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Kaiserin "Sisi": "Erwacht in einem Kerker"

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Habsburger-Monarchin "Sisi" Horror bei Hofe

Schicksalsleben einer Kaiserin: Jeder kennt die "Sissi"-Dramen - doch kaum jemand weiß um das wahre alptraumhafte Leben der Filmvorlage. Elisabeth hasste die Monarchie, litt ständig unter Schmerzen, ihr Sohn beging Selbstmord. Am Ende wurde sie, des Lebens längst müde, auf grausame Weise umgebracht.
Von Karen Andresen

Zuerst kamen die Militärs. Josef Graf Radetzky etwa und Alfred zu Windischgrätz. Dann folgten die Botschafter, die Gesandten, deren Ehefrauen, die ersten Oberhofmeister, die Kavaliere des Hofstaats. Die Gratulationscour in der Wiener Hofburg wollte und wollte kein Ende nehmen.

Verschüchtert nahm die Braut die Honneurs entgegen, eine 16-Jährige, fast noch ein Kind, soeben vermählt mit Franz Joseph I., von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen, von Venedig, Dalmatien, Kroatien, Galizien und anderen Ländern mehr im Habsburger Riesenreich.

Die vielen Fremden, die sie mehr oder weniger wohlwollend begutachteten, machten dem Mädchen Angst, und irgendwann war es um seine Fassung geschehen. In Panik flüchtete Sisi in ein Nebenzimmer und brach in Tränen aus. Im Audienzsaal tuschelten pikiert die Damen der feinen Wiener Gesellschaft.

So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. "Ich bin erwacht in einem Kerker, und Fesseln sind an meiner Hand", dichtete die junge Frau am 8. Mai 1854, zwei Wochen nach der Hochzeit. Bis zu ihrem Tod rebellierte sie gegen die strenge höfische Etikette: eine Kaiserin, die keine sein wollte und die doch nie eine andere Rolle für sich fand.

"Die Ehe", sagte sie einige Jahrzehnte nach ihrer Vermählung verbittert zu ihrer Tochter Marie Valerie, "ist eine widersinnige Einrichtung." Man werde "als Kind verkauft" und tue einen "Schwur, den man nicht versteht" und den man dann nie mehr lösen könne.

Dabei hatte alles ganz romantisch begonnen. Im August 1853, einige Tage vor seinem 23. Geburtstag, reiste Franz Joseph nach Bad Ischl, der kaiserlichen Sommerresidenz im Salzkammergut. Er sollte verlobt werden, mit Helene, der ältesten Tochter seiner Tante Ludovika, der Herzogin in Bayern.

Ausgesucht worden war die Braut von Erzherzogin Sophie, des Kaisers energischer Mutter, deren Willen sich Franz Joseph meist widerstandslos beugte.

Diesmal allerdings nicht. Zusammen mit Helene war auch deren drei Jahre jüngere Schwester Elisabeth in Ischl, und der Kaiser, ein gutaussehender Mann mit blonden Haaren und blauen Augen, verliebte sich sofort in das Mädchen, das alle zärtlich Sisi nannten.

"Nein, wie süß Sisi ist", schwärmte er seiner Mutter vor, und auch die Erzherzogin war überaus entzückt. Sisi sei "wie eine Rosenknospe", schrieb sie an ihre Schwester Marie, Sachsens Königin.

Die Verlobung mit Helene wurde abgeblasen, Sisi sollte an der Seite Franz Josephs Herrscherin werden. Sogleich begann der verliebte Kaiser, seine Angebetete mit Geschenken zu überhäufen. Smaragde! Diamanten! Die Braut allerdings freute sich am meisten über eine Schaukel, die ihr Zukünftiger im Garten der kaiserlichen Sommerresidenz für sie aufstellen ließ.

Ansonsten erwiderte das junge Mädchen die Zuneigung ihres sieben Jahre älteren Verlobten zwar, aber schon damals schüchterte sie die viele Aufmerksamkeit ein. Sisi redete kaum und weinte viel. Ihrer Gouvernante gestand sie: "Ich habe den Kaiser schon lieb! Wenn er nur kein Kaiser wäre!"

Nach den Maßstäben der Wiener Gesellschaft war die kleine Sisi keine gute Partie. Ihre Familie, ein Nebenzweig der Wittelsbacher (der legendäre bayerische König Ludwig II. war ein Vetter Elisabeths), hatte am Königshof in München keinerlei Funktionen. Sisis Vater, Herzog Max, war ein belesener Mann, der Gedichte schrieb und sich mit geistreichen, gern auch bürgerlichen Gesprächspartnern umgab. Höfisches Leben war ihm ein Graus.

