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10. August 2009, 17:53 Uhr

Große Depression

Das Fanal von 1929

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Werte im freien Fall: Mit dem Crash der New Yorker Börse begann 1929 die schlimmste Wirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts. Millionen Menschen verloren ihr Vermögen, ihren Arbeitsplatz, ihre Rente - und den Glauben an die Marktwirtschaft.

John D. Rockefeller war der reichste Mann seiner Zeit. Mit Öl und Raffinerien hatte der Amerikaner Anfang des 20. Jahrhunderts ein Vermögen gemacht, sein Riecher für Geschäfte war legendär. Aber selbst einen Rockefeller kann sein Gespür einmal trügen.

Am Mittwoch, dem 30. Oktober 1929, sechs Tage nach Beginn des New Yorker Börsen-Crashs, teilte er den verblüfften Beobachtern mit, er sei schon wieder in den Markt eingestiegen: "In dem Glauben, dass die Situation des Landes gesund ist, haben mein Sohn und ich seit Tagen gesunde Stammaktien gekauft." Rockefeller lag mit seiner Einschätzung ziemlich daneben. Den tatsächlichen Tiefpunkt erreichten die Aktienmärkte drei Jahre später, im Juli 1932. Und es sollte noch 22 Jahre dauern, bis die Börse wieder auf das Niveau der Vorkriegszeit gelangte.

Wie Rockefeller unterschätzten fast alle Zeitgenossen die Tiefe und vor allem die Dauer der Rezession, die sich bald zur Depression und zur Weltwirtschaftskrise auswachsen sollte. Mit einer solchen Katastrophe hatte niemand gerechnet.

In den Vereinigten Staaten schrumpfte die Wirtschaft zwischen 1929 und 1933 um fast ein Drittel, die Arbeitslosenquote stieg von 3 auf fast 25 Prozent. Noch schlimmer erwischte es das Deutsche Reich: Das Bruttosozialprodukt brach um 27 Prozent ein, die Zahl der registrierten Arbeitslosen wuchs bis Februar 1932 auf mehr als sechs Millionen, in Wahrheit waren aber wesentlich mehr Deutsche ohne Beschäftigung. Das Volk verarmte, die Not war groß, das wirtschaftliche Leben lag am Boden.

In den Harzer Kurorten ging das Geschäft der Gastwirte 1930 zeitweise um rund ein Drittel zurück. "Jede irgend zu vermeidende Ausgabe wird unterlassen", klagte das "Göttinger Tageblatt". In den Ausflugslokalen der Hauptstadt, so meldete der "Berliner Lokalanzeiger", würden Autobesitzer vorfahren, die oft "nur eine Flasche Selters bestellen und dazu von zu Hause mitgebrachten Kuchen verzehren".

Der amerikanische Korrespondent Hubert Renfro Knickerbocker beobachtete, dass höchstens zehn Prozent der Gäste in Berliner Wirtshäusern ein Bier vor sich stehen hatten. Sein Fazit: "Wenn der Deutsche zu arm geworden ist, um sich ein Bier zu kaufen, ist er am Verzweiflungspunkt angelangt."

Die Große Depression Anfang der dreißiger Jahre war für beinahe jeden, der sie erlebte, eine Grenzerfahrung, materiell wie psychologisch. Ganz anders die Wirtschaftskrise dieser Tage: Sie trifft nur wenige in wirklich existentieller Weise, bislang jedenfalls. Die Weltwirtschaft ist heute weit entfernt von der katastrophalen Situation, in der sie sich Anfang der dreißiger Jahre befand. Und doch sind Parallelen zwischen beiden Krisen augenfällig.

Damals wie heute ist das Vertrauen in den Markt und in die Solidität die Banken verlorengegangen. Damals wie heute bemühen sich Unternehmen vergebens um Kredite und kämpfen deshalb ums Überleben. Vor allem aber ging damals wie heute dem Crash eine Phase wilder Spekulation und maßloser Verschuldung voraus.

