Große Depression Das Fanal von 1929

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2. Teil: 1929 und 2009 - markante Parallelen


Ähnlich blauäugig wie ihre Großeltern waren bis vor gut einem Jahr auch viele Besitzer von Wohnungen und Häusern in den USA. Sie vertrauten darauf, dass die Preise für Immobilien stetig steigen würden und finanzierten sie oft ohne einen Cent Eigenkapital. Manche Anleger waren auch überzeugt, dass Rohstoffe immer knapper, begehrter und teurer würden und die Menschheit am Beginn eines langen "Super-Zyklus" stehe.

Beide Generationen ließen sich also blenden von der verlockenden Aussicht auf Reichtum im Handumdrehen, beide ließen sich dazu verführen, weit über ihre Verhältnisse zu leben. Ihre Naivität, aber auch ihre Gier rächte sich bitter, als die Blasen platzten und sie die Kredite nicht mehr bedienen konnten.

Dabei waren die Anzeichen für den Abschwung bereits vor dem Crash zu erkennen. Von Frühjahr bis Herbst 1929 war die Autoproduktion in den USA um rund ein Drittel auf 416.000 Einheiten abgesackt. Die Kapazitäten waren bei weitem nicht ausgelastet, ganz so, wie heute: Es gibt Fertigungsstraßen für 90 Millionen Fahrzeuge, der Bedarf liegt aber nur bei rund 50 Millionen. Dennoch beschloss General Motors noch 1929, die Adam Opel AG in Rüsselsheim zu übernehmen. Die amerikanisch-deutsche Firmenehe stand also von Beginn an unter keinem guten Stern.

Weitere Parallelen zwischen den Jahren 1929 und 2009 drängen sich auf: Das Vertrauen in die Märkte ist tief erschüttert, damals wie heute, es wird wieder nach dem Staat gerufen, nach der starken, ordnenden Hand.

Damals schlug die Stunde des britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der nicht mehr den Selbstheilungskräften des Marktes vertrauen wollte, der "unsichtbaren Hand", die alles richtet.

Auch in der heutigen Krise avanciert der Staat zum Retter in der Not, zur letzten Instanz, die Sicherheit gewährleisten und den Notstand überwinden kann.

Der Staat erlebt nach Jahren, in denen viele Anstrengungen unternommen wurden, ihn zurückzudrängen, ein unerwartetes Comeback.

Eine weitere Analogie: Damals wie heute belasten Ungleichgewichte die Weltwirtschaft. Hochverschuldete Staaten wie Rumänien, Lettland oder die Ukraine stehen am Rande des Bankrotts, weil Investoren aus dem Westen ihr Geld abziehen. Entsprach der Kapitalstrom in die Schwellenländer Osteuropas, Asiens oder Lateinamerikas vor zwei Jahren noch dem Wert von 929 Milliarden Dollar, so erwartet das Institute of International Finance für dieses Jahr nur noch einen dramatisch gesunkenen Wert von 165 Milliarden Dollar.

Vor allem Osteuropas Wirtschaft leidet unter dem Kapitalentzug, die Währungen verlieren rapide an Wert. Der Absturz trifft Banken in Österreich, Deutschland und Italien, die in der Region engagiert sind. Besonders leidet jener Teil der Bevölkerung, der seinen Wohlstand großenteils in Euro oder Dollar finanziert hat. In manchen Ländern wurden mehr als die Hälfte aller Kredite in Fremdwährung vergeben.

In einer ähnlichen Lage befand sich das Deutsche Reich Anfang der dreißiger Jahre. Die Amerikaner hatten zu einem großen Teil den Wiederaufbau Deutschlands finanziert, fast die Hälfte der Nettoinvestitionen zwischen 1924 und 1929 lieh sich die deutsche Wirtschaft im Ausland, vor allem in den USA. Städte und Gemeinden nahmen Anleihen auf, bauten Kläranlagen, Brücken und Wohnungen. Nach dem Börsen-Crash brach der Geldfluss abrupt ab, die Amerikaner benötigten nun die Mittel selbst.

Schlagartig wurde jedem im Deutschen Reich bewusst, dass es sich beim Boom der Goldenen Zwanziger bloß um eine "Dollarscheinblüte" gehandelt hatte, so ein geflügeltes Wort jener Jahre. An den Baustellen drehte sich keine Mischmaschine mehr, über die Hälfte aller Bauarbeiter verloren ihre Stelle.

Die Nachfrage nach Gütern aller Art sank dramatisch, die Umsätze sackten weg. Möbelhändler büßten zwischen 1929 und 1932 die Hälfte ihres Geschäfts ein, selbst nennenswerte Preisabschläge verführten die Verbraucher nicht zum Einkauf. Die Industrie drosselte darauf die Produktion und entließ weitere Arbeiter: in den Baubetrieben, bei der Reichsbahn, in den Zechen, bei den Stahlverarbeitern.

"Das abgeschlossene Geschäftsjahr gestaltete sich so schwierig wie noch keines seit Bestehen unserer Gesellschaft", hieß es im Bericht der Vereinigten Stahlwerke für 1930. "Scharfe Senkungen unserer Kosten und Lasten" seien notwendig, ansonsten würden "immer weitere Stilllegungen, schließlich auch der besten Betriebe", unvermeidlich. Die deutsche Wirtschaft war in einer Abwärtsspirale gefangen.

Täglich annoncierten die Zeitungen spaltenweise Termine für Zwangsversteigerungen. Die Bäcker verzierten Pfefferkuchen mit Sprüchen wie "Dieser Kuchen ist nicht groß, denn auch ich bin arbeitslos!" Die Caféhäuser sparten sich die Kapellen, die Musik kam nun aus dem Radio.

Der deutsche Reichskanzler Heinrich Brüning, der im Frühjahr 1930 ins Amt kam, verschlimmerte die Misere noch mit seiner restriktiven Geldpolitik. Sein Handlungsspielraum mag begrenzt gewesen sein und die traumatische Erfahrung der Hyperinflation von 1922/23 noch frisch im Gedächtnis, doch Brünings scharfer Sparkurs erstickte alle Chancen, die Konjunktur wiederzubeleben. Der Zentrumspolitiker war wie besessen von dem Gedanken, die Krise durch eisernes Sparen meistern zu können, die Volkswirtschaft gleichsam gesundzuschrumpfen. Eine amtliche Mitteilung vom 28. Oktober 1930 atmet diesen Geist; darin wird das Volk aufgefordert, "jedes Übermaß an Feiern und Vergnügungen" zu vermeiden. Kein Wunder, dass die deutsche Wirtschaft alsbald in der Depression versank.

Die gleichzeitige Kapitalflucht der Amerikaner brachte vor allem die deutschen Banken in Schwierigkeiten. Sie hatten riskanterweise langfristige Projekte mit kurzfristigen Krediten finanziert, und ihr ohnehin geringes Eigenkapital schmolz dahin. Als erstes Institut kollabierte im Frühjahr 1931 die österreichische Creditanstalt. Die Insolvenz erschütterte die Bankhäuser in ganz Europa - so wie im Herbst 2008 die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers auf die gesamte Finanzwelt ausstrahlte.

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