"Sisi": Habsburger-Monarchin - Teil 2

Zu Hause in München und mehr noch in der Sommerresidenz in Possenhofen am Starnberger See lebte man fernab jedes aristokratischen Zwangs. Sie sei, als der Kaiser um ihre Tochter warb, geradezu "verbauert" gewesen, sagte später Mutter Ludovika über sich. Und auch Sisi glich damals mehr einem fröhlichen Landmädchen als einer wohlerzogenen adligen Tochter. Sie liebte die Tiere und die Natur, ihre Bildung und ihre Umgangsformen ließen aus Wiener Sicht sehr zu wünschen übrig.

Also galt es, die künftige Kaiserin so hinzubiegen, dass sie doch irgendwie hineinpasste in diese große Rolle, an die sie sich nie wirklich gewöhnen sollte. Sie musste österreichische Geschichte pauken, höfische Lebensart einüben und - nach einer strengen Ermahnung von Erzherzogin Sophie - lernen, ihre nicht ganz makellos weißen Zähne besser zu pflegen.

Dem Wiener Adel reichte das allerdings nicht. Bald schon echauffierte er sich in der Hauptstadt darüber, aus welch unstandesgemäßer "Bettelwirtschaft" die neue Regentin stammte.

Denn im Wien der Restauration galt nichts mehr als die Wahrung der Form, seit die Monarchie 1848 ins Wanken geraten war. Die demokratische Revolution war zwar niedergeschlagen worden, und wer von den Aufständischen überlebt hatte, war entweder in Haft oder ins Ausland geflohen. Seit dem 31. Dezember 1851 wurde Österreich wieder absolutistisch regiert, Parlament und Verfassung gab es nicht mehr. Doch in dem Vielvölkerstaat mit seinen 40 Millionen Einwohnern gärte es nach wie vor. Da sollten Protokoll und höfische Zeremonien den Abstand zum gemeinen Volk markieren und das Gottesgnadentum Franz Josephs prunkvoll unterstreichen.

Gralshüterin der althergebrachten Ordnung war vor allen anderen die Erzherzogin. Sophie galt als das eigentliche Machtzentrum in der Wiener Hofburg. Sie hatte dafür gesorgt, dass nicht ihr schwacher und ein wenig dümmlicher Ehemann Franz Carl 1848 neuer Kaiser wurde, sondern ihr über alles geliebter 18-jähriger Sohn.

Seither half sie ihrem "Franzi" beim Regieren. Kurzer Prozess mit den Revolutionären von 1848? Krieg auf der Krim? Das Verhältnis zu Preußen? Was immer den Wiener Hof in jenen Jahren umtrieb, Franz Joseph beriet sich mit seiner Mutter.

Da war es für die Erzherzogin ganz selbstverständlich, sich auch tatkräftig der Erziehung ihrer neuen Schwiegertochter zuzuwenden. Selbst am Morgen nach der Hochzeitsnacht erschien sie bei dem jungen Paar. Um zu "spionieren", wie Sisi später verbittert einer ihrer Hofdamen berichtete. Als die junge Kaiserin dann ihre ersten drei Kinder - die Töchter Sophie und Gisela sowie 1858 den Kronprinzen Rudolf - zur Welt brachte, bestand die resolute Frau darauf, dass die Kaiserkinder unter ihrer Aufsicht groß wurden.

Es war wahrscheinlich nicht einmal Bosheit, die sie antrieb. Sophie war ein typisches Geschöpf des Absolutismus; Gefühle zu zeigen war der an Selbstverleugnung und eiserne Disziplin gewöhnten, streng katholischen Frau ein Graus. Wie sollte sie da das Seelenleid ihrer jungen Nichte und Schwiegertochter verstehen, deren Verzweiflung über die stundenlangen Ankleideprozeduren vor jedem Auftritt, deren Zorn auf die blasierte Wiener Gesellschaft - ein Zorn, der sich mehr und mehr in Hass verwandelte. Hass auf Sophie. Und Hass auf Wien.

"Sisi": Habsburger-Monarchin - Teil 3

Die Österreicher aber setzten, knapp sechs Jahre nach dem vergeblichen demokratischen Aufbegehren in ihrem Land, große Hoffnungen in die neue Herrscherin. "Dir ist's vom Himmel bestimmt", hieß es in einer Festschrift an die junge Braut gerichtet, "zu krönen die Versöhnung zwischen Fürst und Volk."