Die Menschen die das Leid und die Entbehrungen des Ersten Weltkriegs noch in frischer Erinnerung hatten, sehnten sich nach Frieden und Wohlstand. Sie waren fasziniert vom Fortschritt und den bahnbrechenden Produkten, die er hervorbrachte: von Autos und Flugzeugen, von Radiogeräten und Telefonen. Und sie konnten teilhaben an den technischen Errungenschaften: Zwei Monatslöhne reichten einem Arbeiter aus, um sich das Ford-Modell "Tin-Lizzy" leisten zu können.

Der Zauber der Moderne übertrug sich auf die Aktienmärkte, mehr und mehr Bürger begeisterten sich für die Börse und legten ihre Ersparnisse dort an, das Fieber erfasste alle Schichten. Unglaubliche Geschichten machten die Runde, etwa die vom Kammerdiener, der an der Börse eine Viertelmillion Dollar gewonnen hatte, oder von der Krankenschwester, die dank eines Tipps um 30.000 Dollar reicher geworden war.

Der US-Journalist Frederick Lewis Allen beschrieb, wie sich die Amerikaner dem Börsenrausch hingaben: "Der Chauffeur des reichen Mannes lenkt den Wagen mit zurückgelegten Ohren, um Nachrichten über eine bedeutende Kursveränderung von Bethlehem Steel aufzufangen, denn er besitzt selbst 50 Anteile. Der Fensterputzer im Büro des Maklers macht eine Pause, um den Ticker zu beobachten, denn er überlegt, ob er die Früchte seiner Arbeit in einige Anteile von Simmons umtauschen soll."

Nicht wenige spekulierten mit geliehenem Geld im festen Glauben, mit den Kursgewinnen ihre Schulden tilgen zu können. Der Hang der Amerikaner, auf Pump einzukaufen, verfestigte sich zum Lebensstil. Mehr als die Hälfte aller Autos und drei Viertel aller Möbel waren auf Kredit finanziert.

John Kenneth Galbraith, der große Erforscher der Weltwirtschaftskrise, nannte es den "Triumph der Phantasie", der die Märkte derart in Bewegung versetzt habe: "nicht in langsamen, gesetzten Schritten, sondern mit sprunghaften Sätzen", so der Ökonom: "Die Massenflucht in die Scheinwelt, wichtiger Bestandteil jeder Spekulationsorgie, begann ernsthafte Formen anzunehmen."

Fast jeden zweiten Tag wurden neue Investmentgesellschaften gegründet. 1927 verkauften sie den Anlegern Papiere im Wert von 400 Millionen Dollar, zwei Jahre später war das Volumen auf drei Milliarden Dollar gewachsen. Alle waren überzeugt: Der Aktienboom in "God's own country" sollte noch viele Jahre weitergehen.

Die modernen Unternehmen schienen schließlich noch gewaltige Potentiale in sich zu tragen. Die 1919 gegründete Radio Corporation of America beispielsweise konnte ihren Börsenwert vom Frühjahr 1928 bis zum Herbst 1929 um das Fünffache steigern, ohne je eine Dividende gezahlt zu haben. Vom Aktienfieber ließen sich auch die Unternehmer anstecken. Sie nutzten ihre Gewinne selten noch für Investitionen; an der Börse zu spekulieren, schien weit lukrativer - und müheloser obendrein.

"In Amerika sind wir heute dem Triumph über die Armut näher als jemals zuvor in der Geschichte irgendeines Landes", jubelte US-Präsident Herbert Hoover im Wahlkampf 1928. Der Manager und Politiker John Raskob, der später das Empire State Building errichtete, verbreitete die These, wer 20 Jahre lang jeden Monat Aktien im Wert von 15 Dollar kaufe, würde am Ende rund 80 000 Dollar verdienen: "Jeder sollte reich sein", lautete sein Credo.

Noch zwei Wochen vor dem Crash meinte der bekannte Yale-Ökonom Irving Fisher, "dass Aktienkurse, wie es scheint, ein dauerhaft hohes Niveau erreicht haben" - und ruinierte damit seinen Ruf. Die Harvard Economic Society erklärte im November 1929, dass eine ernstliche Depression "außerhalb des Bereiches des Möglichen" liege. Und Präsident Hoover versicherte im Dezember 1929, dass es "die starke und gesicherte Lage der Banken" gewesen sei, die "das gesamte Kreditsystem ohne Schwächung des Kapitals sicher durch die Krise getragen hat". Da stand die wirkliche Bankenkrise noch bevor.

