmigen, angsteinflößenden Pestmasken der Ärzte haben vielleicht noch Sinn ergeben, weil die sperrigen Schnäbel wie Abstandshalter wirkten. Damit wäre auch niemand auf die Idee gekommen, sich zu küssen. Die wohlriechenden Düfte, die mit Essenzen getränkte Schwämme aus dem Inneren der Schnabelmasken verströmten, vertrieben die Pest aber nicht wie erhofft.

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Filmküsse in Zeiten von Epidemien

Foto: ullstein bild

Während der Spanischen Grippe entwarf 1919 ein findiger Unternehmer Atemschutzmasken mit einem kleinen Loch. So konnten Raucher während der Pandemie quarzen, ohne die Masken umständlich absetzen zu müssen. Steckte mal kein Glimmstängel in der Maske, war das Loch bequem per Korken zu verschließen, wie das US-Magazin "Popular Mechanics" berichtete.

Die Atemschutzmasken auf dem Foto von 1937 hatten einen guten Grund: In den USA grassierte nämlich eine Grippewelle. Und sie beeinträchtigte besonders Hollywood massiv.

Die Grippe legt Hollywood lahm

Filmproduzent Jesse L. Lasky, einer der Pioniere seines Fachs, schrieb am 3. Februar 1937 an seinen Sohn, ihn habe die Grippe "schwach und depressiv" gemacht; nach zwei Wochen sei das zum Glück überstanden: "Mein psychischer Zustand ist exzellent."

Der Tod der Schauspielerin Jean Harlow, Sexsymbol der Dreißigerjahre ("Männer mögen mich, weil ich keinen Büstenhalter trage"), wird mitunter auch den Folgen der Grippe zugeschrieben. Sie starb im Juni 1937 im Alter von erst 26 Jahren an Nierenversagen; ihr Gesundheitszustand soll auch wegen vorheriger Erkrankungen desolat gewesen sein. Im Frühjahr hatte Harlow sich mit Influenza infiziert.

Die Grippewelle legte ab Januar einige Dreharbeiten in Hollywood lahm und traf besonders das Filmmusical "High, Wide and the Handsome". Etliche der gut 5000 Statisten erkrankten, dazu kamen weitere Unglücke am Set. So verzögerten sich die Dreharbeiten um Monate und machten den Paramount-Film deutlich teurer als geplant.

20 Probeküsse, bis einer sitzt

Im Schatten dieser Großproduktion stand die Komödie "Mama steps out" - und dabei entstand das Masken-Foto. Die Komödie handelt von einer amerikanischen Familie, die nach einer Erbschaft durch Frankreich reist. Und in Frankreich, es ist eine Art Filmgesetz, verliebt man sich, in diesem Fall der Musiker Chuck und Leila, Tochter eines Parfüm-Produzenten. Also mussten sie sich auch küssen.

Die Darsteller Stanley Morner und Betty Furness waren zwar Profis mit langer Leinwandkarriere. Aber Filmküsse müssen geübt sein. Und wer in Zeiten der Grippe zu eifrig übt, läuft Gefahr, sich anzustecken. Also nutzten die beiden Schauspieler Schutzmasken bei den Dreharbeiten.

Über diese "antiseptischen Küsse" berichtete etwas später das US-Magazin "Look": Man wolle die Grippe "austricksen", hieß es in der Bildunterschrift, "denn jeder Kuss muss etwa 20 Mal geprobt werden, bevor die Kameras laufen".

Freie Bahn für freie Viren

Aber irgendwann müssen die Masken dann doch fallen - freie Bahn für freie Viren. Damals rechnete man damit, dass die Schutzmaßnahme eine Übertragung "in vier von fünf Fällen" verhindere, schrieb "Look".

Das ungewöhnliche Foto sollte zugleich werben für den neuen Film. "Mama steps out" ging allerdings nicht als Kassenschlager in die Filmgeschichte ein. Ob die küssenden Hauptdarsteller sich ansteckten, ist nicht überliefert. Stanley Morner - der später unter dem Künstlernamen Dennis Morgan Karriere machte - wurde 85 Jahre alt, Betty Furness 78. Das einstige Film-Liebespaar starb 1994, nur Monate voneinander getrennt.

1940, drei Jahre nach der Kuss-Aufnahme, entstand übrigens ein ähnliches Foto, wenn auch mit deutlich dramatischerem Hintergrund: Als die deutsche Luftwaffe Bomben auf London abwarf, imitierte ein britisches Liebespärchen mit Gasmasken  einen Kuss - unter einem vermeintlich glückbringenden Mistelzweig.

Augenblick mal!