Und zu versöhnen gab es in Franz Josephs heruntergewirtschaftetem Reich wahrlich viel. Technisch war das noch immer weitgehend agrarisch geprägte Österreich weit hinter andere westliche Staaten zurückgefallen. Ein riesiger Militärapparat verschlang Unsummen, das Land wurde von Finanzkrisen geschüttelt. Nach einer schweren Missernte 1853 hatten viele Menschen nicht einmal mehr genug zu essen. Und schließlich verlegte der Kaiser wegen des Krim-Kriegs zwischen Russland und dem Osmanischen Reich auch noch Soldaten an die russische Grenze, ohne zu wissen, wie er deren ohnehin schon erbärmlichen Sold bezahlen sollte.

Bei Hofe ging es derweil unverändert prunkvoll zu. Allein Sisis Toilettengarnitur, von Erzherzogin Sophie ausgewählt, war aus purem Gold. Die Apanage der jungen Kaiserin betrug jährlich 100.000 Gulden, eine Summe, die zu verdienen ein Arbeiter rund 500 Jahre gebraucht hätte.

Sisi machte sich nichts aus derlei Prachtentfaltung. Und sie kannte aus Bayern auch das Leben einfacher Leute - im Gegensatz zu ihrem Mann, der sich zwar hingebungsvoll dem Aktenstudium widmete, aber keine Ahnung hatte, wie seine Untertanen lebten. So hätte die junge Regentin vielleicht wirklich einiges dazu beitragen können, die tiefen Gräben im Habsburger Reich zu überbrücken - wenn man sie denn gelassen hätte.

Doch daran war in Wien nicht zu denken. Franz Joseph fühlte sich seiner geliebten Mutter viel zu sehr zu Dank verpflichtet, als dass er Sophie in die Schranken weisen und die Stellung seiner Frau aufwerten konnte. Und bei Hofe war die unprätentiöse Art der jungen Kaiserin bald schon Zielscheibe bösen Spotts.

Sisi will ihre Schuhe nicht, wie es die Tradition vorsieht, nach einmaligem Tragen verschenken? Die Kammerzofen rümpften entrüstet die Nasen. Sie interessiert sich nicht für die kostbare Garderobe? Welch eine Schande!

Um ihre Position zu verbessern, hätte Sisi kämpfen müssen, aber das entsprach nicht ihrem Naturell. Grüblerisch veranlagt, sensibel und überaus schüchtern, zog sie sich in den kommenden Jahrzehnten immer mehr in sich zurück. Sie dichtete, wanderte und widmete sich ihren Tieren, ihren Papageien und vor allem ihren Pferden. "Jetzt kann Mama auf dem Pferd schon durch zwei Reifen springen", schilderte Tochter Marie Valerie einem Onkel die zirkusreifen Reitkünste ihrer Mutter. In Wien waren sie darüber bestimmt nicht amüsiert.

Und auch mit ihrer zweiten Leidenschaft, dem Lesen, konnte die junge Frau am Hofe keinen Eindruck machen. Bildung war so ziemlich das Letzte, was dort zählte. Wien sei, spottete damals der amerikanische Gesandte John Motley "vielleicht die Stadt in der Welt, in der im Verhältnis zur Einwohnerzahl am wenigsten gelesen wird und am meisten getanzt".

Sisi dagegen studierte Schopenhauer, Goethes "Faust", die Dramen von Shakespeare. Sie lernte Alt- und Neugriechisch, schwärmte für Homer und für Heinrich Heine, dem sie auch mit eigenen Gedichten nachzueifern suchte.

Franz Joseph, von gutmütigem, pragmatischem, aber auch schlichtem Gemüt, konnte mit den intellektuellen Höhenflügen seiner Frau wenig anfangen. Shakespeares "Sommernachtstraum", Sisis Lieblingsstück, fand er "ungeheuer dumm". Zur Philosophie Schopenhauers fiel ihm ein, sie mache einen doch "nur konfus". So hatten die Eheleute einander immer weniger zu sagen.

Gelegenheit zum Reden gab es allerdings ohnehin nur noch selten, denn Sisi litt, kaum war sie in Wien, an Hustenanfällen, Fieberschüben und Weinkrämpfen. Die Ärzte diagnostizierten mal eine galoppierende Lungenschwindsucht, dann wieder eine Wassersucht, verordneten Ruhe und vor allem einen Klimawechsel. Mit der königlich-britischen Yacht "Victoria and Albert" ging es 1860 für knapp sechs Monate auf die Blumeninsel Madeira.

