Schräge Geschichte Wie DDR-Systemkritik zum schlimmsten Flachwitz der Siebziger wurde

Hattu plump-schrille Gags? Häschenwitze brachten in den Siebzigerjahren viele Bundesbürger zum Wiehern – und andere um den letzten Nerv. Dabei hatten die immer gleichen Kalauer eine ziemlich ernste Vorgeschichte.
Foto: clairev / Panthermedia / IMAGO

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

In den Siebzigern eroberten Häschenwitze über ein nerviges Langohr mit Sprachfehler die Bundesrepublik Deutschland. So flach die Gags auch schienen, sie hatten einen politischen Ursprung: Denn zuerst sollen die Kalauer in der DDR entstanden sein – als Kritik an der Mangelwirtschaft des real existierenden Sozialismus.

Häschen kommt zum Apotheker: »Hattu Möhren?« Der sagt: »Nein, ich habe keine Möhren.« Am nächsten Tag kommt es wieder: »Hattu Möhren?« »Nein, ich habe wirklich keine Möhren!« Dem Apotheker wird es zu dumm, er hängt am nächsten Morgen ein Schild ins Fenster: »Heute keine Möhren.« Kommt Häschen zurück: »Hattu doch Möhren habt!«

Nun ja.

In den Siebzigerjahren eroberten mit den Häschenwitzen die wohl schlimmsten Flachwitze jener Zeiten die Bundesrepublik, noch eine Kleinigkeit platter als die völlig zu Recht gefürchteten Ostfriesenwitze. Von Schulhöfen, Stammtischrunden und den Witzseiten in Fernsehzeitschriften waren die meist gleich aufgebauten Kalauer bald nicht mehr wegzudenken.

Stets stellt das freche Häschen an öffentlichen Orten, etwa im Laden, beim Arzt, auf dem Amt, eine Frage, die mit »Hattu...?« beginnt. Doch das, was das Häschen möchte, gibt es dort meist nicht. Es fragt aber tagelang weiter, bis die Lage eskaliert.

Häschen kommt in die Kirche und fragt den Pfarrer: »Hattu Möhrchen?« Der Pfarrer: »Nein.« Am nächsten Tag kommt Häschen wieder: »Hattu Möhrchen?« »Nein, ich habe keine Möhren!« Am dritten Tag kommt Häschen wieder mit der gleichen Frage: »Hattu Möhrchen?« Der Pfarrer rastet aus, er packt das Häschen und nagelt es neben Jesus ans Kreuz. Fragt Häschen Jesus: »Hattu auch nach Möhrchen gefragt?«

So allgegenwärtig die Hasenkalauer in den Siebzigerjahren auch waren, nicht alle freuten sich darüber, schon gar nicht Deutschlands Komiker: Als das »Blödeste, was es je in Deutschland gegeben hat«, soll Rudi Carrell die Häschenwitze bezeichnet haben, so jedenfalls zitierte ihn 1977 im SPIEGEL der Satiriker Henning Venske. Sein Kollege Otto Waalkes habe den Witztrend als schlicht »entsetzlich«, Dieter Hallervorden ihn als »düsteres Kapitel deutschen Humorniveaus« bezeichnet.

So nervtötend aber Schenkelklopfer à la »Hattu Glühbirne?« »Ja.« »Muttu zum Doktor gehen, dann hattu Fieber!« auch waren – sie hatten einen ernsten Ursprung, der in der BRD allerdings kaum bekannt war. Der Häschenwitz sei in der DDR zum ersten Mal aufgetaucht, berichtete Venske: auf dem Festival des politischen Liedes,  dem größten Musikfestival der DDR, das er im Februar 1976 in Ost-Berlin besuchte.

Zwar sei der subversive Witz nicht direkt auf der Bühne vorgetragen worden, aber im Publikum umgegangen, so Venske. In Form der »Hattu«-Witze sei damals satirisch verarbeitet worden, dass man in der DDR allzu oft in Geschäfte kam, in denen das gesuchte Gut kaum zu bekommen war.