1929 und 2009 - markante Parallelen

Ähnlich blauäugig wie ihre Großeltern waren bis vor gut einem Jahr auch viele Besitzer von Wohnungen und Häusern in den USA. Sie vertrauten darauf, dass die Preise für Immobilien stetig steigen würden und finanzierten sie oft ohne einen Cent Eigenkapital. Manche Anleger waren auch überzeugt, dass Rohstoffe immer knapper, begehrter und teurer würden und die Menschheit am Beginn eines langen "Super-Zyklus" stehe.

Beide Generationen ließen sich also blenden von der verlockenden Aussicht auf Reichtum im Handumdrehen, beide ließen sich dazu verführen, weit über ihre Verhältnisse zu leben. Ihre Naivität, aber auch ihre Gier rächte sich bitter, als die Blasen platzten und sie die Kredite nicht mehr bedienen konnten.

Dabei waren die Anzeichen für den Abschwung bereits vor dem Crash zu erkennen. Von Frühjahr bis Herbst 1929 war die Autoproduktion in den USA um rund ein Drittel auf 416.000 Einheiten abgesackt. Die Kapazitäten waren bei weitem nicht ausgelastet, ganz so, wie heute: Es gibt Fertigungsstraßen für 90 Millionen Fahrzeuge, der Bedarf liegt aber nur bei rund 50 Millionen. Dennoch beschloss General Motors noch 1929, die Adam Opel AG in Rüsselsheim zu übernehmen. Die amerikanisch-deutsche Firmenehe stand also von Beginn an unter keinem guten Stern.

Weitere Parallelen zwischen den Jahren 1929 und 2009 drängen sich auf: Das Vertrauen in die Märkte ist tief erschüttert, damals wie heute, es wird wieder nach dem Staat gerufen, nach der starken, ordnenden Hand.

Damals schlug die Stunde des britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der nicht mehr den Selbstheilungskräften des Marktes vertrauen wollte, der "unsichtbaren Hand", die alles richtet.

Auch in der heutigen Krise avanciert der Staat zum Retter in der Not, zur letzten Instanz, die Sicherheit gewährleisten und den Notstand überwinden kann.

Der Staat erlebt nach Jahren, in denen viele Anstrengungen unternommen wurden, ihn zurückzudrängen, ein unerwartetes Comeback.

Eine weitere Analogie: Damals wie heute belasten Ungleichgewichte die Weltwirtschaft. Hochverschuldete Staaten wie Rumänien, Lettland oder die Ukraine stehen am Rande des Bankrotts, weil Investoren aus dem Westen ihr Geld abziehen. Entsprach der Kapitalstrom in die Schwellenländer Osteuropas, Asiens oder Lateinamerikas vor zwei Jahren noch dem Wert von 929 Milliarden Dollar, so erwartet das Institute of International Finance für dieses Jahr nur noch einen dramatisch gesunkenen Wert von 165 Milliarden Dollar.

Vor allem Osteuropas Wirtschaft leidet unter dem Kapitalentzug, die Währungen verlieren rapide an Wert. Der Absturz trifft Banken in Österreich, Deutschland und Italien, die in der Region engagiert sind. Besonders leidet jener Teil der Bevölkerung, der seinen Wohlstand großenteils in Euro oder Dollar finanziert hat. In manchen Ländern wurden mehr als die Hälfte aller Kredite in Fremdwährung vergeben.

In einer ähnlichen Lage befand sich das Deutsche Reich Anfang der dreißiger Jahre. Die Amerikaner hatten zu einem großen Teil den Wiederaufbau Deutschlands finanziert, fast die Hälfte der Nettoinvestitionen zwischen 1924 und 1929 lieh sich die deutsche Wirtschaft im Ausland, vor allem in den USA. Städte und Gemeinden nahmen Anleihen auf, bauten Kläranlagen, Brücken und Wohnungen. Nach dem Börsen-Crash brach der Geldfluss abrupt ab, die Amerikaner benötigten nun die Mittel selbst.

