Große Depression Das Fanal von 1929

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4. Teil: Weg aus der Krise


Heute bezweifeln viele Historiker, dass es Roosevelts Konjunkturprogramm war, das Amerika aus der Krise gezogen hat. "Der 'New Deal' hat die Strukturprobleme der USA nach der Weltwirtschaftskrise nicht gelöst", meint der Frankfurter Historiker Werner Plumpe. Tatsächlich stieg gegen Ende der dreißiger Jahre die Arbeitslosigkeit in den USA wieder an, die Wirtschaft schrumpfte erneut. Erst mit der Aufrüstung zu Kriegsbeginn entspannte sich die ökonomische Lage.

Wichtiger als die Ökonomie war wohl die Psychologie des "New Deal": die starken Worte, die symbolhaften Taten, der griffige Slogan - das alles war dazu angetan, die Moral zu stärken.

Auch jetzt, in der schwersten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression, schnüren die Regierungen wieder milliardenschwere Pakete in der Hoffnung, die Konjunktur damit in Schwung zu bringen. Die Programme haben die Stimmung aufhellen können. Ob sie auch in der gewünschten Weise wirken, ist aber heute so fraglich wie damals.

Zumindest einige andere Konsequenzen hat die Politik freilich aus dem Debakel von 1929 gezogen.

Es wird mehr miteinander gesprochen und abgestimmt, auf internationalen Gipfeln, aber auch in Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank. Niemals würde heute ein Notenbankchef der USA, Japans oder in Europa eine marktbewegende Entscheidung treffen, ohne seine Kollegen zu informieren. Vor 80 Jahren herrschte tiefes Misstrauen zwischen Berlin, Paris, London und Washington.

Und zur kollektiven historischen Erfahrung gehört auch die Erkenntnis, dass eine globale Wirtschaftskrise die Gefahr in sich birgt, protektionistische Tendenzen zu verstärken. "Über jeder modernen Gesellschaft schwebt das Gespenst des Protektionismus", ist eine der Lebenserfahrungen des 94-jährigen US-Ökonomen Paul Samuelson: "Vielleicht sind unserer darwinistischen Wurzeln dafür verantwortlich: Im Dschungel überlebt man nur, wenn man Fremden gegenüber vorsichtig ist."

1930 erhöhten die Vereinigten Staaten die Zölle auf viele Importwaren massiv, mit entsprechend negativen Folgen für den US-Außenhandel. Großbritannien verabschiedete sich vom Goldstandard, wertete das Pfund ab, um seine Exportwirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen - und provozierte damit Revancheaktionen. Die Folge: Das Volumen des Welthandels verringerte sich von 1929 bis 1933 von drei auf eine Milliarde Dollar. Der Protektionismus trug maßgeblich dazu bei, dass sich aus der Rezession überhaupt erst eine globale Depression entwickelte.

Jetzt versuchen Staaten wieder, ihre Industrien vor ausländischer Konkurrenz zu schützen: mit Zöllen, Quoten oder Subventionen. Auch Konjunkturprogramme tragen den Keim des Protektionismus in sich, schließlich ist ihre Wirkung auf den heimischen Raum begrenzt. Ein Wettbewerb entbrennt, den keiner gewinnen kann.

Es lassen sich also eine Menge Ähnlichkeiten erkennen zwischen gestern und heute. Aus solchen Parallelen kann aber niemand ableiten, was morgen passieren wird.

Der erste Unterschied: Einst brach zunächst die Börse zusammen, dann erst folgte der realwirtschaftliche Abschwung und schließlich die Bankenkrise. Heute steht die Bankenkrise am Anfang, sie hat die weltweiten Turbulenzen ausgelöst.

Heute werden zudem die Opfer der Wirtschaftskrise vom Staat aufgefangen, in Westeuropa zumindest muss dank Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe niemand im Elend versinken. Die "automatischen Stabilisatoren", wie Ökonomen solche Hilfen nennen, entfalten ihre Wirkung. Sie verringern die Gefahr politischer Radikalisierung.

Was ebenfalls anders ist: Damals lebte man noch in der einfachen Welt der Wechsel. Heute bestimmen komplizierte Wetten das Finanzsystem, die eine ungeheure Hebelwirkung ausüben können: Mit überschaubarem Einsatz werden Milliarden bewegt - gewonnen und verloren. Und damals spuckte der Börsenticker die Kurse noch auf einem Papierstreifen aus, heute jagen die Nachrichten elektronisch in Echtzeit um die Welt.

Vor allem: Heute besitzen die Notenbanker das Wissen um die Abläufe, die 1929 das Geschehen bestimmten. Diese Erfahrung hat sie gelehrt, dass sie den Markt in solchen Stresssituationen mit Liquidität versorgen müssen.

Ben Bernanke, der US-Notenbankchef, hat die Zeit der Großen Depression so gründlich studiert wie kaum ein anderer. Es sei das Verdienst von US-Präsident Roosevelt gewesen, in dieser Situation "aggressiv und experimentierfreudig" vorgegangen zu sein, betont Bernanke. Und so steht er ihm darin in nichts nach. In den vergangenen Monaten hat Bernanke alle Register gezogen: die Zinsen gesenkt, die Banken gestützt, die Märkte mit Geld förmlich geflutet.

Hätte einst die Zentralbank dem Markt und den Unternehmen mehr Liquidität geboten, so Bernanke vor Jahren in einem Aufsatz, wäre "auf den Crash von 1929 wahrscheinlich nur eine mäßige Konjunkturdelle gefolgt".

Fraglich ist bloß, ob die vermutete Lösung für die Krise von 1929 auch das richtige Konzept für jene von 2009 darstellt. Und vollkommen unklar ist, ob die Welt das Gröbste schon überstanden hat, wie viele bereits hoffen. Oder ob es doch noch schlimmer kommt. Dass man nicht zu früh Entwarnung geben darf, ist vielleicht die wichtigste Lehre aus der Geschichte, wie Warren Buffett, einer der reichsten Amerikaner der Gegenwart, leidvoll erfahren musste. Ihm erging es ähnlich wie einst Rockefeller. Er investierte gut eine Woche nach der Lehman-Brothers-Pleite im September vorigen Jahres im großen Stil in die Investmentbank Goldman Sachs. Da fing die Krise gerade erst an.

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