Große Depression Das Fanal von 1929

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3. Teil: Banken vor der Pleite


Die Bankenkrise versetzte der Wirtschaft den nächsten schweren Schlag. Das Drama erreichte am Abend des 11. Mai 1931 einen ersten Höhepunkt, als Jakob Goldschmidt, Chef der Danat-Bank, bei einem Essen erfuhr, dass sein wichtigster Kunde, der Bremer Textilriese Nordwolle, die Bilanzen gefälscht hatte und hoffnungslos überschuldet war. "Die Nordwolle ist hin, die Danat-Bank ist hin, die Dresdner Bank ist hin, ich bin hin", rief er verzweifelt aus.

Mit der Einschätzung lag Goldschmidt nicht falsch. Alle Berliner Großbanken waren geschwächt, die Danat-Bank am Ende. Bald folgte ein Krisentreffen von Politikern und Bankern am Samstag und Sonntag, vom 11. auf den 12. Juli. Der hektische Aktionismus erinnert frappierend an die Wochenendzusammenkunft im Oktober 2008, als im Kanzleramt die Hypo Real Estate erstmals vor der Pleite gerettet werden musste.

Im großen Konferenzsaal der Reichskanzlei in der Wilhelmstraße 77 war die Atmosphäre äußerst gespannt. Die Bankdirektoren hätten sich gegenseitig "mit Vorwürfen über ihren finanziellen Stand und über ihre Geschäftsgebarung" überhäuft, erinnerte sich Hjalmar Schacht, Reichsbankpräsident von 1923 bis 1930 und von 1933 bis 1939.

Gegenüber der Politik aber verharmlosten die Bankiers den Ernst der Lage. Der Deutsche-Bank-Chef Oskar Wassermann versichert gar, die Lage der Großbanken sei "nicht schlechter als sonst irgendwo auf der Welt". Sie wollten die Danat-Schieflage als Sonderfall darstellen und behandelten Goldschmidt "wie einen Pestkranken", so Brüning in seinen Memoiren. Der Reichskanzler fragte, wie es denn um die Dresdner Bank bestellt sei: "Schon die Frage wurde als Beleidigung aufgefasst", erinnerte sich Brüning. Drei Tage später war auch sie reif für die Rettung.

Konzepte wurden ausgearbeitet und verworfen, Vorschläge erörtert und zerredet. Am Ende waren alle überreizt, erschöpft und ratlos, als sie um vier Uhr früh am Montag das Treffen auflösten. "Man sah die Dinge wie durch einen Nebel", so der Zeitzeuge Hans Priester. Entsprechend unklar fiel das Ergebnis aus: Die Danat-Bank wurde liquidiert, die Einlagen aber gesichert. Man glaubte tatsächlich, man könne die Turbulenzen auf die Danat-Bank begrenzen.

Wenige Stunden später brach Panik aus. Verunsicherte Anleger wollten die Institute stürmen. Die Reichsregierung verordnete darauf, die Schalter zwei Tage zu schließen, danach dauerte es noch drei Wochen, bis sie den Zahlungsverkehr wieder vollständig freigab.

Die Politik nutzte die Zeit, um ein Sanierungskonzept auszuarbeiten. So dilettantisch sie die Wochenendkrise gemanagt hatte, so gründlich arbeitete sie nun diesen langfristigen Plan aus. Was damals geschaffen wurde, existiert zum Teil noch heute.

Die heutige Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) beispielsweise leitet ihre Existenz davon ab, dass 1931 erstmals eine staatliche Aufsicht über alle deutschen Banken installiert wurde, die Grundprinzipien von damals gelten nach wie vor. Ein Reichskommissar für das Kreditwesen wurde installiert, wer ihm falsche Auskünfte erteilte, dem drohten eine Geldstrafe oder sogar Gefängnis.

Zudem eröffnete die Regierung den Banken mit der Gründung der Akzept- und Garantiebank eine neue Kreditquelle. Sie hatte den Zweck, dass sich die Banken leichter kurzfristig refinanzieren und so ihre Liquidität verbessern konnten.

Knapp eine Milliarde Reichsmark musste der Staat aufbringen, um die Bankbilanzen zu glätten, im Gegenzug übernahm die Reichsbank Aktienpakete: Sie war zu 30 Prozent an der Deutschen Bank beteiligt und zu 70 Prozent an der Commerz- und Privatbank. Die Dresdner Bank, die mit der Danat-Bank fusioniert war, kam sogar zu 91 Prozent in Staatsbesitz. Damit waren die deutschen Großbanken faktisch verstaatlicht, zumindest für einige Jahre: Bis 1936 waren die Institute wieder so solvent, dass sie die Anteile zurückkaufen konnten.

Am Ende waren zwei große Filialbanken zusammengebrochen, fast alle Vorstände hatten ihre Posten verloren. Doch die große Katastrophe konnte noch einmal abgewendet werden, das Vertrauen der Bürger in das Finanzsystem war wiederhergestellt.

Weniger glimpflich verlief die deutsche Bankenkrise für die Geschäftswelt. Die zögerliche Kreditvergabe machte vielen Unternehmen schwer zu schaffen. Klangvolle Namen wie Borsig, Flick oder auch Karstadt gerieten plötzlich in finanzielle Schwierigkeiten. Die Essener Warenhauskette war angeschlagen "und, wie es vielen schien, sogar hoffnungslos überschuldet", so der Historiker Lothar Gall. Damals endete die Ära von Karstadt als Familienunternehmen. Fortan hatten bis in die neunziger Jahre Banken das Sagen.

In den USA ging der 1932 gewählte Präsident Franklin Delano Roosevelt noch resoluter vor. Zwei Tage nach Amtsantritt verordnete er sogenannte Bank-Feiertage: Nur die stärksten Institute durften nach gut einer Woche wieder öffnen, viele wurden unter staatliche Kuratel gestellt. Rund 2500 Häuser mussten schließen.

Im Gedächtnis aber wird Roosevelt für den "New Deal" bleiben - jenes gewaltige Konjunkturpaket, das im krassen Gegensatz zum Sparkurs stand, den zuvor Brüning in Deutschland verfolgt hatte. "Es geht darum, den Ball ins Rollen zu bringen", empfahl der Ökonom Keynes am 31. Dezember 1933 in einem offenen Brief an Roosevelt. Diesen Rat hat der Präsident beherzigt.

Roosevelt ließ Straßen und Brücken, Schulen und Staudämme bauen, in der Spitze waren drei Millionen Menschen in öffentlichen Stellen beschäftigt. Arbeitslose Frauen bastelten Puppen, Musiker bauten Volksmusiksammlungen auf, Journalisten schrieben Reiseführer. Alles auf Rechnung des Staates.

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