Schlagartig wurde jedem im Deutschen Reich bewusst, dass es sich beim Boom der Goldenen Zwanziger bloß um eine "Dollarscheinblüte" gehandelt hatte, so ein geflügeltes Wort jener Jahre. An den Baustellen drehte sich keine Mischmaschine mehr, über die Hälfte aller Bauarbeiter verloren ihre Stelle.

Die Nachfrage nach Gütern aller Art sank dramatisch, die Umsätze sackten weg. Möbelhändler büßten zwischen 1929 und 1932 die Hälfte ihres Geschäfts ein, selbst nennenswerte Preisabschläge verführten die Verbraucher nicht zum Einkauf. Die Industrie drosselte darauf die Produktion und entließ weitere Arbeiter: in den Baubetrieben, bei der Reichsbahn, in den Zechen, bei den Stahlverarbeitern.

"Das abgeschlossene Geschäftsjahr gestaltete sich so schwierig wie noch keines seit Bestehen unserer Gesellschaft", hieß es im Bericht der Vereinigten Stahlwerke für 1930. "Scharfe Senkungen unserer Kosten und Lasten" seien notwendig, ansonsten würden "immer weitere Stilllegungen, schließlich auch der besten Betriebe", unvermeidlich. Die deutsche Wirtschaft war in einer Abwärtsspirale gefangen.

Täglich annoncierten die Zeitungen spaltenweise Termine für Zwangsversteigerungen. Die Bäcker verzierten Pfefferkuchen mit Sprüchen wie "Dieser Kuchen ist nicht groß, denn auch ich bin arbeitslos!" Die Caféhäuser sparten sich die Kapellen, die Musik kam nun aus dem Radio.

Der deutsche Reichskanzler Heinrich Brüning, der im Frühjahr 1930 ins Amt kam, verschlimmerte die Misere noch mit seiner restriktiven Geldpolitik. Sein Handlungsspielraum mag begrenzt gewesen sein und die traumatische Erfahrung der Hyperinflation von 1922/23 noch frisch im Gedächtnis, doch Brünings scharfer Sparkurs erstickte alle Chancen, die Konjunktur wiederzubeleben. Der Zentrumspolitiker war wie besessen von dem Gedanken, die Krise durch eisernes Sparen meistern zu können, die Volkswirtschaft gleichsam gesundzuschrumpfen. Eine amtliche Mitteilung vom 28. Oktober 1930 atmet diesen Geist; darin wird das Volk aufgefordert, "jedes Übermaß an Feiern und Vergnügungen" zu vermeiden. Kein Wunder, dass die deutsche Wirtschaft alsbald in der Depression versank.

Die gleichzeitige Kapitalflucht der Amerikaner brachte vor allem die deutschen Banken in Schwierigkeiten. Sie hatten riskanterweise langfristige Projekte mit kurzfristigen Krediten finanziert, und ihr ohnehin geringes Eigenkapital schmolz dahin. Als erstes Institut kollabierte im Frühjahr 1931 die österreichische Creditanstalt. Die Insolvenz erschütterte die Bankhäuser in ganz Europa - so wie im Herbst 2008 die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers auf die gesamte Finanzwelt ausstrahlte.

Banken vor der Pleite

Die Bankenkrise versetzte der Wirtschaft den nächsten schweren Schlag. Das Drama erreichte am Abend des 11. Mai 1931 einen ersten Höhepunkt, als Jakob Goldschmidt, Chef der Danat-Bank, bei einem Essen erfuhr, dass sein wichtigster Kunde, der Bremer Textilriese Nordwolle, die Bilanzen gefälscht hatte und hoffnungslos überschuldet war. "Die Nordwolle ist hin, die Danat-Bank ist hin, die Dresdner Bank ist hin, ich bin hin", rief er verzweifelt aus.