Im Jahr zuvor hatte Sisi noch einmal deutlich gespürt, dass Franz Joseph sie zwar als schöne Repräsentantin schätzte, nicht aber als Ratgeberin. Österreich hatte im April 1859 einen verheerenden Krieg gegen Piemont-Sardinien und Frankreich begonnen, den es bei Solferino dramatisch verlor. Franz Joseph selbst hatte die Truppen in das schreckliche Gemetzel geführt, das den Schweizer Henry Dunant zur Gründung des Roten Kreuzes bewegte.

Den Rat Sisis, doch möglichst schnell Frieden zu schließen, hatte der kaiserliche Oberbefehlshaber nicht befolgen wollen. Politische Beraterin war und blieb seine Mutter.

"Sisi": Habsburger-Monarchin - Teil 4

Es mag auch diese Erfahrung gewesen sein, die Sisi bewog, kaum war sie von ihrem Madeira-Aufenthalt zurückgekehrt, erneut aufzubrechen. Der Husten und all die anderen Leiden hatten sich in Wien gleich wieder eingestellt. Sie aß kaum und schlief schlecht. Die Sonne über der Insel Korfu im Ionischen Meer sollte nun Abhilfe schaffen.

Und tatsächlich besserte sich der Zustand der Kranken. Längere Besuche in Venedig, Bad Kissingen und Possenhofen folgten. Als Sisi nach mehr als einem Jahr schließlich nach Wien zurückkehrte, hatte sie sich verändert. Sie war schöner geworden und selbstbewusster. Bald schon hieß es, sie wäre die schönste Frau Europas. "Es ist unmöglich, sie nicht zu lieben", schwärmte die preußische Kronprinzessin Viktoria. Franz Xaver Winterhalter hielt den Liebreiz der 1,72 Meter großen und gertenschlanken Kaiserin in seinen berühmten Gemälden für die Nachwelt fest.

Dass ihre Schönheit auch Macht über andere bedeutete, war der inzwischen 28-jährigen Kaiserin wohl bewusst, und sie setzte diese Macht nun auch ein. Ultimativ verlangte sie von ihrem Mann, über das Schicksal ihrer Kinder fortan selbst zu bestimmen. Und über ihr eigenes auch. Franz Joseph, der seine Frau über alle Ehekrisen hinweg liebte, lenkte ein.

Von nun an war für Sisi die Schönheit ihr größtes Kapital, das es zu pflegen galt. Hatte sie früher schon wenig gegessen, so machte sie jetzt eine Hungerkur nach der anderen und vollführte, um sich fit zu halten, ausdauernde Turnübungen - für Frauen ihrer Generation ein Skandal. Sie wanderte viel und saß stundenlang vor dem Spiegel, um ihre Frisur richten zu lassen. Allein den berühmten Haarkranz zu flechten dauerte Stunden. Für die Haarwäsche ging sogar ein ganzer Tag drauf.

Und das war nicht der einzige Preis, den sie dafür bezahlte, dass ihr Ansehen auf ihrer Schönheit beruhte. Ständig den kritischen Blicken ihrer Umwelt ausgeliefert zu sein, die mit Argusaugen beobachtete, ob ihre Makellosigkeit noch Bestand hatte, war eine Tortur für die menschenscheue junge Frau. In der feinen Gesellschaft Wiens galt sie ohnehin nur als schönes Dummchen. Ihre Unterhaltung sei längst nicht so glänzend wie ihre Figur, mäkelte die Frau des belgischen Gesandten nach einem Termin bei der Kaiserin.

Dass sie so unterschätzt wurde, hatte sich die intelligente Sisi zum Teil auch selbst zuzuschreiben. Weil sie sich ihrer schlechten Zähne schämte, redete die Kaiserin in der Öffentlichkeit nur wenig. Und wenn sie doch etwas sagte, dann meist ohne die Lippen zu bewegen, so dass sie kaum zu verstehen war.

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Kaiserin "Sisi": "Erwacht in einem Kerker"

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Zu ihren Gesprächspartnern und Vertrauten wurden immer mehr ihre Hofdamen und Gesellschafter, die sie sich selbst aussuchte. Wer es allerdings in ihre Nähe schaffen wollte, musste vor allem gut zu Fuß sein und eine robuste Natur haben. Denn bei den ständigen Fastenkuren der Regentin konnten sich auch die Bediensteten oft nicht richtig satt essen und mussten zudem gewahr sein, mit knurrenden Mägen zu einem der von Sisi so geschätzten Gewaltmärsche aufbrechen zu müssen, auch nachts, damit die Kaiserin vor Gaffern sicher war.