Häschen kommt in einen DDR-Plattenladen: »Hattu Biermann-Schallplatten?« »Nein.« Am nächsten Tag kommt Häschen wieder: »Hattu Biermann-Platten?« »Nein.« Als er am dritten Tag wiederkommt, wird der Ladenbesitzer gerade abgeführt. Darauf Häschen: »Hattu doch Biermann-Platten gehabt!«

Gisela Steineckert war lange Mentorin des Oktoberklubs, einer Gruppe, die das Festival des politischen Liedes organisierte; später war sie Präsidentin im Komitee für Unterhaltungskunst. Sie erinnerte sich 2017 im »SZ-Magazin« an die damals kursierenden Häschenwitze, etwa:

Häschen hat seine Eltern verloren und weint. Ein Volkspolizist tröstet es und schlägt eine Suchmeldung im Radio vor. Häschen sagt: »Muttu aber Rias sagen, sonst hört es keiner.«

Andere Zeitzeugen berichteten, dass derartige Witze sogar schon früher, nämlich 1973, umgegangen seien.

Dem Sprachwissenschaftler Richard Schrodt zufolge ergab sich die »eindeutig politische Dimension« des Häschenwitzes für DDR-Bürger aus den offenkundigen Bezügen zur sozialistischen Mangelwirtschaft: »Der Hase, der sich vorwiegend durch anspruchslose Nahrung ernährt, glossiert die institutionalisierten ›momentanen Versorgungsengpässe‹«, schrieb Schrodt 2004 in seinem Aufsatz »Strategien des uneigentlichen Sprechens: Ironie und Witz«.

Die Figur des Hasen eigne sich dafür besonders, da er als »schwach und unterlegen« gelte. In den Witzen aber trete er »in der Rolle des Unterdrückten auf, der seine Unterdrücker durchschaut«. Durch die Ironisierung des mangelhaften Systems stelle der Hase sich also über das System.

Neu, so erklärt Schrodt, sei das nicht gewesen im sozialistischen Humor, auch wenn es in Form der Häschenwitze besonders beliebt geworden sei. Doch auch vorher hatte man in völlig häschenfreien Witzen die Mangelzustände aufs Korn genommen:

Fragt eine Frau den Verkäufer: »Gibt’s hier keine Apfelsinen?« Sagt der: »Nein, Genossin, keine Apfelsinen gibt’s nebenan – wir haben keine Kartoffeln.«

Bald schon machten die Witze auch nach Westen rüber. Ihre Faszinationskraft beruhte dort auf anderen Faktoren, so Schrodt: Besonders Kindern hätten die Hasenprotagonisten hier ein Identifikationsangebot gemacht, denn die Langohren »nehmen eine unterlegene Rolle ein, sprechen Kindersprache, stellen penetrante Fragen nach immer dem Gleichen« und »wollen immer ... ihnen verwehrte Dinge haben«. Sie überlisten die Erwachsenen, um diese Dinge zu bekommen. Ihre politische Doppelbödigkeit hatten die Häschenwitze daher im Westen bald verloren.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ihrer Beliebtheit schadete das nicht, im Gegenteil: Zeitungen und Zeitschriften druckten sie ab, »Tagesschau«-Sprecher Jo Brauner las Häschenwitze auf Schallplatte vor, auch in der Werbung tauchten die Kalauer bald auf und wurden sogar in Liedern besungen.

Doch ihrer satirischen Dimension beraubt, wurden die allgegenwärtigen Häschenwitze zu ziemlichen Flachwitzen: »Hattu? Muttu!« – diese simple Grundkonstruktion steigerte zwar den Wiedererkennungswert der Karnickelkalauer, war aber zugleich auch der Grund für die Kurzlebigkeit der Häschenwitze.

Das stellte der Pädagoge Norbert Neumann in seiner Humorgeschichte »Vom Schwank zum Witz. Zum Wandel der Pointe seit dem 16. Jahrhundert« schon 1986 fest: »Man lachte eine Zeit lang wohl deshalb über sie, weil man die gelernte Form mit ihrer Kindersprache am Ende wiederentdeckte – eine Pointenstruktur, die sich in ihrer Wirkung meist schnell verbraucht.«

Häschen kommt in den Plattenladen: »Hattu Platten?« Sagt der Verkäufer: »Ja, klar!« Sagt Häschen: »Muttu aufpumpen!«

Am Ende verschwand der Häschenwitz wohl in der BRD wieder aus dem gleichen Grund, aus dem er zunächst so schnell bekannt geworden war – weil er so platt war.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.