Mit der Einschätzung lag Goldschmidt nicht falsch. Alle Berliner Großbanken waren geschwächt, die Danat-Bank am Ende. Bald folgte ein Krisentreffen von Politikern und Bankern am Samstag und Sonntag, vom 11. auf den 12. Juli. Der hektische Aktionismus erinnert frappierend an die Wochenendzusammenkunft im Oktober 2008, als im Kanzleramt die Hypo Real Estate erstmals vor der Pleite gerettet werden musste.

Im großen Konferenzsaal der Reichskanzlei in der Wilhelmstraße 77 war die Atmosphäre äußerst gespannt. Die Bankdirektoren hätten sich gegenseitig "mit Vorwürfen über ihren finanziellen Stand und über ihre Geschäftsgebarung" überhäuft, erinnerte sich Hjalmar Schacht, Reichsbankpräsident von 1923 bis 1930 und von 1933 bis 1939.

Gegenüber der Politik aber verharmlosten die Bankiers den Ernst der Lage. Der Deutsche-Bank-Chef Oskar Wassermann versichert gar, die Lage der Großbanken sei "nicht schlechter als sonst irgendwo auf der Welt". Sie wollten die Danat-Schieflage als Sonderfall darstellen und behandelten Goldschmidt "wie einen Pestkranken", so Brüning in seinen Memoiren. Der Reichskanzler fragte, wie es denn um die Dresdner Bank bestellt sei: "Schon die Frage wurde als Beleidigung aufgefasst", erinnerte sich Brüning. Drei Tage später war auch sie reif für die Rettung.

Konzepte wurden ausgearbeitet und verworfen, Vorschläge erörtert und zerredet. Am Ende waren alle überreizt, erschöpft und ratlos, als sie um vier Uhr früh am Montag das Treffen auflösten. "Man sah die Dinge wie durch einen Nebel", so der Zeitzeuge Hans Priester. Entsprechend unklar fiel das Ergebnis aus: Die Danat-Bank wurde liquidiert, die Einlagen aber gesichert. Man glaubte tatsächlich, man könne die Turbulenzen auf die Danat-Bank begrenzen.

Wenige Stunden später brach Panik aus. Verunsicherte Anleger wollten die Institute stürmen. Die Reichsregierung verordnete darauf, die Schalter zwei Tage zu schließen, danach dauerte es noch drei Wochen, bis sie den Zahlungsverkehr wieder vollständig freigab.

Die Politik nutzte die Zeit, um ein Sanierungskonzept auszuarbeiten. So dilettantisch sie die Wochenendkrise gemanagt hatte, so gründlich arbeitete sie nun diesen langfristigen Plan aus. Was damals geschaffen wurde, existiert zum Teil noch heute.

Die heutige Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) beispielsweise leitet ihre Existenz davon ab, dass 1931 erstmals eine staatliche Aufsicht über alle deutschen Banken installiert wurde, die Grundprinzipien von damals gelten nach wie vor. Ein Reichskommissar für das Kreditwesen wurde installiert, wer ihm falsche Auskünfte erteilte, dem drohten eine Geldstrafe oder sogar Gefängnis.

Zudem eröffnete die Regierung den Banken mit der Gründung der Akzept- und Garantiebank eine neue Kreditquelle. Sie hatte den Zweck, dass sich die Banken leichter kurzfristig refinanzieren und so ihre Liquidität verbessern konnten.

Knapp eine Milliarde Reichsmark musste der Staat aufbringen, um die Bankbilanzen zu glätten, im Gegenzug übernahm die Reichsbank Aktienpakete: Sie war zu 30 Prozent an der Deutschen Bank beteiligt und zu 70 Prozent an der Commerz- und Privatbank. Die Dresdner Bank, die mit der Danat-Bank fusioniert war, kam sogar zu 91 Prozent in Staatsbesitz. Damit waren die deutschen Großbanken faktisch verstaatlicht, zumindest für einige Jahre: Bis 1936 waren die Institute wieder so solvent, dass sie die Anteile zurückkaufen konnten.

Am Ende waren zwei große Filialbanken zusammengebrochen, fast alle Vorstände hatten ihre Posten verloren. Doch die große Katastrophe konnte noch einmal abgewendet werden, das Vertrauen der Bürger in das Finanzsystem war wiederhergestellt.