Für besonderes Aufsehen sorgte in Wien Fanny Angerer. Die Friseurin der Kaiserin verdiente so viel wie ein Universitätsprofessor und stieg zu einer der engsten Vertrauten der Kaiserin auf.

Größer noch war der Einfluss von Ida Ferenczy, der "Vorleserin Ihrer Majestät". Ferenczy war Ungarin und repräsentierte so Sisis dritte große Leidenschaft neben dem Lesen und dem Reiten: Ungarn.

Schon in Possenhofen, als die kleine Elisabeth österreichische Geschichte büffeln musste, hatte ihr ungarischer Lehrer der künftigen Kaiserin die Habsburger Historie vor allem aus Perspektive der Magyaren nahegebracht. Erzherzogin Sophies massive Ablehnung alles Ungarischen befeuerte dann Sisis Hinwendung zu der in Wien ungeliebten und ständig unruhigen Provinz.

Sie lernte Ungarisch, und Ferenczy gelang es, die Kaiserin ganz für die ungarische Sache zu entflammen. Ungarn sollte, fand jetzt auch Sisi, im Habsburger Reich eine besondere Stellung bekommen. Sisi begann, Franz Joseph in langen Briefen zu bearbeiten. Und sie verfiel - wenn auch wohl nur ganz platonisch - Gyula Andrássy, dem ungarischen Nationalhelden, der während der Revolutionswirren 1849 noch gegen Franz Josephs Truppen gekämpft hatte und danach in Abwesenheit wegen Hochverrats zum Tode verurteilt worden war. Andrássy wurde zu einem wichtigen Vertrauten der Kaiserin, sie zu seinem willigen Werkzeug, um die ungarischen Belange in Wien voranzubringen.

Mit Erfolg. Im Februar 1867 trat die alte ungarische Verfassung wieder in Kraft. Am 8. Juni 1867 wurde Franz Joseph in Budapest unter großem Pomp gekrönt. Aus Österreich war eine Doppelmonarchie geworden, mit zwei Hauptstädten, Budapest und Wien.

Ob die von Sisi angestoßene Entwicklung gut war für das Land, darüber streiten Historiker. Ungarn wurde zwar befriedet, aber andere Teile des Habsburger Reiches fühlten sich zurückgesetzt. Die Böhmen etwa, die 1848 treu an der Seite des Kaisers in Wien gestanden hatten.

"Sisi": Habsburger-Monarchin - Teil 5

Der Ehe mit Franz Joseph tat Sisis Ungarn-Passion in jedem Fall gut. Man kam einander - wenn auch nur vorübergehend - wieder näher.

Im April 1868 wurde Marie Valerie geboren, Sisis jüngste und liebste Tochter. "Das ungarische Kind" nannten sie das kleine Mädchen in Wien, zur Welt kam es in Budapest, denn Sisi entfloh der Wiener "Kerkerburg" nun häufiger denn je. 1888 ließ sie sich in einer griechischen Hafentaverne einen Anker auf die Schulter tätowieren, für den Kaiser "eine furchtbare Überraschung".

Immer mehr verkroch sie sich in ihren Gedichten und spiritistischen Träumereien. Selbst dass ihr einziger Sohn, Kronprinz Rudolf, in größte Seelennöte geriet, bekam sie nicht mit.

Rudolf nahm sich im Januar 1889 das Leben. 51 Jahre alt war Sisi da, eine von Ischiasschmerzen gequälte depressive Frau. In der Öffentlichkeit zeigte sie sich kaum noch, und wenn, dann verbarg sie ihr faltiges Gesicht verschämt hinter Fächern und Schirmen. Franz Joseph, der über die vielen Jahre allein in der Wiener Hofburg ganz einsam geworden war, tröstete sich mit einer 23 Jahre jüngeren Schauspielerin - eine Liaison, die Sisi billigte und sogar tatkräftig unterstützte.

Als der italienische Anarchist Luigi Lucheni der Kaiserin im September 1898 vor dem Hotel Beau Rivage in Genf auflauerte und mit einer Feile ins Herz stach, tötete er eine zutiefst des Lebens überdrüssige Frau.

Zwei Jahrzehnte später endete die österreich-ungarische Monarchie. Sisi hätte ihr wohl keine Träne nachgeweint. Bei Hofe hatte sie ihre Umgebung gelegentlich mit dem Satz schockiert: "Ich hörte, dass die zweckmäßigste Regierungsform die Republik sei."

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