Weniger glimpflich verlief die deutsche Bankenkrise für die Geschäftswelt. Die zögerliche Kreditvergabe machte vielen Unternehmen schwer zu schaffen. Klangvolle Namen wie Borsig, Flick oder auch Karstadt gerieten plötzlich in finanzielle Schwierigkeiten. Die Essener Warenhauskette war angeschlagen "und, wie es vielen schien, sogar hoffnungslos überschuldet", so der Historiker Lothar Gall. Damals endete die Ära von Karstadt als Familienunternehmen. Fortan hatten bis in die neunziger Jahre Banken das Sagen.

In den USA ging der 1932 gewählte Präsident Franklin Delano Roosevelt noch resoluter vor. Zwei Tage nach Amtsantritt verordnete er sogenannte Bank-Feiertage: Nur die stärksten Institute durften nach gut einer Woche wieder öffnen, viele wurden unter staatliche Kuratel gestellt. Rund 2500 Häuser mussten schließen.

Im Gedächtnis aber wird Roosevelt für den "New Deal" bleiben - jenes gewaltige Konjunkturpaket, das im krassen Gegensatz zum Sparkurs stand, den zuvor Brüning in Deutschland verfolgt hatte. "Es geht darum, den Ball ins Rollen zu bringen", empfahl der Ökonom Keynes am 31. Dezember 1933 in einem offenen Brief an Roosevelt. Diesen Rat hat der Präsident beherzigt.

Roosevelt ließ Straßen und Brücken, Schulen und Staudämme bauen, in der Spitze waren drei Millionen Menschen in öffentlichen Stellen beschäftigt. Arbeitslose Frauen bastelten Puppen, Musiker bauten Volksmusiksammlungen auf, Journalisten schrieben Reiseführer. Alles auf Rechnung des Staates.

Weg aus der Krise

Heute bezweifeln viele Historiker, dass es Roosevelts Konjunkturprogramm war, das Amerika aus der Krise gezogen hat. "Der 'New Deal' hat die Strukturprobleme der USA nach der Weltwirtschaftskrise nicht gelöst", meint der Frankfurter Historiker Werner Plumpe. Tatsächlich stieg gegen Ende der dreißiger Jahre die Arbeitslosigkeit in den USA wieder an, die Wirtschaft schrumpfte erneut. Erst mit der Aufrüstung zu Kriegsbeginn entspannte sich die ökonomische Lage.

Wichtiger als die Ökonomie war wohl die Psychologie des "New Deal": die starken Worte, die symbolhaften Taten, der griffige Slogan - das alles war dazu angetan, die Moral zu stärken.

Auch jetzt, in der schwersten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression, schnüren die Regierungen wieder milliardenschwere Pakete in der Hoffnung, die Konjunktur damit in Schwung zu bringen. Die Programme haben die Stimmung aufhellen können. Ob sie auch in der gewünschten Weise wirken, ist aber heute so fraglich wie damals.

Zumindest einige andere Konsequenzen hat die Politik freilich aus dem Debakel von 1929 gezogen.

Es wird mehr miteinander gesprochen und abgestimmt, auf internationalen Gipfeln, aber auch in Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank. Niemals würde heute ein Notenbankchef der USA, Japans oder in Europa eine marktbewegende Entscheidung treffen, ohne seine Kollegen zu informieren. Vor 80 Jahren herrschte tiefes Misstrauen zwischen Berlin, Paris, London und Washington.

Und zur kollektiven historischen Erfahrung gehört auch die Erkenntnis, dass eine globale Wirtschaftskrise die Gefahr in sich birgt, protektionistische Tendenzen zu verstärken. "Über jeder modernen Gesellschaft schwebt das Gespenst des Protektionismus", ist eine der Lebenserfahrungen des 94-jährigen US-Ökonomen Paul Samuelson: "Vielleicht sind unserer darwinistischen Wurzeln dafür verantwortlich: Im Dschungel überlebt man nur, wenn man Fremden gegenüber vorsichtig ist."

1930 erhöhten die Vereinigten Staaten die Zölle auf viele Importwaren massiv, mit entsprechend negativen Folgen für den US-Außenhandel. Großbritannien verabschiedete sich vom Goldstandard, wertete das Pfund ab, um seine Exportwirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen - und provozierte damit Revancheaktionen. Die Folge: Das Volumen des Welthandels verringerte sich von 1929 bis 1933 von drei auf eine Milliarde Dollar. Der Protektionismus trug maßgeblich dazu bei, dass sich aus der Rezession überhaupt erst eine globale Depression entwickelte.

Jetzt versuchen Staaten wieder, ihre Industrien vor ausländischer Konkurrenz zu schützen: mit Zöllen, Quoten oder Subventionen. Auch Konjunkturprogramme tragen den Keim des Protektionismus in sich, schließlich ist ihre Wirkung auf den heimischen Raum begrenzt. Ein Wettbewerb entbrennt, den keiner gewinnen kann.

Es lassen sich also eine Menge Ähnlichkeiten erkennen zwischen gestern und heute. Aus solchen Parallelen kann aber niemand ableiten, was morgen passieren wird.

Der erste Unterschied: Einst brach zunächst die Börse zusammen, dann erst folgte der realwirtschaftliche Abschwung und schließlich die Bankenkrise. Heute steht die Bankenkrise am Anfang, sie hat die weltweiten Turbulenzen ausgelöst.

Heute werden zudem die Opfer der Wirtschaftskrise vom Staat aufgefangen, in Westeuropa zumindest muss dank Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe niemand im Elend versinken. Die "automatischen Stabilisatoren", wie Ökonomen solche Hilfen nennen, entfalten ihre Wirkung. Sie verringern die Gefahr politischer Radikalisierung.

Was ebenfalls anders ist: Damals lebte man noch in der einfachen Welt der Wechsel. Heute bestimmen komplizierte Wetten das Finanzsystem, die eine ungeheure Hebelwirkung ausüben können: Mit überschaubarem Einsatz werden Milliarden bewegt - gewonnen und verloren. Und damals spuckte der Börsenticker die Kurse noch auf einem Papierstreifen aus, heute jagen die Nachrichten elektronisch in Echtzeit um die Welt.

Vor allem: Heute besitzen die Notenbanker das Wissen um die Abläufe, die 1929 das Geschehen bestimmten. Diese Erfahrung hat sie gelehrt, dass sie den Markt in solchen Stresssituationen mit Liquidität versorgen müssen.

Ben Bernanke, der US-Notenbankchef, hat die Zeit der Großen Depression so gründlich studiert wie kaum ein anderer. Es sei das Verdienst von US-Präsident Roosevelt gewesen, in dieser Situation "aggressiv und experimentierfreudig" vorgegangen zu sein, betont Bernanke. Und so steht er ihm darin in nichts nach. In den vergangenen Monaten hat Bernanke alle Register gezogen: die Zinsen gesenkt, die Banken gestützt, die Märkte mit Geld förmlich geflutet.

Hätte einst die Zentralbank dem Markt und den Unternehmen mehr Liquidität geboten, so Bernanke vor Jahren in einem Aufsatz, wäre "auf den Crash von 1929 wahrscheinlich nur eine mäßige Konjunkturdelle gefolgt".

Fraglich ist bloß, ob die vermutete Lösung für die Krise von 1929 auch das richtige Konzept für jene von 2009 darstellt. Und vollkommen unklar ist, ob die Welt das Gröbste schon überstanden hat, wie viele bereits hoffen. Oder ob es doch noch schlimmer kommt. Dass man nicht zu früh Entwarnung geben darf, ist vielleicht die wichtigste Lehre aus der Geschichte, wie Warren Buffett, einer der reichsten Amerikaner der Gegenwart, leidvoll erfahren musste. Ihm erging es ähnlich wie einst Rockefeller. Er investierte gut eine Woche nach der Lehman-Brothers-Pleite im September vorigen Jahres im großen Stil in die Investmentbank Goldman Sachs. Da fing die Krise gerade erst an.

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